Harald V. Bergander · Snakie – Diana

 

 

 

                               « … aux intelligents et aux sensibles »

 

                                                   Henry de Montherlant, Les garçons
                                   

 

 

                                         Ce livre est dédié à ma chère Sabine

   

 

 

I

 

Manuels erste Schulzeit fiel in das Jahr, da Doña Magdalena ihrer Leidenschaft zu einem wesentlich jüngeren Mann nachgab. Sie hatte ihn in der Finanzverwaltung anläßlich ihrer Erbschaftsstreitigkeiten kennengelernt. War er behilflich? Ja – in der Angelegenheit schob er kräftig. Sie ihn auch – in ihr Bett. Dadurch mußte Manuel, der meistens mit ihr zusammenzuschlafen pflegte, an den Wochenenden ausziehen. Nicht nur aus ihrem Schlafzimmer. Er mußte ganz verschwinden. In erzwungener familiärer Harmonie nahmen seine Tanten ihn auf, entweder die das Land liebende Elvira in der Sierra de Gredos oder die urbanere Pilar im alten Stadtkern von Zamora. Zwei Grenz­orte: in der Gredos zwischen Alt- und Neukastilien, in Zamora nahe der Scheidelinie zum atlantischen Portugal. Gren­zen gruben sich so als erste Erinnerungen in das junge Gemüt.

Doña Magdalenas Schwestern waren unverheiratet und zogen den Ruf unglücklicher Jugendlieben hinter sich her wie durch Straßenstaub gezogene Brautschleier. Beide waren in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht nicht weit genug gekommen, um den männ­lichen Schoß erforschen zu können, aber das bißchen handfester An­näherung hatte ihnen eingedenk einer strengen Erziehung Beine gemacht, im Schoß der Kirche Absolution zu suchen und fortan den Umgang mit priesterlicher Autorität zum Ersatz für die eines Ehemannes zu nehmen. Elvira schloß sich, ein dienendes Glied, der Kirche an und liebäugelte daneben mit Sek­ten wie den Zeugen Jehovas. Im Grunde war es ihr gleich, in welcher Weise der Text der Heiligen Schrift wörtlich genommen wurde, um bestimmte Lehrmeinungen auszuformen, solange sie das Gefühl hatte, beteiligt zu sein. Das erreichte sie in erster Linie durch Abgabe des zehn­ten Teils all dessen, was sie durch ihren Beruf als Journalistin verdiente. Weibliche Journalisten waren in jenen Zeiten rar. Elvira hielt sich über Was­ser, indem sie kritiklos schrieb, was gefordert wurde. Und sie war weit vom Schuß, dort draußen in Montemayor de los Baños – wer kannte diesen Na­men, bevor Madrids neues Bürgertum begann, in den Aus­läufern der Sierra Wochenendhäuser zu bauen? Pili, Lehrerin an einem privaten Mädchengymnasium in Zamora, ließ nur die offizielle, vom Papst vorgegebene Linie der Kirche gelten. Sie paktierte mit der Fraternität im Lichte des Herrn, deren Führer, formal gesehen, kom­petent genug erschienen, um Sitten und Moral in einem Rahmen zu hal­ten, der ein gerütteltes Maß notwendiger Strenge einschloß. Sie unterrichtete Spanisch. An Büchern kam auf die rissigen Holzbänke, was unverdächtig war, doch ihre Bil­dung war bei weitem nicht umfassend genug, das eindeutig festzustellen oder nur einen Teil dessen zu kennen, was der Heilige Stuhl in Indizes verbannt hatte – Bück­ware nannten es die Buchhändler, da es während der Diktatur tief unter den Ladentheken liegen mußte. Falls man sich über­haupt traute, es zu verkaufen.

 

Der Manuel der Elementarschule hatte seine Tanten sehr gern. Später ging er davon aus, daß es auf Gegenseitigkeit beruhte, wenn auch das Gedächtnis den Zugang zu Geschehnissen vor dem achten Lebensjahr strikt verwehrte. Fragmente schimmerten durch. Etwa eine Fotografie im Stil der dumpfen Nachkriegs­ära, cha­mois­farben mit Büttenrand, die ihn zu seinem sechsten Geburtstag abbildete, eine große schnörkelige Sechs auf dem Bauch, mit Eichenlaub verziert, als sei sein sechzigster Jahrestag vor­weg­ge­nom­men worden. Oder Erlebnisse der ersten Schulzeit, verschwommen, in vager Chro­no­lo­gie. Zum Beispiel er als Musterschüler, der Leh­rerin Blumen ins Haus bringend, wobei ihn erstaunt hatte, daß sie seinem Emp­finden nach mit einem uralten Mann zusammenlebte. Aber das war schon eine Ausnahme an Tiefenschärfe, sobald die innere Optik auf solch ferne Ebenen schwenkte. Oft murrte er über die schweigsamen Hüter der Erinnerung. Sie lie­ßen weder mit sich reden noch erken­nen, wer sie beauftragt hatte und was sie ihm verbargen.

Er bekam keine Erklärung dafür, weshalb sein Körper so anders angelegt war als der seiner Kameraden und sein Wesen so selbstgenügsam. Lange stocherte er in sich herum. Geduldig pro­bierte er es mit diesem oder jenem Dietrich, unzulänglich zurechtgebogen von der Besessenheit zu erkennen, was sein Wesen ausmachte. Er mußte eine Si­cherheit des Seins finden, in der er vor Stärkeren bestehen konnte, ohne sich von ihnen demütigen oder zu etwas zwingen zu lassen. Bis an einem Frühsommermorgen während eines Aufenthaltes im Kloster Yuste, am neunzigsten Tag nach seinem siebzehnten Geburtstag, ein Schlüsselbund klirrend vor ihn hinfiel, mit dem sich alle Türen jenes Palastes öffnen ließen, den er lange für sich ersehnt hatte und in dem er künftig wohnen wollte.

Er hatte neben der ihm übertragenen Gartenarbeit Arrians Biographie Alexanders gelesen und, da sie ihm geschwätzig erschien, hernach die vom philosophischen Gehalt ernsthaftere Plutarchs. Abgesehen von anderen Aspekten bestach ihn an Alexanders Leben dessen Keuschheit. Ein Mann, nach allen Zeugnissen sehr hübsch, der Athlet aus dem Bilderbuch des griechischen Altertums, dem jedes Mädchen, je­de Frau zur Verfügung stand, lebte enthaltsam? Dürstete sein Kör­per denn nicht nach Schönheit und Liebe? Sättigte er dieses Verlangen an der bloßen Gegenwart der liebsten Freunde, im Spiel, im Wettstreit glutvoller Gespräche, in vertrautem Umgang? Was stellte er sonst mit seinem Sex an? Darüber sann Manuel während der Andacht in der Klosterkapelle morgens und abends nach. Er durchkämmte die Klassiker. In der ihm geläufigen Bedeutung fand er den Begriff Sex nicht. Von zahllosen Umschreibungen war die Rede, vorwiegend von einer: Eros. Er las, was die Klosterbibliothek hergab und gelangte zur Erkenntnis, daß in der Antike verschiedene Formen des Seins akzeptiert worden waren: Männer verwandten ihre Fruchtbarkeit haupt­sächlich darauf, Nachkommen zu zeugen – oder sie hielten die Zeugungskraft enthaltsam zurück und zeichneten sich mit dem Hervorbringen gei­stiger Produkte oder großer Taten aus. Dabei blieben sie auf höherer Stufe im Gleichgewicht mit sich selbst.

Er versetzte sich an den Königshof von Pella, lauschte den Gesprächen zwischen Aristoteles und seinem Schüler, sah beim Ringkampf, Reiten und Fechten zu und nahm verblüfft wahr, wie Alexander ohne intime Freundin zum Mann heranwuchs. Also hatte er im Sex keine Bestätigung seiner selbst gesucht. Er gehörte zu jenen ed­len Wesen, denen die Freude am Leben, das Glück zu sein und Lie­be zu erfahren, genügend Bestätigung bot.

Die Massaker, in denen der Rastlose später widerspenstige Völker unterwarf, standen auf einem anderen Blatt. Im Geschichtsunterricht hatte Manuel sie als Metapher begriffen, gab es doch genügend ähnliche Beispiele im Alten Testament. Er milderte sie für sein Leben dar­auf ab, die Langweiligen und Phantasielosen, so gescheit sie je auftraten, mit schneidenden Worten zu füsilieren und links liegen zu lassen. Dabei kannte er auch gegenüber den Hübschen keinerlei Pardon, die das Pech, ihn an die Gesellschaft weit Unwürdigerer zu ver­lie­ren, sich selbst zuzuschreiben hatten. Davon abgesehen, ein klares Ja zum Ideal von Liebe und Schönheit: Bedenkenlos nahm er die Ungerech­tigkeit auf sich, schöne Körper vorzuziehen – an erster Stelle die zar­ten, weil er selbst so war – und die har­moni­schen Gesichter mit einem wachen, vor Geistesschärfe funkelnden Blick. Die Liebe ließ sich weniger leicht greifen. Sie war kostbar, ein Geschenk, das ihm selten zuteil werden sollte.

Weil die lebhaften Bilder und der Gedanke an seine liebste Freundin, an ihre Spiele, den Jungen unter einer Steineiche im Klostergarten zu zartem Tun mit sich selbst bewegten, verhalf Ekstase diesem Bekenntnis ins Licht des kastilischen Sommertages. Als es formuliert war und unverrückbar in sein Notizbuch eingraviert, söhnte er sich nach und nach mit vielen schmerzhaften Erinnerungen an seine Kindheit aus. Und was verschüttet war, ließ er fortan ruhen.

 

Lange bevor der kleine Spanier öfters wiederkehrende, eigentüm­liche Regungen eindeutig den Ge­schlechts­tei­len zuzuordnen vermochte, bereite­te es ihm ein uner­gründliches Vergnügen, sich auszu­malen, wie sei­ne Freun­de bei mehr oder weniger wilden Spielen, die stets wechselnden Regeln unterlagen, sich seiner bemächtigten, ihm die Arme auf den Rücken drehten und beratschlagten, wie weiter zu verfah­ren sei. Dabei gelang es, fürs erste loszukom­men und zu fliehen. Oh, seine schnellen Beine waren bekannt! Nun ja, man holte ihn nach kurzer Zeit ein. Er machte es seinen Ver­folgern leicht, ohne daß sie die Absicht durchschauten. Er stol­per­te mit spitzbübischer Geschicklichkeit. Oder er schlug im Gehölz – diese Spiele fanden aus­nahmslos in freier Na­tur, abseits jeglicher Störungen statt – einen Weg ein, auf dem es kein Entweichen geben konnte, weil er im Dickicht endete. Bald steckte Manuel in ei­ner Umklammerung, die den Blick auf die nack­ten, von Ranken zerkratzten Beine seines Fängers zwang, der ihn zögernd un­ter Abnahme des Versprechens, er gehe folgsam mit, bis auf den Griff am Hemdkragen freigab. Ach, der waghalsige Moment, wenn er sich erneut losriß und spürte, wie die Brust sich weitete, da etliche Knöpfe absprangen. Schon war er fort, hakenschlagend, in flinkem Hasenlauf. Den keuchenden Verfolger schüttelte er in den immergrünen Tiefen eines mit Fels­brocken durchsetzten Steineichenwäldchens ab. Lang ausge­streckt lag er mit pfeifenden Lungen zwischen Wacholderbüschen und Insektengesumm, in sieges­trun­ke­ner Gewißheit, dem Hä­scher – im Crescendo des Spiels, ritueller Dra­ma­tur­gie folgend, blieb nur einer übrig – sicher entkommen zu sein.

Auch mit Bedauern über den erfochtenen Sieg. Zu gern wäre er im Mittelpunkt des Geschehens verblieben! Der Part des Verlierers erschien reizvoller. Er verglich sich besonders mit jenen Gestalten aus Sagen und Märchen, deren Niederlage sich am Ende als Sieg darstellte. Freilich begriff er noch nicht die hinnehmende Rol­le, die ihm von einer gütigen Natur anstelle der aktiven auf den Leib geschrieben worden war. Das Vergnügen daran, etwas mit sich anstellen zu lassen, solange es harmlos war und man ihm nicht weh tat, und gleichzeitig die Unabhängigkeit des Geistes zu behalten: Dies knüpfte die kräftige Halteleine des Lebens, die ihn während vieler Grat­wanderungen von Seele und Körper umschlang und buchstäblich fest­hielt. Sie wurde immer mehr zur Quelle seiner Inspiration.

Spiele dieser Art hatten ihren Ursprung im Geschehen während der Sommerferien seiner Grundschuljahre. Tante Elvira lebte auf einer Finca in den Ausläufern der Berge. Keine Kinder. Ihr novio Agu­stín, in undurchschaubare Affären des Dritten Reiches verwickelt – er habe Hitler in Hendaye den Wagenschlag des Mercedes aufgehalten, behauptete Magdalena –, war Ende der vierziger Jahre verschollen. Man hielt für denkbar, er habe sich nach Südamerika abgesetzt. Also nur Frauen, das Dienstmädchen, von Elvira mit chacha ti­tu­liert, eingerechnet. In der Nachbarschaft liefen Kinder zuhauf herum. Sie lebten dort und gliederten Manuel als exotische Bereicherung aus der Stadt ­willig ihren wilden Spie­len ein, zumal er sich ebenso willig ihrer Ortskunde und Autorität unterordnete. Er lern­te die verschiedenen Kiefernarten zu unterscheiden und welche ihrer Samen eßbar waren. Sie zeigten ihm rare Plätze, wo Ze­dern standen, Eukalyptusbäume und die Pfingstrosen, die sich wie Großfamilien zwischen Korkeichen an steilen Hängen ausbreiteten. Die herrlichen Tä­ler der Sierra de Gre­dos wurden für den Jungen zu einem großen, unerschöpflichen Garten. Wiesen voll wilder Blumen gab es dort und mur­melnde Bäche selbst im Hochsommer, da die Sonnenglut in der Meseta Gras und Buschwerk versengte und die jungen Pinien im ständigen Bemühen, dem Boden Feuchtigkeit ab­zuringen, vor Anstrengung honigfarbenes Harz ausschwitzten.

 

Der Hochsitz am Ende eines Tales, wo in der Dämmerung Rehwild vorbeiwechselte, verschaffte Manuel die erste Erfahrung dessen, was er als stützenden Pfeiler seines Wesens erkennen würde. Den Anstoß gaben seine Freundinnen, Remedios und Encarna, deren nackte Schenkelchen den Jungen blindlings folgen ließen, weil er in unbestimmten, kaum bewußten Gedankengängen diese Beine gerade dann als Höhenzüge mit einem Tal dazwischen ansah, wenn die kleinen Nymphchen ihm gegenübersaßen. Der obere Teil dieses Tales, wo die Gabelung des Körpers ihre Wiege hatte, interessierte ihn ungemein. Sie fühlte sich anders an als bei ihm, das hatte er herausgefunden. Sie mußte auch deshalb anders beschaffen sein, weil diese oft grundlos kichernden Wesen sich zum Pinkeln setzten. Das gaben sie nicht zu, sie stritten es so­gar ab, obwohl er es gesehen hatte. Mädchen gehorchten nicht. Sinnlos, ihnen etwas einzuschärfen – kaum dreh­te er sich um, folgten sie eigenen Launen. Dafür gehorchten sie den Erwachsenen über­trie­ben. Die hatten ihnen eingeschärft, ihre Röckchen nicht allzuweit zu lüften. Allerdings hätte der weite Abstand der Leitersprossen den Aufstieg ohnehin sehr erschwert. Mani-Kavalier wollte ihnen hinterlistig hinaufhelfen. Lachend lehn­ten sie ab, mochten ihn durchschaut haben, schoben ihrerseits Ma­ni-Po vorwärts, bis der Knabe, auf der ungewohnten Leiter schwankend, Tritt bekam. Mit zittrigen Beinen erklomm er die drei oder vier Meter bis zur Plattform, um festzustellen, daß er nicht ein­mal auf Zehenspitzen die aus fugenlosem Brettwerk zusammengenagelte Brüstung überschauen konnte. Die Nymphchen verwandelten sich in böse Feen, zerrten so lange an der unbefestigten Leiter, bis sie nachgab und knarrend umstürzte. Zuerst erschrocken, dann wieder übermütig, rannten sie weg und verschwendeten keinen Gedanken mehr an den Gefährten.

Zuerst schauderte dem Jungen vor der schwindelnden Höhe. Er hockte sich in eine Ecke des Jagdsitzes und wartete auf Hilfe. Statt derer kamen Myriaden von Mücken, denen er kaum Einhalt ge­bieten konnte. Die Sonne sank. Im Wald wurde es zuerst kühl, dann unangenehm kalt. Und finster, bis die große, gelbe Scheibe des Mondes heraufzog, ein durch die Baumwipfel vertraulich blinzelnder Spießgeselle. Manuel blinzelte zurück. Kein Beistand zu erwarten. Die Strickleiter wurde nicht ausgeworfen. Verzagt darüber, suchte er Wär­me an sich selbst, saß mit an den Leib gezogenen Knien, auf die er den Kopf legte. Es gab kein Entrinnen. Er würde sterben. Das Schicksal ließ drei Möglichkeiten. Er konn­te sich in die Tiefe stürzen und würde zerschmettert liegenbleiben, was ausschied, weil angesichts des Unvermeidlichen nicht einzusehen war, weshalb seine Angehörigen ihn verunstaltet zu Gra­be tragen sollten. Zweitens konnte er schreien, aber alle saßen längst beim Abendessen, so daß ihn außer dem Riesenvogel Roch nie­mand hörte. Das Biest würde sich mit seinen gewaltigen Schwingen nähern und ihn in seinen gräßlichen Krallen davontragen, noch in der Luft mit Schnabelhieben, scharf wie Piratendolche, töten und der flaumgefiederten Brut zum Fraß vorwerfen. Ein unwürdiges Ende. Keine Spur bliebe außer bleichen Knochen in unzugänglichen Felsnischen. Der dritte Weg bot Trost – schweigend dazuhocken und nichts zu tun. Wahrscheinlich würde ihm eine gnädige Ohnmacht die unüber­sichtlichen Strapazen von Hunger und Durst vor dem Erlöschen des Lebensfunkens ersparen. Er spürte keine Kälte mehr, nicht den auf­kommenden Wind noch die harten rauhen Planken unter sich. Nur seinen eigenen, erschlaffenden Körper, das pochende Herz und das Entschwinden aller unnützen Gedanken. Verzückt rieb er die Wange an den Knien. Eine ungekannte Leichtigkeit breitete sich aus, bevor er davonzuschweben glaubte.

Später saß er, weil ihn noch fröstelte, in eine Decke gewickelt auf Elviras Terrasse. Ihr Nachbar, der die angrenzenden Län­dereien bewirtschaftete, hatte beunruhigt eine Laterne entzündet und ihn gesucht, weil das Gestammel seiner Töchter ihn stutzig machte. Er hat­te ihn in seinen starken Armen nach Hause getragen. Manuel durfte die Laterne halten und genoß es, den Kopf auf die Schultern des Bauern gelegt, von seinem schaukelnden Gang gewiegt zu werden. Kein Gedanke daran, Remedios und Encarna zu verpetzen – er behauptete, die Leiter sei dumm umgefallen.

„Tante Elvira“, fragte er, „was ist ein Spion?“

Die Tante, die sich wieder nicht entscheiden konnte, ob sie den Veterano pur oder mit dem Kaffee vermengt genießen sollte, horchte auf, weil sie glaubte, der Kleine spiele auf ihren verschollenen novio an. „Wieso?“ fragte sie, um Zeit zu gewinnen.

Manuel studierte hingerissen den großen Gecko an der rauhen Hausmauer, der soeben einen enormen Nachtfalter schlachtete. „Ich lese jetzt diese Indianergeschichte. Da kommen dauernd Spione vor. Was tun sie?“

„Das Wort ist schlecht übersetzt“, sagte Tante Elvira. „Es sind Kundschafter.“

„Ja. Auch das Wort kommt häufig vor. Sind es böse Menschen?“ Er erschauerte unter seiner Decke.

„Muß nicht sein. Was sie herausfinden, kann einem guten Zweck dienen. Vielleicht trifft das Wort Spion doch besser, weil man damit allgemein jemand bezeichnet, dem es nicht erlaubt ist, das was er wissen will, herauszufinden.“

„Und –? Werden diese Leute bestraft, wenn man sie faßt?“

„O ja!“ rief Tante Elvira, die sich sicher war, daß man den lieben Agustín gefoltert, heimlich erschossen und beiseite geschafft hatte, je nach Wichtigkeit seiner Kenntnisse. „Wenn sie Pech haben, werden sie zum Tod verurteilt.“

„Puh!“ machte Manuel entsetzt. Er war auf den Hochsitz gestiegen, weil er sich einbildete, in Kundschaftermission zu handeln. Die Späherinnen der gegnerischen Partei hatten seine Absicht durchschaut und ihn sofort verurteilt: Tod durch Verhungern und Verdursten. Zu feige, das zu verkünden, hatten sie die Leiter umgekippt. Er erschauerte aufs neue, weil er sich ähnlicher Situationen im Zuge ihrer Spiele entsann, obwohl nicht an so klar abgegrenzte. Wie oft hatten sie ihn in der Klemme gehabt! Stets war es gelungen, am Ende zu entwischen. Dieses Erlebnis heute war von entschiedener Art gewesen. Er hatte keine Chance mehr gehabt, abgesehen vom unsinnigen Sprung in die Tiefe. Als seien die Regeln verändert und harm­lose Kinderspiele zu etwas verschoben worden, für das er die Bezeichnung Gefahr noch nicht einzusetzen wußte.

 

Tante Pilis Umfeld lehrte anderes. Von Anfang an wurde er durch ihre Frömmigkeit in Bann gehalten, ja schier erschreckt. Vor und nach jeder Mahlzeit Tischgebete, ein Morgengebet, kniend vor dem Bett, so wie das Nachtgebet abzuleisten war, das seine Träu­me in manchen Nächten so eintönig kanalisierte, daß er unermeßliche Entfernungen auf den Knien rutschend zurücklegte.

Weit mehr wurde seine Phantasie durch unzählige Zimmerpflanzen angeregt. Seine größte Freude bestand darin, sie auf dem großen Eßzimmertisch zusammenzustellen und sich einzubilden, es sei ein verwunschener Park mit Hexen, Zauberern und Kobolden. Dazu erfand er komplizierte Geschichten, die meist damit endeten, daß er verhext wurde oder, was die spannendere Spielart schien, gebannt. Er stand mitten im Zauberwald, unfähig, sich zu rüh­ren, und es bedurfte enormer gedanklicher Gegenkraft, um die Er­starrung abzuschütteln. Das gelang erst, sobald die Tante den unwiderruflichen Befehl zur Nachtruhe erteilte.

Zamora war schwierig hinsichtlich Freundschaften. Tan­te Pili, der die Erziehung so vieler Kinder oblag, war durch die aufgebürdete Verantwortung sehr ängstlich. Sie ließ ihn ungern allein auf die Straße. Im Nachbarhaus lebte ein Junge seines Alters. Manuel gewann Vertrauen zu ihm, weil er nichts als Dummheiten im Kopf hat­te und ihn anstiftete, reihenweise Klingelknöpfe an fremden Häusern zu drücken. Entkommen gelang, auch das Erkennen der kleinen Schel­me: Die strafenden Hände wurden an Tante Pili delegiert. Sie schlug ihn, als Lehrerin daran gewöhnt, gewissermaßen berufsmäßig ins Gesicht. Danach wurde er in die Abstellkammer gesperrt. Sie war stockdunkel, aber gemütlich warm und ausgepolstert durch Schürzen und Scheuerlappen. Manuel hockte sich auf den Boden und fühlte sich nach kurzer Spanne des Eingewöhnens in sonderbarer Weise geborgen.

An einem Regentag nahm der Nachbarsjunge ihn mit auf eine Wiese am Duero. Er hatte Gummistiefel an und zog Manuel, der in seinen Schnürschuhen dem vor Nässe quatschenden hohen Gras nicht Paroli bieten konnte, von Pfütze zu Pfütze. In voller Absicht patschte er ins brackige Wasser und flutete allmählich Manuels ungeeignetes Schuhwerk. Der wollte dieser keines­wegs so verein­barten Unternehmung ein Ende setzen, doch wurde er ei­sern festgehalten. Erbost trat er gegen die Gummistiefel – ohne Er­folg. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er, gegen männliche Kraft rebellierend, scheiterte, weil die seine nicht ausreichte. Fortan haßte er Gummistiefel und sollte niemals welche anziehen. Wieder schalt und schlug die Tante ihn, diesmal wegen seiner verdorbenen Kleidung. Trost während einer Besenkammersitzung. Erst hernach erfuhr er den adeligen Namen des Nachbarsjungen, was seine spontane Abneigung gegen den Adel auslöste, die lange anhielt und erst durch Ira von Brackelstein neutralisiert wurde: „Gummistiefel?“ fragte sie höhnisch. „Lachhaft! Der Adel trägt Leder.“

Manuels Großeltern ließen sich weit zurückverfolgen. Sie entstammten ausnahmslos der oberen Bürgerschicht. Das zwanzigste Jahrhundert bescherte ihnen kummervolle Lebensläufe, entzog ih­nen den bis dahin vorhandenen Wohlstand und zwang sie, für Lohn oder Gehalt zu arbeiten. Die Eltern seiner Mutter waren gleich zu Anfang des Bürgerkriegs von den Roten erschossen worden, wobei es nicht so sehr um politische Vergehen ging. Eher um offene, zum Teil alte Rechnungen unter zahl­losen, die im Laufe des schlimmen Bruderzwistes zwischen den Nachfolgern des Hauses Habsburg saldiert wurden. Man spekulierte über die Mitwirkung von Manuels Vater als Spitzel und Denunziant, fand allerdings keinen Beweis. Die beiden Generationen trennte so viel, daß oft nur der Haß eine tückische Gemeinsamkeit schaffte. Die Großeltern väterlicherseits hatten die Schießwut der falange realistischer eingeschätzt und waren sofort nach Ausbruch des Bürgerkriegs mit dem anderen Sohn nach Paris emigriert. Heimweh nach den weiten Himmeln der Extremadura setz­te ihnen so nagend zu, daß sie noch recht jung in unbequemen französischen Betten, an die sie sich ebensowenig gewöhnen konnten wie an das schlechte Wetter, starben.

Was auch Tante Pili je dazu bewogen hatte – sie lebte mit einem Deutschen zusammen, der ebenfalls politischer Gründe wegen seine Heimat nach Kriegsende meiden mußte. Sie nannte ihn nuestro contrapeso, in Anspielung auf all die zerrissenen Familienbande, die sie auf ihre Weise mit Hinrichs zu kitten glaubte. Dreck am Stecken, urteilte Manuel in frühen Jünglingsjahren, ein Urteil, das er relativierte, nachdem er seine Kenntnisse der Zeitgeschichte vertieft hatte. Der Umfang der Liaison Pilis mit diesem Mann war schwer zu ergründen. Sie mochten sich lieben wie hassen, jedenfalls überwogen die Schimpfworte. Lange Jahre bekam Manuel keinen Kontakt zu dem schroffen Menschen. Er sah ihn nur im Anzug mit stets weißem Hemd und Krawatte und hochmütiger Miene. Erst in seiner späten Schulzeit wurde er seiner familiärer ansichtig, halb entblößt, wenn die Tante ihn wusch. Wie alles um Hinrichs blieb auch seine Krank­heit ein Geheimnis, über das kein Wort gesprochen wurde.

 

Die Unfähigkeit, sich seiner frühen Kindheit zu erinnern, bedrückte ihn. Was war in seinem Kopf falsch angelegt, Din­ge zu vergessen, die jeder Schulkamerad wußte, wenn man ein­dringlich genug fragte? Später nahm er an, die der Er­in­ne­rung zugeteilten Bereiche seines Hirns hätten nach einer tröstenden Melodie des Verwerfens rigoros immer wieder ausgesiebt, was unangenehm war und seiner nach Harmonie gierenden Seele schaden konnte. Es gab Beweise für die Wachsamkeit dieses Mechanismus, der gewisse Einzelheiten mit der Schärfe fotografischer Schichten festhielt, die wiederum seinen Kameraden als Belanglosigkeit entfallen wären.

Früh fand der Knabe Interesse an Schnüren. Es gefiel ihm, wie man damit ein Bündel Rosmarin umwinden oder gar widerspenstige, stachelige Zweige zähmen und aus dem Wald heimtragen konnte. Er schaute den Erwachsenen einfache Knoten ab und kam von selber auf die Funktion einer Schlinge, die sich, zog er genügend, um seine Füße immer mehr verengte, bis er gelähmt dasaß. Doch Schnur war rar, in der Sierra de Gre­dos sozusagen zweckgebunden. Zum Spielen blieb kein Ende übrig. Irgendwo in der Scheune hingen alte, ausgediente Pferderiemen. Manchmal erprobte er an den rissigen Le­der­schnüren zaghaft Knoten. Bis seine Kameraden ihn eines Tages dabei überraschten. Sie witterten Abseitigkeit, die sie unter lautem Ge­johle zu Normalität zurechtrückten. Sie schlugen die Riemen um seine Bei­ne. Es tat weh, bis ins Herz hinein. Mit knapper Not konn­te er einer längeren Geißelung entkommen. Künftig hütete er sich, in Montemayor das Wort cuerda auch nur auszusprechen. Zumal sich in Zamora bei Tante Pi­li eine bessere Möglichkeit bot, das Schlingenstudium zu vertiefen.

Pilar bestand selbst am Sonntag auf einer Mittagsruhe des vielleicht Siebenjäh­rigen. Sie ließ in seinem Zimmer die grüne hölzerne Jalousie herab, damit er im Halbdunkel Schlaf fand. Ma­nuels Interesse war weniger auf Schlaf gerichtet als auf das widerstandsfähige Band, das die Ja­lousie befehligte. Sie hochzuziehen, forderte all seine Kräfte, weil die Holzleisten durch Wind und Wetter krumm geworden waren wie die Knochen alter Leute und sich störrisch widersetzten. Knarrend verschwand die Jalousie im Kasten, das Band wurde länger. Schließlich zwäng­te er es über den Haltekeil. Nun konnte er nach Herzenslust experimentieren. Ungestört. Der Tante war die Siesta des Neffen heilig.

Wann er damit begann, das starke, aus Manilahanf geflochtene Band um seine Hände zu schlingen, ließ sich nicht rekonstruieren, eines Tages eben, weil die eingewickelten Handgelenke ein eigenartig wohl­tuendes Gefühl vermittelten. Mit der Zeit gelang es, die Verschnürung durch Knoten derart zu vervollständigen, daß sie von selber nicht mehr aufging, so heftig er daran zerrte. Er konnte dasitzen und sich daran freuen, seine zusammengebundenen Hände zu betrachten, ihre geballte, aber gezähmte Kraft. Natürlich war er nun ein gefangengenommener Ritter, einer aus Tirant lo Blanc. Noch aufregender war die Rolle einer der vom Pech verfolgten Prinzen aus Tausendundeiner Nacht. Am Ende wurde er mit der Prinzessin, die es zu erlösen gelang, vereint oder konnte, in einer anderen Episode, die Königstochter von dem sie bewachenden Ungeheuer befreien. Was Anstrengungen erforderte, von denen er nicht wuß­te, wie er sie durchstehen würde. Lieber doch nur dasitzen und davon träumen!

Das Spiel, das er da mit sich selbst trieb, erregte ihn, weil er fühl­te, es sei möglicherweise verboten, obwohl ihm keine Verse aus dem Katechismus einfielen, die gebundene Hände mißbilligten, allerdings auch keine, die sie empfahlen. So wieder­holte er es, und im Maße, wie er selber wuchs, wuchs sein Vergnügen daran. Bis eines Tages die dicke Schraube aus dem morschen Rahmen brach, an der das von Ma­nuel arg strapazierte Band befestigt war. Durch das Gewicht der herabsausenden Jalousie wurden dem verdatterten Kleinen, der sich gerade bequem im Schneidersitz hatte niederlassen wollen, die Arme in die Höhe gerissen, unangenehm straff weit über den Kopf. Herunter bekam er sie nicht mehr. Die Jalousie hatte sich durch den heftigen Aufschlag verklemmt. Er setzte sein ganzes Gewicht ein. es tat weh, aber es nützte nichts. Da stand sie nun zitternd, die schmale ge­streckte Gestalt. Nicht lan­ge. Der Krach alarmierte die Tante, die den Neffen rasch aus seiner mißlichen La­ge befreite. Sie schalt ihn kaum, führte ihn statt dessen zur Besenkammer und sperrte ihn ein Nicht etwa, weil er die Jalousie ruiniert hatte, sondern weil er so we­nig Sinn für die Notwendigkeit der Mittagsruhe bewies. Der Knabe stellte sich vor, er stünde noch in der Stellung, in die Süleyman der Grausa­me ihn gebracht hatte, und schlief im Dunkeln rasch ein, mit einem unbestimmbaren Glücks­empfinden irgendwo tief im Leib.

Süleyman der Grausame war die erste Gestalt, die er aus Märchenbüchern bewußt aufnahm, ein orientalischer Herrscher oder der Befehlshaber eines Piratenschiffs: Roter Turban, wallende Kleider in Weiß, damit man das Blut besser sehen konnte, das herumspritz­te, wenn er mit seinem Krummschwert reihenweise Köpfe abrasierte. Süleyman hatte ihm während der Osterferien des drit­ten Schuljahres befohlen, an den großen alten Geschirrschrank aus Nuß­baum zu gehen, ihn weit zu öffnen und Teller und Tassen wahllos zu entnehmen. Der Folgebefehl erstreckte sich auf das Aufstoßen des Fensters zum Garten. Dann das Kommando: Alles rausschmeißen! Etliches ging so in Trümmer, bis eine aufmerksame Nachbarin, die Süleyman den Grausamen nicht fürchtete, die Tante verständigte. Eine unbegreif­liche Tat eines sonst unauffälligen Jungen. Hatte es Ärger in der Schule gegeben? Nein. Mit Tante Pili? Nein, alles bestens. Es war im eigentlichen Sinn keine Tat, die man lebhafter Phantasie hätte zu­schreiben mögen, obgleich sie genau darauf zurückging. Manuel hatte etwas über fliegende Untertassen aufgeschnappt und geglaubt, die Teller müßten sich in weiten, sirrenden Bogen in der Luft halten, schließlich im Himmelsblau verschwinden und am Abend wie­der auf dem Eßtisch landen. Die Psychologie jener Tage ging profane Wege, unter die Beziehung von Ursache und Wirkung einen ordnenden Strich zu ziehen. Die Tante fand es an der Zeit, diesen Strich mit dem gleichen Requisit zu zeichnen, das in der Schule half, Ordnung zu halten. Sie führte Manuel am Tag des Wochenmarktes zum Stand des Korb­machers.

„Der Junge wünscht einen Rohrstock“, erklärte sie mit süßsau­rem Lächeln. „Such dir einen aus, mein Lieber.“

Manuel verstand, um was es ging, und beteuerte unter Aufbietung all seiner kindlichen Argumente, er wünsche keinen.

„Und ob!“ bekräftigte Pilar.

Manuel fing an zu weinen. Die Tante steckte also mit Süleyman unter einer Decke! Da er sich weigerte, seine Wahl zu treffen, weil er merkte, daß er keine hatte, kaufte Tante Pili herz­los einen recht vital aussehenden goldgelben Stock aus Bambus.

„Damit kannst du mich totschlagen“, sagte Manuel unter Tränen der Vorahnung.

„Würde mir nie in den Sinn kommen, mein kleiner Liebling“, versicherte sie, während sie den Stock zufrieden durch die Luft pfeifen ließ. „Nun, wie sagt unser Herr? Ich bin dein Hirte. Es soll dir an nichts mangeln.“

Wieder zu Hause, verschaffte sie Manuel unverzüglich einen Begriff davon, an was es ihm man­gelte. Der Ringergriff, mit dem sie ihn festhielt, ging ja noch an. Was sie mit seiner Sitzfläche anstellte, war schauerlich. Sitzen konnte er einige Tage nur unter Schmerzen, die Fratze Süleymans des Grausamen vor sich, der grinsend seine tabakgebräunten Zahnstummel ent­blößte. Oder war es das harte Lehre­rinnengebiß Tante Pilars, die bestürzt re­gistrier­t hatte, welches Vergnügen sie daran fand, den nackten, engelhaften Po des Neffen durchzuwalken? Sie hatte erst erschrocken innegehalten, da sie sich einbildete, sie habe das schwere Gesäß Hinrichs vor sich, der ihr den Stock kurzerhand entwunden und in seinen eisenharten Hän­den zerbrochen hätte. In dieser Weise waren die Dinge für Manuel keinesfalls erkennbar. Was ihm Tage danach einfiel und spä­ter noch oft einfallen sollte, war der große Spiegel im Salon, in dem seine entsetzten Blicke herumirrten, als Tante Pili ihn bearbeitete: Er sah sich auf sein nacktes Wesen reduziert, mit kummervollem Blick, in dem ohnmächtiges Erdulden lag, der Blick des Schwächeren, der sich zusehen, aber nicht helfen kann. Quer durch Kindheit und Jugend blieb dies ein beson­ders ausdrucksstarker unter anderen wiederkehrenden Spiegeln.

Der herrliche Duft der Pinien in der Sierra de Gredos, die unkom­­plizierte Aufnahme unter den so anders gearteten Landkin­dern und die weite Landschaft – das alles verband sich mit Montemayor de los Baños und Tante Elvira, die ihn übrigens nie schlug. Zamora und Tante Pili hingegen, die eigenartige Atmosphäre der zu­tiefst katholischen Provinzstadt mit den ernsten Prozessionen in der semana santa, hier lagen Konflikte in der Luft. Vielleicht war Tante Pili zu streng mit Manuel, aber sie erkannte seine Begabungen zeitig, förderte sie unmerklich und übersah Manuels Verrücktheiten mit der Gleichgültigkeit einer korrigierenden Lehrerin. Sie hatte ihre Eltern für verrückt gehalten, weil sie einfach nicht hat­ten glauben wollen, daß man sie erschießen würde. Die Schwestern hatten einen Knall, und der eigene Geist war keineswegs ohne Abgründigkeiten – doch dazu fehlte es an Selbsterkenntnis.

 

Das einzige äußere Ereignis desselben Jahres, das sogar Hinrichs aus seinem Zimmer trieb, ein Siegerlächeln im Gesicht: Der Tod eines Diktators, von dem Manu­el nie gehört hatte.

„Wieder einer erledigt“, sagte Tante Elvira. „Der General aus El Ferrol wird der nächste sein.“

„Nichts gegen Franco! Nicht vor einem Kind!“ sagte Tante Pili.

„Grade vor einem Kind“, schnaubte Elvira. „Hüte dich vor den Militärs, Manuel. Sie sind samt und sonders suspekt.“

Er sann über das Wort sus­pekt nach. Es schien schnurrbärtig zu bedeuten. Nochmals betrachtete er die Abbildung in der Zeitung, die Hinrichs halb zerknüllt auf dem Tisch liegengelassen hatte. Der Mann auf dem Totenbett trug so einen häßlichen Bart. Der Deutsche mit der verrückten Stimme und der Mütze eines Bahnhofsvorstehers hat­te einen. Er spielte mit der Weltkugel Pingpong, sie hatten ihn im Kino gesehen, umwerfend irre. Die Tante hatte den Namen genannt, aber er hatte ihn nicht behalten können und später auf dem Kinoplakat nachgesehen: Chaplin. Klang nicht wie die deutschen Namen, die Hinrichs manchmal vor sich hin murmelte, schritt er mit dampfender Pfeife im Korridor auf und ab.

„War kein Russe“, erklärte Tante Pili, während sie die Zeitung glättete, um hernach verkohltes Bratöl aus der Pfanne zu wischen. „Namen, die auf -lin enden, sind georgischen Ursprungs.“

Manuel notierte: ,Heute georgisch und russisch gelernt. Ist anscheinend dasselbe...’ „Wie Eier und Hoden, Tante Pili?“

„Pfui! Solche Worte nimmt man nicht in den Mund.“

Manuel schwieg erstaunt. Die Jungen in der Gredos spuckten sie oft aus. Um Anerkennung auszudrücken. Zur Verstärkung der Flüche. Die Mädchen nicht. Ihnen entfuhr eher ein erschrockenes ¡por Dios!, wenn sie überdeutlich wahrnahmen, was bei Hunden baumelte, und es sich bei Jungen vorstellten. „Ist Señor Chantecler vom Mi­li­tär?“ frag­te er. „Im Diktatorsrang?“

Zamoras bester Zuckerbäcker ein Diktator! Tante Pili brach in ihr fröhliches Lachen aus. „Weil er einen Schnurrbart hat?“

„Ja“, sagte Manuel, „und was für einen! Mindestens zwei könnte man daraus machen.“

„Ich hasse Schnurrbärte“, sag­te die Tante. „Sie verbergen fast im­mer etwas.“

„Was?“ fragte Manuel.

„Unsicherheit“, meinte Pilar nach einigem Nachdenken.

„Warum sind Leute mit Schnurrbart unsicher?“

„Wenn man das wüßte“, sagte Tante Pili, für die Schnurrbärte nie Gutes bedeutet hatten, „könnte man allerhand Unglück vermeiden.“

„Ist Chantecler unglücklich?“ wunderte sich Manuel. Er mochte den Zuckerbäcker, weil er freundlich war und Bonbons verschenkte oder ein Stück vom Nougat, das er selbst herstellte.

„Vielleicht“, sagte die Tante vorsichtig. „Er hat keine Frau.“

„Ein Mann“, sinnierte Manuel, „der so dicke Bücher schreibt, muß glücklich sein. Oder?“

Pilar behielt dieses Gespräch mit dem Neunjährigen lange im Ge­dächtnis, weil es unkindlich schien, doch darin hät­te sie differen­zieren müssen. Die Ansätze waren sprunghaft und dem Alter eigen, die Durchführung jedoch von unkindlicher Beharrlichkeit. „Chan­tecler schreibt keine Bücher.“

„Doch“, erwiderte Manuel. „Ist sogar ein Bild von ihm drauf, auf diesem Buch mit der Zeit oder so.“

„Ein Buch mit Zeit?“

„Ja, er sucht andauernd Zeit, die er verloren hat.“

Die Tante lachte. „Du hast recht, Chantecler sieht dem Dichter zum Verwechseln ähnlich. Er könnte sein Bruder sein. Allerdings sucht der nicht Zeit. Er gräbt in Erinnerungen.“

„Genau! Ein furchtbar langweiliges Buch.“

„Du Schlingel hast doch nicht etwa drin gelesen? Wäre viel zu früh für dich.“

Manuel schob mit kaum erkennbarer Verachtung die Lippen vor. Jawohl, señora! Er hatte drin gelesen, Seite um Seite. Da kam kein Ritter vor, kein Prinz, nichts, was im Entferntesten Hoffnung auf eine Gefangennah­me und ein bißchen Zappeln in der Gewalt eines anderen mach­te. Sein Urteil stand längst fest: un­lesbar!

Am selben Abend geruhte Hinrichs, ihn anzusprechen. „Der Mann mit dem Schnurrbart war ein guter Mann“, flüsterte er. „Nicht der Georgier, der war fies. Nein, der aus dem Kino. Er liebte sein Volk. Seine Pläne waren auf tausend Jahre angelegt. Aber“, seufzte er, „zu viele Hunde sind des Hasen Tod.“

Manuel versuchte sich zwischen all den Schnurrbärten zurechtzufinden und tippte auf den Burschen, der mit der Weltkugel Pingpong spielte, nach Hinrichs als Hase getarnt – deshalb nuschelte er ein so unverständliches Zeug. „War er dein Freund?“

„Annäherungsweise“, sagte Hinrichs. „Aber davon kannst du noch nichts verstehen.“

Manuel wandte sich gleichmütig ab. Von Freundschaft verstand er unglaublich viel. Er konnte genau bezeichnen, wer von den Jungen in seiner Klasse Einlaß in den unsichtbaren Kreis begehren durfte, den er als Schutzwall um sich gezogen hatte. Er kannte keine Nachsicht mit den Langweiligen, die einer Geschichte nicht folgen konnten oder, schlimmer, nicht fähig waren, eine zu erfinden. Erst recht wurde Gnade jenen verweigert, die ihn unter Androhung von Prügeln zu etwas zwingen wollten, und wären sie als Freunde noch so interessant. Er befahl Süleyman herbei und ließ sie schnellstens köp­fen. Manuels Stärke bestand im Verweigern, er war furchtloser als viele seiner Kameraden. Dennoch mußte er sich ohnmächtig Erpressungen beugen, weil die kreatürliche Angst vor Schmerzen, die ein Stärkerer ihm nach Belieben zufügen konnte, seine Furcht­losig­keit durchbrach. Sah er in den Augen eines anderen, wie der es darauf anlegte, ihm zu schaden, jenes klar erkennbare Aufflackern des Bösen, verspürte er abgründigen Schrecken und eine tiefe Traurigkeit darüber, daß es nicht gelang, mit allen Kameraden gut auszukommen. Die Waffen der Mädchen waren stumpfer. Sie verhielten sich schnippisch, lachten albern, wenn es keinen Anlaß zu lachen gab, oder warfen mit Wörtern wie Blödmann um sich. Das störte ihn wenig: Als Blödmann kam er sich nicht vor.

 

Die Feriensommer seiner Grundschuljahre waren dreigeteilt und glichen einander. Den ersten Monat verbrachte er zu Hause in Salamanca, während Doña Magdalena seine Kleidung ausbesserte und ergänzte sowie die Schuluniform, und die Lehrbücher für das Folge­jahr einkaufte. Den dritten Monat verbrachte er in der Sierra de Gre­dos, die ungebundenste Zeit seiner jungen Jahre. Tante Elvira war um gute Beziehungen mit allen Nachbarn bemüht. Am Wochenende lud sie gelegentlich die Dorfkinder ein, damit Manuel wie von un­ge­fähr engere Freundschaft schließen konnte, und sie sich seiner annahmen und auf ihn acht gaben. Es war eine Gemeinschaft, in der er Neider, doch keine wirklichen Feinde hatte. Seine nach bäuerlichem Verständnis mangelnden Fähigkeiten glich er durch phantasievoll übertriebene Schilderungen kleiner Erlebnisse aus. Sah er, wie seine Kameraden mit ungewöhnlichen Wort­verbindungen zu packen waren und Elviras staubtrockener Napfkuchen nicht rutschen wollte, weil die kleinen Kehlen sich aufgeregt verengten, war er sich seines Einflusses gewiß. So lief zwischen den recht unterschiedlichen Kindern alles friedlich ab, und Manuel widerfuhr, abgesehen von aufgeschlagenen Knien oder anderen Schrammen, nichts Störendes.

Dem schönsten Teil – zwischen Mitte Juli und Mitte August – fieberte er förmlich entgegen, je näher er rückte: Tante Pili fuhr mit ihm volle vier Wochen nach Biar­ritz. Der Atlantik. Ein anderes Land. Eine andere Sprache. Welch grenzenlose Weite für Manuel! Allein die stundenlange Anreise mit der Bahn war ein Abenteuer für sich. Burgos, Miranda de Ebro, Vitoria, San Sebastián und der zeitraubende Grenzübergang mit dem Vorzeigen von Pässen und Papieren, dem Durchwühlen der Koffer, die strengen Polizisten, die ihn sicherlich nicht weiterreisen lassen würden, weil er keinen Paß hatte und ja nicht Tante Pilis Sohn war – oh, welch fürchterlich aufreibender Tag! Und die Freundin von Tante Pili, bei der sie Quar­tier nahmen... So eine Frau hatte er noch nie gesehen: Lange, bis in die Taille reichende rote Haare – hennagefärbt, verglich er später mit so manchem Mädchenhaar –, wallende lange Kleider in lila oder dem Karmesinrot seines Tuschkastens und merkwürdige Schnabelschuhe, die sich wie hüpfende Raubvögel bewegten und dabei leise knirschten. In ihrem stark gebräunten Gesicht glühten schwarzumrandete Augen, die sich hinter einer dunklen Sonnenbrille zurückzogen, manchmal sogar beim Abendessen. Sie sprach ein anderes Französisch als ihre Landsleute. Das fiel nur auf, weil auch Tante Pili das spanische Zungen-R bei allem Bemühen um einen weichen Sprachduktus nicht ablegen konnte. Mon petit coucou, sagte Alaine bei jeder Gelegenheit und drückte seinen Kopf zwischen ihre Brüste, was er gern mochte – wann tat seine Mutter das einmal?

Zwei Etappen in seiner Bildung markierten diese drei Sommer in Biarritz. Zum einen lernte er schwimmen, wenngleich unter großen Mühen, weil er zunächst Arm- und Beinbewegungen nicht zu koordinieren ver­stand. Und das Meer war gemein, gab ihm eimerweise Salzwasser zu schlucken. Alaine ließ ihn eine Weile gewähren. Dann nahm sie ihn an der Hand und führte ihn in ein Schwimmbad, wo sie sich so lange mit ihm beschäftigte, bis es funktionierte. Es funktionierte schon deshalb, weil er Alai­ne anbetete. Ihr Körper war anders als der seiner Mutter und seiner Tanten, so weich und geschmeidig, und sie nahm seine Hand nie fort, wohin er auch griff, sagte höchstens: „Uh, das kitzelt aber!“, und kitzelte ihn zwischen den Rippen oder an den Fußsohlen, worauf er sich in höchster Wonne an sie schmiegte und sie umschlang. Vielleicht war sie seine erste Liebe. Doch diese Frage würde er sich erst stellen, nachdem Alaine unter Umständen, über die Tante Pili niemals Aufschluß gab, aus deren Leben entschwunden war, da­mit aus seinem, und nicht mehr erwähnt wurde.

Zum andern begann sein Einstieg in die Fremdsprachen. Volle vier Stunden erhielt er vormittags Französischunterricht in einem In­stitut. Wahrscheinlich, argwöhnte er, weil die Erwachsenen ihn los sein wollten. Das ließ sich nicht beweisen, und er hätte es nicht aussprechen mögen, lief er doch Gefahr, daß man ihn im nächsten Jahr erst recht los sein wollte und zu Hause lassen würde.

„Man muß nicht alles aussprechen, was einem durch den Kopf schießt“, sagte seine Mutter mahnend, wenn er vorlaut war, und er war oft vorlaut. „Es schickt sich nicht.“

Pili und Alaine empfingen ihn mittags stets in offenkundig guter Laune. Sogar Hand in Hand oder beim Austausch umständlich aussehen­der Küsse auf den Mund, wobei er wie aus Versehen einen abbekam. Nun gut, sollten sie ihn abschieben! – er fühlte sich in der Französischklasse wohl, und unerhört neu war, daß Mädchen dabei saßen und daß man sitzen durfte, wo man wollte, auch neben ihnen. Es gab keine Zensuren, abgesehen vom genauen Anstreichen der Fehler in den schriftlichen Arbeiten. Mit der Zeit, schaute er über die Köpfe seiner Mitschüler, wurde sein Verdacht geschürt, sie alle seien Abgeschobene. Und überdies alle Einzelkämpfer; er vermochte sich schwer vorzustellen, was sie außerhalb der Schulstunden je zusammen treiben konnten, zumal am Strand alles in Nationalitäten zerfiel – man war wieder auf die Muttersprachen angewiesen. Dort durfte er sich nicht außer Sichtweite seiner Tante aufhalten. Er nannte es Bannkreis, ein Ausdruck, den er aus einem Buch, in dem lauter Kobolde vorkamen, entnommen hatte. Vielleicht konn­te eine Meerjungfrau ihn rauben und in die Tiefe ziehen. Der Ge­danke war wenig verlockend, weil ihm nicht gefiel, daß Meerjungfrauen statt Beinen einen Fischschwanz hatten und folglich seine Beine in einen solchen umhexen würden. Möglich wäre auch, von der englischen Familie entführt zu werden, deren Söhne mit ihm den Unterricht besuchten. Pausenlos lutschten sie Pfefferminzbonbons und boten ihm nie eins an. Gewiß besaßen sie ein Schloß und würden ihn im Turm so lange festsetzen, bis er ihnen genügend Spa­nisch beigebracht hätte, damit sie thousands of blue blistering barnacles in seine Muttersprache über­set­zen könnten. Das mit dem Turm malte er sich reizvoll aus, vielleicht wäre er dunkel und eng, und der Fluch war ausdrucksstärker als viele spanischen Flü­che, zog man sei­ne gehörige Länge in Betracht. Es waren die einzigen Kinder, mit de­nen er am Strand spielte. Durch sie lernte er zeitig die Rolle des überflüssigen Dritten kennen. Wann immer es den kleinen Tom­mies – das Wort hatte er von Alaine aufgeschnappt – beliebte, servierten sie ihn ab. Tritte in den Hintern, Sand in die Augen, begleitet von bemer­kens­wert korrektem Französisch: „Va-t-en au diable!“

„Wehr dich“, emp­fahl die Tante herzlos. Ja, wie denn? Statt dessen hexte er. Mit Fischschwänzen klappte es nicht, aber er war sich ei­nigermaßen sicher, die beiden Früchtchen würden mindestens mit zwei steifen Fingern in England ankom­men, oder mit grotesken Klumpfüßen, und binnen Monatsfrist die steile Schloßtreppe hinunterkollern.

Alaine besaß ein Auto. Er haßte den Benzingestank im Innern, trotzdem fuhr er mit. Von Ausflügen in die Umgebung war ihm später nur der nach Roncesvalles erinnerlich. Die Sage vom Ritter Rol­dán, der sich ge­gen die sarazenische Übermacht behauptete, hatte er verschlungen. Ein Mann, der für das Noble kämpfte, ohne den Tod zu scheuen. Warum mußte, um das Noble zu erhalten, so viel Kampf eingesetzt werden? Bedeutete es, daß das Niedrige größeres Beharrungsvermögen aufwies? Schimpfworte waren im Alltag häufiger als Lob, Gemeinheiten an der Tagesordnung, und die Momente der Traurigkeit zogen sich bleiern in die Länge, während das Aufblitzen angenehmer Stimmungen meist nur ein Aufblitzen blieb.

Eines Abends, im Bett, belauschte er ein Gespräch zwischen Alaine und seiner Tante.

„Hast du diesen Faschisten noch im Haus?“

„Worauf liegt die Betonung“, fragte Pilar. „Auf Faschist oder auf Im-Haus-haben?“

„Gehört zusammen“, sagte Alaine. „Ging sowieso immer ein Riß durch eure Familie. Brauchst dich nicht zu schämen dafür.“

„Nett von dir. Du bist ja nie­mand verantwortlich. Es ist ein Akt der Menschlichkeit, jemanden aufzunehmen, der sonst keine Chance mehr hat.“

„So?“ sagte Alaine gedehnt. „Ein Akt der Menschlichkeit?! Soll er doch nach Südamerika abhauen! Dort sammeln sie solche Leute.“

„Du meinst, sie sammeln sich dort“, erwiderte Pilar, ganz Lehrerin, an eine falsche Anwendung des reflexiven Verbs denkend. „Hin­richs und ich, wir haben eine gemeinsame Linie in unser beider Leben. Aber du – du hast es noch nie geschafft, ein längeres Stück We­ges mit einem Menschen zu gehen. Ich kann dir dazu eins zu bedenken geben: Wir sind alle gleich schlecht...“

Ende der Unterhaltung. Den Geräuschen nach folgte eine lange Serie von Küssen.

 

Ja, was war mit Hinrichs, und wer war er? Einmal hatten Leu­te ihn abgeholt, zeitig am Morgen. Sofort hatte Tante Pili telefoniert und den vollen Umfang ihrer Lehrerinnenstimme eingesetzt. Gegen Mittag war Hinrichs wieder zurückgekommen.

„Du gehst aber früh spazieren“, sagte Manuel, der an der Freiwil­ligkeit dieses Spaziergangs Zweifel hegte.

„Ich gehe spazieren, wann’s mir paßt“, kam die schneidende Ant­wort. „Und du kannst eins auf die Nase haben.“

„Ich will keins auf die Nase“, entgegnete Manuel kühn. „Ich...“

„Verschwinde“, brüllte Hinrichs, „raus aus meinem Zimmer!“

Wenn Hinrichs ausging oder, selten genug, verreiste, blieb sein Zimmer verschlossen. Durchs Schlüsselloch zu spähen, wagte Manuel nicht. Der Deutsche hatte ihn gewarnt, sein Ventilator erzeuge Eiswinde bis hin zu minus neunundneunzig Grad, man könne davon erblinden. Die Mahlzeiten pflegte er in Restaurants einzunehmen. Aß er zu Hause, servierte ihm die Tante in seinem Zimmer, zu dem selbst die chacha keinen Zutritt hatte.

Bei seinen Streifzügen durch die Stadt warf Manuel regelmäßig registrierende Blicke durch die blitzblank geputzten hohen Fenster des Casino Me­nestral. Hinrichs nahm dort täglich den Nachmittagskaffee und las Zeitungen, demnach mußte er zahlendes Mitglied sein. ABC durchblätterte er flüchtig, Alcázar erforderte ein genaueres Studium. Stets saß er mit dem Rücken zur Straße. Einmal deutete er mit dem Daumen, ohne sich umzudrehen, scharf auf ihn und zu Boden, so wie Süleyman das Vollstrecken der Hinrichtung anordnete, wenn er jemand zum Tod verurteilt hatte. Manuel wartete nicht auf den Kellner und dessen langes Küchenmesser, das seine Gurgel bis zum Bauchnabel aufschlitzen wür­de. In schnellem Lauf brachte er sich aus der Gefahrenzone. Lange über­legte er, wie Hinrichs ihn hatte entdecken können, obwohl der nie die Straße beob­achtete. Hinrichs Zerstreutheit brachte die Lösung. In Tante Pi­lis Wohnung ließ er ständig Dinge irgendwo liegen, denen er fluchend nachspürte. Einmal fand sich seine Brille im Bad. Jedes Kind hätte sie neugierig aufgesetzt: Die Konsole mit den Toilettesachen erkannte Manuel un­deutlich, doch die Tür hinter sich und die lange Kordel, mit der man das Licht anknipste, bildete der winzige, in ein Brillen­glas eingearbeitete Spiegel scharf ab. Sofort über­nahm er das Verfahren und verfeinerte die Casinoüberwachung von einer Fensterecke aus durch einen Taschenspiegel. Dabei blieb er selbst unsichtbar. Geheimnisvoll wurde es, wenn Hinrichs mit Leu­ten sprach, die offensichtlich fremd in der Stadt waren, weil sie beim Hinausgehen zaudernd im Portal stehen blieben, bevor sie sich für eine Richtung entschieden.

Im Grunde interessierte er sich gar nicht für Hinrichs. Seit er wußte, was ein Spion war und was er tat, gefiel er sich in der Rolle, selbst Spion zu spielen, sich vorzustellen, er wäre von einer fremden Macht beauftragt, Din­ge zu klären, die geklärt gehörten. Das war schwierig. Es erforderte Übung, sich ständig zu verstellen und, wenn es nötig wurde, sich wie ein Baum unter Bäumen zu ver­stecken. Er ging von der festen Annahme aus, Hinrichs sei seit ewigen Zeiten ein Agent, und es war vorstellbar, daß sie sich gegenseitig in gewis­sem Umfang bereits erkannt hatten und nun belauerten. Er wollte sich schon deshalb nicht für Hinrichs interessieren, weil Hinrichs so offenkundiges Desinteresse an ihm bewies. Zu seinem Beruf gehörte es, die wahren Absichten zu verschleiern, wie ja auch Jungen, die sich recht mögen, zunächst einmal mit hocherho­bener Nase aneinander vorbeigehen. Aber es kränkte Manuel, der wenig männ­liche Erwachsene in seinem Umfeld hatte und so gern einmal von kräftigen Männerarmen gedrückt worden wäre, daß Hin­richs von ihm gar nichts wissen wollte. Manuel besaß keinen Vater mehr, damit hatte er sich abgefunden. Doch daß keine seiner Tanten einen männlichen Partner hatte, der ihm die Hand entgegengestreckt und ihn herumgewirbelt hätte, stimmte ihn traurig. In langen Gedan­kenketten pfleg­te er seiner Mutter die Schuld daran zu geben. Sie hatte es nicht geschafft, seinen Vater bei sich zu halten. Ihre flüch­tigen Part­ner waren mit den Vätern seiner Freunde keinesfalls ver­gleichbar. Zum Beispiel der Finanzbeamte, der vor kurzem zum Zoll versetzt worden war und seitdem eine schwarze Aktentasche her­um­schleppte, auf der Administración de Aduanas stand, in goldenen Buchstaben, dazu das Staatssiegel, das aussah wie ein gekreuzigtes Brathuhn. Noch nie hatte er ein Geschenk mitgebracht, und bei den wenigen Anlässen, da er des Jungen ansichtig wurde, verhielt er sich dermaßen affig, als ob er einen Vierjährigen vor sich hätte. Manuel schüttelte sich. Warum kam er mit Männern nicht in Tuch­fühlung? War er zu wenig Junge? Oder wollten sie lieber ein Mäd­chen und er bot zu wenig Mädchen? Vielleicht war er ein Nichts.

Im letzten Sommer, bevor er ins Gymnasium wechselte, geschah Rätselhaftes in Biarritz, der nun vertrauten Stadt. Glücklich durchstreifte er die von quirligem Leben erfüllten Straßen, die Plätze, den Strand. Die Sichtweiteregel war zwar nicht aufgehoben worden, aber gelockert, bestand nur noch als eine jener Wort­hülsen, von denen die Tante reichlich auf Lager hatte. Nun konnte er sich selbst an Markttagen frei bewegen, wenn die Bauern aus der Umgebung mit klobigen, von Eseln gezogenen Karren hereinfuhren und über die Passanten fluchten, die nicht ausweichen wollten.

Das leichte französische Sprachgezwitscher wußte er vom harten Baskisch inzwischen zu unterscheiden, und die Nationalität der eng­lischen und deutschen Urlauber bestimmte er ebenso an ihrer Unterhaltung, dank Hinrichs, der in Zamora täglich Kurzwelle hörte, BBC und einen deutschen Sender. Manuel hatte oft vor seiner Tür gestanden, das Ohr ans Holz gepreßt, und zugehört. Hinrichs gab Kommentare ab, ein­silbig, lautstark – Flüche, vermutete Manuel. Der Deutsche schal­tete blitzschnell auf spanische Flüche um, wenn er die Tür aufriß und fast über den Knaben fiel: ¿Coño, qué buscas delante de mi puerta? Manuel schwenkte Kehrblech und Handfeger, als habe er den Auf­trag zur Säuberung des Korridors. Misión cumplida, meldete er. Sich zu verstellen gehörte zu Kundschafterauf­gaben wie solche Kurzformeln aus der Militärsprache, die ein Ge­ne­ralssohn unter seinen Schul­ka­me­ra­den perfekt beherrschte.

In jenen letzten Ferien in Biarritz also, im Gewühl eines Markttages, war er hinter zwei verlockenden langen blonden Zöpfen her. Das Mädchen war um einiges größer als er und trottete an der Hand einer Gouvernante dahin. Seine Aufgabe lautete, die Spange am Ende eines Zopfes zu lösen, ohne daß es die Besitzerin bemerken würde. In der Spange würde ein Papierkügelchen mit weiteren Anweisungen stecken, in Geheimschrift. Freilich mußte er scheitern, weil er keinerlei Kenntnisse über Haarspangen und deren Verankerungstechniken besaß und folglich der unvermeidliche Zug am Zopf dem Zug an einer Klingelschnur glich. Schnell wurde man auf ihn aufmerksam. Die Gouvernante vermutete weniger einen Spangen- denn einen Taschendieb, hielt ihn fest und durchsuchte seine Hosentaschen. Manuel begann mit seiner hellen Stimme zu ze­tern. Er trat der Wächterin über die Zöpfe gegen das Schienbein, als seien es adelige Gummistiefel, während das blonde Mädchen hit­zig seine Schienbeine traktierte. Geschrei im Chor – und wie bei mancherlei Geschrei ging es um nichts. Allenfalls um die Untermalung bunten, bewegten Tagesgeschehens, in das sich ein dröhnender Baß mischte. Hinrichs baute sich vor der Erzieherin zu seiner schweren Größe auf und schnauzte sie an. Manuel lernte ein neues Prinzip ken­nen: Die Gewichte in den Waag­schalen des Rechts lassen sich beliebig austauschen, wenn ein Vergehen gegen ein anderes steht.

Sofort klassifizierte Tante Pili das Geschehnis. „Laß dir von keinem in die Hose greifen“, sagte sie. „Von niemand! Hast dich gold­richtig verhalten, gleich um Hilfe zu rufen.“

Wieso aber wie aus dem Nichts seine Mutter im Bistro gegenüber saß, samt ihrem Zöllner, wurde ihm nicht erklärt noch der Umstand, wieso alle sich auf einmal so gut verstanden. Doña Magdalena hatte Hinrichs nie erwähnt und schweigend die Achseln gezuckt, wenn Manuel nach ihm gefragt hatte, das bedeutete, eine Unperson zu bezeichnen. Manuel schöpfte Verdacht, alle Ferien in Biarritz könnten nach diesem rätselhaften Muster abgelaufen sein. Den Beweis dafür zu finden, war eine Aufgabe, vor der er sich hilflos vorkam; das Wort überfordert kann­te er noch nicht. Sein Verdacht weitete sich zu einem Gedankengespinst, kühne Phantasien einschließend. Möglicherweise war nicht nur Hinrichs Agent, sondern auch der Steuereinnehmer, ja vielleicht hat­ten sogar seine Mutter und seine Tanten zu gewissen Zeiten ihres Lebens spioniert. Wahrscheinlich oder sogar ziemlich sicher war sein Vater Agent gewesen oder war es noch und folglich gar nicht tot. Agen­ten fälschten Nachrichten, sie schlüpften in andere Leben, sie wechselten die Partner, ihre Lie­ben und die Orte, an denen sie sich aufhalten mußten, wie schmut­zige Hemden. Die Erkenntnis, in eine Familie von Lügnern hin­eingebo­ren zu sein, war niederschmetternd. Es brachte ihn schier um. Konnte nicht alles Vertraute sich von heute auf morgen auf­lösen? Würden die geliebten Menschen verschwinden und ihn allein zurücklassen? Seufzend wälzte er sich an jenem Abend lange im Bett herum, ohne Schlaf zu finden. Falls es gelänge, die unverständlichen Sachverhalte in Fragen aufzulösen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden konnten, würden untereinander unsinnige Ergebnisse bleiben, dessen war er gewiß. Folglich war das klare Ja oder Nein nicht möglich. Frühzeitig übte der Knabe sich so in den untersten Kategorien logischen Denkens.

 

Ein schwacher Punkt Manuels, den er später fälschlich aus seiner fragilen Konstitution ableitete: Er kränkelte schnell mal. Nicht we­gen jener Infektionen, die jedes Kind durchmachen muß, die sich bei ihm heftiger austobten als bei seinen Kameraden – er litt zu häufig unter Anginen. Dr. Fès empfahl das frühzeitige Entfernen der Mandeln, wollte damit jedoch gemäß einer unlängst in Medicina general erschienenen Abhandlung bis zur Geschlechtsreife war­ten.

Magdalena assoziierte es mit einer verkappten Form von Kastration und sagte sinngemäß: „Nur über meine Leiche, Doktor!“ Und präziser ihre Entrüstung in Worte fassend: „Was immer mit meinem Sohn werden wird, seine Eier sollen heil bleiben!“

Dr. Fès lächelte flüchtig, da sie ihn derart mißverstanden hatte. „Die muß ich so­wieso abtasten“, sagte er. „Wir wollen wissen, ob sie sich so ent­wickeln, wie sie es sollen.“

Magdalena argwöhnte ein übermäßiges Interesse, sich ihrem Jungen zu nähern, und setzte die Arztvisiten aus. Ihre me­dizinischen Kenntnisse entstammten veralteten Gesundheitsbüchern, die die geschlechtsspezifische Entwicklung nur vage streiften. Also horchte sie in den eigenen Körper hinein. Wie das mit ihr gelaufen war, konnte sie als Mosaik zusammensetzen, in dem kaum ein Steinchen fehlte, weil sie sich mit den Schwestern darüber beraten hatte, zumindest in gewissem Umfang. Aber es waren nirgends Jungen in der Familie gewesen. Sie seufzte spitz, wie immer, wenn Unwissen die Wege zur Erkenntnis blockierte. In geschickter Form mißbrauchte sie die wöchentliche Beichte in der Kathedrale, um Aufschluß zu gewinnen. Der Zeitpunkt der Inspektion, die der Priester als unumgänglich bezeichnete, war anscheinend bereits überschritten, und als Ort der Handlung wurde wiederum eine Arzt­praxis empfohlen. Nein, nicht Dr. Fès! Doña Mag­dalena traute ihm nicht. Er war unverheiratet. Wie Chantecler. Dubiose Junggesellen. Hatten keine novia!

Sie wählte einen anderen Weg. Bei den Wochenenden in der Gredos durfte Manuel einen Kameraden einladen, eine Auszeichnung, um die die unverwöhnten Landbuben sich rissen. Es bedeutete gutes Essen, Spiele am runden Tisch, für die zu Hause keiner Zeit hatte, und nicht zuletzt die wöchentliche Reinigung des Körpers in einem gekachelten Bad mit einer großen Wanne, warmem Wasser und feinduftender Seife. Man durfte nach Herzenslust planschen und herumspritzen. Keine Aufsicht. Nur irgendwann die übliche Frage Tante Elviras durch den Türspalt, ob sie sich die Ohren gewa­schen hätten. Ja. ...Auch dahinter? Ja, ja!

Die Kontrolle durch Doña Magdalena, die selten mit nach Montemayor de los Baños fuhr, kam unangemeldet. Ihre Frage klirrte wie ei­ne Kneifzange: „Habt ihr euch zwischen den Beinen ge­waschen?“

Verlegenes Schweigen. „Klar“, brachte Manuel nach einer Weile mutig hervor, während Chirri vorsichtig ein Stück weiter eintauchte.

„Lügt nicht!“ Doña Magdalena schob mahnend die Brille zurecht, was für Manuel gleichbedeutend war mit dem Aufdecken seiner Fehltritte. Sie zog den Nachbars­jungen energisch aus dem Wasser, befühlte sein Säck­chen und sagte: „Da war bestimmt noch keine Seife drauf.“

Dasselbe wiederholte sie bei ihrem Sohn. Der Vergleich ließ sie aufatmen: Kein Unterschied festzustellen. Und an Chirris Gesundheit gab es keine Zweifel, er war rotbackig wie ein Apfel und robust wie ein Fohlen. Doña Magdalena beneidete die Bauern um solche Sprößlinge. Nie würden sie einen Arzt brauchen. Ihre Entwicklung verlief in ebenso natürlichen Bahnen wie die der Haus­tiere.

„Ihr Jungen müßt euch dort richtig waschen“, mahnte sie und ver­wischte damit erneut die wahren Absichten. „Mehr als einmal in der Woche.“

„Mädchen müssen das nicht“, maulte Ma­nuel.

„Unsinn“, sagte seine Mutter. „Müssen sie. Täglich. Aber wehe, ihr faßt sie dort an!“

Im Hinausgehen hörte sie Manuel sagen: „Ich habe größere Murmeln als du.“

Chirri erwiderte: „Ist nicht sicher. Zeig noch mal! Mir kommt vor, mein Schwanz ist länger als deiner.“

Durch Chirri wurde Manuel sich seines Körpers bewußt. Der Bauernjunge weckte in ihm Neugier auf sich selbst, wenn der sich un­befangen auszog oder nach dem Wannenbad genüßlich lange abtrocknete, wobei das Frotteehandtuch wie der Schleier einer Flamencotänzerin um ihn herumwedelte. War er fertig, fragte er jedesmal mit leuchtenden Augen: „Darf ich mit dir kämpfen?“ Er durfte. Weil er Manuel nie weh tat. Weil Manuel die Nase gern an Chirris Körper preßte, an seine Haut, die auch nach der Badestunde weniger nach Seife duftete als nach den unzähligen, seltsamen Kräu­tern der Gredos, deren Namen er nach und nach buch­stabieren lernte wie ein zweites elementares Alphabet.

Seine Mandelentzündungen dauerten jeweils einige Tage, an denen er ins Bett gepackt wurde, mit einer Wärmflasche auf dem Leib und dem weißen Emailnachttopf unter dem Bett, damit er nicht über den kalten Flur gehen mußte. An sich herrlich verlaufende Tage, bis auf das schlimme Kratzen im Hals und den vom Kopfschmerz geplagten, mit Säure gefüllten Schädel. Auf einem taburete stand das Radio neben dem Bett, das vom Speisezimmer eigens für ihn umgeräumt wurde. Geduldig erforschte er es auf allen Wel­len­längen, starrte gebannt auf das resedagrüne, magische Auge, das weit aufgerissen blieb, solange außer Rauschen nichts zu vernehmen war, bei manchen Sendern, deren Empfangsstärke stark schwankte, blinzelte und die Lider erst bestätigend zusammenkniff, sobald die Aufgabe des Ab­stimm­knopfes erfüllt war. Dann dröhnte Musik oder Sprache im Lautsprecher und die Stoffbespannung darüber erbebte. Manuel hielt diese Apparatur für ein Wunder. Noch in seiner späten Schulzeit, nachdem er die zugrun­de liegenden physikalischen Eigenschaften eingehender studiert hatte als viele seiner Kameraden und seitens der Theorie nichts Uner­klärliches blieb, schien ihm das Phänomen miteinander kommunizierender Schwingkreise über riesige Distanzen hinweg eines der größ­ten Mirakel des Universums. Anders als miteinander kommunizierende Gefäße, in denen Flüssigkeiten stets gleich hoch standen. Das war einleuchtend, logisch und so einfach wie eine Wippe, Gleich­gewicht bei gleich schweren Körpern. Was er selten erlebt hatte: Meistens ließ der schwerere Po seine Seite nach oben schnellen, tückisch hoch über den Boden. Dabei wurde ihm leicht übel; schwindelfrei war er eigentlich nur bis zur eigenen Körperhöhe.

Ob Priester ein Radio mit besonderen Wel­len besaßen, Wellen, die ungeheuer schnell schwangen oder unendlich weit reichten? Ja, derartiges mußte ihnen zur Verfügung stehen, um mit Gott reden zu können! Man hatte sich das als Einbahnstraße vorzustellen. Gott ließ ja nicht mit sich reden. Er gab die Anweisungen und hielt im übrigen die Hand ans Ohr, weil er leicht schwer­hörig war. Ant­wor­ten tat er nie. Wahrscheinlich war er tatsächlich, wie die Padres behaupteten, bei jeder Beichte zugeschaltet. Demnach bestand eine überall gleichschwingende Welle für Beichtstühle, ausge­löst durch die Schelle, die den Priester herbeirief. Oder es gab einen geheimen Knopf in der Türangel: Öffnete man die Tür, begannen die Wellen zu brausen, beim Schließen passierte nichts. War die Beich­te vorüber und Absolution gespendet, wurde die Tür wieder ge­öffnet, die Welle verebbte. Die Tage der Bettruhe boten genügend Muße, den Gedanken auf Folgerichtigkeit zu überprüfen und den kühnen Schluß zu ziehen, ein zwischenzeitliches, unnötiges Betätigen der Tür müsse die Reihenfolge durcheinanderbringen. Gott wäre bei einem leeren Beicht­stuhl auf Empfang und vernähme nichts außer Grundrauschen, bis er einen Elektriker schic­ken würde, um die Sache wieder einzurenken.

Die nächste Angina war selten hef­tig. Sein Kopf vernahm das Grundrauschen ohne aufgedrehtes Radio, und Manuel gewann die Ein­sicht, er werde für lästerliche Gedanken gestraft. Er sandte ein Entschuldigungsgebet über die Wellenlänge, auf der er den Schöpfer lauschend vermutete, in den Äther. Aber gleich lästerte er wieder, weil er den Gedanken nicht unterdrücken konnte, Gott treibe in der Freizeit Sport, indem er wippte. Ein wippender Gottvater, durch einen außerordentlich feisten Engel auf der Ge­genseite halbwegs im Gleichgewicht gehalten.

Er fragte die Spielkameraden in der Gredos, wie weit weg sie Gott glaubten. Verdrossen dribbelten sie mit dem Fußball im Kreis. Das Thema schmeckte ihnen nicht.

Nur Chir­ri meldete sich zu Wort. „Er ist dort oben“, behauptete er und wies in Richtung der Steinadler, die gemächlich unter dem leeren blauen Himmel weite Kreise zogen.

„Sicher?“ fragte Manuel.

„Er ist in ihnen“, kam nach langer Bedenkzeit die Bekräftigung, während Chirri die Augen fest auf die majestätischen Vögel gerichtet hielt. „Und er muß in uns sein. Sonst wären wir nicht.“

Manuel war beeindruckt. Die Einsicht, sie wären ohne Gott nicht vorhanden, war ihm noch nicht gekommen. In der Folge hielt er Chirri für einen größeren Denker als sich selbst und versuchte, sich diesem Spender unverhoffter Weisheit mehr zu nähern.

Einfach war das nicht. Durch die Erfordernis einer gewissen finanziellen Basis waren wenige Arbeiterkinder im Gymnasium dabei und die nur, weil die Kirche die besonders Begabten heraus­pickte und unter ihre Fittiche nahm. In den frühen Jahren seiner Wo­chen­enden und Ferien in der Sierra de Gredos wurde ihm der Status seiner Herkunft vage bewußt. Es war keine adelige Herkunft, doch die Dorfkinder sahen alle für adelig an, die aus begüterten Familien kamen. Bei seiner Familie konnte man nicht von reich sprechen, vielleicht nicht einmal von begütert. Immerhin waren Not oder gar Hunger unbekannt, und schmaler Luxus zeigte sich in der Ausstattung der Wohnungen, insbesondere im Landhaus Tan­te Elviras, in dem wertvolle, jahrhundertealte Möbel des schweren kastilischen Aristokratenstils Besuchern aus dem Dorf gehörigen Respekt einflößten. Chirri blickte zu Manuel auf, was Manuel irritier­te, weil er sich unterlegen fühlte. Dabei hätte er nicht in Worte fas­sen können, worin diese Unterlegenheit sich niederschlug. Bemer­ken tat er sie an kleinen Dingen, die ihm widerwärtig waren und anderen Kindern offenbar nicht. Mit Bällen spielen, zum Beispiel. Es machte ihm Angst, den Ball an den Kopf gedonnert zu krie­gen oder in den Bauch. Er drehte sich abwehrend weg und taug­te so keinesfalls als Mitspieler. Er haßte Springseile, seitdem er sich darin verheddert hatte und mit aufgeschlagenen Knien liegenge­blie­ben war. Er war unfähig, auf Bäume zu klettern. Schaffte er es dennoch, den Sitz in einer Astgabel einzunehmen, wurde es schwer, die Balance zu halten, und nach unten sehen hieß, die Möglichkeit anzuzweifeln, jemals wieder sicheren Boden zu erreichen. Dabei war all das für ihn selber nicht wichtig, für sein Auftreten in Montema­yor hingegen schon, weil die Kinder dort solche Fähigkeiten für an­geboren hielten. Und jeder dieser Kameraden war nur samt der Clique zu haben. Manchmal versuchte er Chirri herauszureißen, weil er ihn recht gut leiden konnte und für sich haben wollte, diesen Jungen mit dem ungekämmten, rebellisch aufgestellten Haar und dem weit aufgeknöpften Flanellhemd, aber es gelang sel­ten, weil sich meistens jemand dazugesellte. Und dann hatte er, einmal im Hause Tan­te Elviras angekommen, unbeschränkt Zeit, während den Dorf­kin­dern bis zu den kleinsten in ihren Familien diese oder jene feste Aufgabe zugewiesen und damit die Zeit zum Spielen knapp be­messen war, noch gekürzt durch die Beichte samstags und Chorkna­bendienste am Sonntag. In den Sommerferien in Biarritz fiel Ma­nuel auf, daß Mädchen und Jungen dort ungezwungen in den Sprachkursen zu­sam­men lernten und am Strand miteinander spiel­ten. Auch in der Gredos waren Mädchen dabei, aber sie hatten nichts zu bestimmen und blieben lieber unter sich.

Aufregend gestalteten sich die Wochenenden, wenn Tante Elvira Leute einlud, aus Madrid, Salamanca oder Ávila. Manchmal zählte Manuel zehn Personen, deren Unterbringung keine Schwie­rigkeiten bereitete, da das große Haus alle wie eine Ritterburg schluckte. Außer Tante Pili oder, selten, seiner Mutter waren keine Verwandten unter Leuten, die als Freunde des Hauses bezeichnet wurden. Kinder brachten sie nie mit, schmerzlich für Manu­el, der an solchen Abenden früher als sonst ins Bett geschickt wurde. Aus Gründen von Agentenbesprechungen, vermutete er. Der Verdacht ließ sich nicht erhärten, wenn er heimlich wieder aufstand und, das Ohr an die alten Eichentüren gedrückt, die vielstimmigen Gespräche belauschte. Nie fiel der Name Hinrichs oder das Wort Caudillo, das er wiederum von Hinrichs aufgeschnappt hatte. Elviras Freunde tranken viel Wein, wenn Schach gespielt wur­de oder irgendein anderes kom­pli­ziertes Brettspiel. Bei den Kar­ten­spielen durfte er gelegentlich dabeisein. Man brachte ihm bei, wie Karten gemischt wurden, und er durfte sogar die Bank verwalten, wenn um Geld gespielt wurde, oder die Punkte anschreiben, nachdem man erkannt hatte, wie gut er mit Zahlen umgehen konnte.

„Der Beste im Rechnen.“ erklärte Tante Elvira stolz. „Bringt eine Zehn nach der andern nach Hause.“

Seine Dienste wurden damit belohnt, ihn mit Biskuits und Schokolade vollzustopfen, bis der Magen zu rebellieren drohte. Dazu erklärte die Tante: „Wenn das Mäuschen satt ist, schmeckt das Korn bitter.“ Vorsorgend stellte sie ein Gläschen Pepsinwein hin und war­tete, bis er trank. Es schmeckte so gut, daß er öfters Magendrücken vorschützte, um in den Genuß zu gelangen. Den echten Wein bekam er nicht zu probieren, die Flaschen waren unter Aufsicht. Also goß er die Re­ste aus den leeren Gläsern zusammen, die in der Spüle stan­den, meist nur Tropfen, selten ein kleiner vergessener Schluck. Eine Enttäuschung – der frisch gepreßte Orangensaft, den die Tante im Winter auf den Frühstückstisch stellte, war weit besser.

„Junger Herr“, sagte die chacha strafend, „in deinem Alter trinkt man noch keinen Wein. Das macht einen dummen Kopf.“ Von ihr hatte er nichts zu befürchten, sie petz­te nicht, das hatte er durch geschicktes Anwenden des Wie-weit-kann-ich-gehen? herausgefunden. Gern ritt er auf ihren Schenkeln, und er glaubte, auch sie war dafür empfänglich. Sie faßte ihn an den Beinen und schob ihn über den Abgrund hinter ihren Knien, bis er mit den Armen um Hilfe ruderte. Oder er rollte sich, wurde er schläfrig, in ihrem weichen Schoß zusammen. Breite Schultern und starke Hüften machten sie zu einer begehrten Arbeitskraft. Mühelos stemm­te sie einen Sack Kartoffeln von fünf­undzwanzig Ki­lo. Er vergaß dieses starke Mädchen schon deshalb nicht, weil sie Manuela hieß. Und weil er sie mehrmals pa­pá genannt und sie nicht widersprochen hatte.

Seine mamá hatte papá gehabt. Tante Pili lebte mit Hinrichs. Was war mit Elvira, der ältesten der drei Schwestern? Es gab Andeutungen, dunkle Umschreibungen einer unglücklichen Liebe, die in Kriegszeiten zerbrochen war. Manuel wurde älter und verglich mit seiner Mutter. Ein entlaufener Liebhaber? Wäre es ein Soldatentod gewesen, dessen sich eine allein gebliebene Frau in gewisser Weise schmücken konnte, hätte es vermutlich irgendwo ei­ne Nische ehrfürchtigen Gedenkens geben müssen, eine lorbeerumrankte Vignette oder ein schlichtes Holzkreuz mit einer dann und wann brennenden weißen Kerze. Bei Elvira fand sich nichts von all dem, und sie war die einzige aus der Fa­milie, die nie mit nach Biar­ritz fuhr.

Gerade das ermunterte Manuel, eine Fangfrage auf Hinrichs abzuschießen, ein kleines Meisterwerk für einen blutjungen Spitzel. „Hält Tante Elvira ihren Freund irgendwo versteckt?“

Hinrichs grinste schief und freudlos. „Hat nie einen gehabt, der es länger als drei Tage mit ihr ausgehalten hätte.“ Ein Hinrichs, dessen Mißtrauen sich zu spät regte: „Du bist viel zu klein, um so etwas zu verstehen.“

War er nicht, fand Manuel. Hatte man keinen Vater, der einen jederzeit fest umarmte und hielt, bei dem Löcher in den Bauch fragen selbstverständlich war, machte man sich zwangs­läufig Gedanken über die Zuverlässigkeit al­ler anderen Arme, die einen halten konnten. Leider nur weibliche Arme. Und Beine in Röcken. Zähl­te Hinrichs auf der Seite derer, die Hosen anhatten? Er zählte – aber Vorsicht! Es mochten Hosen sein, in denen Blut kleb­te und Mörderbeine steckten. Ihm war klar, daß Spione eine dienstliche Erlaubnis zum Töten besaßen. Sie benutzten Schießgewehre und mit Gift eingeriebene Messer oder, mußte es ohne Gerät bewerkstelligt wer­den, stäh­lern trainierte Hän­de, die sich solange um die Gurgel legten, bis man erstickt war. Oh, auf der Hut sein! Hinrichs und die kaum merk­lichen Re­gun­gen in seinem Pokergesicht stets im Auge behalten!

 

Richtig anlegen tat er sich mit Hinrichs nur ein einziges Mal. Aus Übermut. Vielleicht, um herauszufinden, was Hinrichs tun würde, wenn er ihn aus seiner Elefantenruhe brachte. Der Deutsche hat­te eine elektrische Kochplatte in sein Zimmer gestellt, um für die Zubereitung des Kaffees, den er ständig aus einem dickwandigen weißen Porzellanbecher trank, auf niemand angewiesen zu sein. Wollte er sich Bewegung verschaffen, schritt er, das dampfende Glas in der Hand, den Korridor auf und ab. Das Resultat der von Manuel ausgestreuten Kichererbsen war das vorausberechnete: Der schwere Mann donnerte zu Boden, und der Kaffee, stark wie Säure, richtete eine ziemliche Schweinerei auf seiner Kleidung an. Wie oft in seinem späteren Leben dachte Manuel zu sehr an das mit großem Vergnügen verbundene Gelingen eines sauber ausgeheckten Planes und zu we­nig an mög­liche unangenehme Folgen, in diesem Fall eine fürchter­liche Ohrfeige des Wütenden, die ihn so sauber fällte wie ein mor­sches Stämm­chen. Er befürchtete, Hinrichs klobige schwarze Schu­he würden nun auf ihn losgelassen wie die Dobermänner, von denen der Deutsche manchmal sprach. Doch schritt die Tante ein, vom Höl­len­krach alarmiert.

„Wenn du ihn noch mal schlägst“, rief Pili, „kannst du eine Zeitlang auswärts essen und deine Wäsche waschen lassen, wo du willst, nur nicht hier.“ Seine Anschuldigungen im Keim erstickend, schob sie nach: „Kinder hecken Streiche aus. Such dir ein Haus ohne Kinder, wenn du damit nicht zurechtkommst.“

„Du hast keinen Grund“, schnauzte er sie an, „diesen gräßlichen Fratz dauernd aufzunehmen.“

„Dieser Fratz“, zischte sie mit gefährlich leiser Stimme, „ist mein Neffe. Ich liebe ihn. Er wird hier sein, wann er will.“ Dann schlug sie Hinrichs blitzschnell mit dem Kochlöffel auf die Backe. „Und du wirst dir überlegen müssen, wie lange du hier sein willst. Wenn du verstehst, was ich unter gräßlich verstehe.“

Der deutsche Koloß hielt sich in eisiger Wut die Wange, an der Bratensoße herabtropfte. Er wankte. Ein seelisches Wanken vor so viel Festigkeit. Ein ungeordneter Rückzug, bei dem er über die Türschwelle stolperte und beinahe zum zweitenmal hingeschlagen wäre.

Die Tante untersuchte Manuels Nase. Sie stillte das Blut mit einem Taschentuch. „Hol den Besen und feg die verdammten Erbsen zusammen. Dann bring mir den Rohrstock!“

 Manuel gelang es, mit zusammengebissenen Zähnen jeden Schmerzenslaut zu unterdrücken, der dem Deutschen Schadenfreude verschafft hätte, aber er ahnte nicht, daß gerade heroisches Durchhalten die Züchtigung verlängerte. Verzückt schnaufte Pilar bei der tadellosen erzieherischen Arbeit. Der Neffe hatte den Hinrichs zugedachten Teil mit abgebüßt. „Den Rest des Tages“, sagte sie, „wirst du Besen und Rohrstock an ihrem Standort Gesellschaft leisten. Genügend Muße, darüber nachzudenken, wie wenig es bringt, mit Leu­ten wie Hinrichs Scherze zu treiben.“

Wie recht sie hatte! Bei einem anderen, weit nichtigeren Anlaß, der Hinrichs in gleicher Weise hochbrachte, schlug er ihn nicht mehr, zwang ihn jedoch, mit zur Wand gerichtetem Gesicht in einer Korridorecke zu stehen. „Bis du Reue zeigst, dummer Bengel.“

„Ich bereue“, behauptete Manuel sofort, weil er diese offenbar deutsche Strafart schlimmer fand, als geschlagen zu werden.

„Übereile Er nichts!“ sagte Hinrichs. „Rühre Er sich ja nicht vom Fleck!“

Manuel schien es ratsam zu gehorchen, weil Tante Pili außer Haus war. So stand er stocksteif, während Hinrichs bei offener Tür unablässig an ihm vorbei patrouillierte und ihn in stinkigen Zigarrenrauch hüllte. Manuel berechnete seine Schritte und riskierte einen Blick ins Zim­mer, aber außer Papierstapeln auf dem Schreibtisch und dem stummen Spionenradio bekam er nichts zu sehen.

„Stehe Er grade!“ befahl Hinrichs. „Sonst wird aus Ihm kein gu­ter Soldat.“

„Ich werde kein Soldat“, sagte Manuel, aufgebracht durch die Di­stanz, die der Deutsche mit der Anrede in der dritten Person zwischen ihnen errichtete.

„Wie das? Kann Er mir einen guten Grund dafür nennen, vorlauter Pimpf?“

„Es gibt keine guten Gründe, Soldat zu werden. Weil man totgeschossen wird. Also kann man gleich ins Wasser gehen. Oder sich auf­hängen.“

„Und das Vaterland?“ fragte Hinrichs. „Sollte es Ihm der Verteidigung nicht wert sein?“

„Welches ist mein Vaterland?“ fragte Manuel. „Deutschland? Weil mein Vater im Krieg dort gewesen ist? Oder Spanien, wegen meiner Vorfahren? Oder Frankreich mit unseren in alle Winde zerstreuten Verwandten? Können Sie mir das sagen?“

„Schnickschnack“, schnarrte Hinrichs. „Man muß verteidigen. Zuerst das Vaterland. Dann sich selbst. Oder auch umgekehrt.“

„Ich kann nichts verteidigen“, sagte Manuel. „Bin zu schwach. Und ich will es auch nicht.“

Hinrichs verschwand in seinem Zimmer. Eine Schublade knarrte. Manuel hörte ein merkwürdiges Klicken und bekam eine betäubende Ladung Tabakqualm in die Nase. Dann spürte er einen harten Gegenstand an der Schläfe. Der kühle Stahl jagte ihm einen entsetzlichen Schreck ein.

„Weiß Er, was man mit Drückebergern macht? Man erschießt sie. Rechtzeitig. Bevor sie Verrat anstiften können.“

Manuel stockte der Atem. Er fand keine Antwort mehr und keine Formulierung für das, was sich abspielte. Er hielt es für einen Süley­man-Traum. Der Dolch war an seinem Hals angesetzt, um ein Geständnis zu erpressen. Zu schweigen wie zu gestehen war sinnlos. Süleyman hatte seinen Tod bereits beschlossen.

„Ha!“ höhnte Hinrichs, „wieso ist Er jetzt so schweigsam?! Spreche Er mir nach: Ich werde mein Vaterland verteidigen. So wahr mir Gott helfe.“

Manuel sprach es nach, vor Furcht schlotternd.

Am Abend nach diesem Vorfall verschob er es in die Kundschafterebene, auf der man nicht die Wahrheit zu sagen brauchte. Falls es gar nicht anders ging, versprach man sie für diesen Moment, nach dem sie aufhörte, Wahrheit zu sein, so wie andere un­ter Zwang gemachte Vereinbarungen von vorn­herein ungültig waren. Trotzdem schämte er sich später immer wieder, wenn er Gefälligkeitsaussagen über die Lippen schicken mußte.

Seiner Mutter legte er den Sachverhalt abstrakt vor. „O mein Jun­ge!“ rief sie. „Nie würde dir jemand die Pistole auf die Brust setzen. Du bist kein Mensch, der dazu herausfordert, ein klares Ja oder Nein erzwingen zu wollen. Gott sei Dank wirst du nie einer dieser lächerlichen Kämpfer sein, die für haarspaltende Wörter das Leben aufs Spiel setzen würden.“

Es deckte sich mit dem, was er, ver­worren und unfähig, es auszudrücken, über sich selbst empfand. Blieb der Tatbestand, daß Hinrichs, dessen Wut er durch den Tabakqualm gerochen hatte, ihn bei­nahe erschossen hätte. Sollte er sich der Tante anvertrauen, bevor man ihn mit den Füßen voran aus dem Hause trüge?

Das wurde überflüssig. Tags darauf sagte Hinrichs nachgerade leutselig: „Bleibt unter uns, das von gestern, verstanden? Nennt man Mutprobe, so was. Hast dich dabei gut gehalten. Ein anderes Kind hätte sich in die Hosen geschissen.“ Ein wohlwollender Blick schloß die Beurteilung unter nahezu Ebenbürtigen ab, Agenten unter sich. Fortan behandelte Hinrichs ihn respektvoller.

Einmal noch, vielleicht ein Jahr später, gab es ernsthaft Hader zwischen ihnen. Tante Pili mußte eine Zeitlang, weil der Deutsche zu sehr abgemagert war, täglich Fleisch braten. Gern tat sie es nicht. Sie selbst aß wenig Fleisch, und der Bratendunst, der ständig in den Kleidern und der Wohnung klebte, war ihr zuwider.

Manchmal trug Manuel die Speisen vor Hinrichs Zimmertür, und einmal konnte er nicht an sich halten, damit herauszuplatzen, wie er es empfand: „Für den Fleischfresser. ¡Toma!

Einen Moment stand Hinrichs stumm und grinste dünn, weil ihn das Wort carní­voro belustigte. Aber das patzig hingeschleuderte ¡to­ma!, mit dem einem Hund die tägliche Ration vorgeworfen wür­de, war das Zünglein an seiner Zorneswaage. Er schob den Tel­ler auf den Schreibtisch und sagte: „Zum Fleischfresser gibt es Fußnoten.“

Eine blitzartige Ohrfeige stimmte Manuel auf die nachfolgende Moral ein.

„Der Ausdruck schickt sich nicht für ein Kind, daß das, was es sieht, nicht einzuordnen weiß. Vielleicht wäre unsere Gattung ohne Fleischverzehr längst ausgestorben. Wie die großen Saurier zum Zeitpunkt, da sie nicht mehr genügend Pflanzen zur Ernährung fanden. Jedem das Seine.“ Sanft schloß Hinrichs die Belehrung mit der Frage: „Möchtest du noch eine Ohrfeige?“

Manuel heulte. „Ich hasse Sie!“

„Um ehrlich zu sein“, sagte Hinrichs, „ich Ihn auch. Nun denn, Er kann von mir lernen. Zum Beispiel, nicht so vorlaut zu sein. Er weiß noch nichts von früheren Kulturen, als die Nachkommen regelmäßig gewo­gen und gemessen wurden. Wer gewisse Mindestmaße unterschritt, war unnütz, wurde den wilden Tieren vorgeworfen. Es gab Kannibalismus. Kinder wurden zu Koteletts verarbeitet. Was Er für ein Glück hat! In diesen Scheißzeiten, in denen wir leben. In denen er überleben darf.“

„Sie können von mir lernen“, sagte Manuel tapfer angesichts der Scheißzeiten und zugleich empört über die Mindestmaße. „Nämlich, daß schwächere Kinder einen Platz im Plan des Lebens haben. Wir alle sind Gottes Geschöpfe.“

„Gute Antwort“, sagte Hinrichs. Sein verfluchter Jähzorn! Überfiel ihn immer, wenn er den schweren kastilischen Wein von den Ufern des Duero schon vor dem Essen trank! Er hatte den Jungen nicht schlagen wollen und tätschelte ihm nun die Wange. „Hat Er wohl den Schwarzröcken abgelauscht, wie? Mag sein, daß die Welt­seele sich etwas dabei denkt, wenn sie die Schwachen am Leben erhalten will. Aber, wisse Er, sie dürfen nicht so vorlaut sein. Das dürfen diejenigen, die Argumente mit Ellbogen und Fäusten zu beglaubigen imstande sind. Hat Er verstanden?“ Und da Manuel sich nicht beeilte zu antworten, weil er gerade überlegte, daß er Hinrichs möglicherweise gar nicht haßte, sondern in ungewissen Regungen seines Herzens sogar bewunderte, griff ihm der Deutsche ins Haar und zog das Schwarzköpfchen so zurecht, daß ihre Augen sich anblitzten: „Ob Er verstanden hat?“

„Ja“, sagte Manuel. Er riß sich los und setzte aus sicherer Entfernung hinzu: „Aber schlage Er mich nie wieder! Sonst wird Er Bekanntschaft mit Süleyman dem Grausamen machen.“

 

In seiner letzten Grundschulklasse wurde er für ein Theaterstück eingespannt, das die Vierzehnjährigen der Sekundarstufe aufführten. Sie wählten ihn deshalb, weil er Text am schnellsten auswendig lern­te und behielt und einer der leichtesten unter seinen Altersge­nossen war. Ein stabiler größerer Junge konnte ihn wie ein Kind auf den Arm neh­men und herumtragen und die Vater-Sohn-Beziehung veranschaulichen. Gefiel ihm das Stück? Du liebe Zeit, es war eine simple Hand­lung, gestützt durch ein schlichtes Argument, eben eines von unzähligen Stücken des spanischen Barock. „Konnte ja nur Lope gewesen sein. Oder Calderón“, erzählte er später Federico im Gymnasium, als die Frage, was man dort darstellen könnte, wieder auf diese fruchtbaren Produzenten zusteuerte. „Furchtbare Dichter“, sagte Manuel in einem ehrlichen Versprecher.

Er trat als freches Kind eines Tagelöhners auf, der seinen Sohn vor frevelhaftem Tun – das elende vierte Gebot! – warnt, nach der Maxime: Richte an, was du willst, aber stehe dafür gerade. Die Handlung wies Manuel zu, einen Kürbis zu stehlen.

Doña Magdalena fand das unmoralisch, war drauf und dran gewesen, dem Lehrer die Mitwirkung ihres Sohnes zu entziehen, und Manuel gelang es nur halb, ihr klarzumachen, ohne den Dieb­stahl falle das Stück zusammen wie ein Kartenhaus. Hinrichs sprach ein Machtwort. Der Kür­bis als Objekt bedeute schlimmstenfalls Mundraub, was bei Kindern eher als Streich anzusehen sei. Die Frage von Moral komme demnach nicht ins Spiel. Käme sie auch aus anderen Gründen nicht, argumentierte der extra ins Haus zitierte Lehrer. Vie­le Familien des barocken Spaniens hatten so wenig zu essen gehabt, daß ihnen oftmals nichts anderes übriggeblieben war, als die Kinder zum Stehlen einzusetzen.

Manuel wurde vom alguacil abgeführt, vom selben Jungen, der den Vater spielte, nur in anderer Verkleidung – die Stämmigen waren in jenem Jahrgang rar, so wie die Zarten in Manuels Klasse. Ein alter Kleiderschrank mit Holzgittertür diente als Dorfgefäng­nis. Dort saß Manuel, während über ihn verhandelt wurde. Das Urteil verordnete Stockhiebe, vom alguacil verabreicht. Schmerzensschreie und Tränen der Reue, Ende des Stückes. Manuel verabscheute die­sen Auftritt. Er wollte nicht verdroschen werden, auch nicht symbolisch, konnte es doch seine Mutter ermuntern, noch hemmungsloser zu tun, was sie neuerdings beim kleinsten Anlaß tat, wußte sie in seiner Erziehung nicht weiter: Mit dem Rohrstock auf seinem Po herumfie­deln, was Pili ihr als probate Maßnahme eingeredet hatte, gerechtfertigt mit dem biblischen Überbau: Sei seine Hirtin – laß es ihm an nichts fehlen.

Bis zur Generalprobe ertrug er die schmachvolle Passage. Für die richtige Aufführung vor Eltern und Schülern hatte sein findiges Hirn eine putada ersonnen. Die Schrank­tür besaß innen einen Riegel, von außen leicht zu erreichen und angebracht, weil das uralte Schloß nicht mehr funktionierte. Innen deshalb, um das schön furnierte Frontgitter nicht zu ver­un­zieren. Aber wer wußte davon? Außer Ma­nuel, der x-mal in den Schrank gekrochen war, ver­mutlich niemand.

Das Stück lief wundervoll. Andauernd wurde ge­klatscht. Während er den Kürbis stahl, dachte er wieder daran, wie glaubwür­dig er mit seinen dünnen, blassen Armen, die eben noch des Vaters Hals umschlungen hatten, wirken mußte, ein Kind in Lumpen, von der Ar­mut zum Stehlen er­muntert. Der Polizeidiener er­griff ihn und schloß ihn ein, wozu Manuels vergnügt grinsendes Gesicht nicht so recht passen wollte. Unhörbar schob er den Riegel vor. Hinter dem Holz­gitter schnitt er äffische Grimassen, was im sorgfältig ausgearbeiteten Skript des Lehrers nicht vorgesehen war. Kurzer Pro­zeß und har­tes Urteil. Der Vater sank auf die Knie und flehte: Tut meinem Sohn nichts zuleide! Vergebens. Die Staatsmacht blieb unerbittlich. Doch ließ die Kerkertür sich nicht öff­nen, der Missetäter zur Be­strafung sich nicht herausziehen. Kein Rütteln half, kein Kippen der Gefäng­niszelle. Man mußte den Haus­meister rufen, einen mürrischen Blau­kittel, dessen Werkzeug die Falle knackte. Progressive Kräfte in der Eltern­schaft, die bereits mit französischen Stücken des absurden The­aters vertraut waren, glaub­ten an eine modernistische Transkription der Dramatik des spa­ni­schen Barock. Der Lehrer, dem gewisse Äußerungen des Kna­ben während der Proben einfielen, ahnte den Zusammenhang und suspendierte, auf die Bühne tretend, die letzte ungespielte Sze­ne: In der Tat ein absurder Schluß.

Tante Pili in der ersten Reihe, die durch den steten Umgang mit Schulkindern zu einer Feinfühligkeit vorgedrungen war, derer Doña Magdalena sich nicht gerade rühmen konnte, kniff schuldbewußt die Lippen zusammen, weil sie recht genau verstand, was in Manuel vor­ging, und inwieweit sie daran sicherlich nicht schuldlos war.

Um vom heiklen Thema möglichst schnell abzulenken, vielleicht auch, um seiner überschäumenden Phantasie generell einen pä­dago­gisch verbrämten Dämpfer aufzusetzen, schenkte sie dem fast Zehnjährigen einen Baukasten, der ihn, wahrscheinlich etwas früh für sein Al­ter, mit den Geheimnissen der Elektrizität bekannt machen sollte. Ihr war aufgefallen, daß diese natürliche Kraft ihn ungemein faszinierte, da sie unsichtbar war. Begonnen hatte es mit einem lauten Knall. Irgendwann hatte er ein Stück blanken Drahtes zu einem U gebogen, in die Steckdose eingeführt und nur deshalb keinen Schlag bekommen, weil er zufälligerweise zuerst den Null­leiter erwischte. Unter ei­nem Funkenregen wur­de schlagartig alles dunkel. Hinrichs hatte entsetzt die Tür aufgerissen, weil er an eine Bombe glaubte, gelegt, ihn auszulöschen. Die Haussicherung war durchgebrannt. Der Deutsche flick­te sie pro­visorisch, nachdem der Grund feststand: Manuels Ein­stieg in die exakten Wissenschaften.

Nach längerem Studium lieferte auch der Baukasten dem Jungen Funken, wenngleich wesentlich schwächere, da der Strom aus Batterien entnommen werden mußte. In der Anleitung war die Rede von Elektronen, die sich knisternd bemerkbar machen. Ma­nuel stellte sie sich als eine überaus lebhafte Abart der Gattung Kobold vor, mit ro­ten Zipfelmützen, auf denen gelbe, abgeknickte Funkenpfeile aufgemalt waren. Nachdem er das Wesen einer Spule, den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus zwar noch nicht begriffen, jedoch im Versuch dargestellt hatte, erzeugte er kräftige Entladungen und erfuhr die Wirksamkeit in Form mehr oder weniger unangenehmer Schläge am eigenen Leibe. All das ging nicht ohne die Hilfe Hinrichs ab, der ihn während eines heftigen Gewitters auf den Glockenturm der Kathedrale schleppte, um ihm Blitze in prachtvoller Länge vor Augen zu führen und zu erklären, wie Energie sich durch entsprechende Wetterlagen in Wolken ansammelt und als Stromschlag auf die Erdoberfläche entlädt.

„Aber warum?“ fragte Manuel in berechtigter Naivität. „So gut eingepackt kann sie sich in der Wolke wohl fühlen. Wozu muß sie jemanden böse erschlagen? Oder Häuser anzünden?“

Hinrichs, der sich wie die elektrische Kraft in seinem Element fühlte, erklärte es durch das Beispiel zweier durch ein dünnes Rohr miteinander verbundener Gefäße. „Das vollere“, sagte er, „hat das Bestreben, sich mit dem anderen auszugleichen, bis in jedem dieselbe Menge ist. Keinesfalls ist es eine Frage von Gut oder Böse.“

Die kommunizierenden Röhren! Ich hab’s gewußt, frohlockte Manuel. Gott wippt. Was immer passiert, er wippt! „Señor Hinrichs, wenn ein Mensch schlechte Laune hat und ein anderer gute, wie lange dauert der Ausgleich, bis beide sich wieder verstehen?“

Erstaunt erwog Hinrichs den Sachverhalt. „Ich weiß nicht“, bekannte er, „ob man physikalische Gesetzmäßigkeiten auf menschliche Eigenschaften übertragen kann. Sie sind ja nicht materieller Na­tur. Und warum sollten sie sich ausgleichen müssen?“

„Müssen sie schon“, erwiderte Manuel nach einigem Nachdenken. „Mamá spricht davon, daß jemand unausgeglichen ist. Scheint für sie ein schlimmer Nachteil zu sein.“

„Nachteil...? Was glaubst du, wofür?“ fragte Hinrichs, dem die Un­ter­haltung Spaß zu machen begann.

Manuel zuckte die Achseln. „Weiß sie vielleicht selber nicht.“ Unbestimmt dachte er daran, seine Mutter habe am liebsten Leute, die den ganzen Tag gemäßigte Sätze auf einem Rosenkranz hin und her schoben, vielleicht weil es ihr oft nicht gut ging und sie viel Kopfweh hatte. Um beim Ausgleich zu bleiben – „den sucht sie schon“, erläuterte er. „,Ich bin geladen’, sagt sie. ,Komm mir besser nicht zu nahe.’ Manchmal genügt dann ein freches Wort, und sie verdrischt mich. Ist das recht, Señor Hinrichs?“

„Letzten Endes gibt es kein Recht“, sagte Hinrichs. „Jedenfalls nicht für alle. Die es nicht bekommen, müssen leiden. Und du bist ein schwieriges Kind.“

Manuel fand, er habe sich den Schwierigkeitsgrad, wie man mit ihm fertig wurde, nicht selbst ausgesucht. Sie bildeten keine normale Familie. Seine Mutter, die beiden Tanten, ständig waren sie wie die Glucken hinter ihm her. Warum durfte er sich nicht normal bewegen wie andere Kinder? Hinrichs ließ ihn, wenn er mit ihm zusammen war. Wenn – es ergab sich selten. Auch die chacha war nicht besorgt und sprach ihn wie einen normalen Menschen an. In der Ma­the­ma­tikstunde hatten sie die Aufgabe bekommen, den Altersunterschied zwischen ihnen und ihren Eltern auszurechnen, was nicht leicht gewesen war, weil viele seiner Mitschüler zwar den Geburts­tag der Eltern wußten und meist deren Namenstag, aber nicht das Alter. Er fand, dabei schnitt er schlecht ab. Alle hatten jüngere Eltern. Seine Mutter ging ihm um fünfunddreißig Jahre und einige Monate voran, die chacha um sechzehn, woran ihm nach einem aufklärenden Gespräch mit Hinrichs über Lebensalter die Augen ein Stück weiter aufgingen: Manuela hätte seine Schwester sein können. „Sogar die­ne Mutter“, hatte Hinrichs behauptet und verlor sich in schwer verständ­lichen Andeutungen, wann ein Mädchen frühestens ein Kind haben konnte. Leider vergaß er zu erklären, wie das im einzelnen bewerkstelligt wurde. Forderte sie, jetzt will ich eins, und ihr Wille wurde erfüllt? Oder hing es mit engen Umarmungen zusammen, mit speziellen Küssen oder der Leidenschaftlichkeit des Wunsches, im Gebet vor Gott gebracht und erhört?

„Wieso habe ich keine Geschwister?“ fragte er Doña Magdalena.

„Dein Vater starb kurz nach deiner Geburt.“

Verdutzt zog er den Kopf ein. Er hatte Gespräche belauscht. Ent­weder hatte Mamá da gelogen, oder sie log jetzt. Und warum hatte sie nicht wieder geheiratet, wie die Mütter mancher Kameraden?

Bei einem Familienfest in Montemayor platzte der Knoten. Tante Elvira mahnte in seinem Beisein: „Magda, der Junge ist alt genug, daß du ihm über seinen Stiefbruder und seine Stiefschwester und die Seitensprünge seines Vaters klaren Wein einschenken kannst.“

Offenen Mundes hörte er zu, dachte über die Hinzu­ge­won­nen­en nach. Eine Amerikanerin. Ein Deutscher. „Warum besuchen sie uns nicht?“ fragte er na­iv, womit er belustigtes Schweigen erntete. Erstmals formulierte er in Richtung aller drei Frauen: Hexen!

Zurück zur Elektrizität. Manuel studierte mit vor Eifer heißen Ohren die Anleitungen des Baukastens. Spule anders wickeln, ein Drahtende in jede Hand, Strom­kreis schließen. Seine Arme zuck­ten schmerzhaft, als seien sie eingeschlafen und eben wieder erwacht. Mutig riskierte er es nochmals. Unglaubliche Kräfte schienen in der Taschenlampenbatterie zu schlummern. Bei Hinrichs suchte er Aufklärung über die Gefährlichkeit des Phänomens. Der beruhigte ihn. Mit dieser Energiequelle bestehe keine Gefahr, der Strom sei viel zu schwach, beschied der Deutsche. Aber mit einer frisch aufgeladenen Autobatterie könne man tödliche Schläge erzeugen.

„Wie kann das sein?“ überlegte der Knabe mit offenem Mund.

„Das Herz bleibt stehen“, sagte Hinrichs. „Es erträgt es nicht, ge­schlagen zu werden, geriete außer Takt, da es von selber schlagen will. Aber“, verriet er, „auch die kleine Batterie reicht aus, jemandem unangenehm weh zu tun. Man kann Leute damit foltern.“

„Foltern!?“ stöhnte Manuel entsetzt. Kalt rieselte es über seinen Rücken. „Was für Leute?“

„Na, du weißt schon – Spione“, sagte Hinrichs augenzwinkernd. „Man setzt sie so lange unter Strom, bis sie gesprächig werden, was sie ja nicht sein dürfen. Ausplaudern bedeutet Verrat.“ Er beugte sich zu Manuel hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Man elektrisiert ihre Pimmel.“

„Oh!“ hauchte Manuel. Jetzt schauderte ihm fürchterlich vor Spule und Strom. Unwillkürlich legte er beide Hände zwischen die Beine. „Und wenn sie keinen haben?“

„Wie meinst du das?“ fragte Hinrichs vorsichtig. Bei dem Jungen wußte man nie, was gerade durch seinen Kopf schoß. Im übrigen konnte er nicht beurteilen, wie weit Manuels anatomische Kennt­nisse gediehen waren.

„Na, Frauen! Sie haben keinen Pimmel.“

„Parbleu!“ bemerkte Hinrichs. „Interessante Fragestellung!“ Er riskierte keine offenbarenden Worte. Bloß dem Jungen nicht verraten, was alles man einer Frau in die intimsten Teile stopfen konnte. Und daß ihre Brustwarzen viel empfindlicher waren als männ­liche. „Es gibt kaum weibliche Agenten“, überlegte er matt. Warum mußte der Junge ihn mit seiner ewigen Fragerei an das Luder erinnern, das ihn so beflissen ver­pfiffen hatte? Getraut hatte er ihr nie, und die Tarnung in weitem Jackett, Knickerbockern und Schiebermütze hatte er abgeschmackt gefunden. Gut, den Humphrey-Bogart-Typ hatte sie zu übertrie­ben geschauspielert, und ausgerechnet der subalterne V-Mann, mit dem sie Verbindung aufnahm, war schwul gewesen, hatte sich mit seinem Standardgriff nicht zügeln können... Keine harte Frau, im Grunde keine Zierde des Berufsstandes. Es hat­te ausgereicht, ihr häßliche Dinge aufzuzählen. „Agenten wissen, was ihnen blüht“, schloß er das Gespräch, stieß eine dichte Rauchwolke aus seiner Zigarre und verbarg sich wieder hinter der Zeitung.

Er sagt nicht alles, was er weiß! Bei dem Gedanken bekam Manuel eine Gänsehaut. Hinrichs mochte mit der Stromfolter Schauderhaftes er­lebt haben, was ihn in seinen Augen ein Stück mehr in Richtung Heldentum schob. Den eigenen Pimmel zu elektri­sieren, davor hatte er Angst. Manch­mal wünschte er, ein Mädchen zu sein, glatt zwischen den Beinen, mit einem größeren Po aus­ge­stattet. In Biarritz hatte er Mädchenhintern studiert. Sie waren aus­la­dender und runder als die der Jungen und verleiteten zum Draufklatschen. Er flocht die Kupferdrähte zu Kreisen und legte sie unter die vor Aufregung schweißnassen Pobacken. Der Druck auf den Auslöser hob ihn augenblicklich vom Sitz. Trotzig zwang er sich, weitere Stromschläge zu ertragen. Tat ähnlich weh wie von Stockhieben! Spuren hinterließ der Strom keine, wovon er sich vor dem Spiegel über­zeugte. Bei späteren Versuchen nahm der Schmerz ab, bis Manuel nur noch ein sonderbar angenehmes Kitzeln verspürte. Die Bat­terie war leer geworden.

Bei Señor Ruiz kaufte er eine neue. Während der Händler sie aus einer Lade hervorsuchte, bemerkte Manuel drei Taschenlampen­bir­nen auf der Theke. Ohne Zaudern steckte er eine davon in die Hosentasche. Dabei konnte er sich des unangenehmen Gefühls nicht er­wehren, das Lämpchen glühe am Körper. Er zahlte die Batterie und verließ mühsam grüßend das Geschäft. Daß Ruiz ihm überlegend nach­starr­te, konnte er nicht sehen. Hatte er Unrechtes getan? Er be­schwichtigte sich damit, Ruiz habe sicherlich Glühbirnen in Hülle und Fülle, auf eine käme es ihm nie an.

Dasselbe wiederholte er Wochen später. Da stach ihm eine Rolle roten Drahtes in die Augen, und auch diesmal lagen mehrere Rol­len auf dem Tresen. Sein eigener Vorrat war durch die Experimente verbraucht, und der gierige Griff nach dem Draht gelang unbemerkt, weil der Händler, ihm den Rücken zuwen­dend, länger als gewöhnlich in seinen Fächern nach einer neuen Batterie kramte. Manuel ging. Diesmal kribbelte sein Pimmel, als wäre der Draht bereits zur Folterung angeschlossen. Weit kam er nicht. Ruiz rief ihm nach, er habe sich mit dem Wechselgeld geirrt. Eine plum­pe Falle, in die jedes unerfahrene Kind getappt wäre. Manuel drehte um. Damit war sein Schicksal besiegelt.

„Sie haben mir richtig herausgegeben“, wußte er.

„Zu viel“, ent­gegnete Ruiz.

„Nein, ich hatte nur einen Duro.“ Er zog das Wech­sel­geld hervor. „Bitte, zählen Sie selbst.“

„Du hast nicht für alles bezahlt“, brummte Ruiz.

Manuel erschrak und wurde bleich.

„Bezahle die Rol­le oder leg sie wieder hin“, befahl der Händler.

Langsam zog Manuel den Draht hervor.

„Wenigstens streitest du es nicht ab“, sagte Ruiz. „Verrate mir so nebenbei, was du neulich mitgenommen hattest.“

„Ei­ne Glühbirne“, stammelte Manuel.

„So ist es! Eine von den teuren Drei-Komma-fünf-Volt-Birnen.“ Ruiz schrieb Zahlen auf ein Stück Zeitungsrand und multiplizier­te murmelnd. „Da!“ sagte er, „das bist du mir schuldig.“

Manuel traute seinen Augen nicht. „Das ist der fünffache Preis“, stotterte er entgeistert.

„Ja“, antwortete Ruiz, „dachte ich mir schon. Ich habe es mit einem guten Rechner zu tun. Allerdings auch mit einem Dieb, für den ich folgende Möglichkeiten sehe. Du zahlst und Schwamm drüber. Oder ich sage es deiner Mutter, dann wird es nicht billiger und ich darf hoffen, sie nimmt mir die Tracht Prügel ab. Ladendieb in deinem Alter, Dios mío!“ Sein Blick ruhte nachdenklich auf dem Jungen. „Ihr seid doch keine Hungerleider. Du be­kommst sicherlich Taschengeld. Hat es Sinn zu fragen, warum du so etwas machst?“

„Ich weiß nicht“, sagte Manuel mit Tränen in den Augen, „was in mich gefahren ist.“ Es war wörtlich die Zeile aus dem Theaterstück, die er hersagen mußte, nachdem er den Kürbis ge­stohlen hatte.

Ruiz kam hinter der Theke hervor und versetzte ihm blitz­schnell je eine Ohrfeige rechts und links. „Ich zumindest weiß, was in mich gefahren ist“, sagte er grimmig und packte den Jungen am Arm. „Du hast zwei Wochen Zeit zu zahlen. Sonst...“

Das Telefon schlug an, ein tröstliches Gebimmel. Ruiz hob ab, ohne Manuel los­zulassen. „Ah! Doña Magdalena! Was kann ich...?“

Manuel sank das Herz in die Hosen. Warm lief es an seinen Beinen her­ab. Alles war entdeckt! Der Händler spielte Komödie, hatte ihn bereits nach dem ersten Diebstahl verpetzt. Ein abgekartetes Spiel mit seiner Mutter.

„Sicherungen...“, sagte Ruiz. „Ja, gebe ich ihm mit. Wie? Nein – er ist gerade gekommen. Meine Vereh­rung, Doña Magdalena!“

Manuel wußte nicht, welches Lebens­zei­chen er angesichts dieser verfahrenen Sache von sich geben sollte und stand stocksteif, bis Ruiz ihn anbrüllte: „Hau ab! Bist im Mo­ment nicht gerade eine Zier­de deiner Familie. Du stinkst nach Pisse.“ Er knallte ihm ein Päckchen Sicherungen hin. „Das Geld hole ich mir von deiner Mutter“, sagte er mit deutlich spürbarer Verachtung in der Stimme.

Schweren Herzens ging Manuel nach Hause. Er hatte keine Freude mehr am Elektrobaukasten und ließ alle Versuche ruhen, bis er von den Tanten genügend Geld zusammengebettelt hatte, um Ruiz bezahlen zu können. Der Händler nahm das Geld entgegen und verkniff sich jede weitere moralische Belehrung.

Das Jahr der Ohrfeigen. Zwei von Ruiz, zwei oder drei von Hinrichs, zwei von Tante Pilar, eine von einem Jungen in der Gredos – gottlob gerächt von Chirri. Der Herr ist mein Hirte; er führet mich auf Wegen, wo es an Schlägen nicht mangelt. Gott hatte ohne die leiseste Ermahnung über die Welle des Universums zugelassen, daß er stahl, ein gütig lächelnder Zuschauer auf der Himmelswippe. Er suchte Aufklärung bei sei­nen Klassenkameraden. Die Ant­worten, so verschieden sie waren, zielten in eine Richtung: Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Was er getan hatte, fiel offenbar in die Spar­te Gelegenheit macht Diebe. Der Bestohlene war selbst schuld, ein Dummkopf, der alles offen auslegte und damit zur Tat einlud. Kitzlig wurde es erst beim geplanten, sozusagen höheren Diebstahl hinter verschlossenen Türen. Dabei war die Gefahr, entdeckt zu werden, kaum abzuschätzen. Sein Banknachbar, der gerissene Pixi, sag­te, es sei unmöglich alles zu bedenken, was einem im Verlauf einer solchen Tat zustoßen könne. Es winkten ho­he Strafen, Prügel allemal, nicht nur von den Eltern. Keiner würde so etwas riskieren.

Mit Gelegenheitsdiebstählen hatten alle ihre Erfahrungen. Die Frage nach dem inneren Mechanismus, der dies verhindern sollte, interessierte niemanden.

„Das vierte Gebot,“ sagte Manuel. „Was ist damit?“

Alle gafften ihn an. Was sollte damit sein?

Eine Frage, für die er die Hexen lieber nicht einspannte.. „Meine Güte“, sagte Hinrichs, „alle Welt stiehlt. Oft ist es eine Frage der Definition. Man kann es genausogut Eigentumsübertragung nennen. Ertappen lassen darf man sich nicht.“

Manuel schluckte. Seine Kameraden hatten recht. Er hatte kein Talent zum Dieb, war leicht zu überführen. Weil er schlecht log. Eine künftige Laufbahn als Lügner wollte er dennoch nicht ausschließen. Lügen war herrlich. Man konnte erfinden, was man wollte, abgestimmt aufs angepeilte Ziel. Die Höchststrafe war Besenkammer, die ihm an sich stets zupaß kam. Manchmal erfand er eine unsinnige Lü­ge, weil er das Verlangen hatte, ein Stündchen in dem dunk­len Raum zu sitzen, auf den Verlaß war, weil Tan­te Pili zuschloß. Die Besenkammer erinnerte an den gleichfalls dunklen Beichtstuhl, und Tante Pili hat­te dasselbe Prinzip im Auge: Er sollte die Gedanken darauf konzentrieren, was er falsch gemacht hatte. Vorsicht mit Schwindeleien bei Mamá! Zwar gab es auch in der Calle Guzmán el Bueno eine Besenkammer, doch Doña Magdalena hatte spitz bekommen, wie wenig erzwungenes Verweilen hinter einer verschlossenen Tür ihn schreckte, an welchem Ort es je war. Von da ab, um seine Ver­fehlungen zu korrigieren, benutzte sie den Rohrstock, den sie mit den einleitenden Worten durch die Luft pfeifen ließ: „Der Stab ist dein Hirte, er führet dich auf liebliche Auen.“ Er haßte sie. Wie unwürdig, sich auf diese Weise ernie­drigen zu lassen! Und es tat furchtbar weh. Ihm schien es, seine Mutter habe Freude daran, ihn zu verhauen. Oder ihn mit ihrem Hexenlächeln aufzufordern, den Stock aus freien Stücken zu ho­len, was das Strafmaß halbierte. Nicht unbegründet verdächtigte er sie, es von vornherein verdoppelt zu haben. Für all das haßte er die Tante. Alles wäre vielleicht besser, könnten sie zu viert leben wie eine richtige Familie, mit Tante Pili und Hinrichs. Aber er wußte nicht, ob Hinrichs sich um ihn kümmern würde, wären sie Tag für Tag beisammen.

Neulich hatte er ihn sagen hören: „Meine liebe Pili, hör bitte auf, mich zu nerven – Ende der Fragestunde!“ Mit einem strengen Blick auf die Gefährtin hatte er die Tür hinter sich zugeknallt und im Radio nach seiner Spionenwelle gesucht. Das hörte man an dem komischen auf- und abschwellenden Pfeifen.

Einmal hatte Manuel schüchtern vorgeschlagen, ob er bei ihm Radio hören dürfe.

„Wozu?“ fragte Hinrichs. „Was ich höre, würdest du sowieso nicht ver­stehen können.“

Nein, so interessant der Mann war, er besaß kein Hirtenformat. Kein Diener des Herrn. Unter Hinrichs würde es an allem mangeln. Oder lag der Schlüssel zum Umgang mit Menschen wie Hinrichs in dem, was der Deutsche als Leitmotiv hingeknallt hatte? Eine Art Gebot aus einem Katechismus für, wie Manuel fand, das robuste obere Fünftel der Menschheit: „Was Er sich selbst nicht holt, wird Er nie bekommen. Hat Er mich verstanden?“

 

II

 

Manuels Vater fiel in der División Azul, irgendwo in Rußland. Es erwischte ihn relativ früh, Herbst zweiundvierzig. Die diskrete Benachrichtigung erfolgte in bemerkenswerter Eile durch einen von Franco für diese Hiobsbotschaften bestimmten Offizier. ,Auf dem Felde der Ehre, im Kampf ge­gen... In soldatischer Pflichterfüllung...’

Magdalena Díaz Rodríguez, gebürtig aus Trujillo, deren väterliche wie mütterliche Linien auf Konquistadorengeschlechter zurückgingen, war darauf geeicht, das Leben als unablässigen Kampf zu be­greifen. Tapfer nahm sie den Verlust hin. Ein halbes Jahr später war der Gatte wieder da. Eine Verwechslung oder ein falscher Übertrag in den Gefallenenlisten hatte zur irrtümlichen Totmeldung geführt.

Octavio Manuel Yáñez Díaz war zärtlich zu seiner Frau gemäß Diktat und Rhythmus kriegerischer Zeiten, gekennzeichnet durch ei­ne Reihe atemloser Vereinigungen und die gegenseitige be­din­gungs­lose Bereitschaft zu spenden und zu em­pfangen. Eine rein bio­logi­sche Harmonie zwischen beiden, die wenige Monate währte.

Manuel junior kam im März vierundvierzig auf die Welt. Bei diesem Paukenschlag in Magdalenas Leben war der Vater bereits wieder verschollen. Derselbe Offizier, der sich als Beauftragter der División Azul ausgegeben hatte, teilte mit, Yáñez sei bei einem Luftangriff auf Lüneburg getötet worden. Seine Frau glaubte der Lü­ne­burg-Varian­te nicht einmal den geographischen Ort und beruhigte sich und das Kind im Bauch, das bei der leichten, schnellen Geburt die Hände abwehrend über das Geschlecht legte, als schä­me es sich, eines zu haben. Oder galt die abwehrende Geste den we­nig rosigen Aussichten, in die es hineingeboren wurde? Magdalena war mittellos und ohne männlichen Schutz. Ein entfernter Verwandter, der die hübsche, intelligente Frau seiner eigenen vorzog, half in mancherlei Hinsicht. So erhielt sie den Po­sten einer Wirtschafterin auf einer großen granja in der Nähe von Cáceres. Man baute dort Kohl an, später zartere Gemüse und schließ­lich Stiere. Sie hatte eine Vertrauensstellung und in dieser keinerlei Mü­he, das Kind wie nebenbei großzuziehen, das seltsam sanft war für einen Jungen, gelehrig und klassenbestes ab der ersten Schulstufe.

Im Jahr einundfünfzig kamen Neuigkeiten von Yáñez. Er schrieb aus den USA, er sei an Krebs erkrankt und habe nur noch kurze Zeit zu leben. Magdalena fuhr per Eisenbahn und Schiff hinüber, in eine Stadt inmitten der Rocky Mountains, und kam in Trauerkleidung zurück. Nun war sie unwiderruflich Witwe, zog mit dem Sohn nach Salamanca und gab ihn nach der Grundschule in ein Internat der katholischen Kirche, dessen Padres genügend Vaterersatz versprachen. Die Bildung war dort, wie Magdalena gehört hatte, umfassender als an einer staatlichen Anstalt.

Manuels Vater hatte in seinen letzten Lebensjahren das getan, was er am besten konnte, Kartenspielen, damit allerhand angehäuft und alles, den Tod vor den Augen, in eine Versicherung gesteckt, die seinen Sohn mit ein paar Trümpfen in der Hand ins Leben schieben würde. An diese Erbschaft waren Bedingungen geknüpft, die Manuel später aus einem Roman der deutschen Romantik entlehnt schienen. Erst dann sollte der junge Mann erkennen, daß die materi­elle Grundlage für seine umfassende Bildung auf den vagen Rahmen abzielte, einen Europäer neuen Stils zu formen, einen, der im großen vergangenen Krieg den Schlußstrich unter unheilvolle historische Entwicklungen erkennen würde, einen Freigeist, offen für alles, Altes wie Neues, einen Herkules des Geistes wie des Körpers.

Mit dem Geist konnte es klappen. Aber der Körper war nicht der robuste seines Vaters, sondern der feingliedrige der Mutter, deren Vorfahren in der Neuen Welt weniger durch Körperkraft als mit scharf geschliffenen Waffen erfolgreich gewesen waren, weniger im Auftrag gespaltener kirchlicher Moral als in Anwendung ci­cero­ni­scher Ma­ximen, die den Besiegten das Fürchten lehrten oder gleich den Weg ins Jenseits. Manuel war ein schwächliches Kind, das schwächste in der Klasse, abgesehen von einem Knaben aus weit vor­nehmerer Familie, der genausowenig Muskulatur einzusetzen hat­te, war solche gefordert. Gefordert war sie oft, da un­ter den drei­unddreißig Jungen eine Rangordnung vonnöten wurde, mit der der eintönige Internats­alltag zu bewältigen war und Pfeffer erhielt.

So verzopft das Institut den Alltagsriten der Kirche nacheiferte, so fortschrittlich zeigte es sich in einem Bildungskonzept, das nicht anders als elitär zu benennen war, weil es den Zöglingen ohne Rück­sicht auf von Rom diktierte Verbote nahezu alles erlaubte, was ihre sich entfaltenden Seelen nachfühlen und die erwachende Intelligenz begreifen konnte. So las Manuel früh Walter Scotts Romane, Lafontaines Fabeln, die ihm teilweise grausam anmutenden Märchen der deutschen Brüder Grimm und die oft traurig endenden des Nord­länders Andersen. In der Bibliothek standen keine Kinderbücher. So waren die mit delikaten Gewalttätigkeiten gespickten Geschichten aus Tausendundeiner Nacht in einer in Mode gekommenen, schlam­pig übersetzten Fassung eines Konvertiten aus Meknes vertreten. Lust zur Sprache hat­te den Mönch kaum getrieben, eher die Lust an schlüpfrigen Begebenheiten, von ihm entsprechend ausgewalzt. Kein Wun­der, daß viele Episoden sich Manuel geradezu einbrannten. Mit heißen Ohren versetzte er sich in die Lage gefangen genom­mener Prinzen, lag an den freien Wochenenden am Río Tormes und träum­te davon, einer dieser Jünglinge zu sein. Dabei nahm es gern hin, daß zwielichtige Gestalten sein Schicksal an sich rissen und über ihn nach Belieben verfügten. Gelangen seine Träume, stolperte er mit gebundenen Armen und vor Durst schwindlig in einer Karawane durch karge Landschaften, zu denen die kastili­sche Hochebene dra­stisches Abbild bot. Doch bald erwachte er, weil ein Grashüpfer in seinen vor Aufregung halboffenen Mund krabbelte. Ein Bauer tränk­te zehn Schritt entfernt sein Maultier. Nichts hemm­te die Beweglichkeit seiner Glieder. Im Mund brannte ein schaler Geschmack wie nach einem Gläschen Anís del mono, von dem er kürzlich, alle Verbote übertretend, die um den verteufelten Alkohol gezogen wurden, genippt hat­te.

Schlimm war die kalte Jahreszeit, in der die Jungen in den eisigen Schlafsälen manchmal vor Kälte schnatterten. Obwohl es nicht gern gesehen wurde, drückte der beaufsichtigende Lehrer, je nachdem welcher es war, beide Augen zu und duldete, daß die Kinder sich zusammen unter eine Decke kuschelten, zu zweit, mehr Platz wäre in den schmalen Betten ohnehin nicht gewesen. Auch hier wur­de die Hierarchie verfügbarer Kräfte eingehalten. Manuel lag mehrfach mit dem Aristokratensohn zusammen, der aber unruhig schlief und ihn daran hinderte, in angenehme Träume zu gleiten. Unruhige Schläfer gab es mehrere. Manche schlugen in wirren Phantasien um sich und gestatteten kein wärmendes Zusammensein. Andere Jun­gen entwickelten offensichtlich so viel Hitze, daß sie dessen entbehren konnten. Zu ihnen gehörte Manuel.

Eines Nachts kam Leopoldo zähneklappernd zu ihm. Er war mit Abstand der Klassenstärkste. Manuel fürchtete ihn sehr, weil er einmal grundlos gedemütigt worden war. Leopoldo hatte seine ausgestreckte Hand gepackt und die Finger roh verbogen, so daß Manuel in die Knie sinken mußte und nicht freigegeben wurde, bis er Leopoldos Zehen geküßt hatte. In jener Nacht legte Leo­poldo unver­mutet zart einen Arm um seine Schultern. Manuel glaubte an einen Engel, der ihm zuraunte: Fürchte dich nicht! Denn nun bin ich bei dir! So schliefen sie ein. So wach­ten sie auf, unter dem Gejohle derer, die ihnen die Decken wegzogen und Manu­el, nur Ma­nuel, etwas schimpften, was er nicht verstand. Leopoldo aber verstand es sehr wohl. Er besaß ein ausgezeich­netes Gedächtnis für Quälgeister, weil er selber einer war, und verteilte im Waschraum, wo das kalte Wasser den letzten Rest Müdigkeit vertrieb, seine gefürchteten schallenden Backpfeifen. Seitdem stand Manuel unter seinem Schutz. Niemand mehr wagte sich an ihn heran. Unangefochten bildeten die bei­den einen Leitstern, eine Symbiose von Körper und Geist. Zwei ungleiche Märchenprinzen, die zwar getrennt marschierten, sich hingegen vereint durch alle Unbill schlugen.

Leopoldo war es, der den schmächtigen Freund dazu be­weg­te, dem Lehrgang beizutreten, den er belegt hatte: artes mar­ciales. Padre Balboa, der erst kürzlich von einem langen Aufenthalt aus Indochina zurückgekehrt war, lehrte Jiu Jitsu, ergänzt durch einige Tritte, die besser in Kampftechniken wie Karate gepaßt hätten, und meditative Übun­gen, mit denen die Knaben wenig anzufangen wußten und die sie dementsprechend albern herumhampelnd entwerteten. Außer Manuel, der dasaß wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung und, wurde es ihm zu bunt, kommandierte: ¡Cal­lad! Durch artes marciales bekam seine Entwicklung einen gewissen Schub. Er wurde wendig und flink, gewann an Körperbeherrschung, gleichzeitig jedoch an Einsicht über die engen Grenzen, die seinen Gliedern im freien Spiel der Kräfte gesetzt waren. Auch durchbrach er die Hemmnisse übertrieben distinguierter Erziehung, auf die seine Mut­ter pochte, in der Weise, daß er vor einem unfeine Geräusche produzierenden Kameraden keine Abneigung mehr empfand. Weil er den Körper als ein Stück Natur begriff und seinen eigenen als recht angeneh­me Maschine, mit der sich mannigfaltig Lust erfahren ließ.

 

Eines Sonntagnachmittags im Mai balgte er mit Leopoldo am Río Tormes zwischen bereits verblühenden Ginsterbüschen. Es ging um nichts. Oder vielleicht um die fern aufblitzende Chance, daß er, Manuel, einmal die Oberhand gewinnen könnte gegen den um so vieles Stärkeren. So kam es. Es gelang, seinen Freund in einen gatame ka­mi zu zwingen, allerdings mittels eines strikt verbotenen Armhebels. Die Knaben probierten vieles aus, ohne sich um Wettkampfprotokolle zu kümmern. Hier bedeutete es Bruchgefahr, rührte der Unterlegene sich zu sehr. Wovor Leopoldo sich allein des Schmerzes wegen hü­tete.

„Gibst du auf?“ fragte Manuel. Er fühlte sich herrlich.

Trotzig schüttelte Leopoldo den Kopf.

Egal! Manuel schloß glückselig die Augen. Noch glückseliger wäre er an Leopoldos Stelle gewesen. Er hätte ungeduldig dieselbe, an ihn gerichtete Frage abgewartet, um antworten zu können: ,Ja! Diesmal und jederzeit wieder! Sofern du auf ewig mein Freund sein willst.’ Aber Leopoldo ent­wisch­te in schnödere Ebenen, puffte ihm mit der freien Hand unfair in den Schritt, so daß Manuel aufquiekte und den Besiegten fahren ließ. Darauf wurde er in einen Schwitzkasten genommen, der ihn in die Realität zurückführte.

„Willst du Schlamm fressen?“

„Bitte keinen Schlamm, Leo. Davon krieg’ ich Durchfall.“

Der Asturier überlegte, ob er ihn diesem Effekt, ihm un­ter weniger harmlosen Ausdrücken bekannt, preisgeben sollte. Es konnte Är­ger mit Manuels Mutter bedeuten. Sie hatte den Spitznamen Glucke erhalten, da sie den Sohn Freitag mittag abholte. Mit Spott kam man ihr besser nicht zu nahe. Erst recht nicht, falls sie einen Sonnenschirm mitführte. Damit pflegte sie Hiebe auszuteilen, fürch­terlich wie die Schnabelstiche der Phönixhenne. Widerwillig gestand er ein: „Du bist ganz gut.“ Und ergänzte, während er Manuel ein bißchen mehr die Luft abdrückte: „Aber ich bin besser.“

„Nicht unbedingt“, versetzte Manuel röchelnd. „Du hast mehr Muskeln. Du bist viel schwerer. Ich kann dich nicht halten. Du kannst mich halten. Ich hab’s gern, wenn ein Freund mich festhält.“

Dieses Geständnis, das auf unbestimmbare Vertraulichkeiten hin­deute­te, war Leopoldo peinlich. Er ließ von seinem Gefährten ab. Sich noch als eines andern Freund zu bezeichnen, steckte man im Würgegriff, war ihm nicht geheuer. Er war es gewohnt, sobald er andere in den Dreck drückte, daß sie um Gnade winselten und die erste Gelegenheit benutzten, zu entkommen und Distanz zu gewinnen. Der dort, ese bicho raro, tat nichts dergleichen. Er stand da, traf keine Anstalten zu fliehen. Statt dessen fixierte er ihn mit Stahlnadelblicken und schien sich absolut nicht zu fürchten.

Im Grunde war es eins der Schlüsselerlebnisse in Manuels Leben. Aber die beiden waren zu jung und zu sehr Knaben, die sich zwar gern mochten, hingegen zu we­nig wesensverwandt fühlten, um sich einfach zu umarmen, was sie weit über ihr Alter hinausgehoben und ihnen die Praxis von Krieg und Frieden vor Augen geführt hätte. „Trotzdem“, beharrte er, „ich hatte gewonnen und du hättest aufgeben müssen. Weißt du, was man mit Gegnern macht, die sich nicht strecken?“

„Klar“, sagte Leopoldo. „Man poliert ihnen solange die Fresse, bis sie klein beigeben.“

„Ich weiß nicht, ob es das sein muß“, überlegte Manuel. „Ehre ist im Spiel, glaube ich, jedenfalls in den Geschichten, die ich lese. Sicher, man wird gefangengenommen. Aber man kann es ehrenvoll überstehen.“

„So!“ sagte Leopoldo. „Und wie das?“

„Na ja.“ Manuel rieb das Kinn. „Du hättest auf meine Fra­ge antworten müssen: Ja, ich ergebe mich! Man muß seine Waffen dem Bezwinger zu Füßen legen. Vielleicht muß man niederknien, wie ich vor dir einst kniete, ich weiß es nicht genau. Jedenfalls wurde früher so gekämpft. Das Wort dafür heißt ritterlich.“

„Aber ich habe keine Waffen, die ich abgeben kann“, sagte der prosaisch veranlagte Leopoldo. Unbehaglich erinnerte er sich nun an Ma­nuels Kniefall. Den er gar nicht geplant hatte. Er hatte Manuel nur die Hand geben wollen, weil ihm der sanfte salmantino von allen in der Klasse am besten gefiel, und der hatte die Hände statt in seine in die Hosentaschen geschoben.

„Doch. Die Kraft deiner Arme.“ Er schaute Leopoldo, der noch mit nacktem Oberkörper dem Río Tormes zugewandt stand und mit sturem Interesse die Wasserhühner beobachtete, sehn­süchtig an. „Und was tust du?“ fuhr er fort. „Du schlägst mich, weil ich dir eine ehrenvolle Niederlage ermöglichen will und locker lasse, in Stellen, in die man nur im ärgsten Notfall schlagen sollte. Das Wort dafür heißt gemein. Es bezeichnet nie­drige Handlungen.“

Das wollte Leopoldo nicht auf sich beruhen lassen, zumal die geschraubte Ausdrucksweise seines Kameraden ihn aufbrachte. „Gut“, ge­stand er ein. „Ich entschuldige mich. Und ich bin bereit, zu dem Punkt zurückzugehen, an dem wir waren. Damit du siehst, daß ich fair sein kann.“

Er legte sich wieder auf den Boden. Ratlos setzte sich Manuel auf ihn drauf.

„Jetzt pack schon zu“, mahnte Leopoldo, und zögernd gehorchte Manuel, dem es vorkam, die Rollen seien in einer Weise, die er nicht näher be­stimmen konnte, vertauscht. „Also – du hast mich im Griff. Was nun?“

„Wie beim Jiu“, sagte Manuel. „Du klopfst mehrmals auf den Boden. Zum Zeichen der Niederlage. Oder sag: Ich gebe auf.“

„Und wenn nicht?“ Leopoldo gewann wieder an Streitlust.

„Ich weiß nicht“, gestand Manuel. Er dachte an König Artus und seine Ritter, an Lancelots Knappen Lyonel, der leichtfertig gegen den mächtigen Sir Tarquin antritt und von seiner Garde überwältigt wird. Sir Tarquin würde ihn freilassen, falls er um Gnade bäte. Aber Lyonel wählt im kompromißlosen Stolz der Jugend den Kerker. „In den Geschichten, die ich kenne, wird man ins Verlies geworfen. Bis man butterweich geworden ist und alles sagt, was gefordert wird.“

„Und –?“ Leopoldo kicherte wie ein übermütiges Mädchen, was so gar nicht zu seiner für einen Knaben ungewöhnlich tiefen Stimme paßte. „Hast du ein Verlies in der Tasche?“

„Nein“, sagte Manuel. Nach einer Weile setzte er hinzu: „Man kann gefoltert werden. Kein menschliches Wesen vermag dem standzuhalten.“

„So foltere mich“, sagte Leopoldo spöttisch und in Ingenieurs­neugier. Wie würde es der sanfte salmantino anstellen?

Der wich dem Blick aus, sah über die Büschel wilder Maiglöckchen in die Weite, bis er antwortete: „Das kann ich nicht. Ich könnte dich nicht schreien hören. Es würde mich umbringen. Vor Scham, was ich anrichte.“

Er rollte von seinem Freund und blieb mit geschlossenen Augen liegen. Nähme Leopoldo doch ihn in die Mangel! Auch wenn er wußte, Leo würde ihn gewissenlos quälen, so wie er neulich einer Grille die Flügel ausgerissen hatte. Er würde mit zusammengebissenen Zähnen Pein und Schmerz ertragen und mit seinen Armen solange Widerstand lei­sten, bis Leo die Schnur sähe, die wie zufällig aus seiner Hosentasche hing.

,Ah...! Viel­leicht sollte ich dich binden?!’

,O Leo! Nein, das schaffst du nicht.’

,Was sagst du da? Das schaff’ ich nicht?’

,Äh – ich meine, ich will’s nicht.’

,Kleiner, hier geht’s darum, was ich will!’ Schon würde Leopoldo eins seiner Hand­gelenke ergreifen, um die Schnur zu befestigen.

,Al­so, wenn’s sein muß... Aber nach vorn!’

Leos garstiger Glitzerblick, Ausdruck seines sechsten Sinnes, vor was es den Gepeinigten am meisten grauste. ,Würde dir so passen! Gleich nimmst du die Arme auf den Rücken!’

Und er, Manuel, wür­de sich theatralisch auf den Bauch schmeißen und die Hände darunter verstecken, um Leo anzutreiben, daß der sie rauh hervorrisse und triumphierend auf den Rücken bände. Allein – seufzend öffnete Manuel die Augen –, der Freund hatte nicht einen Funken Phantasie. Die feste Gardinenschnur würde er schwer­lich als Teil dessen erkennen, was Manuel wünschte und manchmal selber tat: Sie um die Gelenke wickeln und irgendwie zuknoten. Stümperei. Er brachte es leicht wieder los.

Von irgendeinem Indianerstamm hatte er gelesen, daß die Jungen, bevor sie mann­bar wurden, einen Tag lang in der Wildnis an einen Baum gebunden und allein gelassen wurden. Warum war er nicht unter Indianern auf die Welt gekommen? In den Büchern über sie wurde alle paar Seiten jemand gefangengenommen. Wie glü­hend er die Kinder dieses Stammes beneidete! Gewiß unterrichtete man sie in der Kunst des Gefangensetzens. Er hätte es mit seiner Lieblingssquaw jederzeit üben können, und sicherlich hätte sie Spaß daran gehabt, an ihm solche Fertigkeiten auszuprobieren. Eigentlich war es unmänn­lich, sich dafür herzugeben, aber er wäre das Versuchskaninchen für die Squaws geworden, die ja auch eine gute Aus­bil­dung brauchten für Zeiten, in denen im Lager die Männer rar wurden, weil sie auf der Jagd waren, auf Kriegszug, um Beute zu machen. Wahrscheinlich existierten solche Indianer nicht mehr. Sonst hätte er versuchen kön­nen, Kontakt aufzunehmen. Aber vermutlich hätten sie ihn sowieso abgelehnt. Wie so viele seiner Ka­meraden ihn ablehnten, weil sie mit ihm nicht zurechtkamen. Nie­mand würde ihn je binden, um seinen Mut und seine Männlichkeit zu erproben. Schon gar nicht ein Mädchen, was in jeder Hinsicht das Höchste wäre. Nein, Mädchen bewunderten Raufbolde wie Leopoldo, die wie nebenbei ihre kräftigen Arme vorstreckten. Es lief in einem Kreis, der ihn ausschloß.

Wieder seufzte er, und Leopoldo fragte: „Was ist los mit dir? Ist dir nicht gut?“

„Ich bin in Ordnung“, gab Manuel froh zur Antwort. Alles in al­lem fühlte er sich in Leopoldos Nähe wundervoll.

Auch wenn der dümmlich fragte: „Glaubst du, Mani, der Tormes hat genug Wasser, damit man unsere Pisse nicht riecht?“

Am Abend fiel Manuel nochmals die Artussage ein. Er versetzte sich in Sir Pelleas, in jenen Ritter, der unsterblich in Lady Et­tar­de verliebt ist, die ihn nicht erhört. Im­mer wieder schickt sie Männer aus, um ihn zu vertreiben. Reihen­weise wirft er diese aus dem Sattel, um hernach freiwillig vor die Besiegten zu treten und sich abführen zu lassen, da es die einzige Möglichkeit ist, die Dame seines Herzens wiederzusehen. In der Burg wird Ettarde anordnen, ihn zu verdreschen und hinauszuwerfen. Womit das Spiel von neuem beginnt.

Er grübelte über den Sinn nach. Freilich gab es mehr Zutaten: Pelleas ist noch Jüngling. Der zwielichtige Gawain, in Leos Gestalt, bietet Hilfe an, wohnt Ettarde bei – was hieß das bloß? – und betrügt Pelleas – um Geld? beim Spiel? –, der sich enttäuscht endlich einer anderen Frau zuwendet, Nyneve vom See. Dies gerät zum glück­lichen Ausgang. Beide leben problemlos miteinander bis ans Ende ihrer Tage. Irgend­wie unbefriedigend, die Geschichte. Er fand nicht heraus, was ihn störte. Vielleicht das noch Jüngling. Klang ab­wer­tend. Er wußte einfach nicht, was er sich darunter vorzustellen hatte. Vielleicht ein älteres Wort für Junge. Würde heißen: Man roch wie ein Junge und noch nicht wie ein Mann. Gut, auch Jungen rochen nach irgend etwas: Leopoldo nach Stallhase, Federico nach einem Unnennbaren zwischen Milch und Käse. Männer stanken. Chantec­ler stank nach billiger Blu­menseife, die Gäste aus Tante Elviras Wochenend­runden nach Zigarren und Bier – schlimm, wenn sie einen an sich zogen und anhauchten! Hinrichs stank sehr merkwürdig, wahrscheinlich wegen der ständigen Vorsicht, die er als Spion walten lassen mußte. Mädchen rochen gut. Die Bauernmägde aus der Gredos oder Tante Elviras chacha bei körperlicher Ar­beit, wenn er sich wünschte, von ihnen in die Arme genom­men zu werden, ja, am liebsten von Manuela, und möglichst so, daß er die Nase in ihre Achselhöhle pressen konnte. Kam leider selten dazu. Er stell­te sich ein drittes Geschlecht vor, das nach Himmel roch, nach Engel, wie nach feiner Musik, ein Duft, den man hören konnte. Ma­má duftete so, wenn sie die Schallplatte mit der polnischen Klaviermusik auflegte, Klänge, die im Raum schwebten, manchmal sekundenlang ein einziger Ton oder ein feiner Triller wie eine heimliche Aufforderung der überirdischen Mächte. Bedeutete es, daß Mamá ein Zwischenstadium einnahm, die Seele hier, der Körper im Himmel, oder umgekehrt? Vielleicht befand sie sich in enger Verbindung mit den Himmlischen, wenn sie im abgedunkelten Zimmer lag, eingemauert hinter Kissen wie hinter einem Ewigkeitswall.

 

Magdalena war mit Leopoldo als Freund Manuels nicht einverstanden. Zu sehr Rüpel. Holte sie den Sohn an den Freitagnachmittagen von der Internatspforte ab, ließ sie sich die Klassenkameraden zeigen, die Ma­nuel ihr zuvor beschrieben hatte. Der Aristokratensohn war ihr recht. Federico paßte ihr genau in den Kram.

„Federico Nietzsche gegen Leopoldo Mozart“, hielt sie ihm vor. „Ein erstklassiger Philosoph gegen einen drittklassigen Musiker.“

„Aber der Sohn“, begeisterte sich Manuel. „Was für ein Ei!“

„Woher weißt du von Ama­deo?“ spöttelte Doña Magdalena.

Manuel hatte dessen Briefe in einem vio­lett eingebundenen Band der Bibliothek gefunden und verschlungen. Interessante Ausdrücke wie Pisse und Arsch, die zu Hause nie fielen, von Leopoldo aber als Angelpunkt in beziehungsreichen Beispielen benutzt wurden, begründeten seine Wertschätzung für den Komponisten, lange bevor er seine Musik zu hören bekam. Nietzsche? Wer sollte das sein? Später, beim Studium der Schriften dieses Leib- und Ma­genphilosophen seiner Mutter, stellte er den Rückgriff auf seine Jugend nur her, weil ihm der sonderbar zischende Name unverwechsel­bar im Gedächtnis haften geblieben war, ...tzsch!, ein Laut wie ein heim­tückisch niederfahrender Blitz, der die Durchschlagskraft hoher Erfindungsgabe andeutete. Kant dagegen, ein Wort gleich einem Zementbrocken – und sein kategorischer Imperativ paßte zu dem Spitznamen, den die Katalanen den Deutschen gaben: caps quadrats.

Magdalena fällte die Entscheidung für die ersten Schul- und Internatsferien. Manuel würde mit dem Aristokratensohn, dessen Eltern ihn eingeladen hatten, die Sommermonate in den Hügeln über Reus verbringen.

Man sprach dort eine Manuel unbekannte Sprache. Statt bue­nas noches hieß es bona nit. Die Leute waren viel lässiger als in Ka­stili­en. Die Art der Lässigkeit erkannte er erst nach und nach. So machten Katalanen um Kleiderregeln lange nicht so viel Aufhebens wie die steifen Kastilier. Irgendwie war man angezogen. Gar nicht satt sehen konnte er sich an zwei hübschen jungen Frauen. Sie trugen Röcke, die weit über den Kni­en endeten, und Blusen, deren Schulterteil fehlte. Einem Gespräch entnahm er, daß sie eben aus Paris zurückgekehrt waren. Spontan plante er einen Ausflug nach Paris.

Obwohl das Zimmer zwei Betten hatte, schliefen die Knaben wie in Salamanca zusammen. Federico schlüpf­te unbefangen nackt zu ihm. Manuel kam es vor, als läge er selber ne­ben sich, in einer unbekleideten Ausgabe. Zu­erst störte ihn, daß der unruhige Schläfer sein dünnes Bein oder beide Arme über seinen Körper legte und sich dicht an ihn drängelte. Dabei wur­de ihm zu heiß und er schwitzte. Bis er nach einigen Nächten seine Unterkleidung auch ablegte. Nun war kühlende Harmonie hergestellt, zumal Federico mit steigendem Abstand zur Fremde, zum aufreibendem In­ternats­all­tag ruhiger wurde, wie ein Engel einschlief und selten Manuels leichten Schlaf mit unverständlichem Gemurmel unterbrach.

­Zwei bislang unbekannte Vergnügungen lernte er kennen. Eines war, den Zügen zuzuschauen, die auf der Strecke Barcelona - Madrid nahe dem Landhaus der Familie Betancourt vorbeifuhren. Noble Expreßzüge mit verschiedenfarbigen Waggons, Schlaf- und Spei­sewagen, nicht die müden tranvías, die auf den rostigen Schienen ein­gleisiger Strecken durch das dünnbesiedelte Kastilien zuckelten und nur die dritte Klasse führten, weil die Leute zu arm waren, um Polstersitze bezahlen zu können. Sprang der ferngesteuerte Sig­nal­arm quietschend auf freie Fahrt wie ein Finger, der unbestimmt in die Ferne wies, dehnte sich seine Brust vor Verlangen, auf den Zug aufzuspringen. Er hatte kein Heimweh, es gefiel ihm gut bei den Be­tancourts, wo er ein Junge unter Männern war, angefangen mit Federicos älterem Bruder – aber sah er einen convoy, wollte er zusteigen, liebend gern mit unbekanntem Ziel. Verreiste er später mit der Bahn, fiel ihm oft wieder ein, wie gern er neben der Trasse auf einen Zug gewartet hatte. War schließlich einer vorbeigedonnert, hatte die Erde gebebt wie um sich zu öffnen und alles zu verschlingen.

Das andere Vergnügen wurde im Laufe der Zeit zur Leidenschaft: das Mittelmeer in Verbindung mit der gleißend hellen, alles erhitzenden Sonne. Wollte er vom glühenden Sandstrand ins Wasser, mußte er rennen, damit seine Fußsohlen nicht Feuer fingen. Anders als am Atlantik roch das Wasser nach nichts, war aber viel salziger. Es trug besser, was an Manuels erbärmlichem Schwimmstil wenig änderte; wie eine Krabbe bewegte er sich eher zur Seite hin denn vorwärts. Manuel-Schlechtschwimmer erheiterte Federico, der elegant wie ein Delphin herumschoß. Er gab dem Freund mit hoher Stimme, immer wieder durch helles Kichern unterbrochen, systematisch Unterricht. Im Laufe einer Woche verlor Manuel die Scheu vor den heftigen, kurzen Wellen des mare nostrum, die vom Strand aus so harmlos aussahen. Darüber hinaus schärfte Federico sei­ne Aufmerksamkeit vor garstigen Wasserbewohnern, Medusen, Seeigeln und einer auf Knabenfüße spezialisierten Art Seespinne, die Manuel gleich am ersten Tag mit der Hausordnung unter Wasser bekanntmachte und so un­gnädig in die Ferse biß, daß er stundenlang herumhumpelte. Gern saß er an der Wasserlinie zwischen Felsbrocken und spielte mit den Einsiedlerkrebsen, die sich auf die geringste seiner Bewegungen hin in Muschelhäuschen zurückzogen und manchmal erst nach Minuten wieder zum Vorschein kamen, so vorsichtig, wie er selber wäre, wenn er in einer Hütte säße und draußen Grobiane vermutete, die ihm auflauerten.

Federico war es, der ihm die spanischen Dichter durch die Werke, die er selber besonders liebte, näherbrachte. Manuel verschlang Tirant lo Blanc nach der Kinderbuchfassung nun im Original. Ein Buch, in dem die Kundschaftermissionen viel Raum einnahmen und Verrat und Treue sich gerechterweise die Stange hielten. Er entrüstete sich über das undurchdringliche Gestrüpp der spanischen Verwaltung in Pérez Galdós und war entzückt von der sprachlich moderneren Erzählweise Pío Barojas und seinem Held Shanti Andía. Bücher nach seinem Geschmack, mit deren Gestalten zum Greifen nahe, zum Liebhaben er durch dick und dünn ging. Oder, wenn er sie haßte, empört hoffte, ein rächendes Schicksal möge sie hinwegfegen. Hatte Regen ihn in je­nen sie­ben oder acht Ferienwochen am Mittelmeer einmal im Haus festgehalten? Wohl nicht. Trotzdem war zum Lesen Zeit genug. Nie­mand kontrollierte die Buben hinsichtlich der Nacht­ruhe. Manchmal, wenn er keinen Schlaf fand, knipste er das Licht wieder an und schob Federico von sich, der wie ein Murmeltier im Winterschlaf dalag. Dann las er im andern Bett, bis ihm die Augen endgültig zufielen.

Beim Essen an der großen Tafel wurde viel über Literatur gesprochen. Oder über Politik. Dabei ging es hauptsächlich um Katalonien und im weiteren um seine Beziehungen zu Europa. Kaum einmal fiel der Name der Hauptstadt, als gehöre diese zu rückständigen, so gut wie vergessenen Provinzen. Nach einem Monat täglichen Unterrichts konnte Manuel Catalá in groben Zügen folgen, zumal sein Freund unermüdlich übersetzte. Die Gesprä­che forderten ihn auf, erneut über das Wort Vaterland nachzudenken. Welches war das Land seines Vaters? Wo gehörte er, Manuel, hin? Die Antwort war nieder­schmetternd: Halb gehörte er nach Spa­nien, halb nirgendwohin. Sein Vater existierte nicht mehr, und es war fraglich, ob dieser das Spanien, in dem er geboren war, je als sein Land betrachtet hatte. Federico brauchte sich dar­über nicht den Kopf zu zerbrechen. Spanien war für ihn Katalonien, Heimat. Die Erde seiner Väter. Mit dem mare nostrum als natürlicher Ergänzung. Ka­stilien lag weit entfernt. Es gehörte fast zu einem anderen Erdteil, Afrika.

„Wir haben eine meseta nuestra“, versuchte Manuel das, was ihm mangels Besserem als Heimat blieb, aufzuwerten.

In Federicos Blick lag das nadelspitze, abschätzige Lächeln des werdenden Denkers. „Den Ausdruck hast du gerade erfunden“, sagte er. „Plump! Selbst wenn du ganzseitige Anzeigen in die Zeitung setzt: Anwenden wird ihn niemand.“

An den Wochenenden musizierten die Eltern auf Klavier und Violine, Federico spielte Flöte. Über zwanzig Gäste fanden sich ein. Manuel wurden so viele Menschen trotz des großen Betancourtschen Salons zu einer Herde unbenennbarer Tiere, die ihn einkreisten. Der schwere Geruch nach Parfums, nach Zigarren und Alkohol trieb ihn auf die Terrasse, wo er, beide Hände hilfesuchend an den Türflügel geklammert, dem Konzert zuhörte. Bei der Solopartie der Flöte konnte Federico, der seinen Körper geschickt wie ein Schlangenbeschwörer zur Melodie einsetzte, der Gunst des Auditoriums gewiß sein. Weniger Manuels Harmonieempfinden als die diensthabende Abteilung seines Kopfes für Agentenangelegenheiten signalisierte Gefallen an der Darbietung. Gewisse undurchsichtige Leute hatten sich hier im Landhaus verabredet, getarnt als Musikliebhaber, Aus dem Auf und Ab der Flötentöne entnahmen sie einen Buchstabencode. Jener hochgewachsene Herr dort – der mit den Habichtaugen – ging jetzt mitten im Konzert nicht etwa eines dringenden Bedürfnisses wegen zur Toi­lette. Er eilte ans Telefon, die Nachricht weiterzuleiten. Ha! Da kam er zurück, eine Flasche Champagner wie eine Keule schwingend. Diese vorsichtige Art des Öffnens kannte Manuel aus Elviras Abendrunden. Der Korken sollte mit Verve an die Decke knallen. Aber hier wies der Flaschenhals auf das Podium, und die Habichtaugen überprüften soeben die Richtung. Peng! Ach, er hat­te es befürchtet: ein manipulierter Kork! Er ploppte Federico mitten auf die Stirn. Das sekundenschnell wirkende Gift steckte in den Widerhaken. Ein gnä­diger, früher Tod. Denn ständig dieser einfältigen Flöte ein Gedudel entlocken zu müssen, von dem man ganz mutlos werden konnte, wäre ein ungleich härteres Schicksal. Federico kippte langsam zur Seite, geradewegs dem reglos dasitzenden Pi­anisten in den Schoß. Seine bereits bewegungslose Hand fiel auf die Tasten und löste eine schrille Dissonanz aus. Fürchterlich war die Stille, die nun folgte. Alle Gesichter wand­ten sich der Terrassentür zu. Eine Hand strich flüchtig über Manuels Haar. Er schrak zusammen. Der Diener mit dem Silbertablett lächelte entschuldigend und fragte freundlich: „Ein Glas Aprikosensaft, junger Herr?“

Einmal fuhren sie nach Barcelona, wo ihm pare Betancourt das gotische Viertel zeigte. Mehr beeindruckte ihn jenes Gewirr enger Gassen in Hafennähe, wo sich Bar an Bar befand und die denkbar merkwürdigsten Gestalten herumstreiften, die es in Salamanca niemals zu sehen gab. Er beneidete Federico um die Möglichkeit, von einer Stunde auf die andere aus dem ländlichen Reus in so eine Stadt zu gelangen. Ob er ihn um sein Zuhause beneidete, wußte er nicht recht. Vielleicht ging es zu vornehm zu, weil ständig seine Höflichkeit gefordert war und er sich hundsgemein zusammennehmen mußte, keinen der Ausdrücke vom Stapel zu lassen, die die Un­terhaltungen mit Leopoldo so beflü­gelnd gestalteten. Nach den Ferien in der Gredos war es ein melancholischer Sommer, würde er später urteilen, weil er so ganz ohne Mädchen ablief, zu sehr auf seinen Freund abgestimmt, der ihm geschlechtlich – soviel begriff er schon vom Sex – ein Neu­trum schien. Sie übten keine besondere Anziehung aufeinander aus, sie stießen sich nicht ab und stritten nicht, weil viele ihrer Interessen und Meinungen sich deckten. Ein einziges Mal rauften sie miteinander, sehr kurz. Manuel streckte den kleinen Katalanen unendlich sanft zu Boden, als biege er eine verletzliche Blüte, und da er deut­lich Entsetzen in den hellbraunen Augen aufglimmen sah, ließ er sofort von ihm ab, zog ihn ebenso sanft wieder hoch und sagte rechtfertigend: „Weißt du, das lernt man im Jiu.“

Wenn also soweit alles paßte, blieb es ein Som­mer ohne Leidenschaft. Auf den ein Herbst voller Ängste folgte, wann er so wachsen würde wie seine Altersgenossen, und ein Winter, in dem er erfaßte, daß er, ohne sich im geringsten anstrengen zu müssen, in der Bewäl­tigung schulischer Materie sei­nen Klassenkameraden weit vor­aus­lief. Gerade seine guten Noten in Spa­nisch bestärkten Doña Magdalena im Entschluß. Es wurde Zeit – ihr Sohn würde es schaffen! Sie setzte für die nächsten Ferien einen Sprach­aufenthalt an. Deutschland. Hatte er richtig gehört...?

Por Dios, Mamá, wozu soll ich ausgerechnet Deutsch lernen?“

„Eine wichtige Sprache, mein Kleiner. Die Sprache der Liebe.“

Er zweifelte daran, wie eine andere Sprache als Spanisch der Lie­be angemessen Ausdruck geben könnte und sagte grollend: „Nenn mich nicht pausenlos mein Kleiner!“

Nicht nur das tat sie. Sie schloß seinen mageren Kör­per fest in die Arme, wie um zu prüfen, ob er den Planungen standhalte, und kassierte alle seine Ferien zugunsten fremdsprachlicher Exerzitien mit dem Ergebnis, daß er bis zum Bac nahezu vergessen sollte, wie ein heißer spanischer Sommer beschaffen war.

Im Gegenzug drückte er durch, daß Leopoldo seine Nummer eins wurde. Wie er war der Junge Interner, hatte aber keine Möglichkeit, am Wochenende dem Internat zu entfliehen, da es bis zum Heimatdorf im nördlichen Asturien zu weit war. Manuel lud ihn wie vormals Federico nach Hause ein und vergalt seine zuverlässigen Beschützerdien­ste durch Nachhilfe in den Sprachen, aber auch in Bio­logie, wobei er dem grobknochigen Freund allmählich mehr Ehrfurcht vor lebender Materie einimpfte – Leopoldo unterließ es, wahl­los Insekten zu zermalmen, die über die Tischplatte liefen, und mit seiner Zwil­le den gefiederten Geschöpfen nachzustellen. Gegenüber Manuel wurde er sich seiner Kräfte bewußt. Er verdrehte ihm die Glieder nicht mehr, bis Manuel aufschrie. Besorgt horchte er auf das leiseste Stö­hnen seines Kameraden wie beim Regulieren eines feinen Mechanismus.

Leopoldo besaß schon als Knabe erstaunliches Verständnis für technische Zusammenhänge. Er machte Manuel mit der Wirkungsweise schiefer Ebenen vertraut, mit dem Hebelgesetz oder mit Komplexerem wie der Fliehkraft.

Auf der herbstlichen feria gab es eine Attraktion mit dem Namen La rueda de diablo, eine spiegelglatte Fläche im Karussellfor­mat, auf der Platz nahm, wer es auf eigene Gefahr riskierte. Sobald die Platte, durch einen Elektromotor angetrieben, auf Touren kam, wurden die Besucher nach und nach in sorgsam aufgeschichtete Kissen geschleudert, eine wundervolle Möglichkeit für Pärchen, sich vor al­ler Augen unzweideutig zu umklammern und die Wonnen körperlicher Nähe ge­wisserma­ßen erlaubt zu genießen. Die weiche Landung in den Polsterbergen war der Gipfel des Glücks. Denen, die sich län­ger behaupteten, winkten Preise, Knopflochblumen, Anstecknadeln oder eine kleine Süßigkeit. Aber lange hielt niemand stand. Bei der höchsten Drehzahl wurde ein riesiger Teddybär von oben herabgelassen, der mit seinem Gewicht die Beharrlichsten von der Platte fegte. Leopoldo sah sich die Sache eine Weile an. Er skizzierte Manuel mit unverständlichen Fachausdrücken wie antepenoxe seinen Plan. Die Schuhe mußte man sowieso ausziehen, aber sie würden sich auch der Kniestrümpfe entledigen und sich nach innen legen, an die pfahldicke Antriebs­achse. Einer mußte die Fuß­knöchel des anderen mit beiden Händen fassen, und umgekehrt. So gelang es, in den geforderten drei Runden von je einer Minute der Fliehkraft zu trotzen und dem Zotteltier mit seinem Kern aus Blei. Der mürrische Be­sitzer zieh sie regelwidrigen Verhaltens und bequemte sich erst dazu, den Spitzengewinn herauszurücken, einen Teddybären von stattlichen achtzig Zentimetern Größe, als die Menge ihn auspfiff und die Jungen begeistert beklatschte. Danach wurde ihnen der Zutritt verweigert. Was Manuel bei aller Anerkennung der Ingenieursleistung seines Freundes lieber war. Noch Stunden später drehte sich alles. Ihm war, als ginge er ständig um sich selbst herum.

Der Teddy lag in der folgenden Nacht im Bett zwischen ihnen. Am Morgen wurde Manuel vor Zuneigung ergriffen, wie er Leopoldo neben sich sah, noch im festen Schlaf, den Bären zärtlich um­klammernd. Konnte auch ein Würgegriff sein, das war bei Leopoldo schwer zu unterscheiden. Besser nicht an die Stelle des weichen Gesellen rücken! Offenbar lag es im Wesen seines Freundes, daß er im Bett nicht gern allein war. Was immer sich anbot, schloß er in die Arme. Notfalls genügte ein festes Kissen.

Manuel? Oh, der war in exquisiter Weise wählerisch gegenüber anderen Körpern! Schlafen tat er lieber für sich. In seinem Zimmer in der Calle Guzmán el Bueno gab es ja zwei Bet­ten, so daß er, falls Leopoldo zu unruhig wur­de – wie vormals Federico –, ins andere Bett kroch. Leopoldo, wach­te er einsam auf, zog eigensinnig auch um und vergewisserte sich Manuels Nähe.

An einem ruhigen Herbsttag am Río Tormes machte er Manuel mit einem weiteren physikalischen Gesetz vertraut, der Schallausbreitung in einem festen Leiter. In den Boden zweier leerer Konservendosen hatte er mit einem Nagel kleine Löcher geschlagen, in welchen die Enden eines viele Meter langen Blumendrahtes verankert wurden. Er befahl Manuel, sich die eine Dose ans Ohr zu halten. Außer diffusem Rauschen und Krachen war nichts zu hören.

Der Draht spannte sich. Aus beträchtlicher Entfernung vernahm er nun Leopoldos deutliche, blecherne Stimme: „Hörst du mich, Arsch­loch?“ Manuel verschlug es die Sprache in doppeltem Sinn. Die Erfindung war nicht geheuer, die Wort­wahl beleidigte. „Was ist, Blöd­mann“, schnarrte es wieder, „kannst du mich nicht hören?“

„Doch! Wie im Rundfunk, mari­cón“, trompetete er hinein.

Leopoldo ließ seine Büchse augenblicklich fallen, sprintete auf Manuel zu und gab ihm eine Backpfeife. Keine von den schweren asturischen, die seinen Freund umgefegt hätte. Einen Denkzettel im Piccoloformat mit der erläuternden Beifügung: „Laß ich mir von dir nicht sagen, Arsch­loch.“

Manuel, der letztlich nicht wußte, was er gesagt hatte – einen Ausdruck, kürzlich ohne Wissen um die Bedeutung von Schulkameraden auf­geschnappt –, war ver­dutzt, zumal die Harmonie eines Wochenendes zerfloß. Leopoldo stocherte mit fin­sterem Gesicht im Abendessen, welches er dem im Internat, das zur Verfügung gestanden hätte, zehnmal vorzog.

Die lachende Dritte war buch­stäblich Doña Magdalena, die mun­ter plappernd und kichernd Anspielungen auf den Zwist der Knaben machte, weil sie hoffte, das Ende der Freundschaft beschleunigen zu können oder mindestens den Anfang vom Ende. Vielleicht weilte Leopoldo, der Federico den Platz streitig machte, das letzte Mal in der Calle Guzmán el Bueno. Jubilierend trug sie den flan auf. Leopoldo bekam den klein­sten. Zerfallen war er auch schon.

Manuel ergriff die Gelegenheit, des Freundes Gunst zurückzuge­winnen. Er tauschte ihre Teller mit der Karamelspeise.

Der Asturier fand Schmollen herrlich. Es zog Blasen bei seinem Freund. War an der Zeit, ihm wieder Respekt beizubringen. Über­trieben unwirsch machte er den Tellertausch rückgängig.

„Der ist zerlaufen“, sagte Manuel. „Nimm lieber meinen.“

„Ich wünsche ihn zerlaufen!“

Doña Magdalena horchte auf. Diese Stimme wie ein Sprengsatz... So hatte sich Yáñez’ schlechte Laune angekündigt. Der Moment, be­vor er aufsprang, um zu einer vuelta in seinen Stammbars zu verschwinden, meistens noch mit der großen Serviette im Hemdkragen. „¿Dónde vas con mantón de Manila...?“ sang sie. So wie sie es damals gesungen hatte, bevor der Wüterich sich in der Tür umdrehte und die Serviette auf den Boden pfefferte.

„Mamá, was ist los mit dir? Hast du was getrunken?“

„Ich –? Nein. Wieso?“

Aus der Yáñezschen Ferne streifte sie der Gedanke, sie habe von Knaben dieses Alters, da alles mit Gefühlen Zusammenhängende durcheinanderzuwirbeln begann, wenig Ahnung.

Ein trostloser Abend. Sie sprachen kein Wort miteinander. Manuel las. Wieder und wieder dieselbe Seite aus einem Schundroman, der zu Leopoldos Besuch besser paßte als Literatur. Dabei schielte er über den Buch­rand. Leo kramte im Elektrobaukasten herum, ohne zu fragen. Er räum­te methodisch auf, bog die Verbindungen grade, legte jedes Teil in sein Fach. Dann haspelte er die Spule ab. Manuel war empört. Was der sich erlaubte! Leo untersuchte die Bakelitfassung und wickelte neu, Draht auf Draht, Lage auf Lage, sau­ber wie eine Garnrolle. Blick auf ihn: Na, wie sieht das jetzt aus?

Manuel verbarg sich schnell hinter dem Schmöker. Seine Spule war einem unordentlichen Wollknäuel ähnlich gewesen, unordentlich wie sein Kopf. Gewiß dachte Leo an ihn als Wickelkern. Mit der Wäscheleine vom Dachboden, die er am Nachmittag mit einem ebenso überlegenden Seitenblick begutachtet hatte. Von Leo einge­wickelt, puh, das wäre furchtbar! Womöglich an einem Balken, hilf­los einer ungewissen Anzahl asturischer Backpfeifen ausgesetzt! Ihm schauderte. Er stand auf und schloß sich vorsichtshalber im Bad ein.

In der Nacht schmollte jeder stumm in seinem Bett. Leopoldo wartete auf ein einziges Wort von Manuel, das er, egal wie es ausfiele, zum Vorwand nehmen würde, zu ihm zu schlüpfen. Und Manuel überlegte, ob der flan vergiftet und der Freund daran verendet war, weil er keinen Laut mehr von sich gab. Er drückte die Nase ins Bettzeug, das von gestern noch nach Leo roch. Die Wäscheleine um seine Glieder würde ihm jetzt gar nichts mehr ausmachen.

Erst am Morgen funkte ein verirrtes Lächeln wie Zunder in die ausgedörrten Seelen. Oder war es das Glockengeläut der Kathedrale, Verständigung anmahnend? Wo Worte versagen, hilft der Körper: Sie balgten miteinander, bis Manuel, erleichtert über die Versöhnung, sich dem starken Asturier ergab.

„Wiederhole, was du gestern sagtest. Wenn du Mumm hast“, sag­te Leo­poldo unter Tränenschleiern, die ihm unbegreiflich waren. Rittlings saß er auf seinem Freund.

Manuel wäre es nicht darauf angekommen, hundertmal dasselbe zu wiederholen. Al­lein, er hatte Aufklärung im Lexikon gesucht. Ganz begriffen hatte er nicht, was da von Männern stand, ziemlich verschwommen, die Unerlaubtes taten. Er begriff nur deshalb ungefähr, was seinen Freund bewegte, weil dasselbe Wort an jenem Win­termorgen im Internat den Beginn ihrer Freundschaft markiert hatte, ein Schimpfwort, von Jungen verhängt, die vielleicht genauer Bescheid wußten. Oder sie hatten es aus Neid gesagt, da Leopoldo ausgerechnet den Schwächsten zu seiner Nummer eins gemacht hatte.

Stockend erfand er: „Brazo fuerte – mente fuer­te, das sagte ich. Deine Erfindung läßt zu wünschen übrig, falls du anderes hörtest. Oder du mußt dir die Ohren waschen. Ich hörte dich genau.“ Dabei hob er traurig die Arme. „Macht mich ganz fertig, so wie du mich andauernd Arschloch nennst. Ehrlich! Wenn ich das für dich bin, oder wenn du es sagen mußt, um dich gut zu fühlen, passen wir nicht länger zu­einander.“

Leopoldo wurde richtig schwindlig, weil er gerade in diesem Mo­ment spürte, wie schrecklich gern er mit Mani zusammen war. Gleichzeitig kam er sich mies vor. Er hatte ihn geohrfeigt und damit den ungeschriebenen Kodex in Bezug auf ihre Raufereien gebrochen. Er schämte sich wie selten zuvor.

So wie Doña Magdalena sich ihres starren Willens schämte, die beiden Jungen auseinanderzubringen, die nun verlegen grinsend zum Frühstück Platz nahmen, Hand in Hand, als hätten sie sich vor fünf Minuten verlobt.

 

Zu Weihnachten wurde Manuel nach Asturien eingeladen. Doña Magdalena sagte nein, weil sie wußte, welcher Einblick in eine gänzlich andere Gesellschaftsschicht ihrem Sohn bevorstehen würde.

Doch Leo entwickelte beachtliche Energien. Auf dem Markt stahl er ein halbes Dutzend weißer Rosen zusammen, überreichte sie Do­ña Magdalena und fragte: „Was gefällt Ihnen nicht an mir, Seño­ra? Ich prügele mich für Ihren Sohn, sollte es nötig sein. Meine Mutter ist ebenso hübsch wie Sie, und mein Vater hat einen Verstand, auf den er stolz sein kann. Gut, wir bewohnen nur ein kleines Haus, und eine Chacha für die Schmutzarbeit können wir uns nicht leisten. Brauchen wir auch nicht. Meine Geschwister können genauso zupacken wie ich. Sie sollten mehr darauf hören, was Ihr Sohn will. Er will nichts Unrechtes. Er will gern mit mir gehen. Ich werde auf ihn achtgeben wie auf jeden meiner Brüder. Das verspreche ich.“

Der Asturier war stolz auf sich. Er hatte die Ansprache, in den entscheidenden Punkten von Mani aufgesetzt, vorsichtshalber auswendig gelernt und sich nicht ein einziges Mal verhaspelt. Nun setz­te er seine sanfteste Miene auf und wartete.

Natürlich, die Rosen. Eine deutliche Sprache. So deutlich wie Leopoldo, Hände an der Hosennaht, Daumen leicht aufwärtsgebogen auf den Schenkeln. Das Männliche. Vor so einer Haltung schmolz Doña Magdalena, hätte am liebsten den robusten Jungen an sich gedrückt. Aber das schickte sich nun wirklich nicht. Sie fühlte sich schwach, von den Knaben beiseite ge­schoben. Und in der Tat war ihre gesundheitliche Verfassung nicht die beste; neulich erst hatte Dr. Sepúlveda, den sie jetzt statt Dr. Fès konsultierte, ihr eingeschärft, sich unbedingt zu schonen.

Wenn sie es recht überlegte, kam es ihr zupaß. Sie hatte, nachdem der Zöllner sich von einer jüngeren Frau hatte umgarnen lassen, eine verspielte Be­ziehung mit einem um zwanzig Ecken entfernten Verwandten ihres verstorbenen Mannes begonnen, der kürzlich nach Salamanca gezogen war. Ohne die argwöh­nische Aufsicht des Sohnes, von dem sie glaubte, er wolle sie natürlich für sich allein haben, könnte sie nun die Liaison ausbauen. Keine Ahnung von Knaben: Sicherlich liebte Manuel sie zärtlich, doch hatte er sich schon gefragt, warum seine Mutter nicht wieder heiratete.

Ein Weihnachten der Liebe. Doña Magdalena und Aurelio, die jeden Abend zusammen tafelten und bis zur Nochebuena alle vorbereitenden Stufen hinter sich gebracht hatten, um miteinander zu schlafen. Leopoldo und Manuel, die sich unter dem beschützenden Dach der Familie Arroyo ineinander verliebt hatten, der eine, ohne es freilich recht zu wissen, und der andere in Bangigkeit, dem Angebeteten nicht zu nahe zu kommen und ihn damit in die Flucht zu schlagen. Auch sie teilten ein Bett, aber ihre Zärtlichkei­ten waren rauhe Püffe und bestenfalls ein kitzelndes Über-die-Rip­pen-fahren.

Im anderen Bett desselben Zimmers lagen zwei kleinere Brüder Leos, die wie Katzen imstande waren, sich zwölf Stunden nicht von der Stelle zu rühren. Anders als die drei Mädchen unter den insgesamt sechs Geschwistern, die auf der Altersschnur wie Perlen zwischen die Jungen gereiht waren. Manuel hörte sie auch nachts über den Flur trappeln, und in aller Frühe rissen sie die Tür auf, zogen den Brüdern die Decken weg und sangen im Chor: „Früh­stück! Wer nicht rechtzeitig da ist, kriegt nichts mehr.“ Sechs Kinder an einem Tisch bei den Mahlzeiten, sechs Kinder abends vor dem Radio, acht Menschen, die zusammen bei Würfel- und Kartenspielen mogelten und lachten – und dazu Manuel, der sich einbildete, sein Zuhause sei da­gegen öd und leer. Wann spielte seine Mutter mit ihm? Wann brach­te er mehr als einen Kameraden mit ins Haus? Das Lebendige in seiner Kindheit waren durchweg Besuche auswärts, in Montemayor bei Tante Elvira, in Zamora bei Tante Pili, dort mit der Einschränkun­g, meist im Zimmer zu spielen. Oder der Sommer mit Federico in Katalonien. Und nun diese erste große Ausnahme von der Tradition, Weihnachten zu Hause zu feiern, die Reise nach Asturien.

Leopoldos Vater zeigte Manuel das Bergwerk, wo er angestellt war, einer der leitenden Ingenieure, zuständig für den Bau und Erhalt der Stollen. Die Knaben bekamen Helme aufgesetzt und durften mit in die Tiefe fahren. Manuel, der aus der Phantasie die Annahme entwickelt hatte, im Erdinnern müsse Ruhe und insbesondere warme Dunkelheit herrschen, wurde enttäuscht: Wasserglucksen durchbrach die Stille, die Wärme war schwül, trieb den Schweiß aus allen Poren, und die Lichtblitze der in den Helmen untergebrachten Stirn­lampen brachen sich vielfach an den diamant­ähnlichen Kohlenstoff­kristallen und blendeten ihn ständig.

„Gibt es keine Helme, die man über die Augen ziehen kann?“ fragte er krächzend Leopoldo. „Und Ohrenschützer gegen die Wassermusik?“

Gilipollas“, lautete die nachsichtige Erwiderung, „no entiendes nada de técnica.“

Am Tag nach dem Heiligen Abend marschierte Leopoldo mit seinem Freund bei strahlendem Sonnenwetter in die Umgebung zu einem Aussichtspunkt, wo der Zauber des bergigen Asturiens so recht auf Manuel wirkte. Oder war es der Zauber, der von Leopoldo ausging? Leopoldo, der sorglos im Schneidersitz auf einer Steinmau­er hockte, hinter der es steil in eine tiefe Schlucht ging. Auf einem man­dolinenähnli­chen Instrument spielte er unbeholfen Volkslieder wie Bésame, bé­same mucho, wozu er mit ernstem Gesicht und weit­hin tragender Stimme sang, was Manuel ihm nicht zu­getraut hät­te – schon gar nicht diese Verse der Liebe. Leopoldo besaß nicht die feine Hübschheit Manuels, aber seine dunklen, leuchtenden Augen im Gegensatz zu seinem nahezu blonden Haar, die markant vorspringende Nase und seine grobknochigen Bubenfäuste mit kräftigen Fin­gern, die nachlässig über die Saiten riffelten, waren schier zu viel für Manuel, der sich schwer hüten mußte, vor dem Freund nicht wie­der auf die Knie zu fallen und zu stammeln: Leo, ich... Ja, was hät­te er denn sagen können? Vielleicht: Ich bin so glücklich... hier! Naturge­mäß schickte es sich unter Jungen nicht, mit so einem Wort herauszuplatzen. Man hatte männlich zu sein, männlich über seine Zuneigung zu schweigen.

Dabei ließ es Leopoldo nicht an Beweisen seiner Zuneigung feh­len. Bald einmal legte er Manuel den Arm um die Schultern, rieb den Kopf an seiner Brust und fragte komisch: „Langweilst du dich nicht mit mir?“

„Nein, Leo. Warum?“

„Weil ich mit dir nicht über Bücher reden kann.“

„Woher willst du wissen, daß ich über Bücher reden will?“

„Mani, lüg mich nicht an! Du kommst aus einer Familie, in der man das tut. Ihr habt so viele Bücher. Papa hat nur seine Inge­nieurs­bücher. Und irgendwo stehen ein paar Klassiker rum. Weißt du was? Die sind zum Gähnen langweilig.“

„Also Leo, du und ich, wir sind doch nicht davon abhängig, miteinander über Bücher reden zu müssen.“

„Aber du vermißt es sicherlich.“

„Nein, vermiss’ ich nicht“, schnitt Manuel ihm unwirsch das Wort ab, weil er es sehr wohl als eine Komponente ausmachte, die ihrer Freundschaft Zügel anlegte.

Das Gespräch fand auf dem Dachboden des kleinen Hauses statt, eines Hauses in einer langen Reihe gleichförmiger Bauten, die die Bergbaugesellschaft für Arbeiter und Angestellte errichtet hat­te. Der Dachboden war der einzige Fluchtpunkt, wo die beiden einmal ungestört sein konnten und in Ruhe gelassen wurden. „Wir müs­sen lernen, er­klärte Leopoldo wichtig, bevor sie sich zurückzogen. Mit geschickten Bewegungen drehte er eine Zigarette, ent­zündete sie, nahm einen Zug und reichte sie Manuel. Der wollte sich keine Blöße geben und hielt mit. Gleich fing er schauerlich an zu husten, und es schmeckte ihm nicht. Doch gefiel es ihm, weil sein Freund dicht neben ihm saß und noch lange, nachdem die Zigarette zu Ende geraucht war, nach Tabak roch, wodurch seine tiefe Stimme mehr Glaubwürdigkeit erhielt, dem Jungen den Anstrich des Erwachsenwerdens gab.

„Bist du übrigens jüdischen Glaubens?“ fragte Leopoldo.

Eine im Grunde einfache Frage. Manuel meinte, die Antwort könne nicht in einem strikten Ja oder Nein bestehen. Woran glaubte er? An den Gott der Katholiken, den Gott der Priester, der Heiligen Kommunion, den man anrief, wenn man beichtete? Sicher nicht. Den jüdischen Glauben hielt er für eine ältere, vorangegangene Form, auch dieser schied aus. Das Wort jüdisch kannte er in anderem Zusammenhang, der weltanschaulicher Natur und von langer, in die Ge­schichte Spaniens zurückreichender Be­deutung war, angefangen mit dem Edikt der Katholischen Könige, die die Juden genauso vertrieben hatten wie die Mauren. Das war lange her, und nun gab es derer wieder viele im Land, kenntlich an ihren Namen, Gebräuchen, Berufen. Hatten sie eine jüdische Linie in der Familie? Er seufzte. „Ich glaube an Paradigmen.“

Bei dem Wort runzelte Leopoldo die Stirn.

„Solche, die sich dem Göttlichen zu nähern versuchen. Und ich glaube an ethische Begriffe wie Moral, Liebe, Freundschaft. Aber ich kann mir keinen Gott vorstellen, keinen Übervater, der auf uns herunterschaut und die Möglichkeit hätte, in unser Tun einzugreifen. Beantwortet das deine Frage, Leo?“

Dieser brauchte eine Weile, bis er alle Wortwüstlinge unverdaut wieder ausgeschieden hatte. Listig entgegnete er: „Du bist also nicht beschnitten?“

Manuel fragte unbefangen: „Was ist das, beschnit­ten?“

Leopoldo kratzte sich hinter dem Ohr. Ah, Mani wußte auch gar nichts! „Man schneidet ein Stück­chen von der Schwanzspitze ab.“

„Von der Schwanzspitze? Ehrlich?“

„Na ja, von der überstehenden Haut.“

„Und wozu?“

Leopoldo zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht, ob es einen praktischen Nutzen hat. Oder ob es wegen einer Zemonie geschieht.“

„Zeremonie.“

„Ze-re-mo-nie?“

„Genau.“

„Gut. Äh – also weil man Jude ist. Die machen das mit den Säug­lingen oder den ziemlich kleinen Jungen, was weiß ich.“

Ma­nuel nagte an den Lippen. „Bin ich vielleicht beschnitten, ohne es zu wissen?“

Leopoldo war sich bewußt, daß er seinen Freund auf heikles Terrain führte. „Weißt du denn nicht, ob ihr Juden in der Familie habt?“

„Schon“, sagte Manuel, „schon. Mein Großvater war Jude. Groß­mutter nicht. Drei Kinder, nur Töchter. Beschneidet man die auch?“

Leopoldo bedachte diese Variante mit zugekniffenen Augen. „Glaube ich nicht. Was sollte man da wegnehmen können?“

„Würdest du sehen, ob das bei mir gemacht wurde?“ fragte Manuel, den die Annahme, sein Schwanz sei vielleicht deshalb so mick­rig, weil man nach der Geburt davon versehentlich zu viel abgesäbelt hatte, beunruhigte.

„Klar“, sagte Leopoldo. „Wir müßten vergleichen. Ich bin ja kein Fitzchen andersartig. An mir ist alles dran.“

„Du hast mich schon nackt gesehen“, sagte Manuel, der inzwischen eine listig eingefädelte Nummer seines Freundes für möglich hielt. „Mehrmals.“

„Nur deinen Hintern. Du drehst dich beim Duschen von mir weg. Wie die Schwulen.“

Manuel erstarrte. „Hältst du mich für schwul?“

„Ach – nein! Du bist so feingliedrig. Sieht irgendwie schwul aus. Dafür kannst du nichts“, tröstete Leopoldo ihn. Leise schlug er vor: „Willst du’s gleich hinter dich bringen?“

„Nein“, sagte Manuel entschieden, weil er in der Kälte des Dach­bodens nichts mehr zwischen den Beinen fühlte, womit er seinen be­sten Freund im Entferntesten zufriedenstellen konnte.

Zwischen Weihnachten und Silvester zeigte Leopoldo ihm seine alte Schule. Der Anlaß war ein Jiu Jitsu Freundschaftsmatch zwischen den Provinzen León und Oviedo. Leopoldo schlug sich in sei­ner Gewichtsklasse glänzend, gewann gegen alle vier Gegner scheinbar mühelos, gestand jedoch hernach schweratmend, er sei erledigt wie noch nie. Sein Unterhemd war schweißnaß und am Ellbogen hatte er einen blutenden Kratzer.

„Deine Füße stinken“, sagte Ma­nuel, der auf der Ersatzbank umsonst auf seinen Einsatz als Gast­kämpfer gewartet hatte.

„Denkst du an nichts anderes?“ Leopoldo schubste ihn von der Bank, packte seine Knöchel und schnüffelte an seinen Füßen. „Und was glaubst du, ist mit deinen? Los, unter die Dusche!“

Manuel bedachte unbehaglich die Situation und sagte: „Ich hab’ mich erst heute früh gewaschen.“

„Red nicht! Hier hast du was anderes als unser lauwarmes Wasser aus dem Netz der Grubenverwaltung. Hier ist es richtig heiß. Die Schule hat elektrische Boiler.“

Beklommen folgte er in den Umkleideraum. Er fürchtete sich davor, elektrisiert zu werden. Leopoldo wurde mit anerkennenden Schulterschlägen und derben Sprüchen gefeiert. Leopoldo-Sieger ertrug alles geduldig und trödelte so lange herum, bis die meisten Sportler gegangen waren. Dann entkleidete er sich unter den hellen Neonröhren.

Manuel sah den Freund in voller Schärfe zum ersten Mal nackt. Ein kleiner Athlet. Wie jene im Buch über die Wettkämpfe im alten Griechenland. Er selbst würde niemals so aussehen.

„Was ist?“ sagte Leopoldo. „Muß ich dich ausziehen?“

Zwei Nachzügler, die sich gegenseitig die Schuhe zubanden und dabei rangelten, fragten kichernd: „Dein kleiner Bruder, Leo?“

Er grinste vielsagend, und Manuel kam sich angesichts der so stämmigen Gestalten unsäglich mangelhaft vor. „Nun komm schon“, sagte Leopoldo, der bereits unter dem dampfenden Wasserstrahl stand. „Seif mir den Rücken ab.“

Manuel gehorchte schweigend. Vergeblich versuchte er die Tränen zurückzuhalten.

Leopoldo wandte sich ihm zu und nahm die Seife. „Warum heulst du?“ fragte er schroff.

„Ich heul’ nicht. Mir ist Seife in die Augen gekommen.“

Leopoldo drehte sich beharrlich unter der Dusche und warf prüfende Blicke auf Manuel. Schließlich vergewisserte er sich, daß sie allein waren. Ungeschickt nahm er den Freund in die Arme. „Hast du Heimweh?“ fragte er geradezu zärtlich. „Möchtest du, daß ich dich nach Hause bringe?“

„Nein“, sagte Manuel schniefend. „Ich bin gern hier. Sehr gern!“

Ohne daß ein weiteres Wort fiel, trockneten sie sich ab, schlüpften in die Kleider und verließen die Schule, beide im Bewußtsein frisch besiegelter Vertrautheit.

In der Leopoldo sich zum Erstaunen Manuels ungestüm fortbewegte. Beim abendlichen Würfelspiel in der Familie verließ er den angestammten Platz als Ältester neben seinem Vater und setzte sich zu Manuel, Bein an Bein, legte bei jeder Gelegenheit den Arm um seine Schultern. Dazu flüsterte er ihm albernes Zeug ins Ohr.

„Jetzt laß deinen Freund!“ mahnte Frau Arroyo. „Der war den ganzen Tag mit dir zusammen. Er will bestimmt seine Ruhe haben.“

Allerdings war Manuel verwirrt. Leopoldo hörte nicht auf, an ihm herumzufummeln, seine Haare zu zerzausen oder ihm die Würfel de­monstrativ aus den Fingern zu klauben, gab er sie nicht gleich her. Manuel bangte, er könne herausgefunden haben, daß er in ihn verliebt war, und mache sich darüber auf seine Weise lustig. Und er glaubte seine Befürchtungen bestätigt, da Leopoldo von einem Moment zum andern wegrückte, ein mürrisches Gesicht zog und ihn keines Blickes mehr würdigte.

Im Bett, wo sie vor dem Einschlafen einander zugekehrt stets noch ein wenig plauderten, drehte sich Leopoldo auffällig auf die andere Seite und brummte irgend etwas, das kei­nesfalls nach einem Gute­nachtwunsch klang, so daß Manuel, weil er gerade an den sanf­ten, stets unverändert höflichen Federico dachte, keck „bona nit“ wisperte. Minuten später hörte er zweierlei: Die kätzischen kleinen Brüder so leise schnarchen, als ob sie schnurrten, und Leopoldo laut schluchzen. Manuel erstarrte. Was hatte er verbrochen? Ein Tabu übertreten? Hätte er seinen Freund beim Spiel gewinnen lassen sollen? Oder ihn zu seinem heutigen Jiu-Sieg ausdrücklicher beglückwünschen müssen? Er beugte sich hinüber, legte seine Hand auf Leopoldos krampfhaft zuckende Schultern.

Ein Ellbogen traf ihn hart in die Rippen: „Laß mich!“

„Erst sagst du mir, was du hast“, sagte Manuel, dessen klarer Geist auch in vertrackten Situationen, da nur die innere Stimme raten konnte, die Oberhand behielt – nicht immer zu seinem Vorteil. Er schob seinen Arm unter Leopoldos Körper, weiterer Püffe gewärtig, und drückte den Freund an sich.

Allmählich verebbte das Schluchzen, ging in nach Haltung strebendes Schniefen über. „Wird mir klar, daß du mich nicht magst. Weil ich aus so einer einfachen Familie stamme. Hättest ja nicht her­kommen müssen.“

 Zuerst verschlug es Manuel die Sprache. Dann sagte er langsam: „Leo, deine Fa­milie... Die ist wunderbar! Du solltest dich schämen, sich für sie zu schämen. Du bist nichts Besseres, weil du auf die höhere Schule gehst. Und ich bin nichts Besseres, weil meine Mutter unsinnige Vorbehalte hat. Weißt du, man muß sie verstehen. Sie ist nicht gesund, und ich weiß nicht, wie lange ich sie noch habe. Außer ihr habe ich eigentlich nur dich.“ Er hielt inne. Bloß nicht mehr sagen. Die tiefere Wahrheit, die der Liebe, stecken lassen. „Leo, ich hab’ dich wirklich gern! Merkst du das nicht?“

Der drehte sich nun herum und legte seinen Kopf auf Manuels Brust. „Das sagst du nur so“, sagte er immer noch schniefend.

„Aber Leo...“, stammelte Manuel, selbst den Tränen nahe. Er schob die Hand unter Leopoldos Schlafanzug und strich ihm unbeholfen über den Rücken. So schliefen die beiden müden Krieger ein.

Und es war Leopoldo, der während der ganzen Ferien Körperkontakt behielt, als wollte er sich seines Freundes oder, was für ihn das gleiche war, ihrer Freundschaft sicher sein. Er brachte den Pedell seiner ehemaligen Schule dazu, sie allein in die Turnhalle zu lassen, am Silvestermorgen. Für eine kleine Stadt war es eine Halle mit einer Ausstattung, die nicht einmal den Padres im Internat der Fraternität zur Verfügung stand.

„Hat der Besitzer des Bergwerks organisiert“, erläuterte Leopoldo nicht ohne Stolz. Ein Pluspunkt, an dem indirekt sein Vater mitgewirkt hatte.

„Sind für mich Foltergeräte“, wertete Manuel ab, was er sah: Kletterbarren und Leitern bis unter die Decke. Oder die Holzböcke, nicht zum Sitzen gedacht. Sie verpflichteten zum Überspringen, zum Ausrenken seiner Gelenke. Sprossenwände erinnerten an Gefängnis­gitter. Und die furchteinflößenden Reckstangen für den vollen Umschwung oder sogar den doppelten! Dabei wurde ihm schwindlig und kotz­übel, und überdies quetschte es ihm die Eier.

„Du spinnst ja“, brummte Leopoldo. „Geräteturnen bringt einen in Superform.“ Er schwang ums Reck, daß die Stange nur so vibrierte, übersprang den Bock mit eleganter Grätsche und hangelte sich wie ein Bär auf Honigsuche kraftvoll an der Kletterstange bis nach oben. „Komm rauf“, rief er.

Manuel schüttelte den Kopf. Er wußte, die Schwerkraft verhielt sich fies zu seinen Muskeln, schaltete rasch ein paar Zacken höher, wenn er zu einer entsprechenden Übung ansetzte, maß ihm bei einmal zurückgelegter Körperlänge über dem Boden das zweifache Eigengewicht zu. Das bedeutete bei drei Metern über der Erde – theoretisch, würde er ja nie schaffen! – das vierfache Körpergewicht. Er schätzte die Höhe, die Leopoldo mit quietschenden Fußballen verließ – dort oben wöge er ungefähr eine Tonne! Er kicherte. Gelänge es, auf Leos Schultern zu steigen, würden sie beide runtersausen wie zwei Gorillas und Leo müßte unter ihm platt werden wie ein Weihnachtskrapfen.

Der stand sehr aufrecht mit verschränkten Armen da. „Machst du dich über mich lustig, Hannibal?“

„Nein, Scipio“, erwiderte Manuel kichernd, weil ihn der letzte Gedanke unbändig erheiterte.

„Wär’ auch stark! Wo ich mir so Mühe gebe, dir was vorzuführen.“ Er ließ Ringe an dicken Seilen von der Decke, stellte die Höhe ein und flatterte weitausschwingend durch die Halle.

Manuel schloß die Augen. Er kannte die Fliehkräfte schon aus der Praxis und hatte eine beunruhigend genaue Vorstellung von der Wirkung. Falls Leo einen Moment den Griff um die Ringe aus Unachtsamkeit zu sehr lockerte, würde er wie ein nasser Sack in die Sprossenwand klatschen und sich alle Rippen brechen.

Leopoldo hatte in den Sommerferien täglich trainiert. Er ließ wie ein untadeliger Kunstturner die Ringe im richtigen Mo­ment fahren, grätschte über den Bock, Schlußsprung und auf der Matte Rolle vor­wärts. Manuel atmete tief aus. Wie er seinen Freund bewunderte! Und auffordernd wischte einer der wild ausschwingenden Ringe durch sein Haar: Mach’s gefälligst nach!

Doch das verlangte nicht einmal Leopoldo. Zum Ersatz mußte Manuel mit ihm ringen. Ob er wollte oder nicht. Würde kein so langer Kampf werden wie zwischen Rom und Karthago! Der aber lock­te, da dies­mal auf einer dicken Ledermatte gekämpft wurde, aus der an schadhaften Stellen Roßhaar quoll. Das glatte, abgewetzte Leder fas­zinierte ihn. Es fühlte sich herrlich an! Er drückte die Nase darauf. Es roch nach Schweiß, vielleicht nach Pisse, und an den Rändern noch nach echtem Leder, so eigentümlich wie die frischen Riemen rochen, die er auf Tante Elviras Gut in der Sierra de Gredos im Herbst gefunden hatte, dünne Riemen, mit denen er schrecklich gern einmal experimentiert hätte. Aber vor kurzem, beim letzten Besuch: Kei­ne Spur mehr davon. Als hätte jemand seine geheimen Wünsche er­ahnt und deren Umsetzung vereiteln wollen.

„Was schnüffelst du wie ein Iltis? Sag’s gleich, wenn du dich drücken willst.“

„Unsinn. Dich mach’ ich fertig.“ Seufzend wandte er sich Leopoldos Stallhasengeruch zu, der sich ihm mehr und mehr einprägte. Dabei wußte er nicht zu unterscheiden, ob der Geruch von der Kleidung herrührte oder so körpereigen war wie Leos blasse Hautfarbe.

Ein zähneblitzender Leopoldo, der mit leuchtenden Augen mahn­te: „Wehr dich, Hannibal! Oder ich stelle mit dir an, was ich will.“

„Kannst du sowieso.“ Manuel dachte an die waffenstarrenden Römer. Provozieren. Streit suchen. Sieg bis zur Vernichtung. Tod oder Sklaverei. Leise setze er hinzu: „Aber was würdest du denn mit mir machen mögen?“

Wieder, und gerade hier auf heimatlichem Boden, verschloß das Bewußtsein der so andersgearteten Herkunft und Interessen dem Asturier die Lip­pen. Er wußte nicht weiter, sobald er ihre Lebensbilder miteinander verglich. Der weite Horizont über Manuels Heimat, die leeren Räume Kastiliens waren so grundverschieden von der ber­gigen nordspanischen Landschaft, wo der Blick stän­dig irgendwo an­stieß. Schien bezeichnend für das, was sie im Kopf hatten. Er nur Zahlen, endliche Reihen, zu Gleichungen gruppiert, kraftlose Aussa­gen, die in Formeln gepreßt zwar Häuser er­bauen konnten, Brücken, sogar hohe Türme, aber ohne deren Ver­wirklichung keinen Wert hat­ten. Manis Kopf voller Buchstaben – aus denen reih­ten sich Wörter, Sätze, Theo­rien, so gefährlich, daß deren Urheber umgebracht oder da­mit sogar Kriege ausgelöst wurden. Er vermochte den Bogen nicht weiter zu schla­gen, erkannte wie bei niemandem sonst die Verpflichtung, seine Kräfte zu zügeln, er, der Ma­ni so leicht hätte ernstlich weh tun können. Er begnügte sich mit siegestrunkenen Gesten, wirbelte ihn herum, wie er es gern mit seinen kleinen Schwe­stern tat, es sich jedoch verkniff, seit sie ihn verpetzt hat­ten und er unter überaus demütigenden Umständen auf den Knien des Vaters gelandet war.

Bei Mani mußte er keine Rauferei provozieren. Er brauchte nur zu sagen, ,ich hab’ Lust auf einen fight’, dann hatte Mani auch Lust, egal, was der grade tat, selbst wenn er in ein Buch vertieft war. Konnte sich allerdings hinziehen, bis der fight begann. Bei Mani mußte man Geduld haben. Dabei kam Komik auf. Er rief, vor Nervosität und Tatendrang herumzappelnd: ,Mani, wehe, du kommst jetzt nicht!’ Der Freund entgegnete: ,Ja, gleich. Bin auf der letzten Seite.’ War die Seite fertig, gab es noch eine Anmerkung zu studieren. Verflixt! Ein weiteres Hemm­nis tauchte auf. ,Unbe­kann­tes Wort’, freute sich Mani, als sei er auf eine Goldader gestoßen, und langte nach dem Lexikon. Zum Auswachsen! ,Muß ich noch aufschreiben! Mann, wo ist mein Notizbuch?’ Nie hatte der Kerl seine Sachen beisammen. Endlos war sein Umkleiden. Ohne Judoanzug lief nichts, seit Leopoldo ihm ein Hemd total zerrissen hatte. Mani hatte deswegen mit der Glucke üblen Ärger bekommen. Das Straf­maß mußte außerordentlich gewesen sein – er setzte sich am folgenden Tag wie ein uralter Mann in die Schulbank, nachdem er sich sei­ne Jacke druntergeschoben hatte. Manchmal war es Leopoldo unheimlich, wie hart sein Freund im Nehmen war, verdrehte er dessen Glieder bis an die Grenze des Erträglichen. Oder wenn er, nach Beendigung der Jiu-Übun­gen, auf seinem schmalen Körper hockte und ihn Ewigkeiten niederhielt. Dabei hatte er den Verdacht, daß Mani das sogar gefiel. Der verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sorg­te unermüdlich für Gesprächsstoff. Auf dieser Ebene war er treibende Kraft. Solange sie sprachen, brauchte er nicht zu kämpfen. Wurde es Leopoldo dabei langweilig, mahnte er, fester zupackend, daß vordergründig noch eine Runde Freistilringen fällig war.

Wie heute auf zünftigem Boden. Manuel hatte gar nicht bemerkt, daß das Gürtelband seiner Judohose aufgegangen war und sich wie eine listige Schlange um Leopoldos Knie ringelte.

„Jetzt mach’ ich dich richtig zu meinem Gefangenen“, rief Leopoldo begeistert, schlang den Gürtel um die Handgelenke des Liegenden und versuchte sich an einem bizarren Knoten.

„Könnte dir so passen!“ knurrte Manuel. Mit ein paar Bewegungen streifte er den Gür­tel ab und stieß den Asturier mit aller Kraft von sich. Ein sechster Sinn hatte ihm vor geraumer Zeit geraten, sich auf kein Erleb­nis dieser Art mit Leo einzulassen und ihm die eigenen Spielereien nicht einmal andeutungsweise zu gestehen.

„Na warte, Kleiner!“ Leopoldo umtänzelte ihn, packte erneut zu.

Sie rangen verbissen. Manuel wehrte sich. Doch der Kitzel auf ein Abenteuer schwächte ihn. „Ich gebe auf“, sagte er und streckte dem Freund, seinem Vorsatz in weniger als einer Minute untreu wer­dend, die Hände entgegen.

„Zähes Kerlchen“, lobte Leo, in Schweiß gebadet. Erneut hantierte er mit dem Gürtelband.

Ohne Erfolg. Im Nu schlüpfte Manuel aus den Banden. „Du mußt eine Schlinge knüpfen“, sagte er. „Die sich von selber festzieht. Schau mal, so...“

Gewöhnlich verlor Leopoldo bei allem, was nicht unmittelbar Erfolg zeig­te, das Interesse. Hier überwog die Lust, den Freund mal richtig in die Mangel zu nehmen. So zerrte er Manuel zu einem der Ringe und band seine Hände nun doch recht geschickt daran fest. Er sprintete hinüber zur Hallenwand, zum Haken, an dem die Seile über einen Flaschenzug befestigt waren, und streckte seinen Freund so weit, daß der kerzengerade stehen mußte. Dabei fand die Judohose keinen Halt mehr an dem mageren Knaben. Sie rutschte. Und damit das schlappe Unterzeug.

„Mann, wenn uns jemand sieht“, meuterte Manuel, daran denkend, wie ekelhaft die Pa­dres reagierten, war zu sehen, was nicht zu sehen sein durfte. „Zieh mir die Hose wieder rauf!“

„Kann uns niemand sehen“, feix­te Leopoldo. „Der Hausmeister hat uns eingeschlossen. Weil wir sowieso nicht hier sein dürften.“ Übermütig riß er weiter am Seil, bis Manuel gerade noch auf den Zehen stand. Zufrieden baute er sich vor dem Freund auf. „Zieht ordentlich in den Armen, was?“ er­kundigte er sich mit dem Interesse des Technikers, der eine gute Arbeit zustande gebracht hat.

„Nicht so schlimm“, sagte Manuel tapfer. „Laß mich wieder runter!“ Das merkwürdige Zie­hen, das durch den ganzen Körper ging, kam ihm bekannt vor

„Das liebe Jesulein haben sie noch höher gehängt.“

Manuel war ver­dattert. „So ein blöder Vergleich“, keuchte er. Seine Lungen wurden vom unnatürlichen Strecken zusammengepreßt. „Laß mich runter!“

Leopoldo genoß das riskante Spiel, die Grenze der Gutmütigkeit bei Manuel zu finden. „Und falls nicht?“ fragte er, weil er durch Manuels Nacktheit, die ihm gut gefiel, gereizt wurde. „Warum sollte ich dich nicht eine Weile hängen lassen?“

„Das wirst du nicht tun“, sagte Manuel. „Mach mich sofort los!“

Leopoldo klang nun tückisch: „Nur wenn du bitte sagst.“

Manuel schloß die Augen. Schultern und Arme schmerzten. Er zwang sich, beherrscht zu bleiben. Diese Art von Erpressung hatten sie irgendwo schon gehabt. Er besann sich seiner trainierten Läuferbeine. Sie dem Freund um die Nieren zu klammern, konnte dem sehr weh tun. Aber Leopoldo würde seine Beine packen und sich fallen lassen. Von ihrer beider Gewicht konnten seine Gelenke brechen, nahm er an.

Vor seinen Augen tauchte ein anderes Bild auf, das er in einem indischen Buch gesehen hatte, ein schlimmes Buch, und wie bei manchen Büchern in der Bibliothek des Internats war nicht zu ergründen, wieso die Padres diese Werke so nachlässig hüteten. Die weib­liche Person – die ausladenden Hüf­ten ließen keinen Zweifel an der Weiblichkeit – legte die Schenkel um den Hals des Partners, der entspannt dalag, mit einem Ding zwischen den Beinen, das einem Angst machen konnte. Klar, er drückte sein Gesicht in den Schoß der Frau. Die Stellung fand er in ihrer Natürlichkeit schön. Aber betrachtete man es vom Standpunkt einer Rauferei unter Liebenden – was würde sein, falls die Frau die Schenkelschere nicht mehr öffnete, den Partner im Liebesrausch erwürgte? Er könnte versuchen, Leopoldo die Schenkel um den Hals zu schwingen. Allerdings geriete sein Schwanz in die gefährliche Nähe asturischer Zähne. „Weißt du was? In Liebesstellungen hängt man so da.“

Leopoldo glaubte nicht richtig zu hören. „Du spinnst ja!“

„Gar nicht“, knurrte Manuel. „Damit will ich sagen, du nimmst dir entschieden zu viel raus, Leo. Begreifst du, wovon die Rede ist?“

Auch wenn er es nicht begriff, den unbehaglichen Unterton in des Freundes Stimme kannte Leopoldo zur Genüge. Sofort löste er das Seil vom Haken. Lockern tat es sich nicht. Verdutzt spähte der Knabe nach oben. War schon öfters vorgekommen, ein im Flaschenzug blockiertes Seil. Vermutlich hatte man es irgendwann geflickt, und die defekte Stelle saß ausgerechnet heute zwischen zwei Rollen fest. Er mußte einen Stuhl holen, hin­aufsteigen und Manuel mühsam losknüpfen.

Der glaubte an keine geflickte Stelle, zumal sich das Seil und die Ringe, einmal seines Gewichtes ledig, wieder artig hochziehen ließen. Für ihn hatte sich kein Riß im Seil aufgetan, aber sehr wohl einer in der Freundschaft. Etwas davon blieb für immer, und Manuel entzog sich für geraume Zeit jeglicher Balgerei mit Leopoldo. Vielleicht war er überempfindlich, doch fühlte er sich erneut gedemütigt. Das Spiel war überzogen worden. Leopoldo war nicht Scipio. Kein kultivierter Römer, der Kriegsrecht einhielt. Wie Süleyman der Grausame gehörte er in die Reihe derer, die keine Gefangenen hinterlassen würden. Nur Leichen. Es verfolgte ihn in seine Träume.

Leopoldo nahm auf seine Weise Anlauf zu einer Entschuldigung, obwohl er nicht wußte, wofür er sich entschuldigen sollte. „Ma­ni, ich kämpf’ gern mit dir, weißt du das?“

„Ach ja“, sagte Mani. „Gern tut Er das!? So! Kann Er mir erklären, warum?“

„Äh – also, ich weiß nicht... Was gibt es da zu erklären?“

Manuel schlang das Band des Judoanzuges fest und zog fröstelnd die Jacke enger um die Schultern. Seine Hände zitterten. „Ja, frage Er sich das. Und lasse Er mich in Ruhe!“

„Scheiße! Warum spielst du immer den Beleidigten? Statt zu sagen, was dir nicht paßt. Wie meine kleinen Schwestern!“

Am Tag der Heiligen Drei Könige war Manuel bestürzt, wie knapp die Geschenke in der Familie Arroyo ausfielen. Im Grunde bekamen die Kinder Dinge geschenkt, die sie sowieso brauchten, Soc­ken, Unterwäsche, Hemden, Schulhefte, und als versüßende Dreingabe ein Stück turrón oder eine Tafel Schokolade. Le­o­poldo erhielt immerhin den weißen Judoanzug, von dem er bislang nur geträumt hatte. Einmal hatte er sich Manuels übergestreift und so glückselig darin gekämpft, daß Manuel ihn hergeschenkt haben wür­de, hätte er nicht befürchtet, seine Mutter würde sich mit Hinrichs dahingehend einigen, ihn zu erschießen. Auch er hatte Schokolade für die Geschwister, feine Pralinen, die er bei Chantec­ler ausgewählt hatte. Keine gute Wahl. Er sah, daß die Kleinen von einer größeren Menge billiger Schokolade oder einem halben Kilo Sahnebonbons mehr gehabt hätten. Leopoldo schenkte er seinen Elek­trobaukasten, weil er der Experimente überdrüssig war und überdies von Tante Pili die Fortsetzung, den Radio­baukasten, erhalten hatte. Frau Arroyo überreichte er ein Küchenhandtuch, das er Manuela abgekauft hatte. Die Kreuzsticharbeit in Rot und Blau hielt zur Gastfreundschaft an: Cuatro huéspe­des has pedido, pero diez han venido – pon más arroz a la paella, para que la fiesta resulte bella. Den Bergwerksingenieur beglückte er mit einer in rotes Velourleinen eingefaßten Abhandlung, die er im Antiquariat, wo er nach einer billigen Reiselektüre gesucht hatte, rein zufällig fand: El oro negro en los subsuelos astu­rianos. Auch er wurde beschenkt. Von den Mäd­chen Haferkekse, selbstge­backen, von den Jungen Zeichnungen mit vielköpfigen Mon­stern, von Frau Arroyo einen gestrickten Schal in dunkelblau, vom Ingenieur einen blauweiß schillernden Bergkristall, der gewiß ein Viertelkilo wog. Von Leopoldo kam ein dickgestrickter Pullover, bei dessen Groß­mutter in Auftrag gegeben. Die Schafwolle hatte er vom kärglichen Taschengeld erstanden. Manuel heulte vor Glück, bis sein Freund ihn ratlos in die Arme schloß. Worauf er an Tränen noch zulegte.

Dieser Pullover war so kostbar, daß er ihn im Bett anbehielt, in seiner letzten Nacht unter dem Dach der Familie Arroyo.

„Er kratzt.“

„Soll er. Dafür wärmt er. Ich friere.“

 „Wärmen kann ich dich“, sagte Leopoldo und rückte näher. „Aber nicht, wenn du mich kratzt. Zieh ihn aus!“

Manuel gehorchte schweigend. Augenblicklich wurde er von Le­os Stallhasengeruch einge­hüllt, dessen Ursprung zu ergründen ihm noch nicht gelungen war. Er konnte nicht anders – er begann wieder zu weinen.

„Heilige Maria, was ist nur los mit dir?“

„Ich will morgen nicht wegfahren“, platzte Manuel heraus. „Ich will hierbleiben, bei euch leben und hier zur Schu­le gehen.“

„Ich verrat’ dir was“, seufzte Leopoldo nach langer Pause. „Ich würd’ auch lieber hierbleiben. Aber es ist beschlossen, daß aus uns was werden soll. Kann es hier nicht.“

„Klar“, sagte Manuel, dem absolut nicht klar war, warum abseits der Schule aus ihnen nichts werden konnte.

„Mani...“ Leopoldo flüsterte, weil die kleinen Brüder sich in unruhigen Träumen herumwälzten und den selbsterschaffenen Monstern zu entgehen trachteten, deren haarige Pfoten sich der Geschenke bemächtigten. „Du bist nicht beschnitten, weißt du das?“

Manuel lächelte in die Dunkelheit. Er hatte in der Silvesternacht seine Mutter anrufen dürfen, um pflichtschuldigst sei­ne guten Wünsche anzubringen, und diese ihn quälende Frage angehängt. Doña Magdalena, die bei Allerweltsfragen so tat, als müsse sie sich darüber erst den Kopf zerbrechen – nur nicht jetzt!, spornten Bitten um Auskunft in delikaten Angelegenheiten stets zu ungezügelter Beredsamkeit an. Ernsthaft hatte sie geantwortet: ,Mein kleiner Lieb­ling – bei dir ist alles da, nur ein bißchen zart. Zart, aber in perfekter Harmonie. Du wirst dich gleichermaßen vor ge­wissen Frauen wie vor manchen Männern hüten müssen...’ „Sag mal, Leo – ist das für dich so wichtig?“

Der kleine Astu­rier wischte sich die Nase in Manuels Haar ab. „Ich dachte“, kicherte er, „deine Schlauheit stammt von Völkern jenseits des Mittelmeeres. Wo man die Schlauheit aus dem Schwanz bezieht.“

„Leo“, mahnte Manuel, wieder Herr seiner Vernunft, „gele­gent­lich redest du einen Mist zusammen, der vielleicht aus Mohrenland kommt. Als wärst du ein waschechter moro. Entweder sind wir Freunde oder wir sind es nicht. Da wir es sind, kann dir gleich sein, woher meine Gefühle für dich kommen.“

Leopoldo grunzte betroffen. Er konnte es nicht leiden, daß Ma­ni ständig von Gefühlen sprach. Wozu dieses Gestammel? Es machte Spaß, Mani anzufassen, und das richtig. Je derber sie miteinander umgingen, desto vergnüglicher war es. Er kniff ihn in den Arm, um sich zu überzeugen, daß Mani nicht nur aus Gefühlen bestand. „Ich sag dir was, Bürsch­chen: Jeden anderen würde ich dafür, daß er mich einen moro nennt, verprügeln. Dich ziehe ich nächstes Mal an den Turnringen bis unter die Decke. Nur –“ seufzte er wieder, „wann wird das sein? Schade, daß wir morgen schon wegfahren!“

Von dir würde ich mich bis unter eure dunklen asturischen Wolken ziehen lassen, jubilierte Manuel mit bebenden, aber fest zusammengepreßten Lippen, die keinen Laut passieren ließen. Was sage ich, bis in den Himmel! Und damit wurde er seinen Vorsätzen, zumindest in Gedanken, wieder untreu.

 

Im Schnellzug Gijón - Sevilla sagte Leopoldo zu einer beleibten Da­me, die offensichtlich mit ihrer Enkelin in die Hauptstadt fuhr: „Seño­ra, wir kommen beide aus Mohrenland und sind beschnitten. Sagen Sie, macht Ihnen das was?“

Die Frau blickte die Knaben an, als hätte sie einen kapitalen Frosch verschluckt. Sie raffte das Gepäck an sich und ihr kleines Mädchen und verließ schleunigst das Abteil. Die Kleine heftete ihre verträumten Augen wie Vergißmeinnicht auf die Knaben, neben denen sie sich ausgesprochen wohl fühlte. „Abu­e­la, was hast du? Warum bleiben wir nicht?“

„Weißt du was?“ Leopoldos Frechheit inspirierte Manuel zu einem kühnen Entschluß. Der Zug näherte sich Zamora. „Wir steigen aus. Ich stelle dich Tante Pili vor.“

„Sie wird mich nicht mögen“, vermutete Leopoldo eingedenk sei­ner nicht eben guten Beziehung zu Doña Magdalena. „Am Ende muß ich auf der Straße schlafen, ein Messer zwischen den Zähnen. Nichts zu essen, nichts zu trinken. In der Scheißkälte!“

Manuel bewunderte seinen Freund. Der war fähig, Situationen zu meistern, wie er es nicht könnte. Und obzwar es nie und nimmer dazu käme – falls Leopoldo auf der Stra­ße übernachten müßte, würde er ihm dieses Abenteuer schrecklich neiden, vielleicht weil er wußte, daß der Junge mit den breiten Zahnreihen und den starken Handgelenken vor nie­mandem Furcht hatte, nicht vor Dieben oder übleren Burschen, noch vor tausend Teufeln. Er würde morgens auf­wachen und sich ans Tagewerk machen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß er ungewaschen war, sein Haar verstrubbelt, die Hosen zerknittert. Er hatte einen Freund zum Gernhaben, und er hat­te ihn unheimlich gern. Trotz allem, was ihm an Leo nicht gefiel.

Eifersucht packte ihn am runden Tisch mit dem wärmenden brasero im Salon Tante Pilis. Hinrichs verwickelte Leopoldo in Ingenieursgespräche. Hätte er sich ja denken können. Seine Versuche mit Strom und Magnetismus waren strohig wie ein Kichererbseneintopf gegen Leopoldos kühne Theorien über Tunnelbau und das Abstützen von Stollenwänden in, er wußte nicht, wieviel Kilometern Tiefe eines Kohlebergwerks. Leopoldo fuhr auf das Hyänengesicht des Deutschen voll ab, auf diese Spionenfratze, die nach Manuels Einschätzung Dutzende von Leichen auf dem Gewissen haben mußte. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund. Sicher, auch Leopoldo würde vor einer drastischen Entscheidung, die ihm sein Lebensweg abverlangen könnte,­­ nicht kapitulieren. Zum Beispiel würde er einen Störenfried beseitigen. Ein Störenfried wie ihn. Ein Toter im Schacht, wie nach einem Unfall hingestreckt. Ein Hampelmann, zu vertrauensselig, Er der Hampelmann, der die beiden zusammengebracht hatte. Dann grinste er: Zwei Män­ner, die überlegen würden, wie der andere am besten zu beseitigen sei. Ganz gewiß würde Hinrichs seine deutsche Pistole benutzen, und die Frage war nur, Herz oder Kopf. Leopoldo, diese asturische Wildkatze, würde den Spezialhalsgriff einsetzen, trockener Knacks in der Wirbelsäule. Geschähe beides synchron, lä­gen sie am Boden wie dieses Ringerpaar aus dem indischen Geschichtenbuch. Und selbst das würde er ihnen neiden.

„Heilige Maria, hast du’s gut“, knurrte Leopoldo im Bett. „Immer solche klugen Leute um dich. Kein Wunder, daß du so schlau bist. Was für ein gilipollas bin ich dagegen!“

„Möchtest du mit mir tauschen?“

„Jederzeit“, erwiderte Leopoldo unbesonnen.

„Gut“, fuhr Manuel fort, „wir tauschen alles, Körper, Geist, Umgebung und die Menschen um uns herum. Unsere Kleidung, unseren Besitz, unser Spielzeug, alles. Wir behalten nichts als unser Bewußtsein. Unsere Seele. Das was unsterb­lich ist. Was man nicht weitergeben kann.“

„So sollte es sein“, sagte Leopoldo weniger begeistert. Was Mani da auftischte, war beängstigend unübersehbar. Wie viele der manolinischen Konzepte. Pläne und Vorhaben in Gestalt eines Kraken mit tausend Tentakeln, die ursprüngliche Wünsche erdrückten.

„Ich sag dir mal, was ich versuchen würde, wenn ich du wäre“, sagte Manuel. „Zuerst würde ich meinen Freund fragen, ob er es will. Ohne ihn würde nichts laufen, ich meine als Fürsprecher bei seiner Mutter und so. Gut, der sagt: Hab’ schon dran gedacht. Punkt zwei: Gemeinsame Audienz bei Doña Magdalena. Also, ihr Sohn, Madame... Hat gesagt, wär’ ‘ne Wucht, könnten wir das restliche Schul­jahr zusammenbleiben. Wissen Sie, wir machen viel zusammen und so. Und das Internat – na, Sie wissen schon, stumpfsinnig von oben bis unten... Zuletzt würde ich zu Hause alles klar machen. Papa, ich zieh’ zu den Díaz, die nehmen mich gern auf. Weil Mani ein Einzelkind ist. Ab jetzt bin ich kein Interner mehr bei den Padres. Da wird Geld gespart. Wir können zusammen lernen, Spaß haben. Alles klar? Soweit klar, würde der alte Arroyo sagen. Nur Vorsicht! Der Junge buttert dich unter. Starker Geist. Quatsch, würde ich entgegnen, der muß tun, was ich sage. Kriegt sonst Saures. Kennt er vom Judo. Fürchtet meine Fäuste, der Knabe, die sein Gebuttere auf kleiner Flamme halten. Nicht gerade, daß er ständig heult, aber...“ Manuel stockte. „Leo...? Leo, was hast du –?“

Leo wußte nicht, was er hatte, oder was er nicht hatte. Ihm war zum Heulen zumute. Er schluchzte laut, und er schämte sich dessen. „Warum machst du dich immer über mich lustig?“ fragte er. „Was hab’ ich dir bloß getan?“

„Manchmal frage ich mich“, sagte Manuel, „wer von uns beiden die größere Heulsuse ist. Ehrlich, Leo: Ich hab’ mich noch nie über dich lustig gemacht. Ich wäre gerne du. So wie du bist. Von da, wo du herkommst.“ Er hielt inne. Ein Kloß verschloß die Kehle, dachte er an die Tage in Leos Heimat. Er müßte erst Wörter erfinden, um zu beschreiben, wie ihm dort zumute gewesen war. Doch war er klug genug zu wissen, daß das wahre Leben, sein wahres Leben, sich unter anderen Größen abspielte. Hinrichs gehörte dazu. Und Tante Pili war vielleicht wichtiger geworden als seine Mutter mit ihren Affären, von denen er nicht wußte, ob sie nicht bloß ein lebenshungriges Aufflackern Doña Magdalenas niedergebrannter Energien in der Krankheit waren.

Und ihrer Krankheit wegen platzte der Plan, Leopoldo ins Haus zu nehmen. Doña Magdalena lehnte es rundweg ab. Als er tags darauf quengelte, machte sie ein kleines Zugeständnis, weil sie es mit dem Sohn, der von Monat zu Monat schwieriger im Umgang wurde, nicht verderben woll­te. Leo durfte jedes zweite Wochenende von Freitag mittag bis Montag früh in der Calle Guzmán el Bueno verbringen, und Manuel wurde erlaubt, die übrigen Wochenenden so auszurichten, daß sie abwechselnd nach Zamora fuhren oder in die Gredos. Wobei er mit seinem Taschengeld für beider Fahrt aufkommen mußte, denn Leopoldo erhielt von zu Hause so gut wie nichts.

„Ich nehm’s nicht an“, sagte der Asturier beim zweiten Mal. Für die erste Bahnfahrt hatte er die letzten Céntimos zusammengekratzt.

„Wie du willst“, erwiderte Manuel, um eine grundsätzliche Lösung bemüht. „Aber meine Mutter kann dich diese Woche nicht brauchen. Weißt du ja. Oder weißt du’s nicht?“

„Klar, weiß ich. Ich bleibe im Internat.“

„Gut. Dann machen wir eben dort was. Die Bibliothek durchstöbern wär’ mir recht.“

„Das geht nicht“, sagte Leopoldo unglücklich. „Du bist als Interner abgemeldet. Padre Ezequiel ist da komisch.“

„Du nimmst es also nicht an, weil ich dir auf die Nerven gehe. Du willst dich mit Federico vergnügen. Bitte! Der ist handlicher als ich. Kann kein Jiu und so.“

„Blödsinn! Red nicht so einen Blödsinn. Aber ich müßte sowieso lernen.“ Leo blickte stur an seinem Freund vorbei.

„Genau. Mehr lernen könnte dir nicht schaden. Soll ich dir was sagen? Dir saust die Muffe! Weil dir Chirri angedroht hat, er würde dich mit einer Hand verprügeln, wenn du dich in Montemayor noch mal sehen läßt. Mit einer Hand!“

„Dem würd’ ich raten, seine Knochen zu numerieren. Bevor ich ihn auseinandernehme.“

„War ja nicht hervorstechend nett“, urteilte Manuel. „Ihn Bauernlümmel zu nennen. Er ist genauso mein Freund wie du. Und der hat vielerlei auf dem Kasten, egal, in welche Schule er geht. Weißt du das? Ich meine, machst du dir eigentlich mal Gedanken um meine Freunde?“

Leopoldo wurde das Herz schwer. Federico aus dem Feld zu schlagen war gelungen, weil er bei Mani Körper gegen Kopf setzen konnte. Aber jetzt tauchte dieser Junge aus der Gredos auf, den Ma­ni seit Urzeiten kannte. Bäurisch wie er. Von verwandter Schläue – mit Schülerwissen, auf das er selbst wenig gab, war ihm nicht zu imponieren. Mit einem kräftigen Leib auch nicht, den hatte der selber. Leopoldo hatte steif dagestanden, als Chirri sei­nen Mani zu sich heranzog, ihm irgendeine Lächerlichkeit ins Ohr brummte und einen Kuß gab. Warum wagte er das nicht, obgleich er das Verlangen hatte, seinen Freund auf die Wange zu küssen? Oder sogar auf dem Mund. Bisher übte er es allein an auf die Zimmertür aufgemalten Lippen. Er seufzte. „Sag ihm, es täte mir leid. Ich entschuldige mich. Ja, ich entschuldige mich.“

„Wird nicht langen“, bohrte Manuel listig. „Auch wenn du’s zweimal sagst. Er wird dich in jedem Fall verprügeln wollen. Weil er’s so eingeplant hat. Sieh’s mal so: Bauernlümmel sind stur. Ja, vielleicht bleibst du besser hier.“ Er zuckte die Achseln. „Da werd’ ich die Prügel auf mich nehmen müssen. Sippenhaft.“

„Was für eine Haft?“ fragte Leopoldo entgeistert, dem noch mul­miger wurde.

„Sippenhaft“, sagte Manuel. „Ein Ausdruck aus der Spionensprache. Hat mir Hinrichs erklärt. Wenn einer was ausgefressen hat und abgehauen ist, greift man den nächsten Verwandten. Oder einen Freund. Egal, wen. Man greift einen, der bluten kann.“

„Mani“, sagte Leopoldo nach einer langen Minute. „Wenn du mir das Fahrgeld auslegen würdest...“ Er schlug die Augen nieder. Wie er es je anfing, es gab keinen Ausweg. Mutlosigkeit überfiel ihn, das Geld nicht zurückzahlen zu können, Mutlosigkeit auch davor, von Chirri vermöbelt zu werden, in der Erkenntnis, der Bauernlümmel würde ihn so hundsgemein fertigmachen, daß Mani ihn nicht mehr achtete. Kneifen konnte er erst recht nicht. Wäre er doch ein Mädchen! Die zogen sich mit schnippischen Bemerkungen aus allen Affären. Dumpf rauschte es in seinem Gedächtnis. Wann eigentlich hatte er Chirri einen Bauernlümmel genannt? Tröstend durchfuhr ihn der pathetische Gedanke, er würde in Ehren zu Boden gehen. Noch zu entscheiden war, ob er im Fallen ausrufen sollte: Hoch lebe Astu­rien!, oder: Es lebe mein Freund Mani!

Sie fuhren dritter Klasse auf blankgescheuerten Holzbänken. Leopoldo legte sich ins Gepäcknetz, weil er es nicht ertrug, seinem Gefährten am Vorabend einer unrühmlichen Schlacht in die Augen zu sehen. Aber dann zog er ihn an den Haaren, weil Manuel einnickte. Beim Bahnfahren, kaum setzte das durchschüttelnde Rollen und Stampfen der Räder ein, wurde Manuel schläfrig.

„Nicht schlafen! Unterhalte den asturischen Bauernlümmel.“

„Du bist kein Bauernlümmel“, grollte Manuel, „so sehr du einer sein wolltest. Dein Vater ist Akademiker. Und du wirst auch einer.“ Mit geschlossenen Augen zählte er die Haltepunkte mit. Vom Bahnhof Montemayor bis zur Finca Tante Elviras hatten sie einen ordentlichen Fußmarsch vor sich.

Manuel empfand keine Gewissensbisse über die List, Leopoldo eine Aussage untergeschoben zu haben, die dieser sehr wohl hätte vom Stapel lassen können. Weil er auf der anderen Seite wußte, wie gelassen Chirri im Nehmen war. Nie hätte er ihn oder einen anderen wegen eines Wortes, und wäre es noch so stark gewesen, geschlagen. Das fas­zinierte ihn an Chirri: Er war stark, griff aber nie an und verteidigte sich so sparsam wie möglich. Erst, wenn ein Quälgeist gar keine Ruhe geben wollte, teilte er mit seinen langen, schweren Gliedern harte Tritte und Schläge aus. Er hätte sie nicht erlernen müssen. Sie schienen seit dem Beginn der Welt in Jungen wie ihm zu stecken, stets bereit, angewandt zu werden. In die Händel anderer mischte Chirri sich nie ein, hätte auch Manuel nicht vor anderen verteidigt, wie Leopoldo es tat, nur weil es sich um einen Schwächeren handelte. Rangeln tat er gern mit ihm. Manuel hatte den Verdacht, an ihm werde geübt, was Chirri sich an anderen zu üben nicht traute, denn ganz makellos waren die Griffe nicht. Oder es war ein Be­weis besonderer Anhänglichkeit, er konnte es nicht unterscheiden. Ging jemand in Chirris Gegenwart rüde mit Mäd­chen um, löste der Bauernsohn alle Bremsen und benahm sich galant wie ei­ner aus der Rit­terrunde des Tirant lo Blanc: Er schlug sofort zu.

Obwohl Manuel nicht übersah, daß Chirri aus einer bäurischen Familie stammte, weil Doña Magdalena – Tante Elvira verkniff sich solchen Standesdünkel – bei jeder Gelegenheit darauf hinwies, Chir­ris Vater sei Tagelöhner, hielt er ihn für den Nobelsten zwischen Fe­deri­co, Leopoldo und sich, ein Junge ohne Falschheit. Dessen ungeachtet blieb das Problem, was man miteinander reden konnte. Fede­rico sprudelte wie eine Warmwasserbrause, Leopoldo schwank­te zwischen lau und explosiv. Sich selbst schätzte er eher kühl ein. Bei Chirri sprudelte nichts. Ein fest zuge­drehter Hahn, der nur bei besonderen Gelegenheiten losblubberte. Mit Chirri war gut schweigen. Über den ländlichen Kreis. Die Natur. Fußball. Viel­leicht seine Fa­milie, was Luxusschweigen außerhalb Chirris Radius war, der geographisch mit Montemayor und den umgebenden Bergen seine Begren­zung fand. Manuel hätte Chirri gern einmal in Sa­lamanca gehabt, etwa an einem der trostlosen Winterwochenenden des vergangenen Jahres. Aber das hätte nie geklappt. Chirri wäre in derselben Stunde eingegangen wie ei­ne verpflanzte Steineiche.

Er stöhnte laut auf. „Der Herr ist mein Hirte. An der Gredos ist kein Mangel.“

„Es ist nicht die Gredos“, wies Leopoldo ihn zurecht, der Musterschüler in Geographie, der alle spanischen Provinzen mit den Hauptstädten herunterbeten konnte, einschließlich der afrikanischen Besitzungen. „Das hier gehört zur Sierra de Candelario.“

„Ist einerlei“, entgegnete Manuel, „es sind unsere Gebirge des zentralen Systems, die Erhebungen der Meseta. Es ist unser Kastilien, das Kernland Spaniens. Ihr Asturier hingegen...“

„So! Und was glaubst du, warum das heute euer Kastilien ist? Weil wir genügend Mumm hatten, rechtzeitig die Mauren zu verjagen. Aus unserem Asturien.“

„Na ja. Übereilt. Die wären sowieso abgehauen. War ihnen langweilig da in dem grauen Wetter. Jeden Tag Regen. Puh.“

„Nichts gegen unseren Regen, klar?! Bei euch jedenfalls wären sie nie abgehauen. Ihr habt ihnen ja jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Täglich die Füße geküßt. Solche Sachen.“

„Weißt du aber gut Bescheid! Davon hab’ ich noch nie gehört. Oder du verwechselst was. Ich mußte dir die Füße küssen.“

Wieder regte sich Leopoldos Erinnerung an Unrühmliches früherer Zeiten. „Du spinnst wohl!“

Manuel erkannte feinsinnig, wie tief dieser Nadelstich Leo unter die Haut fuhr. Er verwünschte sein Elefantengedächtnis. So wie es mit seinen Vorfahren strittig war, mochte auch Leo arabisches Blut haben. Süleyman, der waschechte Maure, und Leo verschmolzen ge­legentlich zu einer Person. Beide waren blond, beide knüpften ein Kopftuch um, statt eine Mütze aufzusetzen. „Wollte sagen, ihr müßt euch nicht so aufspielen, weil ihr blonde Haare habt und –“

„Suchst du Streit, Kleiner?“ fragte Leopoldo in seiner tiefsten Stimmlage. „Brauchst du was auf den Arsch?“

„Tante Elvira ruft zum Abendessen“, behauptete Manuel, jetzt so beklommen wie in lange vergangenen Zeiten, da Leo der Für­ch­ter­liche Süleyman den Grausamen vom Nachtdienst abgelöst hatte.

Leopoldo, der seinerseits froh war, einer Abreibung Chir­ris entgangen zu sein, legte Manuel den Arm wie eine Schraubzwinge um die Schultern und zischte ihm ins Ohr: „Tut sie das, ja? So ein Glück für dich!“

Beider Glück bekam augenblicklich einen Dämpfer. Drei Leute aus Madrid saßen da, die sich mit einem Trommelwirbel von Fragen über die schulischen Leistungen der Knaben hermachten, als hätten sie selbst nie eine Schule besucht.

Träume suchten Manuel heim, in Montemayor. Leopoldo im Streit mit Hinrichs. Hinrichs brüllte: ,Du asturische Pfeife, was ist dir lieber, Herz oder Kopf?’ ,Herz’, sagte Leopoldo. Peng. Der Schuß saß, aber Leopoldo stand unversehrt wieder auf. ,Kopf oder Herz’? wie­der­holte Hinrichs mit steinerner Miene. ,Kopf!’ Peng. Lächelnd erhob sich Leopoldo und sagte: ,Ihr Spione habt sie doch nicht alle!’ ,Kopf, Herz, Kopf, Herz..., im Gleichschritt, marsch!’ befahl Hinrichs zornesrot. ,O wie schön!’ kicherte Leopoldo übermütig. Peng, peng. Blut sickerte über sein weißes Hemd mit dem feingebördelten Kragen. Jetzt rührte er sich nicht mehr. Manuel trat vor den Deutschen hin und sagte vorwurfsvoll: ,Was hast du da angerichtet, Hinrich Hinrichs! Er war mein Freund!’ ,Pah, Dein Freund! Eines Tages hät­te er dich erdrückt. Agentenregel Nummer eins: Der beste Freund opfert dich bedingungslos, falls er den Befehl dazu erhält.’ ,Das sagst du aus Neid, weil wir uns lieben.’ ,Liebe!’ höhnte Hinrichs. ,Liebe läßt sich nur als Momentaufnahme begreifen, du Narr. Als Reaktion körperlicher Bedürf­nisse. Durchzittert dich und ist vorbei.’ ,Nein’, schrie Manuel, ,du bist ein Scheu­sal.’ ,Agenten­regel Nummer zwei’, sagte Hinrichs. ,Man wird für weniger als nichts erschossen. Scheusal ist stark.’ Er hob seine Pistole und rich­tete sie auf Manuel. ,Gleich seid ihr wieder vereint.’ ,Nein!’ schrie Manuel erneut und fuhr aus dem Bett hoch.

„Zum Henker“, brummte Leopoldo, „bist du unruhig. Laß mich schlafen, verdammt! Oder leg dich gefälligst woanders hin.“

Doña Magdalena hatte vielleicht noch Vorbehalte gegen Leopoldo, vor allem, wenn sie seine Gitarre sah und ihr das ein­mal ge­prägte Wort vom drittklassigen Musiker wieder einfiel, was sogar stimmte, hörte man Leos zwischen Knabentenor und Halbwüchsigenbariton schwankende Stimme und seine auf dem Saiteninstrument angeschlagenen kunstlosen Akkorde. Aber die Zügel hingen in dem Maß mehr durch, wie die Krankheit sie zu ständiger Müdigkeit verurteilte, in der viele Handgriffe schwer wurden. Wie die Diskussionen mit dem Sohn, der, verglichen mit anderen Jungen dieses Alters, selten frech war, jedoch seine Standpunkte mit Festigkeit vertrat und mit Argumenten, für deren Entkräftung sie sich nie genügend gerüstet fühlte.

Manchmal, zwischen zwei Migräneanfällen, rief sie Manuel zu sich. „Bin ich eine gute Mutter?“ flüsterte sie im zerwühlten Bett.

„Ja, Mamá.“ Der Junge nahm Rücksicht auf ihren Zustand. Nie hätte er gegen sie gestimmt, wenn er sie hinfällig in die Kissen gebettet sah, mit übergroßen Augen im Halbdunkel des Schlafzimmers.

„Setz dich her“, sagte sie. „Gib mir deine Hand.“

Er gehorchte ungern, da seine Hand klein war und schmal, die allerkleinste Knabengröße eben, aber nicht mit Mäd­chenhänden zu verwechseln, dazu war sie zu knochig. Seine Mutter seufzte, wenn sie sei­ne Hand drückte. Dabei mußte er an das Märchen von Hänsel und Gretel denken, da irgendwelche Gliedmaßen ständig geprüft und für ungenügend ausgebildet erachtet wurden. Mamá war ja irgendwie auch eine Hexe. Nur nicht, wenn sie litt. Da war sie eine Heilige.

„Mein Gott“, seufzte sie, „was wird aus dir werden, wenn ich nicht mehr da bin!“

Vorsichtig zog er den Kopf tiefer zwischen die Schultern, wäh­rend eine lange beklemmende Pause entstand. „Du wirst noch lange da sein“, sagte er lahm. Aber im Grunde wußte er nicht, ob Doña Magdale­na überhaupt noch da war.

„Du hast ja niemand außer mir.“ Ihre Augen leuchteten wie Phan­tomaugen im Lichtrest der erlöschenden Kerze auf dem Nachttisch, und die langen Fingernägel krallten sich in seine Handballen. „Oder?“ keuchte sie.

Ihm kam vor, sie habe befehlen wollen: Antworte! Merkwürdiger­weise – später entsann er sich dieses Augenblicks während anderer scharfzackiger Momente seiner Existenz – dach­te er keine Sekunde an die Tanten, seine nächsten Angehörigen. Er erkannte mit schneidender Schärfe, Mamá würde ihn allein lassen, weil die göttliche Leitung des Universums andere, neue Pläne mit ihr hatte, auf überirdischen Ebenen oder in noch entfernteren Dimen­sionen, und dieser sphärischen Soldateska wäre es gleichgültig, wo er sich dann herumtreiben müßte. Nur Leopoldo fiel ihm ein, bei dem er leben würde, bei ihm und seiner Familie, und so vernünftig und logisch er die alltäglichen Zwänge und Notwendigkeiten sonst zu sortieren wußte, der Gedanke, daß das im Ernstfall nicht ge­hen könne, wäre nicht im entferntesten in seiner Seele aufgekeimt. Hätte er sich klarmachen können, daß Leopoldo und jeder andere Freund wie dieser gleich einem Schienenfahrzeug bereits in die Spur mit dem Namen Ernst des Lebens gesetzt war, so wäre ihm zweifellos viel Leid erspart geblieben. Aber nein! Er, Manuel, überholte alles Alltägliche, breitbeinig aufgestellt und souverän seine Mütze schwenkend, auf dem Nebengleis der Freude.

Schon im Frühling ängstigten ihn die langen Sommerferien, die er sich ohne Leopoldo schwer vorstellen konnte. Bis zum letzten Schultag hoffte er, der Freund dürfe ihn begleiten. Doch es hätte nicht nur am Geld gelegen, das Doña Magdalena für den Asturier keinesfalls beigesteuert hätte. Der Junge mußte auf Geheiß seines Vaters bei Verwandten auf deren Bauernhof aushelfen. Zwänge, gegen die sich aufzulehnen sinnlos war.

Das letzte, was sie für lange Zeit zusammen taten, war der Gang zum Bahnhof, Doña Magdalena hinter ihnen, weniger eine Mutter denn eine Gouvernante, die Abschiedsworte zählen würde. Leopoldo kletterte in den Expreß nach Oviedo, Manuel in den nach Hendaye. Beide Züge setzten sich zur selben Zeit in Bewegung. Manuels Blick hing noch an Leopoldo, als der längst in die Ferne schau­te und sich bemühte, seinen Freund abzustreifen. In einer behüteten Kindheit, sollte man meinen, hätte ein Gedanke Doña Magdalena gelten müssen. Wie eine Kußhand. O nein, nichts davon!

Sie stand auf dem Bahnsteig, blinzelte den Knabenköpfen nach und hauchte: „Mein Sohn – was für ein Ei!“

Eine dunkle Woge schwappte über sie hinweg, Vorbote eines Migräneanfalls. Sie eilte durch die Bahnsteigsperre und erreichte einen Mietwagen, bevor Schwindel sie packte und sie alles daran setzen mußte, die aufsteigende Übelkeit zu bezwingen.

 

III

 

Die kleine Stadt war geprägt durch die einstige Residenz derer von Brackelstein. Vor Napoleons Federstrichen in den Geschichtsatlanten waren zweihundertfünfzig Kleinstaaten locker unter der Bezeichnung Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation zusammengefaßt worden. Vom Fürstentum, später zur Grafschaft gesunken, gab es an Sehenswertem ein bewohntes Wasserschloß aus der Renaissance und weit­läufige Hofwiesen mit Reitställen und Fasanerie. Die Stadt bot Reste eines mittelalterlichen Kerns, eine barocke Kirche, an der Herder einige Zeit als Kantor gewirkt hatte, und einen neoklassizistischen Bahnhof, der zu Zeiten der Erbauung im freien Feld gelegen hatte, weil die Adeligen Schmutz und Lärm der Dampf­rösser in ihrer Nähe zu erdulden keinesfalls gewillt gewesen waren.

Manuels Anreise erforderte die Hilfestellung entfernterer Familienebenen. Er lernte Tante Filómena kennen, die in San Sebastián am Süd-Expreß wartete, ihn aufnahm und am folgenden Morgen bis Hendaye und dort durch die Grenzkontrolle begleitete.

In Paris, Gare d’Austerlitz, nahm ihn ein Onkel in Empfang, der ihm zunächst weniger in Erinnerung blieb als seine riesige Wohnung in der Avenue Gambetta gegenüber dem Friedhof Père Lachaise, den er später gern aufsuchte, um sich an berühmten Namen auf Grabsteinen klarzumachen, daß die zu Lebzeiten häufig verkannten Künstler erst nach dem physischen Erlöschen eine gewisse Unsterblichkeit er­langt hatten, als wäre ihnen der Körper im Weg gewesen. Benig­no war Junggeselle. Er lebte mit zwei Katzen, die um den Eindringling argwöhnisch erst große, bald engere Bögen zogen, bis sie, ihres Tuns einigermaßen sicher, auf seinen Schoß sprangen und ihm die Bissen des Abendessens starräugig in den Mund zählten. Es war sei­ne erste Begegnung mit den Feliden, denen sein Herz sich au­gen­blicklich glühend auftat. Nach dem Essen zeigte Benigno ihm sein Atelier – Manuels Einführung in die Malerei, hier die entscheiden­de erste Prägung in seiner musischen Entwicklung. Baß erstaunt schlug er die Hand vor den Mund: lau­ter unbekleidete Mädchen! Dummerweise kehrten die meisten ihm den Rücken zu. Auf den wenigen Bildern, die sie von vorn zeigten, konnte er ihre pe­chos in aller Deutlichkeit betrachten. Das, was ihn noch mehr interessiert hät­te, war nicht zu sehen, weil immer eine Katze im Weg saß.

„Wohlerzogener Junge“, murmelte Benigno amüsiert. „Hält sich höflich den Mund zu, wenn ihm zum Gähnen zumute ist.“

In der Gare du Nord kletterte er am nächsten Morgen in den Schnellzug nach Moskau, den er nach zehnstün­diger Fahrt verließ, um die letzten Kilo­meter gemeinsam mit einer Frau zu fahren, die ebenso mit seinem Vater verbunden, wenn auch nicht verheiratet gewesen war wie seine Mutter, was für Octavio Yáñez keine nennenswerte Unterscheidung dargestellt hatte. Diese beiden Frauen und eine gleichberechtigte Dritte, eine Amerikanerin, hatten sich erst beim Begräbnis in Aspen, Colorado, kennengelernt. Drei Hauptfrauen also. Manuel spekulierte später über die Anzahl der Geliebten sei­nes Vaters, den er sich ganz richtig als Herzens­brecher vorstellte.

Am Zielbahnhof, in der Residenzstadt des einstigen Fürstenhauses, warteten der einzige deutsche Blutsverwandte, sein Halbbruder, sowie des­sen Schwestern, al­le semmelblond, alle wohlgenährt und kräftig. Außerdem ein Hüne von Mann, dessen Abwesenheit vom ehelichen Bett Octavio ausgenutzt hatte. Manuel wurde auf der Stel­le krank vor Kom­plexen bezüglich der eigenen schwächlichen Natur. Er weinte vor Heimweh, von den Kindern seiner Gastfamilie in offensichtlicher Schadenfreude belächelt. Dem Alter wie der Größe nach umstanden sie ihn wie Orgel­pfeifen, und die Töne, die sie von sich gaben, klangen schauer­lich wie durch Röhricht zischender Wind. Der geduckt auf der Stelle tretende Ankömmling war bei den Kindern unten durch, bevor sie den Bahnhof verlassen hatten. Nach wenigen Tagen war es beschlossene Sache, den unbrauchbaren Gefährten, mit dem man sich per Handzeichen verständigen mußte, geduckt zu halten. Notfalls konnte man ihn umbringen. Er war beinah so schwarzhaarig wie die Zigeuner, die gelegentlich vor der Stadtgrenze kampierten, hatte aber helle Haut.

Padre Ezequiel hatte Manuel im Frühjahr drei Monate hindurch die elementarsten Kenntnisse deutscher Grammatik und ein Vokabular der zweihundert meistbenutzten Wörter eingepaukt. Trotzdem wurde die Verständigung zum Problem, weil seine Gastfamilie ausschließlich Deutsch sprach und so kein Ausweichen auf Englisch oder Französisch möglich war. Die Kinder besuchten einen Schultyp ohne Fremdsprachen auf dem Lehrplan, für Manuel ein Unding, und die Gebräuche des täglichen Lebens unterschieden sich unfaßbar von denen südlicher Länder. Das Essen wollte nicht schmecken. Allein das Brot: Schwarz wie die Nacht, feucht und klumpig, als habe man eine Erdscholle in Scheiben geschnitten. Das Absonderlichste, was er vorgesetzt bekam, waren zerstampfte Kartoffeln, vermischt mit gekochten Äpfeln und einer widerlich schmeckenden Blutwurst, gegen die sein Magen augenblicklich rebellierte. Falsch verstandene Anordnungen und subtilere Mißverständnisse prägten die Tage. Auch der ihm zugedachte Platz war besetzt: Er hätte mit seinem Stiefbruder dessen Zimmer teilen sollen, aber dort hatte sich kurz vor seiner Ankunft unangemeldet eine Verwandte eingenistet. Der Bru­der muß­te zu den Schwestern ausweichen. Manuel stellte man das Bett in einen hölzernen Anbau vor der Haustür, der mit großen Glasfenstern eine Art Sonnenloggia hätte sein können, doch zur Rumpelkammer verkommen war. Zwischen verstaubten Möbeln und ausrangierten Gartenwerkzeugen hielt er durch, gestützt auf seine Begleiter Blas­co Ibañez und einen Amerikaner namens Twain, den der Buchhändler, bei dem er jede Woche ein Bändchen der Colección Austral zu erstehen pflegte, augenzwinkernd empfohlen hatte. Die Geschichte seines Altersgenossen Tom entzückte ihn viel mehr als der weitschweifige Roman Cañas y barro, der stellenweise lang­weilte. Was hätte er, da er sich nicht verständigen konnte, sonst tun sollen als zu lesen, um sein Los abzumildern? Das Urteil seiner Mutter lau­tete auf Kerker in der Fremde, so wie Tante Pili früher Besenkammer angeordnet hatte. Zu einem festgelegten Zeitpunkt mußte man ihn freilassen. Sofort würde er durch das Stadttor laufen, hinein in die gelbgrün leuchtenden Kornfelder, in dieses Meer von Ähren bis an den Horizont. Irgendwo dort hielt jeden Tag der Zug in Richtung Süden, der ihn aufnehmen und aller Leiden entheben würde.

Diesen ersten Aufenthalt in Deutschland, elf Wochen, von denen sechs mit den dortigen Schulferien zusammenfielen, versuchte Manuel aus seinen Gedanken zu verdrängen, sobald er wieder in Salamanca war. Und wie er gelitten hatte! Wieso war Deutsch so schwer? Er bildete sich ein, nichts gelernt zu haben. Ein bißchen war er selbst schuld durch die Auswahl der Lektüre, da er sich für diese Ferien obendrein Gil Blas aufgeladen hatte, im französischen Original. All das war dem Eindringen in die deutschen Sprache nicht eben förder­lich gewesen. Padre Ezequiel tröstete ihn mit einem Sprichwort: La práctica hace maestro, das sein Schüler sogleich übersetzen durfte.

Praxis macht den Meister“, versuchte Manuel es kühn.

„Nun ja“, meinte Padre Ezequiel, „Praxis werden wir durch ein wirklich deutsches Wort ersetzen müssen.“

Während des gesamten Schuljahres gab er ihm wöchentlich zwei Stunden und ließ ihn zu Hause Übungen ausarbeiten. Im Laufe ihrer gemeinsamen Arbeit wurde er sich der eigenen unzulänglichen Aussprache bewußt und schrieb Manuel deshalb während des Wintersemesters als Gasthörer an der Uni­versität ein, was angesichts der Kindlichkeit des Studenten nur durch den Einfluß der Fraternität gelang. Der Knabe durfte einmal in der Woche an einem Se­minar teilnehmen, das von einem Mitarbeiter des in Madrid ansässigen Goethe-Instituts abgehalten wurde. Manch­mal kam Hinrichs mit, und Manuel notierte, da er die beiden Grauhaarigen in merkwürdiger Vertrautheit miteinander plaudern und grinsen sah: Supongo que se conozcan. Dos fa­chas! Er fand, man habe ihn zu früh in die Spur Ernst des Lebens gesetzt, ver­mutete nicht zu Unrecht, Doña Magdalena fröne wieder ihrer Lieblingsverschwörung, wolle ihn von Leo fort­ziehen, der seinerseits durch den Va­ter genötigt worden war, fakultative Kurse in handwerklicher Materie zu belegen. Schon von den vie­len Terminen brummte beiden Knaben der Kopf. Leo obendrein von technischen Parametern und Manuel von häßlich tönenden Zusammenballungen deutscher Konsonanten, ge­gen die das ...tzsch! in Federico Nie­tzsche lustig klang.

Um die Sportstunden drückte er sich, wann es ging. Auch Judo, die einzige sportliche Betätigung mit anderen, rückte in den Hin­ter­grund. Dennnoch übte er verbissen korrektes Fallen, speziell das Fal­len auf den Gegner, weil es für einen entscheidenden Moment sein Gewicht erhöhte. In Sekundenbruchteilen ein Handgelenk des Gegners zu packen und gleichzeitig dessen Ellbogen zu kontrollieren, wurde seine Spezialität. Leopoldo fiel bei der Prüfung zum Nachweis für den Schwierigkeitsgrad des fünften kyu durch. Er hatte einen verbotenen Griff angewandt. Sein altes Übel! Ma­nuel schaffte es fehlerlos. Er war nicht stark, aber schnell. Jiu beanspruchte den ganzen Körper. Daneben machte es ihm Freude, seine schnellen Läuferbeine auf den Trampelpfaden am Río Tormes in Luft und Sonne zu trainieren. Hinterher lag er mit pfeifenden Lungen im Gras und strich konfus an sich herum. Er begann seinen Körper zu mögen.

 

Im zweiten Jahr bekamen die schnurgerade ausgerichteten deutschen Fel­der, die ringförmigen Straßenzüge der kleinen Stadt und das Haus seiner Gastfamilie inmitten eines großen Gartens schärfere Konturen. Aus Gewohnheit steuerte er bei der Ankunft auf die Loggia zu, doch damit war Schluß. Die Tante seines Stiefbruders war in den ersten Stock gezogen. Lange begegnete er ihr nicht, hörte aber häufig ihr Klavierspiel. Die Zimmer im obersten Stockwerk unter der Dachschräge waren an ein Lehrerehepaar vermietet, Leute, die im Vorjahr das Entbieten seines Grußes Guten Nachmittag! mit erhobe­nem Zeigefinger und zerhackten Wörtern korrigiert hatten.

Erste schelmische Geplänkel mit den beiden Mädchen, an deren schreckliche Namen er sich ebenfalls zu gewöhnen begann, Hildgun­de und Roswitha. Und erste tiefergehende Aufmerksamkeit erregte er, weil er sie abkürzend Childa und Rosa wiedertaufte und mit ihnen jedes in den Augen seines Halbbruders noch so täppische Spiel spielte. Ja, er gewann diese Mädchen in kurzen Röcken lieb, die ihrerseits den Duckmäuser aus dem Vorjahr nicht wiedererkannten. Der sanfte Blick aus seinen dunklen Augen hatte es in sich, die Feingliedrigkeit paß­te zum hübschen Gesicht, und dunkles Haar war ein körperlicher Vorzug, der in Mode kam. Stolz reichten sie den Jungen herum. Noch stolzer spulten sie die Silben seiner Heimatstadt in der richtigen Reihenfolge ab: Sa-la-man-ca.

Bis nach Sizilien hinunter wurde die Herkunft des in der Sonne rasch einen kräftigen Teint annehmenden Kindes vermutet. Im Freibad oben am Wal­drand war es ein As, so wie es schwamm und tauch­te und vor Seeskorpionen warnte, die die Gefährten verblüfft im Wasser zu entdecken suchten. Allein, der Bademeister ließ sich nicht blenden, er wollte Manuels Freischwim­merzeug­nis sehen. Der hatte keines, stellte sich vor, dieses Dokument müsse an das Besiegen von Meerschlangen oder eines ausgewachsenen Oktopoden geknüpft sein. Fortan wurde er ins Nichtschwim­merbecken verwiesen, weil er sich weigerte, die Prüfung nachzuholen, stumpfsinnige fünfzehn Minuten nach einem Sprung aus ei­nem Meter Höhe unablässig Kreise zu ziehen, um zu beweisen, was er stundenlang hätte durchhalten können. Hijo de pu­ta, schimpfte er verärgert in Richtung der Kontrollin­stanz, erstaunt, wie leicht das Schimpfwort über die Lippen rutschte.

Manuels Halbbruder war drei Monate älter als er. Sie wohnten nun im selben Zimmer. Freund­schaftlicher Ton kam keiner auf. Kuno befand sich an jener rauhbeinigen Stufe des Wachstums, da viele Jungen dazu neigen, abweisend auf Schwächere zu reagieren. Manu­el, seiner Natur entsprechend, beugte sich ehrfürchtig vor dem starkgebauten Burschen, dessen Handgelenke ihm so breit vorkamen wie sei­ne Fußknöchel. Und erst die großen Hände... Puh!

Obendrein neck­ten die Schwestern ihn. „Du magst Kuno nicht“, sagten sie. „Warum nicht?“ Die Neckerei ging so weit, ihn mit vereinten Kräften vor den Bruder zu schleppen. „Sollen wir ihn in den Hühnerstall bringen?“ fragten sie.

„Macht, was ihr wollt“, kam angeekelt Kunos Antwort über das schlappe Stück Spanier, das sich von Weibern abführen ließ. Jetzt wußten sie nicht weiter, ließen lachend los und zerzausten sein Haar, soweit sich das kurze Haar zerzausen ließ.

Äußerst fasziniert war Manuel von den knappen rotkarierten Röcken der Mädchen, unter denen regelmäßig schneeweiße Unterhöschen auf­blitz­ten, und von den kurzen Lederhosen seines Halbbruders. In Spanien gingen Röcke wie kurze Hosen bis ans Knie. Vielleicht dul­dete die Mode in Städten wie Madrid kürzere Röcke, aber keine Hosen, die beim Hinsetzen oder Bücken so wenig züchtig heraufrutschten. Dieses urgermanische Kleidungsstück schien Ewigkeiten zu überdauern und wurde offensichtlich nie in den Waschtrog gesteckt. Wohin er auch kam: Viele Jungen und Mäd­chen, waren mit dem weichen, dicken Rindsleder bekleidet, das sich mit der Zeit dem Körper anpaßte und an vielen Stellen, besonders am Hinterteil, so glatt abwetzte, als wollte es für sich Reklame machen. Tuchhosen kriegten regelmäßig Löcher. Dann schim­merte Unterzeug peinlich durch. Also muß­ten sie geflickt oder durch eine Num­­mer grö­ßer ersetzt werden. Anders die ledernen Hosen, die von Anfang an etliche Nummern zu groß gekauft wurden. Löcher kriegten sie keine, und es dauerte Jahre, bis sie so eng saßen wie bei Kuno. Aus­mustern entfiel dennoch. Reichlich bemessene Säume ermöglichten Erweiterungen. Oder kleinere Geschwister übernahmen das Stück, womit ein neuer Zyklus begann.

Der Stiefbruder erschien unerreichbar, zumal der nun auch aufs Gymnasium umgesattelt hatte. Kuno, die Überlegenheit des spa­ni­schen Kopfes spürend, hielt ebenso respektvoll Abstand. Neugier aufeinander brachte die beiden Dreizehnjäh­rigen, ohne daß sie es lenken konnten, einander näher. Eines Abends flogen in ihrem Zim­mer unter vier Augen und verlegenem Ki­chern die ersten Kissen hin und her, denen Handgreiflichkeiten folgten, qua­si das Einschwenken auf die einzig verfügbare gemeinsame Sprache. Gewiß war Kuno der Stärkere, doch staun­te er über Kniffe und Finten des Spani­ers, mit denen der sich lange widersetzte, bevor er keuchend unterlag.

„Gibst du auf?“ fragte Kuno.

„Ja“, sagte Manuel sofort, weil er merkwür­dige Regungen verspürte, die ihm schamhaft Röte ins Gesicht trieb.

Am nächsten Tag fragte Kuno, ob er mit den Weibern gehen wolle oder mit ihm. In den Wald. Zum Hexenteich.

„Wir gehen zusammen mit den Mädchen“, sagte Manuel nachdrücklich, und überraschend fügte sich Kuno.

Die Residenzstadt lag an der Scheidelinie zwischen norddeutscher Tiefebene und Mittelgebirgsschwelle. Vor dem Haus der Reders ging der Blick ins flache Land, das bis zur Nordsee flach blieb. Auf der anderen Seite stieg die Straße leicht an und verschwand zweihundert Me­ter weiter in einem bewaldetem Höhenzug, der in andere Berg­züge überging. All das gehörte zum Weserbergland.

„Von hier bis an die Alpen“, erklärte Kuno, „nichts als Berge.“

Das erste Stück Weg war steil. „Wir rodeln hier im Winter“, sag­te Hildgunde. „Geht prima.“

„Rodeln? Was ist das?“

Vor einer in die Felsen ge­hauenen Höhle stand ein Pferdefuhrwerk. Eisblöcke wurden herausgetragen und verladen. „Man schneidet sie im Winter aus dem Schloßteich“, erläuterte Roswitha, „und schafft sie hier rauf. So kalt ist der Berg im Innern. Bleiben frisch. Die Gaststätten kühlen damit im Sommer die Bierfässer und so.“

Mehr noch als dieses Verfahren erstaunte Manuel der Umstand, daß Pferde die stei­le Straße bezwangen, so steil, daß die Mistkugeln, die sie fallen ließen, ein Stück hinabrollten, bevor sie zerfielen.

Nach einer weiteren, schwächer ansteigenden Wegstrecke erreichten sie den Kammweg, der auf einen hohen Turm zuführte.

„Ließ die Fürstin bauen“, sagte Hildgunde. „In Notzeiten. Da­mit die Leute Arbeit kriegten. Und was zu essen.“

Manuel taxierte den alleinstehenden Turm, der hoch aufragte und weißgraue Haufenwolken berührte. „Hat er ein Verließ?“

„Nein, Blödmann“, nörgelte Kuno, dem die Anwesenheit der Geschwister mächtig auf die Nerven ging. „Ist ja keine Burg, nur ein Turm. Aber Fledermäuse gibt’s drin in Massen. ‘n Freund von mir ist mal aus Versehen eingeschlossen worden. Den haben sie halb aufgefressen.“

„Fledermäuse greifen Menschen nicht an“, sagte Manuel.

„Aber stark!“ bekräftigte Kuno.

Manuel schwieg. Kunos Freund mochte einem Vampir zum Opfer gefallen sein. Von dieser Abart Fledermaus in nördlichen Ländern war in seinen Büchern oft die Rede. Auf schmalem Pfad gingen sie abwärts zu einem Teich, der den Grund eines verlassenen Steinbruchs füllte.

„Hier haben sie im Mittelalter die Hexen reingeschmissen“, sagte Kuno. „Weißt du, was ‘n Gottesurteil ist?“

„Ja“, sagte Manuel, der flugs übersetzt hatte. Konnte sich nur um ein juicio de Dios handeln. „Aber ich glaube nicht, daß sie hier was mit Hexen machten. Den Turm schätze ich auf kei­ne zweihundert Jahre. Die Steine kamen von hier. Dadurch die Grube. Vorher gab es hier keinen Teich. Und vor zweihundert Jahren war die Inquisition vorbei. Die Leute hatten begroffen, daß es keine Hexen gibt. Man verfolgte sie nicht mehr. ¿Entiendes?“, entfuhr ihm das spa­nische Schlüsselwort, das die zwingende Kon­sequenz andeutete.

Ku­no, der keinen blassen Schimmer von Geschichte hatte, verbiß sich jede Zurecht­weisung vor so viel Wissen und Logik. Begroffen. Er grinste dünn und startete mit verkniffener Miene sein Steinchenspiel. Flache Kiesel warf er geschickt über die Wasseroberfläche. Hüpfend legten sie eine weite Strecke zurück, bevor sie versanken. Manuel gelang das nicht. Noch den Schwestern.

Ein heißer Sommertag. Ermattet streckte Manuel sich am Rande des brackigen, unbewegten Gewässers aus. Schnaken liefen Wasserski und nicht weit weg saß ein Frosch mit bebendem Kehlkopf. Die Wände des Steinbruchs stiegen nahezu vertikal etwa fünfzehn Meter auf. Oben standen Buchen und Eichen, deren Aste sich im schwachen Wind über dem Abgrund bewegten. Er schloß die Augen. Wälder wie hier kannte man um Salamanca nicht. Man mußte schon in die Sierra de Gredos fahren, von Montemayor aus weit in die Berge hinein. Oder über die Pässe zum Kloster Yuste, wo Carlos Quinto seinen Lebensabend verbracht hatte. Dort gab es dichten Wald wie hier, Dickicht aus Laubgehölz, in dem man sich verstecken konnte, ohne gesehen zu werden, und träumen, ohne irgendeine Stimme zu vernehmen außer der eigenen inneren.

„Heh“, rief Kuno, „wir klettern jetzt da rauf!“

Manuel folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger. Der Teich endete in einem spitzen Winkel. Dort ragten Platten aus den Kalksteinfelsen heraus, und es war nicht so steil wie in den Seitenwänden. Fünfundvierzig Grad mochten es sein. Er schüttelte den Kopf.

„Sei kein Frosch“, sagte Kuno, „da bin ich schon x-mal rauf.“

„Nichts für mich.“ Manuel schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht schwindelfrei.“

„Memme!“ zischte Kuno. „Witha, machst du mit?“

Sie nickte bang. Aber sie streifte den Rock ab und warf ihn Manuel über den Kopf.

Kuno sagte höhnisch: „Zieh den Rock an, Memme, wenn du nicht mitkletterst. Paßt besser zu dir als deine Schlabberhosen.“

Die Geschwister machten sich an den Aufstieg. Die gewagte Kletterei verschlug Manuel den Atem, mehr noch die Harmonie ihrer nackten Beine. Keine zehn Minuten, und sie waren oben.

Hildgunde hielt die Arme auf dem Rücken. „Augen zu! Mund auf!“

Er liebte die Zehnjährige, seine einzige, wirkliche Verbündete im Hause Reder. Würde sie ihm einen Frosch in den Mund stopfen?

„Du bist kein Feigling. Da raufklettern ist blöd. Hihi! Augen zu, Mund auf!“

Er tat ihr den Gefallen. Ihr helles, fröhliches Kichern war ohne Arglist. Sie hatte Walderdbeeren gesammelt.

„Sind zuckersüß“, sag­te sie tröstend. „Komm, wir gehen außen rum“. Unbefangen griff sie nach seiner Hand und zog ihn vorwärts.

„Danke, Childa.“ Manuel warf noch einen Blick auf die Kletterer, die über der Kante verschwanden. Kunos Mut imponierte ihm. Nun kam er sich erst recht als Hanswurst vor, in Rosas Rock über die schmalen Waldwege zu stolpern, mit dem er an je­der Brombeerranke hängenblieb. Wie stellten es Mädchen an, solchen Hindernissen auszuweichen?

Childa legte plötzlich den Finger auf den Mund und raunte: „Wir müssen auf Diana aufpassen. Wenn sie mit dem Köter da ist...“

„Wer ist Diana?“

„Schscht!!“ Sie bewegte sich durch das Dickicht, wie eine ängstliche Katze darum bemüht, kein Geräusch zu verursachen. Sie erreichten eine kleine Lichtung, mit jungen Eichen bestanden. Das Moos unter den Füßen war teppichdick. Childa schnaufte erleichtert auf. „Puh! Sie ist nicht da!“

Nach ihnen schoben sich die älteren Geschwister durchs Gebüsch. „Na, so ein Glück, Ma­nuel“, sagte Kuno. „Diana hätte dich glatt zu einem Plausch eingeladen. Röckchen tut sie nichts.“ Alle drei lachten über ihn, wie er Ros­withas Rock vom Körper streifte und vorsichtig zurückreichte, den Blick vor so viel nacktem Mädchenkörper im Un­terzeug ab­wendend.

Später trottete er in einigem Abstand hinterher. Jetzt bezweifelte er, ob es in der Gredos so dichte Waldstücke gab wie hier. Die Leute hat­ten nach dem Bürgerkrieg gewaltige Flächen kahl geschlagen, weil sie Brennmaterial brauchten.

„Wer ist Diana?“ fragte er im Bett.

Kuno lachte nur, schleuderte zur Antwort Kissen, kugelte selbst hinterher, fing an zu balgen, hielt dem Spanier beide Arme auf dem Rücken fest und sagte: „So was würde Diana mit dir machen.“

„Warum?“ fragte Manuel. „Warum...?“ Antwort kam keine, als sei die Umklammerung selbst die Antwort. Er hielt still, weil er es irgendwie angenehm fand. Bis er merkte, daß sein Stiefbruder eingeschlafen war. Da löste er sich sach­te, stieg über Kuno hinweg und legte sich in dessen Bett.

 

Am nächsten Tag gingen sie schwimmen und sonnen. Das tat Ku­no gern, weil er mit dem Jungen aus dem Süden, dem er die na­tür­liche Bräune neidete, der fremde Sprachen beherrschte und im Deutschen kaum noch überlegen mußte, wie man ein Wort richtig aussprach, gewaltig Punkte sammeln konnte. „Mein Freund Manuel“, sagte er stolz bei jedem Vorstellen. „Kommt aus Casablan­ca. Sie bra­ten dort Stiere wie bei uns Hühner.“

„Kuno“, bat Manuel, „ich möchte wieder zur Lichtung über dem Hexenteich. Der dichte Laubwald gefällt mir. Bring mich hin. Ich würde es nicht finden.“

Der im Grunde recht gutmütige Kuno setzte sich achselzuckend in Bewegung.

„In der Badehose? Sollen wir nichts überzie­hen?“ fragte Manuel.

„Wozu?“ meinte Kuno. „Sonne schadet dir ja nicht. Ich krieg’ sowieso schon einen Sonnenbrand.“

Das Schwimmbad lag oberhalb des Felsenkellers mit den Eisblöcken. Von dort brauchten sie gut zwanzig Minuten bis zum Ziel. Manuel wunderte sich, daß Kuno merklich langsamer wurde. Weil in der Nähe ein Hund bellte? Hatte Kuno Angst vor Hunden?

„Hin­ter dem Brom­beerdickicht da drüben ist es“, sagte er und drehte fix um. „Zurück findest du allein. Wir sehen uns später.“ Im Laufschritt trabte er den schattigen Waldweg abwärts.

Manuel mußte, die Lichtung umrundend, eine ganze Weile nach einer Schneise durch die verschlungenen Brombeerranken suchen. Schließlich entdeckte er einen schmalen Durchlaß, den er sich als Zugbrücke zu einem verwunschenen Dornrös­chen­schloß vorstellte.

Es war ein heißer Augusttag mit Temperaturen wie daheim in Ka­stilien. Er­mattet legte er sich ins federnde, weiche Moos unter den Eichen. So ein Platz, wo er lang abrollen und ohne Gefahr von Verletzungen fallen konnte, war passend, mit Kuno einmal ihre körperliche Geschicklich­keit zu messen. Im Freibad verbot sich solches Schauturnen, und im Garten der Reders gab es keinen weichen Rasen. Jeder Quadratmeter dort ordnete sich Nützlichkeiten unter. Gemüsebeete, Himbeer- und Stachelbeersträucher, Misthaufen, Hühnerställe. Und die karge Wiese davor voller Hühnerkacke, in die Kuno ihn so gern schubste. Neulich war er auf eine achtlos zurückgelassene Harke ge­treten, deren Stiel ihm einen üblen Schlag gegen die Stirn versetzt hatte. Kuno... Sein aufbrausendes Wesen stieß ihn ab. Ihm war unverständlich, war­um Kuno ihn stur als Freund bezeichnete, Sie waren Brüder, bluts­verwandt allemal. Wahrscheinlich lehn­te Kuno ihn als Bruder ab. Sein altes Problem: Er stellte eben nichts da! Ging Kuno über den Hof, um eine Aufgabe anzupacken, wußten alle, daß es Reder junior war, und hängte er sich schüchtern an, hieß es: Weg da – ich habe zu tun. Mit den Schwestern lief es besser, besonders mit Childa. Sie rochen gut, anders als spanische Mädchen gleichen Alters. Und sie litten es, wenn er den Arm um ihre Taille schlang. Sogar kühn gezielte Küsse auf den Mund nahmen sie nicht übel. Na ja... Rosa zierte sich, klar, sie war ein Jahr älter als er. Neu­lich hatte sie wie Benignos Katze gestrampelt, die er in einer festen Umarmung, Gesicht an Gesicht, an sich geklammert hat­te. Einer Kat­ze war das Strampeln nicht zu verdenken. Beim Näherkommen so großer Augen und eines so gewaltigen Mundes, der sich möglicherweise anschickte, sie zu verschlingen, mußte sie unweiger­lich Höllenangst kriegen. Rosa wollte er nicht verschlingen. Es war so angenehm, ihre –

Er zuckte unter einer feucht sabbernden Bewegung am Fuß zusam­men. Großer Gott, ein pastor alemán! Ein riesiger Scha..., Schafer..., Schäferhund! Manuel richtete sich halb auf, glaubte an einen üblen Traum. Vor ihm stand eine chica mit schußbereit gespanntem Bogen. Der Pfeil auf der Sehne zeigte mitten auf seinen Bauch.

„Beweg dich“, sagte sie. „Hoch mit dir!“

Er rieb sich die Augen. Die Erscheinung verschwand nicht. Entsetzt rappelte er sich zu voller Länge auf. Die kriegerische Gestalt, so kam es ihm vor, überragte ihn um Zentimeter. Das Tier blieb schweifschlagend auf Hautfühlung. Sie selber hielt Abstand, trat hinter ihn und bohrte die Pfeilspitze in seinen Rücken.

„Arme nach hinten! Widerstand ist sinnlos!“

Manuel schüttelte sich nochmals, aber alles blieb wirklich: Der Hund hechelte feindselig mit heißem Atem und die Pfeilspitze pikte wie ein Bajonett in die Seite. Eine Verrückte, dachte er. Bloß mit keiner falschen Bewegung zum Angriff reizen. Er sah seinen Bauch bereits durchbohrt. Auf frem­der Erde auszubluten – sein Spionenlos! Hatte ja so kommen müssen. Weglaufen brächte keine Rettung. Der Hund würde mit einem lähmenden Biß ins Bein Maß nehmen, danach genüßlich die schutzlose Kehle zerbeißen und sein Blut trinken. In weniger als fünf Minuten wäre alles vorbei. Würde das Mädchen ihn begraben? Zögernd hob er die Arme über den Kopf.

„Ich sagte: Nach hinten!“ fauchte sie.

Apathisch gehorchte er. Anstelle des gefährlichen Spießes kitzelte Schnur über den Rücken. Die Handgelenke wurden über­einan­der­gelegt und umständlich zusammengeschnürt.

„Und jetzt wieder auf den Boden mit dir!“ Sie tätschelte den Hund und kraulte ihn am Kopf. „Mele, mein Braver, kannst dich ausruhen. Den haben wir erledigt.“

Der Hund entfernte sich einige Meter und legte sich in den Schatten, ohne den Gefangenen aus den Augen zu lassen.

Da Den wie eine Statue verharrte, warf sie ihn mit einem kräftigen Schubs um. Noch im Fallen bemerkte Manuel, wie es warm über die Beine lief. Nachdem das geschehen war, er in seiner Selbstachtung tiefer nicht mehr sinken konnte, riskierte er einen offenen Blick auf die Siegerin. Nein, es war keine Angst ­– aus heiligem Schreck vor so viel Schönheit war es pas­siert, vor einem Mädchen, sicher älter als er, in blütenweißem Unterhemd und knappsitzender Lederhose. Kuno in weiblich, mit langen dunklen Haaren. Oder eine zwei­te Hildgunde, nur einige Nummern grö­ßer, die nun Pfeil und Bogen mit majestätischen Bewegungen weglegte und sich, die Arme verschränkend, an eine Eiche lehnte.

„Ihr wißt, daß das hier verbotene Zone ist. Wieso probiert ihr es immer wieder? Der Wald ist doch anderswo groß genug.“ Die zorn­blitzenden Augen unterstrichen die Schärfe des Verhörs. „Heh –? Was hast du dazu zu sagen?“

Manuel hatte es die Sprache so gründlich verschlagen wie noch nie in seinem Leben. Er wußte kaum, wo er zuerst hinschauen sollte, auf ihre Schenkel, auf die anmutigen Füße, die ungeduldig wippten, auf diese wunderschönen kleinen – für einen Mo­ment schloß er die Augen – pechos unter dem Leibchen. Eine Göttin!

„Ich sehe“, grollte sie, „dein Mut gehört gebrochen, Verstockter.“ Sie nahm ein Taschentuch zur Hand und pflückte am Rande der Lichtung einige Brennesselstauden. Manuel wähnte das grüne Büschel harmlos wie die Minze der zumeist ausgetrockneten kastili­schen Bachbetten. Gleich wurde er eines Besseren belehrt. Sie drosch die Pflanzen auf seinen Körper und zwischen die Beine, sie riß die gebundenen Arme hoch und zog die ätzenden Nesseln durch die Achselhöhlen. Er dachte, warum ist sie so wütend, was hat das mit mir zu tun? Wie eine Ameisenarmee lief es über seine Haut, tausend Empfindungen wühlten in seinem Gemüt, aber sein klarer Verstand wußte alles auseinanderzuhalten, das geringe Ausmaß an Bedrohung und sein Versagen vor dem hübschen Mädchen, das ihn hier in der Mangel hatte, nun auf einem niedrigen Ast der merkwürdig verkrüppelten Eiche saß und die Beine abwartend baumeln ließ.

„Wirst du reden, Verruchter? Oder brauchst du noch ei­ne Abreibung? Du riskierst ein Bad in den Brombeeren.“

Manuel wußte nicht, wie er sitzen sollte, um einigermaßen schicklich auszusehen. Seine Badehose war ein Stück herunter­ge­rutscht, und er befürchtete, deren kümmerlicher Inhalt könne of­­fen­bar werden. Er verrenkte die Finger auf der Suche nach Knoten in der Schnur. Er fand sie. Er würde sie lösen können, sehr fest waren sie nicht geknüpft, aber einstweilen konn­te die Strategie nur im Ver­handeln bestehen.

„Diana“, setzte er auf Spanisch an, „ich ha­be dir nichts getan. Meine Untat, die keine ist, besteht darin, hier geschlafen zu haben, ohne zu wissen, auf wessen verwunschenem Boden. Mag dieser Moosgrund dem Grafen von Brackelstein gehören, gut!, – ich komme aus der Graf­schaft Salamanca. Wenn du mich nicht gehen läßt, wird es in Kürze diplomatische Verwicklungen geben. Ich rate dir und Meleager, mich gehen zu lassen.“

Der Hund hatte sich aufgesetzt, kratzte mit der Pfote geräuschvoll hinter den Ohren und lauschte interessiert. Wie Diana, die den Jungen nicht verstand, aber das entscheidende Wort heraushörte. „Wo­her weißt du, wie er heißt?“ frag­te sie rauh mit einem Seitenblick auf das goldbraune Tier.

„Du bist Diana“, sagte Manuel nun auf deutsch, „das Mädchen“ – er vermied den Ausdruck Göttin, den sie nicht verdiente, solange er gefangen war – „aus der Sagung. Mit Pfeile und Bogens. Dann muß der Hund so heißen. Meleager. Er beschützt dich. Und du bewachst diese Wiese.“

Murmelnd klopfte sie seine Sätze ab. „Ich bin die Hüterin dieses Hains“, berichtigte sie schnippisch, weil es ihr gar nicht paßte, daß der Junge das liebe Tier so zu benennen wußte, wie sie es nannte, war sie mit ihm allein. Nicht einmal der Förster wußte, was hinter dem Namen Mele steckte, den er für einen Spitznamen hielt, wegen des schwarzgelb melierten Fells. Denn getauft worden war Meleager auf den Namen Astor. Der Junge verglich offensichtlich mit Geschichten, die er im Kopf hatte. So wie sie es gern bei spannenden Abenteuern wie diesem tat. Außerdem paßte es ihr nicht, daß er ihr mächtig gefiel, der erste Gefangene dieses Som­mers. Him­mel, war er süß! Ein radebrechender Fremdling. Sicher ein Italiener. Erst kürz­lich hatte sie einen Film gesehen, Mandolinen und Mondschein in südlicher Nacht. Der Hauptdarsteller hatte ein ebenso feingezeichnetes Gesicht gehabt. Zum Verlieben. Vor der Kulisse eines rauchen­den Berg­kegels. Natürlich ein paar Jahre älter... Nervös kaute sie an der Innenhaut der Lippen. Der hier war wohl jünger als sie, und für Jüngere hatte sie was übrig. Vermutlich war das ein Fehler. Abgesehen davon, daß man sich von Jungs überhaupt nicht beeindrucken lassen sollte.

Manuel stand auf, warf ihr die Schnur in weitem Bogen vor die Fü­ße und zog unauffällig die Badehose zurecht.

Diana war verblüfft. „Sieh mal an“, sagte sie, „so was von geschickt! Hier wird nicht abgehauen.“

Ein leiser Pfiff machte dem Hund Beine. Lustlos stemmte er sich hoch und streckte müde die Hin­terläufe. Immerhin kam er näher und leckte Manuel flüchtig über die Waden: Schweißnaß und salzig.

Das Mädchen ergriff den Pfeil – ohne Bogen zum Speer degradiert –, und fuchtelte vage damit herum. Den Jungen zerr­te sie zu ihrer Lieblingseiche. Über ihnen arbeitete ein Specht. Späne rieselten herab.

Manuel fühlte sich mittlerweile unbeschreiblich gut. Er riskierte einen langen Blick auf die pechos und den straffen Hosenlatz. „Die Nummer mit Pfeile und Bogens ist Spitze“, sagte er. „Kann einem fürchterlich werden davor. Muß ich die Ar­me auf das Stamm legen?“

„Was sonst?“ blaffte sie, „Zack, zack! Um den Stamm. Oder du machst mit Meles Zähnen Bekanntschaft.“

„Meleager“, verbesserte er.

Wütend band sie seine Hände aufs Neue, diesmal viel strammer, Beim Festziehen stützte sie den Fuß am Baumstamm ab. Die Knoten knüpfte sie gleich vierfach. „Da kommst du nicht wieder los!“

Und Mani, der in höchster Wonne ihre lodernde Schönheit betrachtete, antwortete geringschätzig: „Macht mir nichts. Ich hätte mich ja wehren können. Aber bei mir zu Hause kämpft man nicht mit Mädchen. Man läßt sie machen. Bis es ihnen langweilig wird.“

Dir wird es langweilig werden“, versetzte sie siegesgewiß. „Ich gehe an der Quelle ein Bad nehmen. Und ich weiß noch nicht, ob ich wiederkomme.“ Lauernd suchte sie in seinen Zügen nach aufkeimender Furcht. Aber er lächelte gleichgültig, und durch dieses Lächeln, das ihr mitten ins Herz fuhr, geriet sie ins Stottern. „K-kann es sein, daß du nach... Pisse riechst?“

„Das war Meleager“, behauptete Manuel. Mehr und mehr fühlte er sich als Herr der Situation, obgleich er sich kaum rühren konnte. „Hat sein Bein gehebt. Er mag mich.“ Dann setzte er alles auf eine Karte: „Weil du mich magst.“

Bei dieser Treffsicherheit errötete Diana. Ihr wurde zugleich heiß und kalt. So ein unverschämter Kerl! Italiener waren so. Gingen immer gleich aufs Ganze, dafür waren sie bekannt. Aber hier gab es Regeln, und dem Burschen würde schnell dämmern, daß seine aufgesetzte Selbstsicherheit gar nichts nutzte. „Ich kann den Förster ho­len“, spielte sie ihren stärksten Trumpf aus. Wußte er es denn nicht? Es bedeutete eine Geldstrafe für die Eltern und für ihn Prügel.

„Hol ihn“, sagte Manuel auf spanisch. „Erschießen mag er mich. Der Knall verwüstet diesen Hain für lange. Die Vögel fliehen ihn. Das Wild des Waldes wandert aus. Oh, du wirst Trauer tragen! Denn deiner süßen Hände Taten werden dich verfolgen.“

Natürlich verstand sie ihn nicht, erkannte aber, daß das Zitieren der übergeordneten Autorität auf den Jungen keinen Eindruck mach­te. Achselzuckend wandte sie sich ab. Er würde schon sehen, was ihm sein Gequatsche half. Ergrimmt lief sie davon. Ja, die Blasiertheit würde ihm schnell vergehen! Mistkerl! Nicht umdrehen! Desinteresse beweisen. Himmel, warum war sie so aufgewühlt? Der Hund trottete unschlüssig hin­ter ihr her.

Manuel merkte sofort, daß seine gelenkigen Finger hier nichts aus­richten konnten. Kein Zweifel, er war erledigt. Was er je selbst ausprobiert und so willig er sich bei seltenen Gelegenheiten seinen Spielgefährten überlassen hatte, immer war es gelungen, hem­mende Schnüre abzustreifen. Hier war er mit seiner Geschicklichkeit am Ende, weil der mächtige Baumstamm den Armen jegliche Beweglichkeit nahm. Tief atmend stand er da, spürte nichts außer dem eigenen Herzschlag und sonderbaren Re­gungen, die den ganzen Körper durchzogen. Dies Mädchen war seine Offenbarung. Diese... Göttin! Er starrte auf die Badehose. Sein Glied machte sich deutlich bemerkbar. Das war, so völlig außerhalb seiner Träume, irritierend neu. Oh! Er umarmte diesen Baum auf einer Woge der Lebenslust. Allerdings nach hinten. Der Eintritt in Di­a­nas Welt rückwärts. Ein Mädchen, wie er noch keines kannte. Unruhig trat er von einem Bein auf das andere. Sitzen wäre bequemer. Vorsichtig rutschte er am Stamm herab. Die harte, aufgesprunge­ne Eichenrinde kratzte rauh an der Haut seiner Arme, bis es geschafft war und sein Hintern den kühlen Waldboden erreicht hatte. Er streckte die Beine aus und schloß die Augen. Flüchtig schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, wenn sie nicht zurückkäme, bliebe ihm nichts als zu rufen und, falls ihn niemand hörte, zu war­ten, bis man ihn fand. Kuno würde ihn suchen. Spätestens nach dem Abendessen. Vor dem Schlafengehen zählten sie hier die Kinder. Falls Diana also glaubte, sie könne ihm Angst ein­jagen, pah! Dumme Gans... Er runzelte die Stirn. Du liebe Göttergans!

Dann macht ihm seine Hilflosigkeit doch Sorge. Viel­leicht hätte er sich wehren sollen. Das Spiel mit dem Feuer seiner Begehrlichkeiten barg sehr reale Gefahren. Welcher Junge seines Alters würde sich in dieser Weise überwältigen lassen? Dazu noch von einem Mädchen. Keiner! Was war los mit ihm? Er wußte es nicht. Vermutlich war er nicht normal. Aber war Diana normal? Dia­na mit Pfeil und Bogen, die auf sein Herz gezielt hatte? Mann, die hatte getrof­fen! In jeder Hinsicht. Jetzt erachtete er es im Sin­ne eines Restes von Männlichkeit erforderlich, ihre Rückkehr aufrecht zu erwarten. Aber so sehr er sich auch abmühte, sein eigenes Gewicht hielt ihn nieder. Nahe daran, sich die Wadenmuskeln zu zerren, gab er auf.

Diana hatte es nicht eilig. Entkommen konnte er nicht. Während sie am Teich die nassen Haare in der Sonne trocknen ließ, rang sie mit sich, ob sie den Jungen, wie vorgehabt, unbedingt dem Förster melden sollte. Irgend etwas riet ihr davon ab. Und doch! Er hatte sich viel frecher als sonst jemand in ihrem Hain schlafen gelegt. Ein Rebell gegen die Obrigkeit. Ein südländischer Robin Hood. Ohne seine Mannen. Sie rupfte einen Schachtelhalm aus dem feuchten Bo­den und zerpflückte ihn. Das Los sollte den Flegel richten. Das letz­te Teil­stück verlangte, ihn laufenzulassen. Sie schüttelte den Kopf. Galt nicht, weil ein Stück im Boden steckengeblieben war. Der nächste Halm brachte das gleiche Ergebnis. Wütend zog sie einen dritten. Dasselbe. Bockmist! Ließ sie ihn gehen, würde er sich eingedenk der rauhen Behandlung nie wieder herwagen. Brachte sie ihn zum Förster, blöderweise auch nicht.

Manuel war wieder eingenickt. Vogelgezwitscher, unaufhörliches Insektensummen, gelegentliches Hämmern des Spechtes, alles versetzte ihn in wohligen traumlosen Schlaf, in Versenkung und Nicht-Existenz. Seine Seele war darauf angelegt. Er erwachte erst, als sie mit beiden Hän­den durch sein Haar fuhr, und erschauerte aufs Neue vor der schönen, lockenden Gestalt.

„Du darfst nicht schlafen!“ Unschlüssig betrachtete sie ihn. „Du sollst dich fürchten.“

„Wovor?“ fragte er matt und schluckte. Er hatte Durst.

„Vor mir.“

„Was kann Diana denn machen?“ sagte er gähnend. „Mich foltern? Übersteh’ ich.“ Sein Blick haftete an den sonnenbraunen Mäd­chenbeinen.

Barfüßig, wie sie war, hob sie den Fuß, bohrte die Zehen gemein in seine Nasenlöcher, so daß er aufschauen mußte. Gleichzeitig zog sie ein breites Taschenmesser aus einer seitlichen Halterung in der Hose und klappte es auf. „Foltern... Diesen Vorschlag wirst du bereuen. Ich könn­te dir da was kürzen“, sag­te sie, ungefähr in die Richtung deutend, wo sie die Klinge anzusetzen gedachte.

Zuerst verschlug es Manuel die Sprache. Ein Mädchen, das so leichtfertig auf seine intimsten Teile anspielte! Mit zittriger Stimme sagte er: „Bei mir gibt es nichts zu kürzen. Wenn du mich gefangen hältst, weil du glaubst, bei mir kriegst du was in die Hand – es ist praktisch nichts da.“

Diana lachte hell auf. Der Junge gefiel ihr immer besser. Er war erfrischend anders als diese platten Angeber aus ihrer Klasse. Sie setzte sich auf seine Beine. Nun konnte Manuel sich gar nicht mehr bewegen. „Und –?“ fragte sie. „Von Angesicht zu Angesicht – keine Angst vor einem Kuß?“

„Nein“, behauptete er tapfer und schloß höchst beunruhigt die Augen.

„Dann küß mich!“ Dazu kam er nicht. Sie war es, die ihn küßte, aufs Haar, auf die Stirn, und als sie die Lippen seinem halboffenen Mund näherte, spürte er ihre festen kleinen Brüste, die warm auf seine Haut drückten. „Hast du gewußt“, sagte sie, „daß Mädchen Jungs genauso Gewalt antun können wie umgekehrt?“ In den braunen Augen, von hellerem Braun als seine, zuckte Übermut auf.

„Das bloße Sein bedeutet Gewalt“, sagte er seufzend. „Ich glaube, Gewalt kennt kein Geschlecht.“

Sinnend sah sie ihn an, sah ihm tief bis ins Mark. „Ja, so stel­le ich mir die griechischen Helden vor“, sagte sie. „Ein bißchen so wie dich. Das Geschlecht ist da. Oder ist es nicht da...? Sollen sie kämpfen? Oder die Waffen strecken? Beim Lesen dieser alten Bücher fragt man sich ständig, warum die Götter so viel Gewalttätigkeit aussäten, so viel Zank und Streit.“ Meleager zwängte seinen Schädel zwischen die Kinder, und Diana tätschelte ihn. „Wozu soll das gut sein, Mele? Sag’s mir.“

Manuel fühlte einige dicke Tränen aus den Augen laufen. Er senkte den Kopf, damit sie es nicht sah.

Sie sprang auf und schnitt die Schnur durch. „Du kannst gehen“, sagte sie. Bedauernd klang es und zugleich herrisch. „Wenn ich dich hier nochmals erwische, kommst du nicht so leicht davon.“

Wortlos stand Manuel auf und reckte seine eingeschlafenen Glie­der. Die Hände waren taub, die Beine zittrig. Doch das Abenteuer war erst halb fertig. Ewig hätte er so vor ihr zubringen mögen.

„Hau ab!“ befahl sie jäh. „Oder ich überleg’s mir wieder. Dann wirst du hier bis morgen sitzen. Und wenn ich morgen sage, ist es morgen. Du Wicht!“

Er fand sie so unnahbar, wie er sie kennengelernt hatte. Wicht trieb ihm wieder Tränen in die Augen. Das hatte Kuno gestern erst gesagt, und er hatte es im Wörterbuch nachgeschlagen. Wortlos wandte er sich ab, verließ den Hain und versuchte den Sonnenstand zu bestimmen, wegen der Richtung. In der Nähe des Steinbruchs fand er den breiten Haupt­weg, der den gräflichen Wald in seiner Länge durchzog.

Kuno spielte auf der großen Wiese unterhalb des Schwimmbads mit Freunden Fußball. „Kommst du auch schon?!“ nörgelte er. „Ins Tor mit dir. Dafür taugst du grade.“

Manuel hatte keine Lust, dafür zu taugen. Er ließ Ball auf Ball durch, bis Kuno ärgerlich wurde, Schlafmütze schrie und ihn hinaus­drängte. Bis zur Rückkehr nach Hause lag Manuel aufgelöst im Gras. Dieses zupackende Mädchen mußte er wiedersehen! Teufel, war sie hübsch! Sollte es nicht möglich sein, sie anzufassen? Auf die Gefahr hin, daß sie wieder gewalttätig wurde? Ach, das würde ihm nichts ausmachen. Es mußte ihr bald langweilig werden. Es war ihr heute schon langweilig geworden, so allein unten am Teich.

     In der Nacht wachte er auf. Unter ihm war es feucht. Ihm wurde siedend heiß. Ins Bett gemacht! Aber die Nässe klebte. Er begriff, was passiert war. Wie peinlich in einem fremden Bett! Kuno furzte laut im Schlaf, das beruhigte ihn, es rückte die Maßstäbe zurecht. Und er wußte sich zu helfen, schob sein Un­terhemd zwischen Matratze und Leintuch und legte das Hemd darüber.

 

                                                                Pages 5 à 80 (de 476)