Die Ballade der Freunde
Lederbengel Tom & Handschellen Jig

 

 

 

                         

 

                Gewidmet meiner lieben Sabine                     

 

                Ohne sie wäre dieses Buch nicht entstanden

 

                [spanisch] llama = die Flamme, die Leidenschaft

 

 

 

1

 

     „Was? Mitten in der Woche?“ Der Chefin war es nicht recht. Jig wollte an ei­nem Donnerstag frei haben.

     „Ich hole es am Sonntag nach. Montag früh ist die Arbeit fertig. So oder so.“

     „Jig, Sie wissen, daß Ihnen Urlaub erst nach einem halben Jahr zusteht!?“

     „Ich will keinen Urlaub, Señora. Nur einen Arbeits­tag tauschen. Die Materie ist neu für mich. Sonntags ist kein Kundenverkehr. Da habe ich viel mehr Ruhe zum Arbeiten.“

     Am Wochenende, malte Jig sich aus, hätte er in den Bergen null Ruhe vor zahllosen Familien, die mit Kind und Kegel überallhin ausschwärmten.

     Selma besaß den Zuschnitt einer Walküre und das markante Gesicht eines Filmstars der dreißiger Jahre. Mit Jig hatte sie sich auf Anhieb gut verstanden. Er schätzte ihre lässige Art. Sie schätzte seine norddeutsche Anständigkeit und sein kindliches Erstaunen über alles Unbekannte in dem für ihn unbegreiflich fremden Land. Natürlich bekam er frei.

 

     Mittwoch nahm er in Madrid-Atocha den letzten Zug nach Robledo. Aß mäßig und trank weniger Wein als gewöhnlich. Schlief in der Fonda nahe des Bahnhofs.

     Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es in die Wälder. Bald begegnete ihm niemand mehr. Zeit, sich einzustimmen. Er zog die spanischen Handschellen mit dem ei­genwilligen Namen Llama aus der Hosentasche. Silbrig schimmerten und blitzten sie im Sonnenlicht. Erregt schnaufend drückte er die Bügel auf, nahm die Arme hinter den Rücken und legte sich die Fesseln an. Sie waren kleiner geformt als Toms Bundeswehr­mo­dell und umspannten die Handgelenke hauteng, als wären sie nach Maß angefertigt. Die zusammen­geketteten Hän­de über Po und Hüften schieben und über die Beine nach vorn zu bringen, hatte er vergeblich versucht. Ellbogen und Schultern protestierten dabei mit stechendem Schmerz. Aber sich zu befreien, auch mit den Händen hinten, dauerte nur Sekunden. Das hatte er wie ein Entfesselungskünstler trainiert. Je ein Schlüssel steckte dafür in den Gesäßtaschen seiner Levi’s Jeans.

     Wohlan, Freak, bergaufwärts! Vor der senkrecht stehenden Junisonne schützten ihn das langärmelige Hemd und ein Strohhut. Es war ein herrlicher Tag. Blendend weiße Haufenwolken winkten ihm einladend zu.

     Er konnte zwischen Pinien und Steineichen wählen, Bäumen mit rissiger Rinde. German Boy, im Ni­belun­genstil auf Ursprüngliches aus, wählt die Verwandte der deutschen Eiche. Plumpst hin. Löst die Handschellen. Schöpft Atem nach dem steilen Aufstieg. Geht das Vorhaben nochmals durch. Steht wieder auf. Mustert den Boden. Zwischen Gras und Kräutern keine Ameisen und keine in der Nähe. Nichts krabbelt den Baum hinauf.

     „Also los! Setz dich nie­der, Jiggy! Solange du es aus­hältst! Arme nach hinten! Um den dicken Stamm herum. Ist genügend Spielraum? Ja. Kommst du an die Schlösser ran? Locker. In jedem steckt der Schlüssel. Bist abgesichert. Nichts Schräges zu erwarten. Kannst gelassen die Patschen abliefern. Zuerst die linke Hand...“ Ratsch!

     „He, was zögerst du?“ fragte die andere Schelle. „Ist kein Mut übrig für die Rechte?“

     „Mut ja. Aber kann man euch trauen? Geht ihr erst heute abend wieder auf?“

     „Quatsch! Dem Schlüssel gehorchen wir aufs Wort. Gehört zu unseren Pflichten. So wie dich auf Nummer sicher einzusperren. Sobald Einsperren angesagt ist. Für welche Zeitspanne auch immer.“

     Ratsch...! Jig schloß die Augen. Was es doch jedes­mal für ein sonderbar brennendes Gefühl war, so unverrückbar dazusitzen! Schon als Kind hatte er es irgendwie gern gehabt. In süßsauer. „Mußt dich wehren!“ sagten die Kameraden. Wenn er es reglos zugelassen hatte, daß jemand ihn nach allen Regeln der Kunst an einen Baum band. „Ein waschechter Junge wehrt sich“, wurde er be­lehrt. „Läßt sich nicht fesseln. Schlägt um sich, daß die Fetzen fliegen. Bist jetzt vollkommen hilflos. Denk gründlich drüber nach! Hast satt Zeit dafür. Liegt nämlich ganz bei uns, ob du heute noch losgemacht wirst.“

     Hier in der Sierra de Ávila war er nicht hilflos und mußte nicht erst austüfteln, wie er wieder freikam. Die Sitzung konnte er be­enden, wann er wollte. „Nun streck auch die Beine lang aus, Jiggy!“ wisperten seine Wächter. „Entspann dich! Genieß es! Du darfst träumen.“

     „Okay“, willigte er ein. „Warum nicht am hellen Tag träumen, Jiggy? Nichts spricht dagegen, die Dinger noch enger zu stellen.“ Klick, klick. „Mann, ist das edel! Die Arme fast unbeweglich um den Baumstamm geschlungen. Fühlt sich super an. Wie in alten Zeiten mit Tom...“

 

2

 

     Im Alter von dreizehn Jahren hatte Jig einen Jungen aus seiner Klasse förmlich angebetet. Wie er war er ein Einzel­gänger und verabscheute lärmendes Tun in der Gruppe. Jigs mündliches Freundschaftsbegehren wurde wortlos mit spöttischem Lächeln beantwortet. Es wirkte wie die kalte Dusche der Ablehnung.

     Zwei Tage später bekamen nur die beiden für ein schwieriges Diktat die Note Eins. Tom schob Jig im Vorübergehen einen Zettel zu. „Falls du genügend Mumm hast, Elge, sei um drei am Hexenteich.“

     Verblüfft starrte Jig ihm nach. Mumm für was? Tom rempelte gerade einen anderen Jungen ruppig zur Seite. Nur weil er ihm im Weg stand. Mumm, um verprügelt zu werden?

     Der Hexenteich lag oberhalb der Stadt im Bergwald. Im Mittelalter hatte man dort Steine gebrochen. Dadurch war ein tiefer Teich entstanden. Zum Schwimmen nicht ohne Tücken. Schlingpflanzen lauerten im Wasser. Es hieß, ein nacktes Mädchen mit Fischschwanz lebe darin, klammere sich bevorzugt an Jungenfüße. Geschähe das, werde man in die Tiefe gezogen und müsse unweigerlich ertrinken. Im zwanzigsten Jahrhundert hatte noch niemand die Wassernymphe gesehen. Nicht einmal in Vollmondnächten. Wenn sie nach alter Überlieferung den Teich verließ, im Wald lustwandelte, nach Liebespaaren Ausschau hielt, die sie, auf ihrer Flöte spielend, in ihren feuchten Palast einlud.

     Tom wartete schon. Als sie sich die Hand gaben, verdrehte er Jig flugs den Arm, warf ihn zu Boden und nahm rittlings auf ihm Platz. „Kleiner, zweifellos hast du Mumm. Hast du auch davon gehört, was ich mit Gefangenen anstelle?“

     Jig nickte stumm. Ohne ein blau geschlagenes Auge kam keiner davon, der sich mit Tom anlegte. Ein blaues Auge konnte er verschmerzen, würde auf diese Weise seinen Klassenkameraden kundgetan, daß er furchtlos einen Stärkeren herausgefordert hatte.

     „Ha, Elge, da wird dir mulmig, wie? Erklär mir mal, was du dir unter Freundschaft vorstellst!“

     „Äh – ich weiß es nicht.“ Jig fragte sich, ob Freundschaft sein Los ändern könnte. Toms Knie drückten seine Oberarme in den weichen Waldboden. Unbehaglich betrachtete er die kräftigen Schenkel, die aus einer kurzen Lederhose ragten. Von Tom wußte man, daß er Handschellen besaß. Echte zum Festnehmen, wie sie in Fox’ Tönender Wochenschau im Kino zu sehen waren. Gleich würde er sie aus der Tasche ziehen und ihm anle­gen. Um ihn für die nasse Folter vorzubereiten. Tom würde ihn wieder und wieder mit dem Kopf unter Wasser halten, bis ihm vor Atemnot schwindlig wurde.

     „Ach, Elge, das weißt du gar nicht!?“ Belustigt kassierte Tom Jigs furchtsame Blicke. „Dann fangen wir’s doch anders an. Schätze mal, du magst mich. Traust dich bloß nicht, es laut zu sagen.“

     Jenseits blau geschlagener Augen mochte jeder Tom. Er war von oben bis unten hübsch anzusehen. Hat­te mächtig Kraft. Dieses As im Sport verkörperte, wie man sich in den fünfziger Jahren einen echten deutschen Jungen vorstellte. Überdies war er ritterlich. Er hörte stets zu, ohne einen zu unterbrechen.

     „Ähm – klar mag ich dich. Sonst wär’ ich ja nicht ge­kommen.“

     „Und jetzt bist du hier. Ich hab’ dich ganz in meiner Gewalt. Ist dir das klar?“

     „Hast du nicht. Mein Geist ist frei. Wie das Rotkehlchen dort im Haselbusch.“ Jig gelang es, die Hand so weit zu heben, um auf den Vogel zu deuten.

      „Pah, was nützt dir dein freier Geist, wenn du mir unterworfen bist.“ Überraschend löste Tom die Knie von Jigs gepeinigten Armen und verschränkte die eigenen. „Kann mir ja denken, was du eigentlich von mir willst. Seit längerer Zeit. Ich soll dich vor denen schützen, die dich ständig hänseln.“

     Jig fühlte sich durchschaut. Ihm saß ein Kloß in der Kehle. Nur nicht heu­len. Dann wäre alles versaut. Auf ewig und drei Tage.

      „Jiggy...“ Überraschend nannte Tom ihn nicht beim Fa­mi­liennamen. Was unter Schuljungen üblich war, die sich nicht näher kannten. Er benutzte sogar die Verkleinerungsform des Vornamens. „Was bietest du mir?“

      Jig schluckte. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Man kam voran. „Phantasie“, rief er kühn.

      „Phan-ta-sie...“ Tom legte den Kopf in den Nacken und musterte den wolkenlosen Himmel. „Tja, könnte interessant werden. Du bist ja in Deutsch noch besser als ich. Bin fast neidisch drauf.“ Er ließ vollends von Jig ab, stand auf und zog ihn hoch. „Aber nicht nur Geist zählt. Eine kleine Probe körperlicher Art solltest du schon bestehen. Um herauszufinden, ob wir auch über gutgeschriebene Aufsätze hinaus zueinander passen. Mir kann einer seine Zuneigung beweisen, indem er sich von mir wehrlos machen läßt.“

     Jig erwog, sich loszureißen und zu flüchten, solange er noch konnte. Bevor die Eisen zuschnappten. Dann sah er seine nackten Füße und Toms Turnschuhe. Er biß sich auf die Lippen. Es richtete sich nun gegen ihn, im Wald gern barfuß zu laufen. Tom würde ihn auf festen Sohlen nach wenigen Me­tern einholen. Gewißlich bestrafte er Flucht mit strengstem Einkerkern.

 

     Raufen und Fesseln – ein kleiner, aber bedeutungsvoller Teil seiner schönen Kindheit. Jeden Tag draußen spielen. In den Hofwiesen des Fürsten. An dessen Fischteichen. Doch am liebsten im Wald. Im Som­mer wie im Winter. Seit dem Studium mußte er die ganze Woche in muffigen Räumen hocken. Den freien Nachmittag verschlang das notwendige Drumherum. Zum Glück kümmerte sich sei­ne Wirtin um das Zimmer und die Kleidung. So konnte er sonntags ins Grüne fahren. Per Bahn in überfüllten Waggons. Wie die meisten Madrileños be­saß er kein eigenes Fahrzeug.

     Plötzlich zuckte sein rechter Arm gewaltig wie unter einem Stromschlag. Irgend etwas hatte ihn gestochen. Heftiger Schmerz fuhr bis in die Hand. Hinsehen konnte er nicht. Eine Hornisse? Ein giftiger Tausendfüßler? Er kontrollierte ratlos die aneinandergeketteten Ar­me. In der rechten Hand prickelte es, Vorbote von Taubheit.

     Mit der Linken tastete er nach dem Schlüssel in der rechten Schelle. Er war weg. Rausgefallen! An das linke Schloß käme er mit den Fingern seiner Linken trotz aller Gelen­kig­keit nicht heran. Zumal der Schlüssel auf der dem Körper zugewandten Seite steckte.

     Nur keine Panik. Ruhig Blut beweisen! Der herausgerutschte Schlüssel mußte unter der rechten Hand am Boden liegen. Sogleich würde er ihn finden. Vorsichtig tastete er den Waldboden ab. Alles Mögliche befühlte er. Kleine Aststückchen, trockene Blätter, verschrumpelte Eicheln. Schlüssel war keiner da. Teufel auch! Ihm schwante, der konnte weggeschleudert worden sein. Bei­de Arme hatte es durch den Schmerz verrissen. Wie bei einem Hampelmann an Bindfäden. Verdattert rückte er sich zurecht. Überschlug die verbliebenen Chancen zur Befreiung. Ohne den rechten Arm lief gar nichts. Der war mittlerweile gefühllos.

     Die Ausbruchsicherheit von Handschellen schätzte Jig realistisch ein. Daran zu zerren war unsinnig. Dem Nibelungen-Boy dämmerte, er habe das Schicksal in sei­ner Blauäugigkeit herausgefordert. Dämonen hielten ihn in ihren Klauen. Auf diese Weise gelähmt hatten sie ihn schon einmal. Im Mittelmeer vor Alicante. In unruhiger See war er zu weit rausgeschwommen. Draußen ein Biß in die Kniekehle, wahrscheinlich von einer Seespinne. War mühselig gewesen, im biestigen Wellen­gang zurückzugelangen. Völlig ausgepumpt hatte er her­nach im warmen Sand gelegen. Erst nach einem Tag war das Knie wieder schmerzfrei gewesen.

     Er konnte nur warten. Bis im tauben Arm das Gift ausgespült war und die Beweglichkeit wieder erwachte. Falls nicht mehr Viecher über ihn herfielen. Um zu demonstrieren, wer die Befehlshaber im Steineichen­wald waren. Lieber nicht daran denken, daß auch der an­dere Schlüssel einen Weitsprung probiert hatte. Dann mußte er um Hilfe rufen. Wer würde ihn hören? Er glaubte sich an die fünf Kilometer von Robledo entfernt. Ausflügler würden frühestens Samstag durch die Berge streifen. In achtundvierzig Stunden also. Bestenfalls in fünfundvierzig. Welch gräßliche Vorstellung!

     Wie würde sein bester Jugendfreund mit so einer Si­tuation klarkommen? Mit Handschellen hatte Tom sich frühzeitig ausgekannt. Durch seinen Patenonkel, einen Feldjäger der Bundeswehr. „Wenn du mal welche probieren willst – Onkel Paul borgt sie mir. Am Wochenende. Kannst zu uns kommen. Erst lesen wir uns aus unseren Werken vor. Wer in den Dingern schläft, würfeln wir aus. Der andere verwahrt den Schlüssel.“

     Jig schmunzelte. Es hatte sich gelohnt, an dem denk­würdigen Nachmittag Mumm bewiesen zu haben. Tom und er waren aus dem gleichen Holz geschnitzt.

 

     „Ich muß mich strecken lassen? Äh, ich weiß nicht.“ Unwillkürlich trat Jig einen Schritt zurück. Obwohl es kein Zurück gab. In gewisser Weise war er furchtlos und abgehärtet gegenüber Stärkeren. Sie konnten ohnehin mit ihm treiben, was sie wollten. Auf der unbewegten Oberfläche des Hexenteichs liefen langbeinige Schnaken Schlittschuh. „Wenn du mich ins Wasser stoßen willst, wie damals die Hexen reingestoßen wurden – dafür brauchst du mich nicht in Ketten zu legen.“

     „Keine Angst, mein Kleiner. Hab’ nichts Übles mit dir vor. Und müssen tust du gar nichts. Kannst wieder abschieben. Oder du folgst mir. Ganz nach Lust und Laune. Wir gehen rauf in den Wald.“

     Heiß und kalt durchrieselte es Jig. Das Abenteuer war erst halb fertig. Mein Kleiner glich allerdings einer Beleidigung. Nur weil der Bursche ein halbes Jahr älter war? Achselzuckend folgte er Tom. Der ging mit großen Schritten und drehte sich nicht um. Das beruhigte Jig. Er konnte zurückbleiben. Einen Haken schlagen. Sich verstecken. Das Waldstück kannte er wie seine Hosentasche. Tom würde ihn nicht finden.

     Bald verließ der den schmalen Pfad und bahnte sich einen Weg durchs Gestrüpp. In einem Areal mit dichtem Unterholz blieb er stehen und sah sich nach Jig um. Er zog ein Schnurknäuel aus der Tasche und entwirrte es. „Entscheide dich!“ rief er. „Du läßt dich fesseln. Oder du schwirrst ab. Gefällt dir der Lederriemen? Der gehört dir! Kannst ihn gleich haben. Und damit nach Hause gehen. Mumm hast du ja bereits bewiesen.“ Erwartungsvoll lächelte er. „Na –?“

     Begehrlich starrte Jig auf die Lederkordel. Wer hatte denn so was? Toms Vater war Kürschner. Das Handwerk ernährte die Familie. Die Schnur wurde zum Zünglein an der Waage. Jig wollte sie haben. Und sie auf der Stelle ausprobieren. Mit Tom. Wie der ihn doch nett anschaute! Einwilligend streckte er ihm die Hände hin.

     Tom strich sich durchs Haar. Er musterte Jigs Arme. „Die Buche da wird für dich passen. Der Baumstamm ist glatt wie ein Marterpfahl. Stehen mußt du aber nicht. Darfst bequem sitzen.“

     Marter und bequem summierten sich tröstlich zu einer Null. Inzwischen war Jig alles gleich. Er hatte Erfahrung mit Gefangenschaft an Bäumen. Hier lief es genauso. Nur daß Tom geschickter vorging als andere Jungen. Im Nu hatte er Jigs Hände hinter dem Stamm über­ein­ander­gelegt und verschnürt. Dann kniete er vor ihm und schob die Beine zum Schneidersitz zurecht. Mit dem Gürtel, den er aus dem Bund seiner Lederhose zog, schnallte er Jigs Füße über Kreuz zusammen.

    „Wozu denn das? Kann doch sowieso nicht weglaufen!“ Jig wurde es etwas bänglich zumute. Gehörten etwa ein paar schallende Ohrfeigen zum Aufnahmeritual gegenseitiger Verbundenheit?

     Tom lachte. „Nee! Abhauen ist vorbei. Kannst dich gar nicht mehr rühren! Könnt’ jetzt alles mit dir anstellen. Paßt gut zu dir, Jig Elge, wie du wehrlos dasitzt.“

     „Wie meinst du das?“

     „Wie ich das meine? Ich hatte Jungs am Baum, die haben sich vor Angst in die Hosen gemacht. Jämmerliche Waschlappen aus unserer Parallelklasse. Du beweist  Stärke. Bist furchtlos. Du gefällst mir.“ Tom blickte Jig verschmitzt an. „Wann gibt’s bei euch Abendbrot?“

     „Halb sieben.“ Jig versuchte die Beine auszustrecken. Der lederne Gürtel vereitelte es knarrend, schnitt warnend in die Knöchel. „Bis dahin soll ich schmoren?“

     „I wo! Ich bind’ dich los, wann du willst. Damit hättest du’s freilich verbimst. Wenn du bis sechs durchhältst, hast du die Probe bestanden.“

     „Hast ja gar keine Uhr!“ Jig schloß die Augen. Weh tat ihm nichts. Gewitter war keins zu erwarten, Blitze, die ihn zerschmettern würden. Im Grunde konnte er es bis Mitternacht aushalten.

     „Seh’ ich an der Sonne, wie spät es ist.“ Tom stand auf und spuckte in hohem Bogen in die Brennesseln. „Ich mach’ einen Rundgang. Bleibe aber in der Nähe. Jedenfalls kann dir nichts passieren.“

     Jig spürte ein beunruhigendes, sonderbar wirbelndes Gefühl zwischen den Beinen. Kam öfters vor in letzter Zeit. Als wenn er pissen müßte. „Pah! Ich werde mich selber befreien.“

     Tom zwängte sich bereits durchs dichte Gebüsch. „So? Alle Phantasie der Welt hilft dir da nicht raus! Den Riemen hab’ ich gestern abend erst geschnitten. Das frische Leder ist so arg verschlungen – hoffentlich krieg’ ich es wieder auf. Hab’ kein Taschenmesser dabei.“

     „Und wenn ich pissen muß?“

     Tom grinste. „Dann halte durch. Oder laß es laufen. Soviel sollte dir meine Kameradschaft schon wert sein.“

 

     Jig lauschte auf den schwachen Wind in den Pinien. Er kniff die Augen zusammen. Hatte er je pissen müssen, so an einen Baum gebunden? Nicht bei Tom. Später unter Yerais Fuchtel. Der Satansbraten hatte ihm zuerst das Phänomen mit dem osmotischen Druck erklärt. Dann zum Beweis kaltes Atlantikwasser in die Hose gegossen. Ak­kurat vom Na­bel abwärts. Gehorsam hatte die Blase sich entleert. Der Kerl hat­te vor Vergnügen einen Purzelbaum geschlagen. „Jungen wie du, die noch nicht trocken hinter den Ohren sind, kriegen schnell mal feuchte Beine. Mein Kleiner!“

    Nicht selten hatten Stärkere ihn mein Kleiner genannt. Das war in Ordnung, wenn einer wie Tom ihn um einige Zentimeter überragte und ein paar Monate älter war. Bei dem um zwei Jahre jüngeren Yerai hatte er es sich energisch verbeten. Mit dem niederschmetternden Ergebnis, ausgelacht zu werden. „Die stärkeren Arme zählen. Den Wortschmus kannst du dir ins Haar schmieren.“

 

     „Was ist denn nun?“ fragten die Geschwister Llama scheinheilig. „Kleiner, willst du den lieben langen Tag hier rumsitzen und Maulaffen feilhalten?“

     Im rechten Arm prickelte es warm und beruhigend. Die Nerven nahmen ihre Arbeit wieder auf. Jig tastete sich zur linken Handschelle vor. Auch dort steckte der Schlüssel nicht mehr. Bestürzt murmelte er vor sich hin: „Auweia! Das nennt man super schief gelaufen.“

     So weit der Radius der Hände reichte, suchte er den Waldboden ab. Nichts! Er war sich im klaren, blind tastete er womöglich ständig an der Stelle vorbei, wo der Schlüs­sel lag. Erschöpft lehnte er sich zurück. Die Polizeihandschellen hatte er zu sehr als Spielzeug betrachtet. Da sie niedlich aussahen, harmlos glänzten und mit einer halben Schlüsseldrehung geradezu preußisch zuverlässig auf­schwangen. In Wirklichkeit waren es kleine Monster, denen er gestattete, seine Arme um den Baum herum lahmzulegen. Die Muskeln spielen zu lassen, wäre sinnlos. Setzte er alle Kraft mit einem Ruck ein, brächen möglicherweise seine schmalen Gelenke, ohne daß die mit zwei Kettengliedern verbundenen Metallbügel nur einen Milli­meter nachgaben.

     Er spürte, wie er willenlos zitterte. Gab es irgendeine Möglichkeit, sein Los zu wenden? Die Lage schien hoff­nungslos. An die Steineiche gekettet, blieb ohne Schlüssel gegen die ausgetüftelte Ingenieurskunst genieteten Stahls nicht die geringste Chance.

     Auch der Baum war schuld. Der zweite Schurke im Bunde, der den Bewegungsspielraum der Arme auf ein Minimum reduzierte. Aus Toms Haft hatte er, die dünnen Riemen durch geduldiges Drehen der Gelenke und beharrliche Fingerarbeit lockernd, manchmal ausbüchsen können. Sogar mit den Händen hinter dem Rücken. Jedoch niemals, war er zum Verweilen an seinem Bu­chenmädchen verdonnert worden.

 

     Jig wartete, bis von Tom nichts mehr zu hören war. Für die Füße konnte er gar nichts tun. Bei der geringsten Bewegung offenbarte der Gürtel seine Stärke und drückte in die Knöchel. Er tastete die Hände ab, so weit er herankam. Die Finger vermochten keine Windung des Rie­mens, der die Gelenke zusammenhielt, anzuheben. In der Hosentasche steckte das kleine Schweizer Messer. Da kam er nicht hin, und damit zu hantieren, wäre nahe der Pulsadern gefährlich. Die Bindung war so straff, daß er die Hände auch nicht drehen konnte. Als er es mit aller Kraft versuchte, kerbte das dünne Leder wie Eisendraht schmerzhaft die Haut ein. Besser stillsitzen. Auf Tom warten. Sonst würde er am nächsten Morgen mit tomatenroten Striemen in der Schulbank hocken.

     „O là là, Elge! Was ist denn mit deinen Handgelenken passiert?“

     „Gar nichts.“

     „So...? Das sieht irgendwie ganz anders aus als nach gar nichts.“

     „Na ja. Wird von den Freundschaftsbändern sein. Die hatte ich zu stramm geknüpft.“

     „Ach nee wirklich! Zu stramme Freundschaftsbänder...? Heh, alle mal herhören! Den Elge hat gestern jemand in die Pfanne gehauen. Dürften wir wohl erfahren, wer dir die Freundschaftsbänder verpaßt hat?“

     Jungs in der Meute ließen nicht locker. Zunächst würde man ihm den Arm verdrehen. Schwiege er weiter verstockt, drohte Schwitzkasten, bis die Sinne schwanden. So weit ließ er es nie kommen, verstand er doch meisterhaft, plausibel zu lügen.

 

     Die Abendsonne blinzelte Jig durchs Geäst ins Gesicht, als Tom zurückkam. Herzhaft gähnend. Offenbar hatte des Kürschners Sohn sich eine Weile aufs Ohr gelegt und war eingeschlafen. In seinen Haaren hing wippend ein Grashalm. An der Lederhose klebten Kletten.

     „Na, Jiggy? Ist wohl nicht so ganz nach Plan gelaufen?! Das Abhauen.“

     „Pah! Hätt’ ja können. Wollte aber kein Spielverderber sein. Deshalb hab’ ich ausgeharrt.“

     „Schwindler!“ Tom lächelte amüsiert und schob die Hände in die Hosentaschen. Jig, den er bisher nicht so recht wahrgenommen hatte, begann ihm mächtig zu gefallen. Er kannte die Mit­schüler von Geländespielen zur Genüge. Keiner wür­de sich so widerstandslos verpacken lassen wie Jig. Jeden einzelnen konnte er hören: „Mach mich sofort los! Oder ich sag’s meinem Vater!“

     „Hätt’ ja dann nicht gegolten, Tom.“

     „Du bist härter, als ich dachte. Ich dachte, du wärst nur ein blutleerer Einsenschreiber.“ Tom kniete sich hin und befreite Jig vom Gürtel, der die Füße über Kreuz hielt. „Hat dir was weh getan?“

     „Nein. Könnten wir jetzt Freunde sein?“

     „Klar.“ Tom machte sich an Jigs Händen zu schaffen. Es dauerte eine Weile, bis er die Schlingen gelöst hatte. „Komm, steh auf, Jiggy! Frisch gebackene Freunde sollten sich auf Augenhöhe die Hand reichen.“

      Jigs Beine waren durch die starre Position wie gelähmt. Schwankend erhob er sich. Tom merkte es und griff ihm stützend unter die Achseln. „Krieg’ ich wieder die Arme verdreht?“ fragte Jig argwöhnisch.

      „Hör schon auf!“

      Schweigend streckten sie sich die Hände entgegen und schlugen ein. Beide schnieften verlegen. Zeuge des Rituals war ein Eichhörnchen. Es putzte sich auf einem Ast über ihnen die Pfoten. Nun schlang Tom den Riemen mehrfach um Jigs rechte und seine linke Hand. „So gehen wir nach Hause. Damit wird unser Bündnis besiegelt“, erklärte er.

     Jig war selig. Er hätte alles mit sich geschehen lassen. Hätte niemals gedacht, den begehrenswerten Tom so schnell für sich zu gewinnen.

     Die Jungen trabten den breiten Waldweg hinab, in das Abenteuer dieses Nachmittags versunken. Bis Tom sagte: „Falls es dir nicht zuwider war – darf ich dich öfters mal binden?“

     „Ähm – warum nicht?“ Jig hätte Tom am liebsten umarmt. Nur war das im Moment nicht praktikabel. „Ich zeig’ dir dann, wie man aus so was rausrutscht.“

     „Aus meinen Riemen entkommt niemand.“

      „Und wenn doch?“ Jig puffte Tom mutig in die Rippen. „Läßt du dich zur Abwechslung auf meine Art gefangennehmen?“

      „Hach – auf deine Art? Wie ist das?“

 

3

 

     Auf deine Art... Seine Art hatte ihn hier idiotisch in die Falle geritten!

     Jig schloß erschöpft die Augen und lehnte den Kopf an die Steineiche. In bezug auf Reiß- und Bruchfestigkeit konnten solide Riemen mit Handschellen gleichziehen. Selbstbefreiung aus dem einen wie dem andern war, technisch betrachtet, ein weites Feld, bewachsen mit einer Vielzahl Variablen, aber wenigen Kon­stan­ten. Von Sachkundigen höchst widersprüchlich darge­stellt.

     Toms schmale Lederbänder hatten sie systematisch untersucht. Um die zehn Kilo Gewicht hielten sie locker aus, ohne zu reißen. „Bei acht Windungen um deine Gelenke müßtest du einen Zug von hundert Kilo ausüben, um den Rie­men zu sprengen. Das wäre so, als wolltest du mit einem Arm zwei Sack Steinkohle heben. Mein Vater sagt, es addiere sich noch anders. Er prüft so was mit einem Meßgerät. Ein acht mal breiterer Riemen hält weit mehr aus als die achtfache Krafteinwirkung.“

     Jig wußte nicht, was Handschellen aushielten. Auf dem Jahrmarkt im Herbst wurden Expander aus dicken stählernen Spiralen aufgebaut, verbunden mit einer Skala, die anzeigte, welchen Zug besonders kräftige Männer schafften. Solche Ergebnisse würde man einbeziehen, um Form und Materialstärke der Ketten für Sträflinge zu konstruieren. Ketten, die nicht einmal ein Hüne wie Eisenhans sprengen konnte.

     Er befürchtete, seine Arme würden durch die unnatürliche Zerrung allmählich steif. Viel Zeit blieb vermutlich nicht, das Blättchen zu wenden. Er mußte handeln. Sich hundertachtzig Grad um den Stamm herumschieben, da­mit er die Schlüssel finden konnte. Leichter gedacht als getan. Seine schmalen Lenden schienen auf einmal das doppelte Gewicht zu haben. Da die Hände wie welkes Laub herabhingen, hatten die Füße die gesamte Arbeit zu leisten. Gottlob hatte er darauf verzichtet, sie mit dem Riemen, der in der Hosentasche steckte, nach Toms Rezept über Kreuz zusammenzulegen. Dann wäre in der Tat alles aus gewesen.

     Es wurde eine beschwerliche Reise. Irgendwo hatte der Baumstamm in Höhe seiner Ellbogen eine Ver­dik­kung ausgebildet. Die Arme tiefer zu halten, brachte nichts. Ein Stück weiter oben ging es nicht ohne scharfe Schmerzen in den Schultern ab, aber so schaffte er es, die Klippe zu umschiffen. Ein paarmal den Hintern heben, dann war das gelobte Land erreicht.

     Jig lauschte auf die Klänge des Waldes. Vogelgezwitscher. Weit weg hämmerte ein Specht. Die Llama kicherten boshaft: „Das haste davon! Brätst morgen noch im eigenen Saft. Kannste einen drauf lassen.“ Seinen Hu­mor hatte er nicht verloren. „Seid nicht so ordinär! Oder ihr dürft das näch­ste Mal nicht mit.“

     Einen Schlüssel entdeckte er vor seinen Füßen. Zum Glück war er den ganzen Weg im Wald barfuß gelaufen. Sonst gäbe es das Problem, erst mal die engen Turnschuhe abzustreifen. Vorsichtig spielten die Zehen Pinzette und legten den Schlüssel einige Zentimeter vom Stamm entfernt ab, wo die Hände bestimmt hinlangen konnten. Und der zweite? So genau er Stück für Stück des Waldbodens inspizierte – kein blitzendes Metall zu sehen! In die Rinde am Stamm gehüpft? Jig legte den Kopf in den Nacken. Der kahle Wipfel bewegte sich unmerklich in der flauen Mittagsbrise. Die Sonne blendete. Falls der Schlüs­sel über ihm steckte, würde er ihn nicht erkennen.

     Er wollte sich schon mit einem Öffner zufrieden geben, da entdeckte er den zweiten Ausreißer doch noch. Er hing in niedriger Höhe am abgestorbenen Astende eines Lavendelstrauchs. Fürwahr ein toller Hüpfer! Kaum außer­halb der Reichwei­te seiner Füße. Ein Stückchen vorrobben, auch wenn die Arme wieder aufbegehrten, den Fuß vorsichtig nähern, damit der Zweig den Schlüssel nicht etwa weiterkatapultierte, und schnapp – gelungen! Als er den Schlüssel neben dem anderen ablegte, bekam er durch die grotesken Winkel, die Fuß, Knie und Schenkel herstellen mußten, einen Wadenkrampf. Der minutenlang in anderer Weise lähmte.

     Auf der Rückreise stoppten die Arme massiver als zuvor an der Verdickung des Stammes. Wie störrische Maulesel: Bis hierhin und nicht weiter. Neunzig Grad waren geschafft. Wie er die Arme auch hob oder senkte, greller Schmerz bedeutete rotes Licht für die fehlenden neunzig Grad. Er probierte nochmals, ob die Schellen nicht über Elle und Speiche weiter hinunterzuschieben seien. Nein, aussichtslos! Die Vorsichtsmaßnahme, den empfindlichen Nervenbahnen an der Handwurzel nicht zu nahe zu kommen, wurde nun zum Bumerang.

     Eine Woge von Selbstmitleid überrollte ihn. Gib auf, Junge! Selbst wenn du die restliche Vierteldrehung irgendwann schaffst,  deine Hände machen doch gar nicht mehr mit! Glaubst du im Ernst, die Finger könnten noch was greifen? Oder einen Schlüssel vom Chitinpanzer eines weiteren Tausendfüßlers unterscheiden, ausgesandt von derselben Familie, dir mit seinem Giftbiß den Garaus zu machen?

     Jig schloß die Augen und ließ den Kopf hängen. Aus seinem Vorhaben war jegliche Poesie und aller Zauber gewichen. Er war gnadenlos an der Steineiche eingekerkert. Und konnte nichts mehr dagegen unternehmen. Gerade noch mit den Beinen strampeln. Würde verteufelt ungemütlich werden, bis ihn jemand fand. Falls ihn jemand finden würde.

     „¡Socorro!“ schrie er. „¡Socorro!“

     Entmutigt hielt er inne. Niemand würde ihn hören! Er hatte es sich selbst zuzuschreiben. Weil er mutterseelenallein war. Derart unberechenbare Spielchen durfte man solo nicht abziehen. Weit weg von menschlicher Nähe. Er saß unentrinnbar in der Patsche.

 

[S. 7 bis S. 24 von 160 Seiten]

© Harald V. Bergander · 2014, 2016

 

          

Soeben erschienen:

 

Die Ballade der Freunde Lederbengel Tom und Handschellen Jig  ·  Roman  ·  160 Seiten

Paperback · € 9,80 · ISBN 978-3-8423-5787-7  ·  E-Book · €  6,49 · ISBN 978-3-7431-9963-7