KURZE LEDERHOSEN · MEINE EIGENEN STÜCKE

 

 

Alle Hosen sind in den letzten Jahren gründlich repariert worden 


Stofftaschen wurden durch Ledertaschen ersetzt, der Bund innen mit weichem Leder ausgepolstert. Defekte Reißverschlüsse und schadhafte Paspelierungen wurden ausgetauscht. Die Hosen werden ihren Besitzer überleben. Hans Christian Andersen sagt in einem Märchen: „Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder besteht.“ Nun mag für Stühle Schweinsleder angemessen sein. Ein Experte versicherte mir, daß Schweinehäute für Bekleidung, da zu steif, nicht verwendet würden. Anzunehmen ist, daß alle meine Lederhosen aus Rindshaut gefertigt sind.

 

 

Grau · Bund 80 cm · Gekauft 1962

bei Horstmann & Sander in Hannover

Hersteller unbekannt · Herstellungsjahr ca. 1960 

 

Diese Lederhose ist das typische Pfadfindermodell, über den Taschen verziert mit germanischem Eichenlaub. Die Messertasche (rechts) hat keine Spur hinterlassen. Sie wurde nach ein paar Tagen in einem Anfall von jugendlichem Pazifismus abmontiert.

 

Grün – gelb - grau · Bund 82 cm · 1968 einem Freund abgekauft

Hersteller: Franz Werner, Osterwieck am Harz (DDR), ca. 1965

 

Meine Lieblingshose für drinnen und draußen. In ihr ist viel Platz. Das weiche Leder reicht über den Bund und schützt die Taille vor Zugluft. Sie hat Frankreich und Spanien gesehen, nahezu unerkannt. Wenn jemand nicht weiß, was eine deutsche Lederhose ist, wird er sie kaum von anderen Hosen unterscheiden können.

Grün – Glattleder · Bund (verstellbar) 76 bis 84 cm

Marke BERGFREUND

Von einem Schulkameraden, der kurze Hosen nicht mochte

Dachbodenfund – Mitte der sechziger Jahre

 

Meine älteste Hose, die aufgrund der Patentangabe des Deutschen Reiches (DRGM) bezüglich des Bundverstell-Mechanismus frühestens 1945, wahrscheinlich aber in den Dreißigern hergestellt worden war. Die Hose hatte kaum Gebrauchsspuren, als ich sie bekam, und hat auch heute kaum welche, da ich sie selten trug. Egal, welches Alter in dem Stück Leder steckt – im urbanen Leben sieht es etwas seltsam aus. Das äußerst weiche, bequeme Höschen paßt in dunkle Wälder oder in helle Mondnächte.

Dunkelgrau · Bund 78 cm

Gekauft 1966 bei Horstmann & Sander in Hannover

Hersteller unbekannt · Produziert: Anfang 60er Jahre

 

Meine Lieblingshose für zuhause. Verhält sich beim Meditieren wie eine schweigsame Freundin. Weich und eng. Niemandem würde ich erlauben, sie anzuprobieren. Lederhosen sind schnell beleidigt wie Katzen. Es könnte passieren, daß die Reißverschlüsse in einem delikaten Moment klemmen.

Gelbbraun · Bund 78 cm · Gekauft in der DDR 1965

Hersteller: Franz Werner, Osterwieck am Harz (DDR)

Produziert: Anfang 60er Jahre

 

Stabiles Kleidungsstück für Feld und Wald. Zuverlässiger Begleiter in Wind und Regen. Liebt lange Sitzungen an Bäumen. Vorsicht mit der tiefen engen Messertasche! Sollte ein Handschellenschlüssel dort hineinrutschen, ist man geliefert.

Schwarzes Glattleder · Bund 74 · Auf 80 cm erweitert ·

Gekauft in der DDR 1966

Hersteller: unbekannt

Produziert: Anfang 60er Jahre

 

Zu Verwandtenbesuch in der DDR war ich westdeutsch vorwitzig in Blue Jeans angereist, die in den sozialistischen Ländern noch als klassenfeindlich verfemt waren. Mein Cousin stolzierte in einer schwarzen Glattlederhose herum, die in der BRD eher als Luxusmodell galt. Wir Jungs hätten unsere Hosen wohl gern getauscht, doch die Eltern waren dagegen. So kaufte ich mit meinen obligatorisch eingetauschten Ostmark ein fabrikneues Stück, das erstaunlich billig war. Allerdings hatte ich zu klein gewählt und schämte mich dann, die auffällige, knallenge Lederhose anzuziehen. Erst als Großmutters alte Singer wieder instandgesetzt war, konnte ich meine Luxus-Shorts um fehlende Zentimeter erweitern. Was den Flanken einen individuellen Touch verleiht. Wie auch immer, was in den 1960ern bei Jugendlichen normal aussah, war schon 1970 nicht mehr «comme il faut» und verbietet sich heute erst recht: Hochglänzende Ledershorts passen nicht in die Öffentlichkeit, hingegen bestens zu narzißtischer Selbstbetrachtung während meditativer Sitzungen.

Hellgrau · Bund 80 cm · Erhalten 1968

von den Eltern eines frühverstorbenen Schulkameraden

Hersteller: Trachtenzentrum Naumburg / Saale (DDR)

Produziert: vermutlich Anfang 60er Jahre

 

Walter und ich schrieben die besten Aufsätze. Mal war er Nummer eins, mal ich. Niemand aus der Klasse konnte uns das Wasser reichen. Wegen einer Lungenkrankheit war er vom Sport befreit, ich wegen meiner verkrümmten Wirbelsäule. Befreundet, obwohl es nahegelegen hätte, waren wir nicht. So weiß ich wenig über ihn. Er war ein Adoptivkind, ein unerreichbar liebenswürdiger und frühvollendeter Junge. Die Götter müssen ihn recht geliebt haben, um ihn mitten aus der Adoleszenz auf den Parnaß zu berufen. Außer seiner Lederhose ist mir von ihm nichts geblieben.

Dunkelgrünes Glattleder · Bund 78 cm · eBay-Kauf von 2008

Hersteller: unbekannt

Fabrikationsdatum: unbekannt

 

Ein spätes Gleichziehen mit jenen zwei oder drei Klassenkameraden, die Ende der fünfziger Jahre frühen Wohlstand in einer dunkelgrünen Hose zur Schau trugen. Innenseite und Beinumschlag des Spaltleders waren angerauht, die Außenseite glatt. Meist waren die Taschen dieser Hosen ebenfalls aus Leder und damit den Stofftaschen ihrer mausgrauen Kollegen hinsichtlich Festigkeit weit überlegen. Jungenfäuste stecken in solchen Ledertaschen bereit zum Angriff wie in Boxhandschuhen. Die tadellos saubere, kaum getragene Hose in weichem Leder ersteigerte ich um knapp 30 €, obwohl Lederhosen dieser Qualität locker das Drei- bis Vierfache erzielen können.

Gelbgrau · Bund 74 cm · Erweitert auf 78 cm

1967 auf einem Flohmarkt in Uelzen erkungelt

Hersteller: Produktionsgenossenschaft

des Bekleidungshandwerks Jüterbog / Brandenburg (DDR)

Fabrikationsdatum: vermutlich späte 50er Jahre

 

Diese typische Alltags-Lederhose war schon oft getragen worden, als ich sie für einen Pappenstiel erkungelte. Sie führte ein ungestörtes beschauliches Dasein im Stapel meiner anderen Lederhosen, bis ich sie vor einigen Jahren neu entdeckte. Dem künftigen Star wurden lederne Taschen und neue Bänder an Bein und Rücken verordnet. Schadhafte Nähte wurden repariert und kleine braune Flicken an stark beanspruchten Stellen aufgesetzt. Zwei Knöpfe je vorn und hinten für Hosenträger sind ein individuelles Element. Die enge Lederhose macht auch schlanken Menschen bewußt, wie Leder sich am Körper anfühlt. Das Fotomodell liebt nach geschäftigen Drehtagen lange Phasen des Müßiggangs.

Dunkelgrün · knielang · Bund 72 cm · Erweitert auf 78 cm ·

eBay-Kauf von 2008

Hersteller: Haelson®

Fabrikationsdatum: frühe 60er Jahre

 

Dieses eBay-Schnäppchen (20 € brachte die Versteigerung) erforderte eine größere Überholung: die Hose erweitern und verlängern, zwei Löcher patchen, den Reißverschluß austauschen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zugrunde liegt auch hier spätes Gleichziehen. In meinem schwierigsten Alter mußte ich zwei Jahre lang in Ulm, Schwaben, die Schule besuchen. Meine norddeutsche Sprache stieß auf Ablehnung. Doch ein Kamerad hatte mich gern. Er lud mich übers Wochenende aufs Land ein. In der Schule wurde der kräftige Junge mein Leibwächter. Dafür brachte ich ihn in Deutsch auf Zack und ersparte ihm das Sitzenbleiben. Fast das ganze Jahr über trug er Kniebundhosen aus dickem schwarzem Spaltleder, rote Kniestrümpfe und schwarze Schuhe mit seitlicher Schnürung. Thomas war stets freundlich und rotwangig wie ein reifer Apfel. Es ist ungewöhnlich zwischen Jungs dieses Alters, aber ich glaube nicht, daß wir uns je gestritten hatten. Später verloren wir uns aus den Augen und sind uns nie wieder begegnet.