Harald V. Bergander  ·  Snakie - Billy

 

 

 

"There is a house in New Orleans

They call the Rising Sun

And it’s been the ruin of many a poor boy

And God I know I’m one

 

My mother was a tailor

she sewed my new blue jeans

My father was a gamblin’ man

Down in New Orleans …"

 

Die Gruppe The Animals hat mit dieser Version den amerikanischen Folk-Blues Song The House of the Rising Sun besonders populär gemacht. Er gelangte 1964 in den US- und UK-Charts auf Platz 1

 

 

  Gewidmet ist dieses Buch meiner geliebten Sabine

 

 

                                                                                           I

     Was er von oben sah, gefiel ihm nicht. Der Fluß, den er sich breit und lehmfarben wie den Guadalquivir vorstellte, war inmitten eines Gewässergewirrs kaum auszumachen. Auf der Gangway erschlug ihn die Luftfeuchtigkeit wie jener Eimer Wasser, den Diana aus dem ersten Stock der Kurdirektorsvilla über ihn ausgeleert hatte. Für einen Moment war ihm die Luft weggeblieben. Tropfnaß hatte er dagestan­den, alle hatten auf seine Kosten ge­lacht, am schäbigsten Diana. Aller­dings auch Tante Vrassi. An ihr hatte er sich gerächt, indem er eine Patiencekarte entwendete und erst am nächsten Tag unbemerkt wieder in den Kartenstoß steckte. Sieben Partien waren nicht aufgegangen. Sie hatte ausgerufen: „Moses, warum hast du mich verlassen?“ Diana hatte er Waldmei­ster­pud­ding in die Haare geschmiert und sich geweigert, ihr wie sonst beim Haarewaschen die Brause zu halten.
     Jeden Tag wünschte er sich in jene Zeiten zwischen Kindheit und Erwachsenwerden zurück. Was nun kam, war kein Kinderspiel. Der Sprachkurs ging knallhart über acht Wochen. Jeweils fünf Tage har­te Schulbank, am Samstag Ausflüge in die Umgebung, wobei verschiedene Ausformungen eines in allen Bundesstaaten verständlichen Amerikanisch studiert wurden. Die Schüler lernten Einflüsse spanischer, französischer und deutscher Sied­ler zu un­ter­schei­den so­wie den schwierigeren Sprachmix von Einwanderern aus der Karibik. Selbst am Sonntag gab es gewisse Vorgaben, in erster Linie den gemeinsamen Kirchgang. Manuel wähnte die Fraternität mit deren weit­ausgeworfenen Netzen schon wieder nahe. Beweis fand sich kei­ner dafür, und keiner seiner Mitschüler, die bunt gemischt aus allen Tei­len Spaniens kamen, wußte mit dem Begriff der Fraternität im Lichte des Herrn Kon­kretes zu verbinden.

     Jemand erklärte, die Stadt sei die tonangebende Metropole katholischen Glaubens der USA. Fürwahr besaß sie reihenweise ka­tholische Kirchen. Es kam Manuel in der Eintönigkeit des Instituts­alltags gelegen. So konnte er mit­tags eine Stunde in eine halb­wegs kühle Kirche gehen und meditieren. Ein anderer Platz bot sich nirgends. Die lär­migen Straßen und die stickige, feuchte Hitze am Golf von Mexiko machten müde. Das Kauderwelsch, in dem viele Leute auf der Straße unbekümmert miteinander palaverten, verwirrte den an klare Strukturen gewöhnten Jungen.
Des Abends war er gewöhnlich mit seinem Zimmergenossen unterwegs, einem schlitz­ohrigen Gesellen aus der Provinz Lérida, der Nutzen daraus zog, daß Manuel in der Klasse schlecht Anschluß fand und, naturgemäß den Weg des geringsten Widerstandes gehend, seine Gesellschaft suchte. Es gelang dem Burschen, Manuel finanziell zu schröpfen, zahl mir ‘ne Cola, zahl mir ‘n Eis, hast du mal eben Kleingeld fürs Telefon...? Gab der Kastilier nicht nach, ergoß sich ein Schwall katalanischer Rede­flut über ihn, aus der Schimpfworte herauszufiltern waren, darunter Schwul­chen. Klar, Manuels Blicke blieben gern an den run­den bäuerlichen Schultern des Mit­streiters und am Blondhaar hängen, das in der Sonne golden schimmerte. Ein Mazedonier aus Alexanders Heer. Körperlichen Kontakt hatten sie keinen miteinander. In einem kleinen Zimmer, wo sie sich täglich voreinander auskleiden mußten, kam es in den acht Wochen zu keinem kameradschaftlichen Hieb auf die Achsel oder einem zwischen Jungen ähnlich unverbindlichen Sympathiebeweis.
     Der Katalane war li­stig, hatte Köpfchen, wenngleich nicht Manu­els universelles Wissen. Durchmaß das Gespräch Schlachtfelder der Dichtkunst und Manuel stellte Heroen wie Galdós oder Pío Baroja vor, rächte sich Blondy post­wendend mit Gestalten aus dem schreibenden Fußvolk wie Josep Pla. Manuel konnte nur lahm entgegnen: Ach ja? Ein katalanischer Po­li­ti­ker?! Vielleicht dachte er an Totalitarismus und an Josip Broz Tito. Am gering­schät­zigen Grinsen seines Kameraden erkannte er den Fehltritt. Und am Schweigen, daß Katalanen das ihre gern für sich behielten.
     Später kam er darauf, das Schwulchen war nur so hergesagt gewe­sen. Wohl­er­zogen, wie er war, nahm er die Eigenschaft seiner Landsleute zu wörtlich, mit schweinischen Wörtern wahl­los herumzuballern. Der Hurensohn gehörte dazu oder das Angebot der eigenen Fäkalien. Es wurde je nach Gelegenheit den Eltern, an­de­ren Respektspersonen oder sogar den Überirdischen offeriert. Stan­dard­flü­che nahmen notorisch die Geschlechtsteile aufs Korn, männ­liche wie weibliche, oder exo­tische Gegenstände wie die Hostie, geweiht und ungeweiht. Manuel wußte nicht, ob Blondy noch Jungfrau war. Er war es unverrückbar. Deshalb machte er sich zunehmend Sorgen. Das Initialalter zum ersten Koitus vermutete er bei sechzehn Jahren, angewandt auf Jugendliche seiner Schulbildung. Die der Pflichtschule oder die des Spaniens der Analphabeten schafften es mit vier­zehn, weil über ihnen nicht der Mief der bürgerlichen Mittel­schicht wogte, dumpfer asexueller Hüter eines überall Wache schiebenden Katholizismus. Kein Nährboden, un­­be­fan­gen Nei­gungen zu entfalten, welche immer es waren. Bestürzt fragte er sich manchmal, was aus ihm werden sollte, Reds Stimme im Ohr, man tue es mit vierzehn oder mit vierzig noch nicht. Er wußte nicht, ob Red sich auf eine in­dianische Weisheit bezogen oder eine Redensart unter Cowboys auf­gegriffen hatte. Abge­sehen davon, daß Red stracks auf ihn anspielte und eigentlich hat­te sagen wollen: Der Versager steht dir auf den schmalen Körper geschrieben. Nimm dir Billy als Vorbild. Der hat die Weihen zum Weiblichen mit knapp vierzehn erhalten... Sein Halbbruder war dabei, ihn auch schulisch aus dem Rennen zu werfen. Obendrein hatte er auf ihn geschossen: Aus dem Weg! Einer von uns reicht. Ich, William S. Riley, der Fähigere. Die Kugel hatte ihn verschmäht, weite, unverständliche Spiralen beschrieben wie ein im Wurf befindliches Lasso, um Billys geweihte Teile zu treffen. Das konnte nur einem gelernten Cowboy gelingen, sich dort reinzuschießen und keinen Schaden anzurichten. So glimpflich, wie es abgelaufen war, mochte Bill für das nächste Rodeo eine Nummer damit vorschweben. Als brauche seine Kunstfertigkeit mit Schnüren und Riemen diese Krönung von Pulver und Blei.
     Eines Mittags suchte Manuel telefonisch Verbindung mit den Ri­leys. Er wollte den Miß­ton nicht stehen lassen, er habe diesen Sommer gekniffen. Hatte er ja nicht. Die Umstände zwangen ihn.      Nach Spanisch war Englisch sein Hauptfach für das Bachillerato. Das Zeugnis des Sprachkurses würde, gleich wie es ausfiele, gewichtend mit herangezogen, während ein weiterer Aufenthalt auf der Ponderosa nicht einmal ein Achtungsgewicht wäre.
     Essenszeit. Reena kam an den Apparat. Sie war mit ihrer Mutter, der es gesundheitlich schlecht ging, allein im Haus. Höflich sagte er, das tue ihm leid. Er bestellte Grüße, obwohl er wußte, daß Mrs. Sullivan sich aus seinen Grüßen absolut nichts machte.
     „Blacky, mein Junge“, sagte Reena, „wir vermissen dich sehr. Natürlich ist uns klar, daß die Schule und was so dranhängt, Vorrang hat. Wär’ schön, wenn du es einrichten könntest, herzu­kom­men. Gib Bescheid. Pete stiftet dir den Flug.“
     „Danke! Ja, das wäre schön“, sagte er. Sehnsucht nach den wei­ten Ebenen vor den hohen Bergen Wyomings durchzuckte ihn, nach köstlicher, trockener Luft. Hier, an diesem stinkenden Fluß mit den vielen S und P im Namen für Schiet und Pisse, wie Diana sagen würde, fühlte er sich wie in einem riesi­gen ungeputzten Klo.
     „Wenigstens ein paar Tage“, sagte sie. „Ausspannen. Ferien machen. In die Ber­ge reiten. Nichts sonst.“
     „Danke, Reena. Würd’ ich gern tun. Lieber heute als morgen.“
     „Und für nächstes Jahr, also da nehmen wir dich beim Wort! Es wird viel mehr Platz sein. Phoe und Red heiraten, sobald ihr Haus fertig ist. Sicherlich im Herbst.“
     „Alle Achtung!“ Für einen Moment schloß er die Augen, stellte sich die beiden genüßlich vor, wie sie es treiben würden, ohne hemmendes schmales Bett, ohne die knarrenden Dielen im oberen Stock­werk des Rileyschen Farmhauses. Neid auf Red. Denn mit Phoe läge er gern im Bett. Mit ihr würde es klappen. Nun würde in Kürze eine kleine Phoe herumlaufen. Nie von ihm. Was aus ihm träufelte, würde nicht ausreichen, eine Katze zu zeugen.
     „Tut mir leid, daß Billy so frech zu dir war, neulich. Meint er nicht so. Der Ben­gel ist in einem schwierigen Alter.“
     „Klar. Hat er das Internat da gut überstanden?“
     „Oh“, sagte Reena, „das weißt du noch gar nicht!? Er ist Schulbester. Pete ist ganz aus dem Häuschen. Du kennst ihn ja. Das hat er ihm einfach nicht zugetraut.“
     „Billy ist begabt. Begabter als ich.“
     „Ach, Blacky!“ sagte sie, und einen Moment glaubte er hinter Reenas dunkler Stimme Billy zu hören und dessen Hände zu fühlen, die spielerisch nach ihm griffen. „Wie gern hätte ich dich jetzt hier. Du bist mir genauso lieb wie mein eigener Sohn. Und ehrlich gesagt, weniger fremd.“
     „Danke, Reena“, stammelte er. „Danke für alles. Ich rufe wieder an.“ Er legte auf und verlor völlig die Fassung. Er stand vor dem Te­lefon und weinte hemmungslos. Immer wenn er mit Reena telefonierte, mußte er weinen, wie er seit Magdalenas Tod nicht geweint hat­te.
     „Eine schlechte Nachricht, mein Junge?“
     „Ja, Ma’am.“ Er wandte sich der fülligen Schwarzen zu, die, umflossen von einem bunten Kleid aus haitianischem dünnen Leinen, eine Weile auf ihren turn gewartet hatte. „Was sagen Sie? Nein, Ma’am. Keine schlechte Nachricht. Im Grunde eine gute.“
     Am Abend streifte er durch zwei oder drei Lokale, wo Jazz live gespielt wurde, meist in Richtung Blues, und das erinnerte wieder an die Rileysche Farmküche, wo er diese Musik lieben ge­lernt hatte. Granny Sullivan hatte mit den Lockenwicklern gut dazu gepaßt, mit ihren tausend Verrichtungen an Körper und Kleidung, als stände auf dem Hof ei­ner ihrer früheren Verehrer, dem sie sich möglichst perfekt darbieten wollte. Ein Verehrer, im Cadillac vorgefahren, ein­la­dend den Schlag öffnend. Vielleicht mit einer Jazz­trom­pete auf dem Rücksitz. Nur paßte das nicht zu Wyoming. Dort­hin paßten Pick­ups, Lassos, endlose Weidezäune.
     Je mehr Musik er hörte, desto mehr wur­de ihm bewußt, daß er vom Jazz rein nichts verstand. Falls Musik vielleicht generell nicht seine Sache war, Jazz mochte er stun­denlang hören, und er fand, ein meisterhaft geschlagener Jazzbesen mit seinem metallischen Klang versenke ebenso in Trance wie ein Joint. Dagegen war ein Klarinettensolo wie das Einreiten des Postillions mit miesen Nachrichten. Es erinnerte gleich an Rosins­ky. Rosinsky, den er interessant fand und eines Freundschaftsantrags wert. Ungeachtet der Tatsache, daß Rosinsky ihm Di­a­na weggeschnappt hatte.
     Dieses Jahr schloß sein Hin- und Rückflug nahtlos an den Unter­richt in New Orleans an, doch nicht an den Unterricht in Spanien. Schon das nutzlose Warten auf den Abflug zu Hause hatte ihn zappelig gemacht. Anfang September würden in Salamanca wieder zehn Tage an verschenkter Freiheit bleiben. Er beschloß, den Flug umzubuchen. Das klappte. Sogleich begann er Pläne zu schmieden. Warum nicht zur Ponderosa? Es durchrieselte ihn heiß. Rose Chatton. Er auf Toddy, durch die weiten Prärien preschend... Zu gefährlich! Er würde schwach werden, kleben bleiben, die Schule doch noch hinschmeißen, alles mögliche vorschieben, um in den Staaten zu ver­weilen. Es durfte nicht sein! Er wollte sein Bac, auch wenn er danach nie wieder eine Schule oder einen Lehrsaal be­träte. Einigermaßen ratlos stu­dierte er die Landkarte. Welch riesiges Land! Alles war so weit weg, ob er nun New York anpeilte, Chicago oder Los Angeles. Miami ginge, aber das interessierte ihn nicht, und er geriete vermutlich in die gleiche schreckliche Schwüle, in der alles feucht und klebrig war und einen selbst am Strand die Mücken plagten. Unter dem Strich blieb Texas. Die Wüste war okay. Die Abscheulichkeit von Schlafsäcken hinneh­men und einen kaufen. Da­mit er unabhängig war. Es wäre interessant nachzuprüfen, ob dort so viele Skorpione herumkrabbelten, wie Pete Riley behauptet hatte. Unter im Sand ausgebreiteten Schlafsäcken, in de­nen Jünglinge lagen.
     Der Kurs ging dem Ende zu. Durch die Prüfungen wurde er so lustlos und erschöpft, daß er alle Entschlußkraft einbüßte und die Reisepläne aufgab. Bleiben, wo er nun mal war! Am Abend durch die Kneipen streifen, tags­über am Meer liegen, drüben in Mississip­pi, wo es schönere, der Karibik würdigere Strände gab als an den Ufern des Lake Pontchartrain. Sich der Aufgabe stellen, ein Mädchen aufzureißen. Er war sich nicht sicher, ob dies seinem tiefsten Willen entsprang oder trotzigem Jetzt-zeig-ich’s-mal-Red.
     Meister Zufall begleitete ihn und Goldhaar am Vorabend von dessen Abreise. Sie hatten gute Zeugnisse bekommen, Grund genug, daß der Katalane eine Kneipenrunde vorschlug, um die überstandene An­strengung zu begießen. Dabei gerieten sie, wie schon öfters, in Seitengassen der Bourbon Street vor eine Art Bar mit roter Leuchtschrift, um die sie seit Tagen immer engere Kreise gezogen hatten.
     Ein lückenloser Rückblick auf den Gang der Ereignisse war Manuel später dank seiner pedantischen Notizen faßbar.
 
     ,31. August, weit nach Mitternacht. Dir gewidmet, Diana. Und für dich bestimmt. Wer sonst würde es verstehen?
     Beklom­men tranken wir uns Mut an, um uns in das House zu wa­gen, das uns bei den abendlichen Streifzügen aufgefallen war und bislang auf Distanz gehalten hatte, esa casa de chicas, raunte mein Be­glei­ter, ya sabes... Wir wetteten, wer zuerst zum Zuge kommen würde. Ja, wir wagten uns hinein, beide, setzten uns frech auf ein ro­tes lederbezogenes Sofa unter einschläfernder matter Beleuchtung. Damit war unser Schwung dahin. Beklommenheit ergriff uns an­ge­sichts hochhackiger nackter Beine, derer, an uns vorbeistöckelnd, klick-klack, kein Mangel war. Eine dunkle Stimme fragte nach unserem Alter. Nicht nur die Stimme schüchterte ein. Vor unseren Augen schwebten in seidiger Bluse freizügig dargebotene Brüste. Ein übriges bewirkten die strammsitzenden Lederhosen. Deren energischer Glanz von asturischer Steinkohle deutete die unterirdische Teufe an, der wir entgegenschlitterten. Der Bur­sche aus Lérida – übrigens mit so widersinnigen Tauf- und Fam­iliennamen behaftet, daß ich sie im gegenseitigen Verkehr sparsamst verwende und für mich intern bei Goldhaar bleibe – stotterte, siebzehn, weil ihn die für uns Spanier exotischen ledernen Beinkleider beunruhigten, vermute ich mal. Meinen Gedanken gaben sie einen Schubs, halfen dort über hemmende Stufen hinweg. Wir beide in den germanischen Kalbshaut-Shorts deines Bruders, Diana, ich weiß noch, welch spezifische No­te sie unseren Spielen gaben. Folglich spuckte ich geistesgegenwärtig aus: ,Neun­zehn.’ Dein Prinz Rosinsky wäre viel­leicht auf zweiundzwanzig gegangen. Oder gar nicht erst gefragt worden, Slawen sehen mit bittenden Händen ur­alt aus. Mein argloses Gesicht hasse ich in solchen Momenten. ,Also raus mit dir’, sag­te sie zu meinem Zimmergenossen und, mich schärfer ins Auge fassend: ,Zeig deinen Ausweis, Bübchen!’ Goldhaar schlenderte feixend Richtung Tür und wartete, weil er überzeugt war, wir würden so hinausgehen, wie wir uns reingetraut hatten, gemeinsam. Ich wies meinen Paß vor, der außer meinen Personalien den absurden, mir unverständlichen Vermerk trägt: Gültig für alle Länder außer der Inneren Mongolei. Ihre Augen überflogen flüchtig das Dokument und meine Gestalt. Vielleicht hielt sie mich für einen schmal­wüchsigen Mongolen mit Asylrecht in einem europäischen Land. ,Na gut’, entschied sie. ,Wenn du zahlen kannst...’ Und zu Goldhaar gewandt: ,Ich sagte, du sollst Leine ziehen!’ Langsam ging der Junge. Sein Grinsen zerfloß in Fassungslosigkeit. Eine verlorene Wette. Er schläft jetzt, die Nase in die Ellbogenbeuge gedrückt. Es sieht katzenhaft aus. Ich lasse ihn schlafen. Auch eine Kat­ze würde ich nicht unnütz wecken. Kann ihn vor seinem Abflug am frühen Nach­mittag noch frotzeln und raten lassen, warum die Lady mich nicht an die Luft setzte. Ich sehe jünger aus als Goldhaar.
     Mein Problem in dem Moment: Geld hatte ich nicht reichlich. Intuitiv verstand ich, die Empfangsdame würde mir vermutlich auch das bis zu gewissen Grenzen durchgehen lassen, da sie schon meine Minderjährigkeit ignorierte – hätte ich nicht einundzwanzig sein müssen? Vielleicht hatte Zebaoth in einem R-Ge­spräch befohlen, man solle mir in Einzelunterricht beibringen, wozu der Kram zwischen den Bei­nen da ist.
     ,Ich bin Jas­mine’, sagte sie, während sie mich, unter die Achseln fassend, hochzog und meinen Körper jenseits der Tail­le abtastete, Hüften, Hintern, Schenkel. Das, weswegen ich hergekommen war, ließ sie gnädig aus, dort konnte keine Pi­stole verborgen sein. Oder das Messer eines ver­kappten Prostierten- (oder Prostituten-?) Schänders. Mann, Billy hat mich verdorben mit seinem Fremdwortgestottere! Wir waren gleich groß, die Lady und ich. Ihre grauen Augen durchbohrten mich spitzer als deine Pfeile, Di. Alle Forschheit zusammennehmend, legte ich die Hände um ihre Taille und versuchte den Aufstieg zu den Brüsten. Sie wehrte es nicht ab. ,Sprach­schüler, wie? Und jetzt wis­sen wir nicht weiter!?’ Stumm nickte ich, ließ die Hände wieder sinken. ,Corinne!’ rief sie über die Schulter.
     Ein anderes Mädchen kam, eins von den nacktbeinigen, vor denen ich, offen gestanden, Bammel hatte, weil diese Aufmachung meinen Schwanz – zumindest nach meinen Erfahrungen mit Vorbildern in Il­lustrierten – in sich selbst zurückgezogen verharren läßt. Für einen umfassenden Rückzug war es zu spät. Jasmine versetzte mir einen richtungsweisenden Stoß, und Corinne schleppte mich die Treppe hinauf in den ersten Stock. Ihr Zim­mer war gemütlich, mit tausend Pol­stern und Kuscheltieren, ohne jene klinische Puffatmosphäre, von der Red so schwärmt, kah­le weiße Wände, messingfarbene Gitterbetten. Gleichwohl war ich eingeschüchtert wie ein Patient vor einer Operation mit erklärt ungewissem Ausgang. Corinne betrachtete mich professionell, die vorbereitende Krankenschwester. Die Diagnose faßte sie in halblautem Seuf­zen zusammen: ,Ach, du liebes Lies­chen!’
     Genau das dachte ich, als sie sich auszog und ich in der animalischen Schärfe der Jugend darauf hingewiesen wurde, wie anders ein Frauenkörper beschaffen ist, verglichen mit meinem. Bei mir ist nur ein Hebel zu bedienen. Bei einer Frau viele. Deren Lage ich unvollständig kenne, aus der Theorie eben, und über die Reihenfolge der Bedienung bin ich mir nach mei­nen Vorstudien bei dir, Di, keinesfalls im klaren. Vermutlich tat sie das einzig Richtige gegenüber einem Novizen. Sie füllte ein Wasserglas mit Whisky und flößte ihn mir ein, bevor sie mich bedächtig auszog und dabei streichelte. Es erscheint mir jetzt noch als Mirakel, daß ich durchhielt. Ich war sicher, mein Schwanz würde sich nie und nimmer dazu hergeben, das passende Format ein­zuneh­men, um eine Furche ungewisser Weite satt auszustopfen.
     Zuerst klappte rein nichts, weil ich es nicht gewohnt bin, ein Präservativ ertragen einem bunten Kleid aus haitianischem dünnen Leinen, eine Weile auf ihren turn gewartet hatte. „Was sagen Sie? Nein, Ma’am. Keine schlechte Nachricht. Im Grunde eine gute.“
     Am Abend streifte er durch zwei oder drei Lokale, wo Jazz live gespielt wurde, meist in Richtung Blues, und das erinnerte wieder an die Rileysche Farmküche, wo er diese Musik lieben ge­lernt hatte. Granny Sullivan hatte mit den Lockenwicklern gut dazu gepaßt, mit ihren tausend Verrichtungen an Körper und Kleidung, als stände auf dem Hof ei­ner ihrer früheren Verehrer, dem sie sich möglichst perfekt darbieten wollte. Ein Verehrer, im Cadillac vorgefahren, ein­la­dend den Schlag öffnend. Vielleicht mit einer Jazz­trom­pete auf dem Rücksitz. Nur paßte das nicht zu Wyoming. Dort­hin paßten Pick­ups, Lassos, endlose Weidezäune.
     Je mehr Musik er hörte, desto mehr wur­de ihm bewußt, daß er vom Jazz rein nichts verstand. Falls Musik vielleicht generell nicht seine Sache war, Jazz mochte er stun­denlang hören, und er fand, ein meisterhaft geschlagener Jazzbesen mit seinem metallischen Klang versenke ebenso in Trance wie ein Joint. Dagegen war ein Klarinettensolo wie das Einreiten des Postillions mit miesen Nachrichten. Es erinnerte gleich an Rosins­ky. Rosinsky, den er interessant fand und eines Freundschaftsantrags wert. Ungeachtet der Tatsache, daß Rosinsky ihm Di­a­na weggeschnappt hatte.
     Dieses Jahr schloß sein Hin- und Rückflug nahtlos an den Unter­richt in New Orleans an, doch nicht an den Unterricht in Spanien. Schon das nutzlose Warten auf den Abflug zu Hause hatte ihn zappelig gemacht. Anfang September würden in Salamanca wieder zehn Tage an verschenkter Freiheit bleiben. Er beschloß, den Flug umzubuchen. Das klappte. Sogleich begann er Pläne zu schmieden. Warum nicht zur Ponderosa? Es durchrieselte ihn heiß. Rose Chatton. Er auf Toddy, durch die weiten Prärien preschend... Zu gefährlich! Er würde schwach werden, kleben bleiben, die Schule doch noch hinschmeißen, alles mögliche vorschieben, um in den Staaten zu ver­weilen. Es durfte nicht sein! Er wollte sein Bac, auch wenn er danach nie wieder eine Schule oder einen Lehrsaal be­träte. Einigermaßen ratlos stu­dierte er die Landkarte. Welch riesiges Land! Alles war so weit weg, ob er nun New York anpeilte, Chicago oder Los Angeles. Miami ginge, aber das interessierte ihn nicht, und er geriete vermutlich in die gleiche schreckliche Schwüle, in der alles feucht und klebrig war und einen selbst am Strand die Mücken plagten. Unter dem Strich blieb Texas. Die Wüste war okay. Die Abscheulichkeit von Schlafsäcken hinneh­men und einen kaufen. Da­mit er unabhängig war. Es wäre interessant nachzuprüfen, ob dort so viele Skorpione herumkrabbelten, wie Pete Riley behauptet hatte. Unter im Sand ausgebreiteten Schlafsäcken, in de­nen Jünglinge lagen.
     Der Kurs ging dem Ende zu. Durch die Prüfungen wurde er so lustlos und erschöpft, daß er alle Entschlußkraft einbüßte und die Reisepläne aufgab. Bleiben, wo er nun mal war! Am Abend durch die Kneipen streifen, tags­über am Meer liegen, drüben in Mississip­pi, wo es schönere, der Karibik würdigere Strände gab als an den Ufern des Lake Pontchartrain. Sich der Aufgabe stellen, ein Mädchen aufzureißen. Er war sich nicht sicher, ob dies seinem tiefsten Willen entsprang oder trotzigem Jetzt-zeig-ich’s-mal-Red.
     Meister Zufall begleitete ihn und Goldhaar am Vorabend von dessen Abreise. Sie hatten gute Zeugnisse bekommen, Grund genug, daß der Katalane eine Kneipenrunde vorschlug, um die überstandene An­strengung zu begießen. Dabei gerieten sie, wie schon öfters, in Seitengassen der Bourbon Street vor eine Art Bar mit roter Leuchtschrift, um die sie seit Tagen immer engere Kreise gezogen hatten.
     Ein lückenloser Rückblick auf den Gang der Ereignisse war Manuel später dank seiner pedantischen Notizen faßbar.
 
     ,31. August, weit nach Mitternacht. Dir gewidmet, Diana. Und für dich bestimmt. Wer sonst würde es verstehen?
     Beklom­men tranken wir uns Mut an, um uns in das House zu wa­gen, das uns bei den abendlichen Streifzügen aufgefallen war und bislang auf Distanz gehalten hatte, esa casa de chicas, raunte mein Be­glei­ter, ya sabes... Wir wetteten, wer zuerst zum Zuge kommen würde. Ja, wir wagten uns hinein, beide, setzten uns frech auf ein ro­tes lederbezogenes Sofa unter einschläfernder matter Beleuchtung. Damit war unser Schwung dahin. Beklommenheit ergriff uns an­ge­sichts hochhackiger nackter Beine, derer, an uns vorbeistöckelnd, klick-klack, kein Mangel war. Eine dunkle Stimme fragte nach unserem Alter. Nicht nur die Stimme schüchterte ein. Vor unseren Augen schwebten in seidiger Bluse freizügig dargebotene Brüste. Ein übriges bewirkten die strammsitzenden Lederhosen. Deren energischer Glanz von asturischer Steinkohle deutete die unterirdische Teufe an, der wir entgegenschlitterten. Der Bur­sche aus Lérida – übrigens mit so widersinnigen Tauf- und Fam­iliennamen behaftet, daß ich sie im gegenseitigen Verkehr sparsamst verwende und für mich intern bei Goldhaar bleibe – stotterte, siebzehn, weil ihn die für uns Spanier exotischen ledernen Beinkleider beunruhigten, vermute ich mal. Meinen Gedanken gaben sie einen Schubs, halfen dort über hemmende Stufen hinweg. Wir beide in den germanischen Kalbshaut-Shorts deines Bruders, Diana, ich weiß noch, welch spezifische No­te sie unseren Spielen gaben. Folglich spuckte ich geistesgegenwärtig aus: ,Neun­zehn.’ Dein Prinz Rosinsky wäre viel­leicht auf zweiundzwanzig gegangen. Oder gar nicht erst gefragt worden, Slawen sehen mit bittenden Händen ur­alt aus. Mein argloses Gesicht hasse ich in solchen Momenten. ,Also raus mit dir’, sag­te sie zu meinem Zimmergenossen und, mich schärfer ins Auge fassend: ,Zeig deinen Ausweis, Bübchen!’ Goldhaar schlenderte feixend Richtung Tür und wartete, weil er überzeugt war, wir würden so hinausgehen, wie wir uns reingetraut hatten, gemeinsam. Ich wies meinen Paß vor, der außer meinen Personalien den absurden, mir unverständlichen Vermerk trägt: Gültig für alle Länder außer der Inneren Mongolei. Ihre Augen überflogen flüchtig das Dokument und meine Gestalt. Vielleicht hielt sie mich für einen schmal­wüchsigen Mongolen mit Asylrecht in einem europäischen Land. ,Na gut’, entschied sie. ,Wenn du zahlen kannst...’ Und zu Goldhaar gewandt: ,Ich sagte, du sollst Leine ziehen!’ Langsam ging der Junge. Sein Grinsen zerfloß in Fassungslosigkeit. Eine verlorene Wette. Er schläft jetzt, die Nase in die Ellbogenbeuge gedrückt. Es sieht katzenhaft aus. Ich lasse ihn schlafen. Auch eine Kat­ze würde ich nicht unnütz wecken. Kann ihn vor seinem Abflug am frühen Nach­mittag noch frotzeln und raten lassen, warum die Lady mich nicht an die Luft setzte. Ich sehe jünger aus als Goldhaar.
     Mein Problem in dem Moment: Geld hatte ich nicht reichlich. Intuitiv verstand ich, die Empfangsdame würde mir vermutlich auch das bis zu gewissen Grenzen durchgehen lassen, da sie schon meine Minderjährigkeit ignorierte – hätte ich nicht einundzwanzig sein müssen? Vielleicht hatte Zebaoth in einem R-Ge­spräch befohlen, man solle mir in Einzelunterricht beibringen, wozu der Kram zwischen den Bei­nen da ist.
     ,Ich bin Jas­mine’, sagte sie, während sie mich, unter die Achseln fassend, hochzog und meinen Körper jenseits der Tail­le abtastete, Hüften, Hintern, Schenkel. Das, weswegen ich hergekommen war, ließ sie gnädig aus, dort konnte keine Pi­stole verborgen sein. Oder das Messer eines ver­kappten Prostierten- (oder Prostituten-?) Schänders. Mann, Billy hat mich verdorben mit seinem Fremdwortgestottere! Wir waren gleich groß, die Lady und ich. Ihre grauen Augen durchbohrten mich spitzer als deine Pfeile, Di. Alle Forschheit zusammennehmend, legte ich die Hände um ihre Taille und versuchte den Aufstieg zu den Brüsten. Sie wehrte es nicht ab. ,Sprach­schüler, wie? Und jetzt wis­sen wir nicht weiter!?’ Stumm nickte ich, ließ die Hände wieder sinken. ,Corinne!’ rief sie über die Schulter.
Ein anderes Mädchen kam, eins von den nacktbeinigen, vor denen ich, offen gestanden, Bammel hatte, weil diese Aufmachung meinen Schwanz – zumindest nach meinen Erfahrungen mit Vorbildern in Il­lustrierten – in sich selbst zurückgezogen verharren läßt. Für einen umfassenden Rückzug war es zu spät. Jasmine versetzte mir einen richtungsweisenden Stoß, und Corinne schleppte mich die Treppe hinauf in den ersten Stock. Ihr Zim­mer war gemütlich, mit tausend Pol­stern und Kuscheltieren, ohne jene klinische Puffatmosphäre, von der Red so schwärmt, kah­le weiße Wände, messingfarbene Gitterbetten. Gleichwohl war ich eingeschüchtert wie ein Patient vor einer Operation mit erklärt ungewissem Ausgang. Corinne betrachtete mich professionell, die vorbereitende Krankenschwester. Die Diagnose faßte sie in halblautem Seuf­zen zusammen: ,Ach, du liebes Lies­chen!’
     Genau das dachte ich, als sie sich auszog und ich in der animalischen Schärfe der Jugend darauf hingewiesen wurde, wie anders ein Frauenkörper beschaffen ist, verglichen mit meinem. Bei mir ist nur ein Hebel zu bedienen. Bei einer Frau viele. Deren Lage ich unvollständig kenne, aus der Theorie eben, und über die Reihenfolge der Bedienung bin ich mir nach mei­nen Vorstudien bei dir, Di, keinesfalls im klaren. Vermutlich tat sie das einzig Richtige gegenüber einem Novizen. Sie füllte ein Wasserglas mit Whisky und flößte ihn mir ein, bevor sie mich bedächtig auszog und dabei streichelte. Es erscheint mir jetzt noch als Mirakel, daß ich durchhielt. Ich war sicher, mein Schwanz würde sich nie und nimmer dazu hergeben, das passende Format ein­zuneh­men, um eine Furche ungewisser Weite satt auszustopfen.
     Zuerst klappte rein nichts, weil ich es nicht gewohnt bin, ein Präservativ ertragen  zu müssen. Auch nicht, als sie, gewissermaßen männlich zugreifend, meine Eier knetete. Bis sie mir die Augen verband. Ihr schwarzes Trikot legte sich beruhigend und irgendwie wär­mend über mein Gesicht. Und das Kondom nahm sie wieder runter. Das brach den Bann. Diana, du verstehst, was ich meine. Danach, wie du mich als Knaben kennenlerntest, meine Eigenheiten, Vor­lieben und Abneigungen, verstehst du es. Statt des Banns lag sie auf mir, weich und warm. Im Grund brauchte ich nichts zu tun. Die Sache strebte von selbst dem Höhepunkt ent­gegen. Es wunderte mich, daß Corinne nicht von mir abhob, bevor mein Innerstes herausschoß und ich aufbrüllte, als hätte sie mir weh getan. Ein dio­ny­sischer Schrei? Wie er in der Weltliteratur beschrieben wird? Ich weiß es nicht. Mindestens war es lust­vol­le Selbstvergessenheit, die ich lang ersehnt hatte.
     Nichts gegen unsere Spiele, nichts Abwertendes, meine ich. Aber zwischen uns liefen gleichzeitig tausend Kontrollaufgaben ab. Lauschen Gertrude oder Rudi? Klinkt Euphonia an der Tür? Ist mein Schwanz weit genug weggebogen von deiner göttlichen Höhlung, die jeden Funken begierig aufsaugen würde, um ein gefährliches Feuer zu entfachen? Corinne wandte den Kunstgriff an, den du beherrschst, den jede Frau beherrscht. Abgesehen von Eva und etlichen Generationen nach ihr, denn sonst wären wir nicht. Ich war schnöde zwischen ihren Schenkeln abgespeist worden, habe noch kein Bac in Sachen Liebe bestanden. Nur eine der zahlreichen Vorprüfungen. Ich widme dir diese Seiten, o meine Göttin. Längst wer­den du und Rosinsky in diesem Derby an mir vorbeigezogen sein, so wie du schulisch, ein Jahr überspringend, an mir vorbeizogst. Und fraglos lenkten deine Schenkel nach mir edlere, kraftvollere Rösser.
     2. September. Gestern geriet ich, nachdem ich Goldhaar zum Flughafen gebracht hatte, in ein Begräbnis. Man könnte auch sagen, in eine Manifestation des Blues, da die Trauergäste sich so gemessen bewegten, wie es dem Anlaß und der musikalischen Form entsprach. Doch alles löste sich in schnellere Rhythmen auf, eingeleitet von übermütigem Dixie. Alle lachten und klatschten, umfaßten sich und tanzten. Ich hätte nie gedacht, daß man nach Jazz tanzen, daß ein Begräbnis so fröhlich sein kann. Man lebt und teilt seine Freude mit dem Verstorbenen, der es hinter sich hat. Ich hörte Mamá, wie sie mir aus weißen Kumuluswolken zuflüsterte: ,Tanz, Junge, tanz! Um mich ist es herrlich, so soll es um dich sein.’ Ein Wolkenbruch prasselte nieder, der uns alle auf die Haut durchnäßte. Das Wasser lief mir in Strömen am Körper herab, in die Turnschuhe hinein. Ich zog sie aus und lief barfuß. Bis eine Glasscherbe in den großen Zeh schnitt und einige Schmerzenstropfen ins diesseitige Glück mischte. Es scheint mein Los, Glück nur gedämpft zu genießen. Damals im Kurdirektorsgarten hatte ich mir provokant die nassen Kleider und Schuhe vom Leib gerissen und war dabei auf einen toten Igel getreten.
     Eine unerklärliche Leichtigkeit setzte sich in mir den ganzen Tag fort. Übermü­tig beschloß ich, alle Abende meines Aufenthaltes im House zu verbringen. Nun bewege ich mich im Dreieck zwischen diesem Hort nächtlicher Entzückungen, meinem Gästehauszimmer zwei Straßen weiter und einem billigen mexikanischen Restaurant, wo sie einem nicht dauernd französisch-kreolischen Mischmasch vorsetzen, Fischmus oder undefinierbare Eintöpfe, was weiß ich. Ich mag Speisen, bei denen die Zutaten unterscheidbar sind. Habe nie so viel Kartoffeltortilla mit Heißhunger verschlungen wie dort. Den An­teil an Saubohnen mit Chili mußte ich runterfahren, nachdem es im House zu geräuschvollen Pannen kam, von den Mädchen naserümpfend quittiert. Sie sind feinfühliger, als ich dach­te. Merkwürdig gediegen ist ihre Spra­che, da hatte ich mich auf amor­phen Slang eingestellt. Sie haben Bildung. Die ganze Riege. Die Defini­tion, die ich mir bezüglich solcher Frauen ausklügelte, ist offensichtlich falsch. Schleunigst strich ich den Ter­minus Hure, zumal eingedenk der Kategorien der Fraternität jeder Körper Tendenzen zum Hurenhaften hat. Also auch meiner, der erst beginnt, sich einen Begriff von anderen Körpern zu machen. Dabei vermag ich nicht abzuwä­gen, ob er hinlänglich zu einem gesicherten Begriff seiner selbst vorgedrun­gen ist.
     Gestern ein anderes Mädchen erobert, Paulette. Vom Wechsel verspre­che ich mir Geläufigkeit. Es ist lauschig mit ihnen, hat man ihr Vertrauen gewonnen. Man sagt, umarme mich, und sie tun es. Will ich ins Herz der Dinge vorstoßen, bestehen sie auf der Gummivorschrift. Sogleich versage ich. Was nützt es, mich selbst dafür zu schelten! Ich habe Präservative gekauft, rede mei­nem Schwanz gut zu, übe zur Zeit der Siesta das Steifwerden in dem stic­kigen, lichtlosen Gästehauszimmer, dessen Fenster mit zerbrochenen Scheiben in einen schachtförmigen Hin­terhof geht, wo ge­heimnisvolle Maschinen rattern und in langen Pausen ein so aufreizendes Pffft-pffft ausstoßen, als solle ich animiert werden, mei­ne Übungen mit Pffft-pffft stilgemäß zu beenden. Das tue ich nicht, bremse rechtzeitig ab. Jede dieser Ge­neral­pro­ben klappt wie am Schnür­chen. Naht die Stunde, wird es Nacht in Bluestown, verweigert sich mein Schwanz. Als sei es Zeit zu schlafen. Allein. Mit mir. In dieser Art Zwei­sam­keit als der einzig möglichen, die mir verordnet ist.
     4. September. Am dritten – nein, vierten Abend im House, ich war spät dran, wollte mir ein muskelbepackter Bursche, Typ Rugbyspieler, den Einlaß verwehren. Kühn verlangte ich nach Jasmine, was so prompt Erfolg hatte, als hätte ich eine American-Express-Card gezückt. Ihr rotes Haar erinnert mich an die vor einem Jahrzehnt entschwundene Alai­ne meiner Feriensommer in Biarritz. Jasmines Gang ist ähnlich, als trüge sie maghrebinische Schnabelschuhe. Sie faßte mich gerührt ins Auge wie einen lang vermißten Stammgast und ver­wickelte mich gleich in ein Gespräch. Sie scheint diese Tätigkeit nicht ständig auszuüben. Vielleicht hat sie ihr Studium unter­brochen oder sogar hingeschmissen.
     Andere Freier trafen ein. So vom Alter her hätte ich mir unter ihnen einen Vater aussuchen können. Auch Großväter waren drunter. Jasmine neigte sich mir zu, hatte vielleicht zu viel getrunken, nuschelte mir ins Ohr, sie würde mich zum Essen einladen wollen. Konnte ja nicht ihr Ernst sein! Was würden wir für ein Paar abgeben! Highschoollehrerin plus Vorzugsschüler, bei Fischsuppe und Fritten mit der Betrachtung eines einsamen Wolfes wie Joseph Conrad beschäftigt. Als hors d’ oeuvre. Denn zweifellos würde sie sich bemüßigt fühlen, mir an­läßlich des Essens zu erklären, wieso ich ein einsamer Wolf bin. Da würde sie offene Türen einrennen. Und deshalb müßte sie mich nicht zum Essen einladen.
     An dieser Stelle reißt der Film. Ich kaue am Bleistift, drehe und wende das Wie-am-Schnürchen-klap­pen-Bild. Überdeutlich geistert es durch mein zages Gedan­ken­gewebe.
     Mir kommt der Verdacht, meine Physis sei in bewußtseinsloser Ferne zeitiger Kindheit markierender als die anderer Individuen in zwei Zustandsformen gespalten worden, Pflanze und Tier, Rumpf und Glieder, die in kontinuierlichem Gerangel miteinander beschäftigt sind. Der phytotrophe Rumpf wünscht zu ruhen, in Wid­mung an Tiefe und Bestimmung des Lebens, während die animalisch angetrie­benen Glieder tollkühn der Sinnlosigkeit des Daseins ein Schnipp­chen schlagen wollen. Jede tierische Motorik benötigt zur bio­lo­gi­schen Regeneration in Intervallen den großen Beschließer Schlaf. Den Widerspenstigen half, bevor sie sich in Unrast ver­zetteln konnten, in der Urzeit menschlicher Entwicklung ein Schlag mit der Holz­keule. In modernen Zeiten schaltet man den Stromfluß im Gehirn chemisch ab. Diese Aufgabe erledigen neuerdings von Laboratorien produzierte Boten, Librium und Konsorten. Ma­má kam meinem überdrehten Gezappel mit einer anderen Me­tho­­­de bei. Als sie es aus­plauderte, assoziativ, denke ich, denn ich glaube nicht, irgendeine Mutter wünschte Dinge dieser Art auszuplaudern, hätte ich sofort nach­haken müssen: Wie? Was –? Vielleicht hatte ich sogar nachgehakt, aber Mamás Geist war im letzten Lebensjahr schwebend wie einer dieser tollen neuen Tonarme mit Saphirnadel und null Auflagegewicht. Man pufft den Kasten versehentlich an, schon schrappt die Nadel zu einer anderen Stelle der Platte, eine Arie bricht ab und in einer an­deren geht es zusammenhanglos weiter. Ich kann mir vorstellen, dies im besten Sinne von Catcher in the Rye, ein kleines Kind neben mir schlafen zu lassen, wäre ich nun sein Vater oder nicht, doch wollte ich, unter welchen Umständen es je sei, kein kleines Kind neben mir im Bett haben, das an mir rumtatscht, bevor Schlaf seine Glieder erstarren läßt. Anzunehmen ist, Mamá wollte sehr wohl meinen beruhigend warmen Körper, nur nicht meine tatschenden Klein­kind­hände. Ich sehe sie vor mir, halb aufgerichtet in den Kissen, wütend darüber, daß ich nicht schläfrig wurde, nicht in ihre Träume paßte. Keine innere Stimme hielt sie davon ab, eins ihrer Seidentücher zusammenzudrehen und mir das Tatschen zu unter­binden. ,Schien dir zu gefallen, schlagartig wurdest du ruhig.’ Waren das nicht ihre Worte gewesen, das einzige Mal, als die Rede darauf kam? Und ich wüßte nicht, was daran falsch war (oder ist), obwohl es auf der Mut­ter-Kind-Tonleiter eine Dissonanz dar­stellt. Ihr hatte die Aufspaltung gefallen, der kleine Rumpf an sie ge­schmiegt, die der Harmonie abträglichen, widerspenstigen Glieder verläßlich auf den Rücken gepackt. Oder war es das werdende, widerspenstige Männliche, das sie dergestalt in spä­ter Rache an Yáñez in die Schran­ken wies? Es konn­te sogar schlim­meren Männern als Yáñez gegolten haben. Denn solange ich nicht mehr über all das weiß, kann ich nicht glauben, daß Yáñez schlimm war. Oder gar ich, sein Sohn, mit mei­nen unschuldigen, zum Handkuß gekommenen winzigen Patschen.
     Wie dem auch sei, bebend vor unbestimmter Gier zog ich mich aus, in einem anderen Zimmer vor einem anderen Mädchen, Eileen, die ich noch nicht kannte. Meine Zähne klapperten. Mir wäre alles recht gewesen, um von dieser brütenden Lust am Körperlichen, die mich tief beschämte, sofort befreit zu werden. Padre Aru­cas’ ferne Stimme brummte in den tiefen Glockentönen unserer salmantinischen Kathedrale: ,Mein Sohn, du bist krank. Erhebe dich von diesem Bett, nimm deine Klei­der und gehe heim. Tue Buße, sprich ein Vaterunser dreimal täglich. Schütze deine Haut, wappne dich gegen die Einflüsterungen Satans.’ Eileens Alter hätte mich nachdenklich machen sollen, unweit des Alters meiner Mutter. Die voran­gehenden Abende, meine Sitzungen, wenn ich so sagen darf, hatten es nicht geschafft, mir zu vermitteln, was ich hätte bemerken sol­len: Die Sei­te des Business im House, die aus jedem Kunden letztlich einen eitlen, mit sich selbst beschäftigten Gockel macht. Es ist ein Gewerbe, in dem Gleichgültigkeit das wahre Gesicht der von mir gepriesenen netten Mädchen ist. Und selbstverständlich geht es um Geld! Wie konnte ich so ein Idiot sein zu glauben, sie lebten von Liebe und Almosen wie die Padres im Kloster Yuste. Nun ja – der Reihe nach.
     Planmäßig schnurrte beim Anblick des Gummis alles an mir zusammen, und vom Geräusch, wie sie wartend daran herumzuppte, be­kam ich eine Gänsehaut. Als sie es sah, versuchte sie gar nicht erst, mir das Ding überzustreifen. Unbehaglich streckte ich mich neben ihr aus. Wir plauderten ganz schön lange, während ich sie mehr oder weniger ungeschickt streichelte. Es war kein echtes Gefühl dabei, zugegeben, es war eine Art Pausenfüller. Ich fragte mich, auf welches Ziel ich noch hinarbeiten konnte. Sie gähnte, ihr wurde langweilig. Heil und unversehrt wäre ich auch durch diesen Abend gekommen, hätte sie mir rechtzeitig einen Tritt gegeben und zu verschwinden angeraten. Statt dessen grapschte sie nach meinen Eiern. Derb, ich drehte mich unwillkürlich weg.
     ,Was ist denn los mit dir?’ fragte sie, ,hast du nichts in der Tüte?’ Sie beugte sich über meinen Schoß, und gleich berührten ihre Lippen mein intimstes Teil.
     Es war mir so ungeheuerlich – jemand, der meinen Penis in den Mund nahm! Ich pflege meinen Körper in dieser tropischen Hitze mehr als gewöhnlich, dusche dreimal am Tag. Ins House gehe ich in frischer Unterwäsche und mit Seifenduft auf der Haut. Aber dieses Teil ist unrein, wie kann sie das in den Mund nehmen? Im Sinne von Unreinheit ist es ständig auf Sendung, soviel man je daran her­um­schrubbt. Und noch was: Eileen ist Mulat­tin. Irgendwo tief in den Verästelungen mei­ner Nerven­fasern befürchtete ich, sie könne auf mich abfärben, meine Ge­schlechtsteile, ohnehin dunkler als der Rest des Körpers, könnten jenes Eierschalenbraun annehmen, das in Ger­manien zu Ostern bei Kochprozeduren erzeugt wird.
     ,Nein’, erwiderte ich schroff und wich mechanisch so weit zurück, daß ich fast aus dem Bett gefallen wäre. ,Ist alles leer. Dafür kann ich nicht. Meine Natur ist auf we­nig angelegt’.
    ,Siebzehn und leer!’ sagte sie be­lustigt und ratlos über meinen Rückzug. ,Das gibt es nicht.’
    ,Doch. Ich hab’ fast jeden Abend mit Euphonia gespielt.’
,Eu­phonia?’ Sie überlegte, welche Kollegin in Frage käme und ob sie das eigene Spiele-Repertoire erweitern müßte. ,Wie geht das?’
     ,Na ja’, besann ich mich, ,jeder kriegt fünf Karten. Man muß Stiche machen, bis man...’
     ,Sag mal, willst du mit mir Karten spielen? Oder was willst du überhaupt?’ Zu­nehmend mimte sie die große, erfahrene Dame, die es einem Halb­wüchsigen zeigt.
     ,Wieso?’ maulte ich. ,Du sagst es selbst. Siebzehn und vier.’
     ,Siebzehn Jahre und leer’, kicherte sie, während sie ab­wech­selnd meine Schenkel und meine Hoden tätschelte. ,Wie kann ein Junge deines Alters leer sein?’
     Ich glaube, ich kriegte so einen Wasserflor um die Augen und einen Kloß in die Kehle. Ich setzte mich auf und wollte nur noch raus aus dieser Atmosphäre, die ich gekostet und geschmeckt und geschluckt hatte, von der wie nach x-beliebigen Mahlzeiten nichts bleiben würde. Außer wehmutsvollem Ich-genüge-nicht und einer Mu­lattin zum Nachtisch.
     ,Rauchen wir einen Joint’, schlug ich vor. ,Hast du Stoff?’
     Sie hatte, war einverstanden und drehte uns geschickt eine Ziga­ret­te. Dabei knipste sie das Radio an. Schwei­gend rauchten wir. Eine Jazzklarinette verlor sich in einem melancholischen Auf und Ab. Ich dachte wieder an Rosinsky und ob er es so leicht mit Mädchen hätte wie mit seiner Musik. Eileen dachte an den nächsten Kunden. Oder sie dachte daran, daß es wenig gibt, was in dem Geschäft wirklich Spaß macht, über die Aussicht guter Bezahlung hinaus, ob nicht eine pas­sive Null wie ich entspannendere Arbeit bedeutet als ein Mann, bei dem sie, wie immer er es anstellt, quasi gleich die Augen schließt und darauf wartet, daß es vorüber ist.
     Dabei fiel mein Blick in die neben dem Bett stehende Truhe. Es lag lauter Kram drin, wie ich ihn in Goldhaars Zeitschrift mit den aufreizend halbnackten Mädchen gesehen hatte, paillettenbesetzte Büstenhalter und Höschen, schwarze Vinylbänder mit Glöckchen dran und sogar Cowboyzeug wie Stiefel, deren Schäfte meinem Augenmaß nach bis übers Knie gehen konnten. Ich lehnte mich über die Bettkante und wühlte unter den Sachen, weil mich das bun­te Durch­einander an die eine Kiste auf dem Dachboden der Elge-Villa erinnerte, die mit Karneval bezeichnet war, was mir Diana erklären muß­te. Daß es eine Zeit gibt jedes Jahr, eingeklemmt zwischen Winter und semana santa, in der man sein darf, was für gewöhnlich man nicht sein kann, und sich dafür nach Gusto verkleidet. In Germanien. Ich glaube nicht, wir feierten das irgendwo in unserem Land. Würde man sich sozusagen ungestraft als Schurke rausputzen und mit einem Bakelitcolt beim Banco Central vorsprechen dürfen? Also dagegen erhöbe die Gu­ardia Civil Einwände. Frohsinn und Albernheit, zu welcher Jahreszeit sie uns je in den Sinn kämen, sind nicht die Eigenschaften eines aufrechten Kastiliers. Wir haben uns durch Jahrhunderte an den traurigen Anblick schwerer Holzkreuze gewöhnt und latschen während der semana santa mit solcher Beschwernis auf dem Buckel freiwillig durch unsere kalten Städte.
     ,Macht dich das Zeug an?’ erkundigte sich Eileen gähnend. ,O Gott, ich glaube, ich brauch’ einen Kaffee. Willst du auch einen?’
     ,Lieber was Scharfes.’
     ,Ich hol’ uns was.’
     ,Eileen, wofür braucht ihr das alles?’ Ich hatte Mühe, Karneval und ihr Gewerbe zusammenzuführen.
     ,Für die ganz Phantasielosen. Bei denen sich ohne Zutaten gar nichts mehr rührt.’ Sie strich mir über den Kopf. ,Keine Angst, mein Häschen, soweit bist du noch lange nicht. Einstweilen bist du eine Knospe, aus der noch alles werden kann.’
     Einstweilen eine Knospe. Ein Häschen, aus dem durch Salz auf den Schwanz streuen ein rechter Hase wird. Bis sie mit einem Tablett in der Farbe von Git­ter­stäben zurückkam, wühlte ich in der Kleidung für Vollerblühte und dachte darüber nach, welcher Idiot so was anzöge. Zum Spaß zog ich Shorts an, farbig wie Tropenvögel und fünf Nummern zu groß.
     ,Was wärst du gern?’ fragte sie.
     ,Meinst du wer oder was?’
     ,Ist doch egal.’
     Das fand ich nicht. ,Ich frage mich oft, wer ich bin. Wer immer ich bin, ich wär’ gern ich selbst. In der Sparte was? gefiele ich mir als Schützling.’
     ,Ein Schützling –?’
     ,Ja.’ Schützlingskleidung fand sich in der Kiste nicht. Ich dachte an ein achselfreies T-Shirt, knielange Hosen und Ringelsocken. Aber vielleicht war Nacktheit die beste Tarnung. ,Mir fällt Catcher in the Rye ein. Ein Typ, der Herumtreiber einfängt. Denen er ei­ne Herberge bietet.’ Ich nippte von dem grünen Gebräu, das sie mir hingestellt hatte. Trotz des Aussehens nach Blumendünger schmeckte es gut und pflanzte Trost in meine Kehle, der sich ihr zuliebe mehr Freudentöne hätten entringen sollen.
     ,Catcher in the Rye?’ Damit konnte sie offensichtlich nichts anfangen. ,Ein Catcher aus Fleisch und Blut? Der dich einfängt?’
     ,Ja. Und festhält. Ist das nicht klar? Festhalten, damit ich geborgen bin.’
     ,Männlich oder weiblich?’ Sie wollte die Liste meiner Vorlieben ergründen, eingehender als ihre Kolleginnen meine Person ausleuchten. Sicherlich hatten sie, so wie sie sich anstießen, begegneten sie mir auf dem Gang, im besten Fall witzelnd über mich gesprochen.
     ,Ist das wichtig?’ War es mir nicht. Wer je da wäre, ich würde mich in die Arme schließen lassen, von Diana oder Billy, Reena, Pe­te, Mamá. Oder Yáñez. Nun hatte mein Vater das Spiel vor Jahren aufgegeben. Hätte er, fern meiner Erziehung, in sei­nem Leben durch­gehalten und wir wären irgendwann zu einer Vater-Sohn-Um­armung gekommen, wäre die Frage geblieben, ob er darüber hinaus zu dieser Art Catcher je getaugt hätte, Yá­ñez, das große Verführerkind, das selber eine Vollblutcatcherin benötigt hätte, ihn festzuhalten. Vielleicht hatte er sie in Reena gefunden, doch die Um­stän­de hatten ihnen kein Zusammenleben gestattet. Reena als meine Mutter und Pete als Pete, da wäre vieles mit mir anders gelaufen. Die Tanten kommen mir erst jetzt in den Sinn, da ich es niederschreibe. Nein, weder Pili noch Elvira, deren Schützling ich unbestritten so viele Jahre war, würden zum Fänger taugen. Das Ährenge­woge ihres Lebens ist vom Glauben geknickt. In einem so verwüsteten Feld kann man sich nicht verstecken. Folglich verkäme heimeliges Eingefangenwerden zu brutalem Ergreifen und Abführen.
     ,Und man soll dich einfangen?’ Sie klebte so am Wort wie das grüne Zeug an meinem Gaumen, das daran erinnerte, wie Dr. Fès mir gegen Angina einen Klecks antibakterielle Paste direkt auf die Rachenmandeln appliziert und dazu gesagt hatte: Guten Appetit! Weil er wußte, daß alles, was ich aß und trank, drei Tage lang widerlich danach schmeckte.
     ,Ja. Mein Gott, so sagt man eben.’
     Billy erschien im Vordergrund, der lassowerfende Billy. Er stand, Hände in den Taschen, interessiert abwartend da. Ich dachte, wäre er hier, selbst um den Preis der Tracht Prügel, die er mir angekündigt hat, würde ich meine Aufgabe hinter mich bringen und wir könnten neu beginnen. Ich würde ihn an einen einsamen Strand drüben in Mississippi locken, in sein Lasso wickeln und sagen, du bist Yáñez’ Sohn wie ich, damit müssen wir jetzt fertig werden. Noch Fragen? Halt lieber den Mund! Oder ich schleif’ dich ins Wasser und ersäufe dich. Nur so aus Spaß am Leben.
     ,Von mir aus mit einem Lasso. Auch in einem Lasso kann man sich geborgen fühlen.’
     Ich kicherte irr, weil ich dachte, wie soll sie das verstehen, ein Mädchen, auf das eine aus: Bring’ ich meinen Kunden hoch oder nicht? Falls nicht, liegt es an ihm. Als aktive Null will er es nicht wahr haben. Er schiebt es auf mich, wenn er keinen hochkriegt.
     ,Jetzt werden wir doch konkreter’, meinte sie und schob das Kaffeetablett außer Reichweite. Das Zuckertütchen hatte sie so ungeschickt aufgeratscht, daß das wenigste davon im Kaffee gelandet war. Sie leerte die halbe Kiste und brachte speckige Leder­riemen wie die aus Billys Cowboykram zum Vorschein. ,Wenn ich dich anders nicht einfangen kann, vielleicht damit?’
     ,Das mit dem Fänger und so ist als Metapher gemeint. Du verstehst mich nicht.’
     ,Ich hab’ keine Ahnung, wer dich verstehen kann’, sag­te sie. Ihre Stimme triefte vor gesundem Menschenverstand. ,Probieren geht über Studieren,’ Sie zog mich an den Schultern hoch wie eine schläfrige Katze.
     Jetzt fällt mir ein, daß die Rol­le jedes Tieres, das sich Menschen anvertraut, ent­hält, irgendwann eingefangen zu werden. Es geht nicht anders mit der Schützlingsrolle, einschließlich des Stück Tieres, das wir selber sind. Katzen bilden eine Ausnahme. Katzen fängt man nicht, und selbst Halsbänder verbieten sich, weil die Springtiere sich verheddern können. Chirri rettete in Montemayor eine junge Katze, die mit dem Halsband an einem gestutzten Ast hängengeblieben war. Er gab sie der Besitzerin nicht zurück, und das Tier, das tagelang gejault haben mochte, bis er auf es aufmerksam geworden war, wich ihm nicht mehr von der Seite, ohne Halsband. Im nächsten Leben eine Katze sein, das wünsche ich mir. Und von jemandem wie Chirri gerettet werden, sobald es brenzlig wird.
     ,He!’ sagte ich, ,was soll das?’
     ,Nägel mit Köpfen machen. Genug des ganzen Gequat­sches.’
     Sie ergriff meinen Arm so ungeschickt, daß wir mit den Köpfen zusammen­knallten, was mich benommen machte. Die Hände, die ich im Schoß gefaltet hielt, wurden so fix erledigt, als hätte sie es bei Billy gelernt. Sie drehte mich auf den Bauch, griff sich zwei Gurte und schnallte die Fußknöchel einzeln und weit auseinander ans Bettgestell. Durch die Hände schlang sie einen längeren Gurt, führte ihn um eine Holzstrebe am Kopfteil des Bettes und zog so straff an, daß meine Glieder unangenehm gestreckt wurden. Glöck­chen klingelten, sowie ich mich zu rühren versuchte. Was nur sehr eingeschränkt möglich war. Ich lag breitbei­nig da wie ein Stallknecht, der im Pferdedung ausgerutscht ist und einen Pferdehuf im Kreuz spürt.
     ,Jetzt reden wir mal über Geld. Du hast noch nicht bezahlt, kleiner Schlappschwanz. Und du mußt nicht denken, weil Schlappheit Man­gelhaftigkeit bedeutet, kostet sie nichts. Für mich ist es um­gekehrt. Bei Schlappschwänzen muß ich mich mehr bemühen. Folglich müß­te es doppelt kosten.’
     Was mich erst recht ernüchterte. Nachdem Corinne und Paulette wenig verlangt hatten, als machten sie es zum Austauschschüler-Holidaytarif, hatte ich angenommen, es ginge so weiter.
     ,Al­so, wo ist die Kohle?’
     ,Ähm – in meiner Hosentasche.’
     Meine Lee-Jeans hatte sie in kürzerer Zeit, als Pferdewiehern anhält, durchsucht. Einige Münzen rutschten raus. Vielleicht war ein Fünf-Dollar-Schein dabei. ,Willst du mich auf den Arm nehmen?’
,Äh... Da müßte ein Scheck sein.’ Der Septemberscheck. Ich hat­te ihn einzulösen versucht, aber hol’s der Geier, das Septembergeld war noch nicht auf dem Konto gewesen. Ich hasse es, von der Hand in den Mund leben zu müssen. Die Reservoire werden erst im Winter wieder voll sein, wenn ich mich in fremden Häusern durchschnorren und meine Monatsknete schonen kann.
     Sie starrte von jenseits des Bettes jetzt sehr kaufmännisch in mei­ne Augen und durchschaute den Schmu. ,Kein Scheck. Wäre einer da, würde er nichts nützen. Schecks nehmen wir nicht. Ist unten groß angeschrieben.’
     Es roch nach Ärger. Im selben Moment klopfte es. Eileen steckte den Kopf in den Türspalt und knurrte irgendeine grimmige Ablehnung. Sie erhielt hitzige Wider­worte und ging hinaus. Ich versuchte, die Fußgurte zu sprengen. Chancenlos. Das Zeug in der Farbe von Wellpappe agier­te ruppig wie Eisenblech. Ich spähte nach den Händen. Auf die Schnelle waren sie nicht loszukriegen. Bei so scharf gestreckten Armen wahrscheinlich gar nicht. Mir dämmerte, Ei­leen war keine Anfängerin im Männer-außer-Gefecht-setzen. Die Glöckchen schepperten, der Bettrahmen beantwortete quietschend meine Be­mü­hun­gen, die außer einem Schweiß­ausbruch nichts bewirkten. Ich hat­te hoch ge­po­kert, nun flog mein Bluff auf. Unruhig schnüffelte ich im Bettzeug. Es roch ekelhaft nach altem Stockfisch.
     Eileen kam mit einer langen, blitzenden Schere in der Hand zurück. In den letzten Tagen hatte ich kahlköpfige Jungs gesehen, in orangefarbenen Gewändern, mit dickperligen Rosenkränzen um den Hals. Von einem hatte ich das Wort Enthaltsamkeit aufgeschnappt, so im Vorübergehen, und daraus geschlossen, als Büßer trete man hier so auf. Falls Eileen mir den Kopf kahl scheren wollte, wäre das gemein! Ihre Miene ver­hieß Gleichgültigkeit, in dieser Hinsicht war sie die professionellste der drei Frauen, mit denen ich mich einzulas­sen das Vergnügen hatte. Bei ihr war nicht abzulesen, wie sie über meine physischen oder verbalen Äußerungen dachte. Sie gleicht Tan­te Pili, die den Unfug, den die Schülerinnen ihr vorsetzen, zu­erst ein­­ordnen muß, bevor sie ihn benoten kann. Mein Kopf kribbelte. Ich würde zu Hause kahl wie Padre Arucas in der Schulbank sitzen.
     Eileen schnitt mir die Shorts von den Hüften, griff nach meinem Säckchen und ließ die Schere ein paarmal auf- und zuschnappen. Das klappernde Geräusch erzeugte ein fatal stechendes Aufmucken in der Leistengegend. Falls sie verrückt genug war, das Schneidewerkzeug dort anzusetzen, hatte ich verdammt schlechte Karten, mei­ne geliebten Murmeln zu verteidigen.
Ich stöhnte auf und sagte, als ob ich sie umstimmen könnte: ,Bit­te nicht das Schamhaar. Oben sind viel mehr Haare.’
     ,Who bothers about hair?’ Die Scherenspitze pikte in die Eier.
     ,Keine Panik!’ brummte Hinrich von weitem. ,Laß fahren dahin. Sie haben’s kein Gewinn.’
     Man hatte Hinrich Hinrichs die Keimdrüsen entfernen müssen. Da war er über siebzig gewesen. Genutzt hatte es nichts, er war seinem Leiden einige Wochen nach der Operation erlegen. War nett von ihm, aus seinem Spi­o­nengrab zu morsen. Eine seiner unverkenn­baren Nachrichten. Fehl­te noch, er setzte dazu: ,Geschieht dir recht, Nibelungen-Boy.’
     Die Älteste aus dem House überlegte es sich anders. Sie kramte wieder in der unerschöpflichen Truhe und zog einen Ge­genstand heraus, den ich das erste Mal in Billys Händen gesehen hatte, Billy auf einem Pferd, das schlechte Laune hatte und bock­te. Es wollte nicht zugeritten werden, nicht seine grenzenlose Freiheit verlieren. Ich habe ihn nie ein Pferd schlagen sehen. Es genügte, daß er sich vor dem Pferdekopf aufbaute und die geflochtenen Riemen am schlanken Holz­griff ein paarmal durch die Luft pfeifen ließ. Gleich senkte das Tier den Blick und wurde williger.
     ,Das darfst du nicht machen!’ stammelte ich wörtlich wie in der Kindheit, war Pili mit dem Rohrstock angerückt und hatte mir die Hosen runtergezogen.
     ,Und ob ich das darf’, belehrte sie mich. ,Weil es wirkt. Ihr jungen Herren aus Europa müßt euch nicht einbilden, wir leben noch wie vor hundert Jahren. Als ihr euch mit Frauen alles erlauben konntet. Du hast kein Geld? Dann will ich wenigstens meinen Spaß an dem haben, was du wenig mögen wirst.’
     Ohne Vorwarnung traf mich der erste Schlag. Es zischte gemein. Ich glaube kaum, daß ich einen Laut von mir gab. Wäre besser gewesen, gleich loszuschreien. Das hätte sie zur Vernunft bringen können. Sie dachte wohl, er spürt noch nichts.
     Heilige Jungfrau, wurde mir der Arsch versohlt! Die schwere Lederschnur klatschte auf mein vom vielen Laufen und Schwimmen festes Fleisch. Nach jeweils zwei Schlägen ließ Eileen mir Zeit, mich vor dem nächsten Hieb zu ängstigen. Mehrmals zielte sie längs in die Po­furche, wobei die Riemenspitze meinen blankliegenden Murmeln einen Extradenkzettel verpaßte. Die Empfindungen steigerten sich zu alles überflutendem Schmerz.
     Meine Peinigerin hatte Mamás einstige Rolle übernommen. Statt des Dreiteilers an ihrer Frisierkommode lauerten hier unzählige Spiegel. Aus vielen Richtungen sah ich jeden Schlag kommen und schloß die Augen. Entlud er sich, riß ich sie entsetzt wieder auf. Oh­ne die Spiegel und die Pausen zwischen den Schlägen hätte ich es besser verkraftet. So schmerzte es tausendfach. Ich biß die Zähne zusam­men wie früher, denn hat­te ich geschrien, hatte Ma­má die Sitzung verlängert. Mannhaft unvermeidbaren Schmerz zu er­tragen, das war ihr mir bei­zu­bringen ge­lungen, pädagogisch gesehen eine zweifelhafte Leistung. Das hier überstieg jede Selbstbeherrschung. Niemand hält es aus, ohne Wut und Schmerz rauszu­brüllen.
     Wahrscheinlich hatte Eileen darauf gewartet. Meinen Mund verstopfte sie mit den zerfetzten Shorts. Mit dem nächsten Hieb prüfte sie die Wirkung. Ihr Kunde röhrte wie ein Rehbock im Fangeisen. Gelangweilt entzündete sie eine Zigarette und steckte sie in eine lange, glitzernde Spitze. Vielleicht ekelte es sie vor mir.
     Als Junge eine Null, war ich als Kunde ein Zechpreller. Ich hatte mir den Teller zu voll geladen, konnte nicht bezahlen. Man hatte mich seelenruhig aufessen lassen. Die Bezahlung wurde nach Kneipentarif geregelt. In Kneipen wird man zum Abwasch in die Küche genötigt. Häuser wie das House haben Sondertarife.

     Mich durchzuckte der Gedanke, ein indianischer Zauber, von Billy über mich verhängt, könne meine Lage bewirkt ha­ben und erfülle sich nun unausweichlich. Ähnlich diesen abgeschmackten Voodoos, die zum karibisch beeinflußten amerikanischen Süden und dem schlammigen Bett des großen Flusses passen. Man er­zählte mir, dort habe es noch vor fünfzig Jahren Menschenopfer gegeben. Eine Abbildung in einem Stadtführer, der im Institut aus­lag, unterstrich es eindringlich: Irgendein armer Hund, kniend auf einer Lichtung im Sumpfwald, der so wenig wie ich wußte, worauf er sich eingelassen hatte, bis es zu spät war – die Axt, die seinen Kopf abschla­gen würde, blitzte bereits über ihm. Eine interessante Seite an meinem Bruder: Die Schubladen des Intellekts, die ich ziemlich unnütz mit Literatur vollstopfe, füllt er mit solch mystischem Kram. Er redet nicht drüber. Tut es not, wirft er eine dieser geistigen Schlingen aus. Ich hatte ja versprochen, den Sommer auf der Ponderosa zu verbringen, mit zu den Crow zu fahren, mich in die tieferen Geheimnisse des Shitrauchens einweihen zu lassen, ich weiß nicht, was alles noch ich versprach, um mo­mentan Ruhe vor ihm zu ha­ben. Ich hätte rechtzeitig bedenken sollen, daß ein Versprechen für mich den Charakter einer Ausrede haben kann. Bill jedoch nimmt es für Bibelwort. Vor meinen Augen verdrosch er einen Freund, weil der in einer für beide wichtigen Angelegenheit ein Versprechen absichtlich gebrochen hat­te. Allein vom Anblick Bil­lys fliegender Fäuste bekam ich Magenweh. Er mag mir Prügel ver­ordnet haben, weil er glaubt, die Frauen, die mich aufzogen, hätten mich zu sehr verhätschelt. Er weiß zu we­nig über mich. Daran bin ich selber schuld. Ich müßte mehr von mei­nem Werdegang erzählen, statt mit Geschichten aus der Weltliteratur zu protzen, die ihm herzlich gleich sind. Ja, im ersten Jahr auf der Ranch drohte er täglich damit, mich zu verhauen. Er tat es nicht, und er würde es heute nicht tun. Ich kenne Jungs, die sich prü­geln, weil es die Freundschaft festigt. Sie brauchen es von Zeit zu Zeit, um zerbrochene Scheiben zu kitten und eine gemeinsame Sicht der Dinge wieder herzustellen. Bei mir wüß­te Bill, unsere Freundschaft wäre abrupt aus. Weil er der Stärkere ist. Er besitzt nicht die Eigenschaft, damit zu kokettieren wie ich manchmal mit einer gewissen Stärke des Intellekts, was ich mir abgewöhnen sollte. Wahrscheinlich hatte sein Wurfseil sich vor Wochen auf meine Schultern gesenkt, als klar wurde, ich würde nicht kommen. Es lag lose um meinen Körper, ließ mich eine Weile zappeln. Jetzt hat er die Schlinge festgezogen. Die Arbeit läßt er andere erledigen.
      Di, Bill wird dir gefallen. Ich möchte wetten, er wird dich recht an Alexander erinnern, dich mit seiner Gegenwart über deinen entschwundenen Bruder hinwegtrösten. Zumal ihm eigen ist, sich als Bruder anzubieten, wenn er jemanden mag, und dich wird er mögen. Sei auf ihn vorbereitet, falls dein Plan steht, im nächsten Jahr auf der Ponderosa das Reiten im Westernstil zu lernen. Denn er würde dein Lehrer sein. Geh sparsam um mit deiner Ironie, er fackelt nicht lange, begegnet jemand ihm zwielichtig, Mädchen sind da nicht ausgenom­men. Von dir als meiner Snakie weiß er nichts. Gut so! Er be­käme es in die falsche Kehle. Schlangen zählen zu Bills Lieblings­tieren nicht.
      Ich weiß, was das eigentlich Schlimme an den Prügeln meiner Kna­benjahre war. Der Schmerz machte mich für längere Zeit folgsam. Prügel bleuten mir Gehorsam ein. Prügel prallten an mir nie ab wie Platzregen an einer Öl­haut, allein die Angst vor Schmerzen kann mich halb umbringen. Sich dann tatsächlich an mir zu vergreifen, ist nur noch eine Formalität. Ich gehorchte Pili und Ma­má, um dem Schmerz zu entgehen. Für die Rezeptur verachte ich sie heute noch. Hätten sie mich nicht geschlagen, wäre ich mit meinem schmalen Körper besser zurecht gekommen. Ohne es zu beabsichtigen, bleuten sie mir ein: Jeder Stärkere kann dich verprügeln. Das wurde für mich zu einer universellen Konstante. Wie gestauchte Zeit, die sich in aberwitziger Geschwin­digkeit gehorsam krümmt. Irgendwann rächt man sich und verletzt andere. Zum Schlagen fehlt mir die passende Bauart. Ich verletze mit dem, was mir zur Verfügung steht, Wörter wie Hammerschläge, Sätze wie Sen­sen. Das verletzt nachhaltiger als Prügel. Schmerz vergeht rasch, die Furcht davor bleibt. Verletzende Worte stecken dauerhaft in einem Gemüt. Wie widerhakenbewehrte Pfeile. In einem langen Leben gelingt es selten, sie herauszuziehen. Und sollten wir wiedergeboren werden, stecken sie vielleicht als Grundelement in der neuen Existenz. Alles taucht in wiederkehrenden Spiegeln auf, war es daheim in Mamás Schlafzimmer oder hier im Hou­se. Ich will sagen, seiner Bestimmung kann keiner entgehen. Man hat keinen Schimmer, wieso einem das und nichts anderes bestimmt ist. Wetten? Der Boß wüßte es auch nicht, würden wir ihn fragen. Er müßte ratlos die brokatbehängten Schultern zucken. Verlegen würde er nach ein paar kleinen Sternen greifen und sie im Universum hüpfen lassen wie Steinchen auf dem Hexenteich derer von Brackelstein. Ich bin sicher, er ist nur Angestellter auf fremde Rechnung und wäre froh, könnte er in den verdienten Ruhestand treten.
      Jasmine kam rein. Sie schoß Fotos, soweit ich sah, mit einer Pro­fikamera, deren greller Blitz mehrmals aufflammte. Fotogen schnalz­te ein letzter Hieb saftig über meinen Po, dann gingen die Girls. Verzweifelt vergrub ich das Gesicht im Bettzeug.
      Weitere Demütigun­gen warteten. Als es der Zunge gelang, die Stoffetzen aus dem Mund zu drücken, müssen Fäden das Gaumenzäpfchen gestreift haben. Es ist bei mir außergewöhnlich empfindlich, vielleicht wegen der häufigen Anginen. Eine Spinnwebe hätte genügt. Ich erbrach mich in dem Moment, da der Nacht­portier kam, im Hou­se wie in meinem Gästehaus ein breitschultriger Bursche. Wäre er am ersten Abend dagewesen, hätten Goldhaar und ich es nicht geschafft, an ihm vorbeizukommen. Der Typ pflückte mich mit angeekeltem Gesicht vom Bettgestell und schleppte mich die Treppe run­ter. Erst vor der Rezeptions­theke band er mir die Hän­de los, warf mir ein schmutziges Handtuch zu und schubste mich auf die Straße, barfuß. Ich war so perplex – auf der Stelle drehte ich um und schrie, was ihnen eigentlich einfiele, schimpf­te wie ein Rohrspatz, verlangte Kleidung und Schuhe. Der Mann blieb gelassen, verschränkte die muskulösen Arme und verstellte mir den Rückweg. Da ich keine Ruhe gab, sagte er: ,Boy, liegt ganz bei dir. Einen Schritt weiter, und ich sperr’ dich in den Keller. Bis du dich beruhigt hast. Du hattest deinen Spaß, jetzt zieh besser Leine! Würd’ dir nicht raten, wiederzukommen. Schon gar nicht mit den Bullen.’
      Das Kapitel House war abgeschlossen. Ich begriff, auf was ich mich eingelassen hatte, in einem riesigen Land, in dem Regeln gelten, die mit unserer europäischen Kultur schwerlich in Einklang zu bringen sind. Unablässig Rachegedanken wälzend, tappte ich von dannen. Es hatte geregnet. Große Pfützen im schadhaften Asphalt zwangen zum Hindernislauf mit größter Vorsicht, um mir nicht wieder einen Scherben einzutreten. Diese Stadt schläft nie mit allen Au­gen. Nachtschwärmer kamen mir entgegen, vornehmlich Schwarze, von meiner Erscheinung herausgefordert. ,He, Mann, Zoff mit deiner Mom gehabt? Hatse dich rausgeschmissen?’ Harmlose Bemerkungen. Jeder, der mir nun zu nahe trat, lief Gefahr, eine geschmiert zu kriegen.     Im Gästehaus duschte ich lange, kauerte mich auf den Zementboden und ver­harrte eine gute Weile im pritschelnden Strahl. Das Wasser hier ist lauwarm. Mein Po schmerzte, als schälten Messer daran herum. Er war knallrot verfärbt und mit blauen Striemen verziert. An einigen Stellen war die Haut aufgeplatzt. Es hatte geblutet. Das war nicht der Rede wert. Die Wunden erster Ordnung klaffen im Gemüt. Dort brechen sie leicht wieder auf. Ein aufgeschürfter Hintern ist wie aufgeschlagene Knie. Das regelt sich bald aus.
      Zumal mich der Gedanke tröstete, das selbst ein verdroschenes Hinterteil mit Sex zu tun haben kann, allerdings einem für mich negativen Sex. Ich weiß von Leuten, die auf so was stehen, für die es positiv gepolt ist. Diego zum Beispiel, der sich von seiner Freundin vertrim­men läßt. Behauptete Karim, der bei dieser Aussage ab­wesend am Gürtel nestelte. Ich vermute, die Schwester ist erfunden. Ka­rim erledigt das selber. Kann ja sein, es macht beiden Spaß.
      Federico wußte seit jeher um das Stilleben der Besenkammer in der Calle Guz­mán el Bueno. In den Knabenjahren folgte er mit funkelnden Augen meinen penas, die ich mir von der Seele redete. Spä­ter, es war in seinem vorletzten Jahr in Zamora, in seinem sechzehnten Jünglingsjahr, schleppte er während einem seiseiner Wochenendbesuche vor dem Schlafengehen den Rohrstock an. Er ließ die Hosen fallen und bat mich unmißverständlich, ihm eine Kostprobe zu verabreichen, sicher nicht nur, weil wir jeder eine Flasche Riberas del Duero bis zur Neige geleert hatten. Seine Worte weiß ich noch: ,No sólo una tapa. ¡Quiero una ración!’ Ich lehnte ab. Heute denke ich, das war falsch. Vielleicht war es die Form körperlicher Intimität, die er mit mir gern gehabt hätte. Sein formloser weißer Hintern stieß mich ab und wie er die Backen in Angstlust   zusammenkniff. Sein Po hatte mich schon abgestoßen, als ich auf Mamás Geheiß die Sommerferien in Reus verbrachte. Leopoldos Pobacken dagegen, zwei durch ein sanftgeschwungenes, asturisches Tal getrennte Hügel, Jun­ge, Junge!, mit denen hätte ich gern mal was angestellt. War bedauerlicherweise coto vedado. Einmal grapschte ich stockvoll hin, mit bei­den Händen, aus reiner Lebenslust. Die Antwort? ¡Apártate, maricón! Der drittklassige Leopoldo Mozart mit verstimm­ter Gitarre trat gegen den erstklassigen Federico Nietzsche mit markigen Wortschleudern an. Ich bewundere und respektiere das Erstklassige. Aber das Drittklassige betört mich, lullt ein, macht mich schwach.
      Sind es unbotmäßige Wünsche, die ich mit Sex verbinde? Glaube ich nicht. Was ich von Kind auf suche, ist ei­ne mir auf den Leib geschnittene Form des Seins, in der ich mich zeitweise vom Le­ben ausruhen kann. Rosinsky bläst selbstvergessen Klarinette, ist er dabei, sich wegzulegen. Euphonia Vrassivanopoulos betritt in Spielkarten­bildern ur­eigene Welten. Niemand will das begreifen. Die Leute sehen nur das äußere Muster, sehen Spinner und abartige Spieler, da­mit ist man abgestem­pelt. Wer macht sich die Mühe, nachzufragen, was dahinter liegt? Bevor ich weinerlich werde, krieche ich besser ins Bett. Bin froh, allein zu sein. Mit meinem Körper als Tröster.’

Die ereignisreichen Gescheh­nisse all der Tage verfolgten Manuel in einen unruhigen Halbschlummer, aus dem ihn die Telefonschnarre am späten Vormittag hochriß. Eine Frau. Jasmine. Die Stimme klang anders als im Hou­se. Vielleicht verstellt. Gewollt verstellt. Ob es beim Essen bleibe?
      „Essen –?“
      „Die Einladung war ernst gemeint. Ohne Hintergedanken“, fügte sie an.
      Jetzt hatte er ihre einschmeichelnde Stimme wieder im Ohr, den schwachen Geruch nach einem herben Parfum in der Nase, und auf dem Körper spürte er erneut die widersprüchlichen Sinneseindrücke, die ihm einen ungestörten Schlaf verwehrt hatten. Hintern und Oberschenkel taten weh, er fühlte sich buchstäblich zer­schla­gen. Jasmine stand in der Rezeption. Ein innerer Berater wisperte, sie nicht allzu lange warten zu lassen.
      Ein roter Chevrolet war vor dem Gästehaus geparkt, ihr eigener. Der Portier riß trinkgeldheischend den Schlag auf, auf der anderen Seite Manuel, was peinlich war, weil der einem abstrusen Gedanken zufolge annahm, er werde nicht gerade für ihren jüngeren Bruder gehalten. Sie konzentrierte sich auf den dichten Verkehr und warf ihm kaum einen Blick zu, bis sie vor einem Restaurant im Hafenviertel hielten. Manuel wußte im Moment, da der Teller vor ihm stand, daß er das Falsche be­stellt hatte, irgend­einen Cajun-Matsch, der nach zerschmolzener Pappe aussah. Und nicht viel besser schmeckte. Der schwere, fast schwarze Wein riß es heraus, bei dem das schroffe Gedrängel von Tischen und Stühlen und die sonnengegerbten, bartstoppeligen Gesichter der Ladearbeiter erträglichere Konturen annahmen.
      „Harte Behandlung für einen so jungen Mann“, brach sie das Schweigen. „Sie sind doch noch ein Junge, für den eine weitaus mil­dere Tour genügen sollte. Man würde nicht glauben, daß Sie schon so genau wissen, was Ihnen Spaß macht.“
      „Jetzt machen Sie mal einen Punkt“, sagte er düpiert. „Das House wurde mir als liberal geschildert. Man würde mal einen Studenten reinlassen und so. Unter einundzwanzig. Daß die Mädchen machen, was ihnen selber Spaß macht, dann Sie und obendrein dieser –“ Grimmig suchte er mit hochfahrenden Augen die holzgetäfelte Decke nach einem beleidigenden Wort ab. „Dieser Bodybuilder, der mich im Händehandtuch auf die Straße schickt – ich meine, schließlich bin ich min­derjährig. Ich erwäge eine saftige Anzeige. Wenigstens will ich mein Geld zurück.“
      Jasmine hatte die Speisekarte gründlicher studiert als er und sich für ein T-Bone-Steak entschieden, weit über den Tellerrand reichendes brettdickes Fleisch. Der Länge nach schnitt sie es in zwei Bretter und von denen mundgerechte Happen ab. Sie legte das Messer weg, begann einhändig zu essen und nuschelte mit spöttischem Unterton: „Sagen Sie bloß, es war nicht gut.“
     „Die ersten Tage. Gestern hat man mich grauenhaft verdroschen und lächerlich gemacht. Und mir meine Kleidung weggenommen. Ich war dort Kunde. Als solcher lief alles gegen meinen Willen.“
      „Huh, huh!“ Sie lachte, gab sich nicht im mindesten beeindruckt. „Gegen Ihren Kundenwillen.“
      „Absolut.“ Er wurde böse. Sie schien nur an seinen Körper zu denken. Sie wußte ja Bescheid über seinen Bübchenpe­nis, der vor der anzuvisierenden Körperöffnung erschreckt jede Haltung ver­lor. Sei­ner Psyche wich sie aus. „Nehm’ ich nicht einfach so hin.“
      „Versuchen Sie mal, in diesem Lokal die Zeche zu prellen. Da würde man Sie nach Strich und Faden zusammenschlagen. Verglichen damit, zog Eileen Ihnen die Hosen stramm. Das hat noch keinem jungen Mann geschadet.“
      „Eileen hätte mir sagen müssen, was eine Nummer mit ihr kostet. Ich wäre eben wieder gegangen.“
      „Okay,“ sagte sie. „Geht mich ja nichts an. Meine Aufnahmen zeigen Sie jedenfalls in einer Stel­lung, in die eine Frau Sie ohne Ihre Duldung nicht hätte zwingen können. Ihr Gesichtsausdruck, Ihre geschlossenen Augen und der nach hinten gereckte Kopf wirken äußert geneigt, gelinde ausgedrückt. Man könnte sagen, ekstatisch.“ Wie eine seelenvergnügt Mogelnde zog sie den Trumpf aus dem Ärmel der weiten Bluse.
      Verblüfft gewahrte er diese perfide Gemeinheit. Sie hatte recht. Seine Miene spiegelte jene pfiffige Fröhlichkeit wider, die er von den vergleichsweise harmlosen Bildern mit Diana kannte. Wahrscheinlich hatte Jasmine ihn unbemerkt vor der Tracht Prügel durch den Türspalt abgelichtet. „Ein weiterer Punkt, den ich nicht hinnehme. Sie hätten kein Foto von mir machen dürfen, ohne mich zu fragen.“ Er reckte sich einen Zoll höher, ganz Sohn aus gutem Haus mit der gewissen Macht jederzeit verfügbaren Rechtsbeistandes. Fix griff er nach den Fotos. „Konfisziert.“
      „Jesus!“ sagte sie. Ihre Hand griff zu. Mit dem Dau­men bog sie seine Finger auf, daß die Gelenke leise knackten. „Wenn es Ihnen gelingt, höflich bitte zu sagen, können wir uns über einen Abzug Ge­danken machen.“
      „Sie können mich mal“, sagte er verärgert über ihre erstaunlichen Kräfte.
      „Sachte, sachte! Ein so appetitlicher Junge wie Sie könnte beim Wort genommen werden.“
      Darauf wußte er keine Antwort mehr. Offenbar mochte sie ihn. Sie war in einem Alter zwischen Mädchen und Frau. Nicht unbedingt ein Alter, das er außerhalb des House gesucht hätte.
      Jasmine wechselte das Thema, fragte, was er mache, wie er herge­kommen sei, wann er   wieder wegfahre. Bald stand sie auf, weil sie telefonieren wollte. Manuel war fest überzeugt, sie würde mit einem Blankoscheck zurückkommen und um die Summe feilschen.
      „Manolo“, sagte sie, „ich glaube, Sie verstecken sich gern vor sich selbst. Darum haben Sie sich im House Jig genannt.“
      Er kicherte. Ihm wurde wohler. Das Wagnis, egal wie es ausgegangen war, hatte er durchgestanden, hatte ein gutes Stück Freiheit im Umgang mit sich selbst hinzugewonnen.  „Meinen Namen kriegen die Leute selten so hin, wie ich es gern hätte. Hab’ hier jede Menge Spitznamen bekommen. Blacky, zum Beispiel. Oder Manny. Im Spracheninstitut schlug ich Jig vor. Plötzlich waren al­le wild danach, mich Jiggy zu nennen. Keine Ahnung, warum.“
      „Wirklich nicht?“
      „Nein.“
      „Jiggen kann Tanzen bedeuten. Oder Herumschnellen. Bei Ihnen würde ich es Zappeln nennen. Sie erscheinen als eine Art Zappler. An Körper und Geist. Viele Europäer benehmen sich hier so. Sie nehmen unser Land nicht ernst.“
      „Vielen Dank“, sagte er beleidigt.
      „Wischen wir Jig weg. Halten wir uns an Manolo, der noch ein paar Tage in den Staaten bleiben kann. Wenn Manolo mag, ist er auf die Ranch meiner Eltern eingeladen. Abreise heute abend.“
      Überrascht horchte er auf. Gewiß hatte sie seinen Paß durchgeblättert und sich vielleicht das Visum eingeprägt. Unerklärlich war, wie sie Gästehaus und Telefonnum­mer hatte herausfinden können. Genannt hatte er sie nicht. Was bezweckte sie angesichts des Altersunterschieds damit, ihn einzuladen? Vage ant­wortete er: „Ehrt mich. Danke. Trotzdem nehme ich nicht hin, wie man mich be­handelt hat.“
      „Sie sind alt genug, mein Lieber. Ihr Köpfchen schwelgt in Phan­tasien. Der Körper bekam davon zu kosten. Es hängt vom Zufall ab, ob man haargenau das erwischt, wonach einem der Sinn steht.“ Sie deutete auf seinen Teller. „Was stostochern Sie so lustlos rum? Ist das Essen nicht gut?“
      „Nein“, sagte er patzig, weil er nun ein Steak vorgezogen hätte. Oder die Hälfte von ihrem, was sie offenbar übrigließ „Ach, zum Henker, ja, man kann es runterwürgen! Ich denke dran: Essen kann man zurückgehen lassen. So wie ich im House meine Bestellung widerrief. Ich hatte wie für ein Mittagessen bezahlt.“ Er wischte ein paar Grä­ten vom Ärmel. „Die ersten Abende wenig­stens.“
      „Mein lieber Jig, Sie haben nicht mal die Unkosten be­stritten. Sie betrachteten die Mädchen wie Versuchskaninchen. Da darf man nicht so wählerisch sein.“ Sie nestelte an der Bluse und öffnete den obersten Knopf. „Ich habe mit dem House nichts zu tun. So we­nig, wie Sie bezahlt haben, habe ich kassiert. Wir beide verbrachten zur selben Zeit interessante Stunden. Um zu lernen.“
      Fassungslos ließ er den Löffel sinken. „Ich dachte, Sie seien die Chefin.“
      Sie lachte schadenfroh. „Ich bin Journalistin. Ich heiße Virginia. Unge-jiggt. Die Mädchen dort verwalten sich selbst. Sie haben keine Chefin, keine Zuhälter. Da sind zwei oder drei Männer, die nach fester Abmachung stunden­weise bezahlt werden und dafür sorgen, daß die Schönen heil bleiben. In diesem Milieu unübliche Strukturen. Wie die Schönheiten, die Sie übrigens in der Männerzeitschrift abgebildet sehen können, für die ich schreibe. Frauen, die mich faszinieren und die ich bewundere. So wie ihre männlichen Aufpasser. Im bürgerlichen Leben, wenn wir es so nennen wollen, paßt der Ehe­mann oft nicht auf, daß man heil bleibt. Das nebenbei. Wenn Sie, unerfahren und eigensinnig, wie Sie sind, ei­nen guten Rat akzeptieren können: Vergessen Sie den letzten Abend, sollte er in Details tatsächlich unangenehm und gegen Ihren Willen ge­laufen sein. Eileen hätte kein Problem da­mit zu behaupten, daß Sie die Landessprache nicht genügend beherr­schen. Und ein paar Schläge betreffend: Glauben Sie mir – man würde viel ärger mit Ihnen umgehen, müßten Sie in diesem rauhen Land Soldat sein.“
      Hatte er schon öfters gehört. Es brachte ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. „Sie meinen, weil ich schwul bin.“
      Sie öffnete noch einen Knopf ihrer Bluse und legte die Hand selbstvergessen auf die Brust über dem Herzen. „Mein Junge“, sagte sie in einer wohltuenden Nettigkeit, auf die er augen­blicklich abfuhr, „wenn man so aussieht wie Sie und so jung ist und mit recht diffusen seelischen Zuständen zu ringen hat, fühlt man sich schnell als Objekt verschiedenster sexueller Spielarten. Das streuen Jungs unüberlegt erwägend hin, schwul.“ Sie zuckte die Achseln. Dabei hüpften die kleinen straffen Brüste ein bißchen. „Ich sag’ es Ihnen auf den Kopf zu: Einen Mann haben Sie noch nicht neben sich im Bett gehabt.“
      Er erschrak und verschluckte sich. Ein Mann? Neben ihm? So wie Diana? Nein, konnte er sich nicht vorstellen. Niemand käme dafür in Frage. Flammende Röte überzog seine Wangen. Bei Rosinsky hatte er es sich vorgestellt. Als er ihn umarmt hatte, einen noch bart­losen Rosinsky, dessen Wangen sich unter seinen Lippen zart anfühlten wie die Dianas. Aber zusammen in einem Bett? Nie! Falls sie sich betranken, mußte er seine Zunge hüten, so was anzudeuten. Rosinsky würde ihn zwar nicht zusammenschlagen, der Typ war er nicht, doch als Mensch verachten. Was erst würde Diana sagen... „Würd’ mich nicht getrauen. Lieber würde ich sterben.“
      „Du liebe Zeit!“ Sie lachte herzlich. „Süß, wie Sie rot werden. Also, New Orleans bietet für alles Gelegenheiten. Soll ich Ihnen für den Rest Ihrer Ferien eine verschaffen? Sie würden sehen, daran stirbt man nicht. Und Sie hätten ein Stück Klarheit mehr.“
     Manuel schüttelte den Kopf und hielt sich am Kaffeebecher fest, den die Kellnerin soeben frisch gefüllt hatte.
      Vielleicht war Virginia mit ihrem Latein am Ende, wollte den Vorschlag mit der elterlichen Ranch nicht weiter beschreiben, weil er folgerichtig in gewisser Weise für sie ausfiel. Bevor sie sich trennten, sagte sie, es seien über fünfhundert Meilen bis San Antonio, deshalb werde sie in der Nacht fahren, sobald es sich abgekühlt habe. Er sehe übrigens müde aus, solle sich nun besser hin­legen. Um acht werde sie an der Rezeption sein, um sich zu verabschieden. Um die Adresse dazulassen. Falls er lieber mit dem Greyhound reisen wolle.
      „Sie heißen also nicht Jasmine“, sagte er verdrossen, weil er zu nichts Entschlußkraft hatte. Die feuchte, schwüle Luft des Golfs von Mexiko setzte ihm täglich mehr zu.
      „So wenig, wie Sie Jig heißen. Im House habe ich den Alias benutzt. Wie in der Artikelserie, die ich schreibe und noch schreiben werde. In diesem Milieu wechselt man gern die Namen. Die Mädchen dort und die jungen Männer sind übrigens ausnahmslos Studenten. Selbst Eileen, die äl­teste, hat ein abgeschlossenes Studium. Volkswirtschaft, falls ich nicht irre. Schon deswegen lassen sie die bürgerlichen Namen weg.“
      Sie fuhr ihn zum Hotel, und bevor er ausstieg, umklammerte sie für einen Moment seinen dünnen Bizeps. Es kam einem Ausloten gleich. „Ja“, sagte sie, „bes­ser nicht mit Männern. Mit dir wür­den sie allerhand Scheußliches anstellen. Du verführst dazu. So ein lieber kleiner Stallhase.“
      Verwirrt warf er sich aufs Bett und schlief sofort ein. Wilde Gestalten galoppierten durch seine Träume, angeführt vom Büffel aus dem House, der in beunruhigender Weise an ihm herumfummelte. Abwehr war unmöglich, weil er seine Arme nicht frei hatte. Bevor Unsagbares passieren konnte, erwachte er. Wieder durch das Te­le­fon. Virginia.
      „Manolo... Ich war im House, mich verabschieden. Die sind sauer auf Sie. Weil Sie alles vollgepißt haben.“
      „Ich konnte nicht anders“, schnaufte er sarkastisch und gleich hellwach. „Eileen... Sie erinnerte mich an die Kindheit. Ich hab’ mir früher schon in die Hosen gemacht, wenn mich jemand schlug. Verständlicher Protest. Kinder können sich anders nicht wehren.“
      „Man ist auch sauer, weil Sie keinen Cent Trinkgeld springen ließen.“
      „Ich bin pleite“, sagte er. „Weiß der Geier, warum der Monatsscheck noch nicht ausgezahlt wird.“
      „Das ist wenigstens ehrlich. Wann reisen Sie ab?“
      „Heute abend.“ Er seufzte tief. Sieben Dollar fünfundfünfzig Cent waren ihm geblieben „Mit Ihnen. Gilt die Einladung noch?“
      „Oh, ich freue mich“, sagte sie leichthin. „Allein macht die Fahrt keinen Spaß. Sie können aufpassen, daß ich nicht einschlafe. In zehn Minuten sollten Sie fertig sein. In fünfzehn bin ich weg. Mit oder ohne Beifahrer.“
      Fluchend warf er seine Sachen in die Reisetasche. Er haßte es, gehetzt zu werden. Oder ohne Dusche auf die Reise zu ge­hen.
     Zwanzig Minuten später bogen sie auf die Nationalstraße nach Hou­ston, Texas, ein, während Virginia den ersten Joint drehte. Apa­thisch griff er zu, fürchtete um ihre Sicherheit. Doch der Wagen schnurrte gradlinig dahin. Eisern hielt sie die Höchstgeschwindigkeit, bis alle bewohnten Gebiete hinter ihnen lagen. Nun drückte sie den Gashebel durch. Der schwere Chevrolet schoß vorwärts, bohr­te sich brum­mend durch die Dunkelheit. Nachtfalter zerplatzten mit häßlichem Geräusch auf der Windschutzscheibe, und einmal gab es einen Knall, vielleicht von einem zerschmetterten Nachtvogel. Sie lenkte schweigend, hockte sichtbar entspannt hinter dem Steuer und paßte auf, daß er beim Kiffen wacker mithielt.
      Er hatte mittags wenig und seitdem nichts mehr gegessen, hat­te keinen Appetit. Außer Appetit auf Sex. Durch die Abende im House war er daran gewöhnt, erschöpfende Abreibungen zu bekommen. Er betrachtete begehrlich Jasmine oder Virginia, oder wie sie noch hieß, ihre enge Bluse und die vollen Schenkel in der noch engeren Hose. Gern hätte er das Gesicht dazwischen gelegt. Aber das schwarze Leder wirkte unerhört abweisend, hielt ihn zusätzlich zum Altersun­ter­schied wie durch Stacheldraht in Schach.
      Nach zwei Stunden, bei einer Geschwindigkeit zwischen hundertzehn und hundertzwanzig Meilen, jaulte hinter ihnen die cha­rak­teris­tische Sirene. Die Patrouille blieb dicht dran, bis der Verkehrssünder reagierte. Dann hielt der Polizeiwagen in einigem Abstand. Klar, sie war zu schnell gefahren. Manuel nahm an, man würde sie verhaften und ihn auf der Straße sitzen lassen. Es mußte ja so kommen! Gut möglich, bekifft wie er war, würde man ihn mit ein­lochen.
      Bis ins Wageninnere flackerten die Rotlichtblitze der Patrouille. Ein Beamter blieb, Revolver im Anschlag, in sicherer Entfernung stehen, der andere pochte auf das Dach und verlangte die Papiere. Virginia war keineswegs nervös. Sie such­te ihren Ausweis hervor und vermutlich die Zulassung für das Auto. Ungefragt hielt er seinen Paß hin. Der Lichtstrahl einer Taschen­lampe strich über die Dokumente.
      Der Sheriff sagte in unerwartet höflichem Ton: „Sie haben es eilig, Madam?“
      „Ziemlich.“
      „Okay, Madam.“ Er salutierte zackig. Zu zackig für eine Routinekon­trolle. „Gute Fahrt.“
      Sie rollten weiter. Mit dem Affenzahn wie gehabt. Auf sein verwundertes Gesicht hin fragte sie: „Ist was?“
      „Nein“, antwortete er, „was soll sein?“ Dabei reckte er sich und puffte sie tölpelhaft an.
      „Ist Ihnen nicht wohl? Tut was weh?“
      „Die Arme.“ Der Hintern tat mehr weh. Lindernd wirkte der Wollpullover, den er druntergeschoben hatte.
      „So? Was ist mit den Armen?“ Wieder klatschten Nachtfalter auf die Windschutzscheibe. Angerührt schmatzte sie und betä­tigte Wassersprinkler und Scheibenwischer.
      „Sind halb ausgerenkt. Weil mich der Rausschmeißer gemein abführte und dabei hochhob.“ Seine Stimme klang weinerlich. „Die Schultergelenke sind überdehnt worden.“
      „Unsinn. Sie haben keine Kenntnis, was die Gelenke des Homo sapiens aushalten. Weit mehr als das eigene Körpergewicht.“ Kopfschüttelnd musterte sie ihn. „Sie haben einen Muskelkater.“
      „Meine Arme sind blutleer und werden verdorren.“
      Sie lachte. „Wissen Sie, was Sie sind? Übermäßig verspielt. Und erschreckend ahnungslos.“
      Gegen ein Uhr morgens hielt Virginia an einer Rast­stätte. Sie hieß Manuel bestellen, worauf er Lust hatte. Sie wollte ein Steak, me­di­um durch, und einen doppelten schwarzen Espresso. Ihr zuliebe nahm er auch ein Steak. Dazu eine Riesenportion Pommes. Er fühlte sich gleich besser, weil so nahe an der mexikanischen Grenze Spanisch verstanden wurde. Sein Steak verlangte er bien pasado.
      Sie war telefonieren gegangen. Manuel sah sie von der Theke aus. Wen um alles in der Welt konnte sie um diese Zeit ohne Gewissensbisse aus dem Schlaf läu­ten? Mehrmals wies sie gestikulie­rend auf ihn. Wie sie zurückkam, fand er sie trotz ihrer Lederhose, an der er gern die fettigen Hände abgewischt hätte, und dem weißen Ge­wichtheber-T-Shirt sehr weiblich. Sie grinste spitzbübisch über das deutlich in sein Gesicht gemalte Begehren. Ja, so eine Frau hatte er noch nicht ge­kannt, und für seine Jahre, das wußte er, war er weit herumgekom­men. Verspielt oder nicht – in den unermeßlichen Landschaften der menschlichen Seele kam er sich nicht ahnungslos vor.
Sie aßen ohne Hast. Nach dem Steak und zwei Colas war er erfrischt. Virginia lehnte sich halb seitlich zurück und blies ihm den Rauch ihrer Zigarette, Marke Life, ins Gesicht. Unvermittelt fragte sie: „Wollen wir uns nicht duzen?“
      „Gern“, sagte er verschmitzt grinsend, weil sie ihn beim Blick tief zwischen ihre Schenkel ertappt hatte. Er ergänzte: „Scha­de, wir haben nichts, um anzustoßen. Der Laden hier ist alkoholfrei.“
Wortlos kramte sie in der Handtasche und zog hervor, was er von den Deutschen unter der Bezeichnung Flachmann kannte. Sie schraubte die goldfarbene Verschlußkappe ab, schloß beim Trinken die Augen und reichte es Manuel. Das Zeug schmeck­te merkwürdig. Es konnte Kognak sein oder irgendein Likör mit einem schwachen Beigeschmack nach Anis.
      „Manolo“, sagte sie und schwang sich vom Barhocker, „jetzt schau’ ich mir dei­ne beschädigten Arme an.“
      „Nenn’ mich nicht Manolo“, bat er. „Ich hasse diese Kurzform, die keine ist. Ich mag sie auch in meiner Heimat nicht. Sag Manuel. Oder Mani.“
      „Ma-ni“, sagte sie sichtlich überrascht mit weicher Stim­me. Zuerst bewegte sie seine Oberarme wie die eines Hampelmanns in alle Richtungen, begutachtete seine schmalen Ellbogen- und Handgelenke. Dann massierte sie seine Schultern. „Sieh an, sieh an! Om mani padme hum. Denkst du dabei vielleicht an die Upanishaden?“
      Gesichtslose Schatten schwangen Schwerter. Gläserne Schneiden brachen seinen Hochmut entzwei. Er hatte Virginia gröblich unterschätzt. Über die anziehende Weiblichkeit hinaus erahnte er den männlichen Part in ihr. So wie sie hinter ihm stand, wünschte er, sie würde seinen Arm verdrehen und ihn herumwirbeln. Dabei könnte er den Kopf gebührlich an ihre Brust legen und wimmern. Weil es bestimmt weh täte.
      Sie fragte wieder: „Ist es das, o Mani?“
      Der Junge hatte Tränen in den Augen und stammelte Zustimmendes. Die Müdigkeit der vergangenen, überspannten Tage, den für sei­nen Körper exzessiven Sex und viel zuviel Alkohol schlugen nun voll durch. Seltsame bunte Nebel hüllten ihn ein. Vielleicht hatte sie ihm ganz nach seinen Wünschen den Arm verdreht, um ihn wieder in den Wagen zu befördern. Erst in der Morgendämmerung wachte er auf. Er lag auf dem Rück­sitz, in eine Decke gewickelt.
      Sie beugte sich über ihn. „Mani, wir sind da. Wärst du ein paar Jahre jünger, würde ich dich ins Haus tragen.“
      Er tappte ihr nach und war nicht weiter erstaunt, daß sie ihn so unbekümmert nackt auszog und zu Bett legte, wie Diana das getan hatte. Und noch früher Doña Magdalena.
      „Schlaf weiter“, sagte Vir­ginia. „Solange du es brauchst.“

      Vor dem Mittagessen wurde er wach. Auf einem Stuhl lag die Kleidung, die er im House hatte zurücklassen müssen. Um die Turnschuhe, die er im vergangenen Jahr unter Reds ob des hohen Preises erstaunten Blicken gekauft hatte, hätte es ihm leid getan. Virginia hatte neue Bänder ein­gezogen, die sich auf dem abgewetzten Leder adrett ringelten wie die Richtschnur zu einer Serie neuer Taten. In den Lee Jeans steckten fünf Zwanziger, als habe sich alles umgedreht und er sei nachträglich für die Standfestigkeit be­lohnt worden.
      Ihr Elternhaus, er hielt es dafür, war ein architektonisch üppig ausgeführtes An­wesen in einem Stil, den er auf den Kanarischen Inseln oder im westlichen Andalusien beheimatet wußte, spanischer Kolonialstil. Der zweistöckige Bau hatte nach Süden hin im ersten Stock eine teilweise überdachte Terrasse, der im Erdgeschoß ein säulengestützter Vorbau entsprach. Im Haus lebten Virginias Mut­ter und deren Schwester. Sie waren entzückt, daß die Tochter Besuch mitbrachte. Ein Umstand belustigte Manuel. Der Altersunterschied zwischen Mutter und Tochter betrug an die vierzig Jahre, und die Tante übertrumpfte sie noch um eine Dekade, eine Frau in den Sieb­zigern.
Beschönigend wünschte er sich, Virginia wäre seine Mutter. Dar­über würde sie herzlich lachen. Von Anfang an hatte er sich in ihr getäuscht. Während der Fahrt hatte er abwechselnd die Benennungen Mädchen und Frau und Unnahbare ausprobiert. Über diesen spielerischen Versuchen war sie jünger geworden. Sie besaß Hände zum Verlieben, schmale Frauen­hände, die in kräftige Gelenke übergingen, und Arme, die nicht von schlechten Eltern waren. Sofort wünschte er wieder, ihrem Körper nahe zu sein. Ach, würde sie doch seinen Hals in die Armbeuge klemmen, Kopf nach vorn, zwischen ihre Rippen und an die Brust gedrückt! Leider fiel ihm nichts ein, was sie zu einer so schmusigen Gewalttätigkeit provoziert hätte.
      Es war seine dritte amerikanische Familie, in die er hineinplatzte. Der Gegensatz zwischen den Rileys und den Chattons in Wyoming war ähnlich akzentuiert gewesen wie in seinem deutschen Zuhause zwischen den Reders in der Residenz und den Elges im Staatsbad, Halbbauern gegen den Standardtypus preußischer Regierungsräte. Auch bei den Chattons und hier in Texas hatte er es mit gebildeten, kultivierten Leuten zu tun, gegen die Pete Rileys majorsmäßig straffe Führung in Farm und Familie fragwürdig abstach.
      Die drei Frauen fragten ihn über Spanien aus und bedauerten unisono, daß er in einer Diktatur aufgewachsen war. Das sah er anders, fühlte sich dank langer Diskussionen mit Federico als Bürger eines kommenden vereinigten Europas. Sein Abschlußreferat im letzten Schul­jahr hat­te der Montanunion und den Römischen Verträ­gen zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und den Benelux-Staaten gegolten und ihm eine Belobigung der Schulleitung eingebracht. Darüber informierte er die Damen. Bei all ihrer Neugierde sollten sie wissen, daß die Alte Welt sich mauserte und dabei war, die Krater des großen Krieges zuzuschütten. Über Virginias Arbeit wurde nicht ge­sprochen. Sie schien tabu, als sei sie anstößig. Maß er es an ihrem Volontariat im Hou­se, mochte anstößig sogar passen.
      Am Nachmittag war er sich selbst überlassen und streifte umher. Er stellte fest, ohne Auto war in der weiten flachen Landschaft, die durch weiße Wolkenbänke am Horizont begrenzt wurde, nicht viel zu machen. In den alten Äckern wuchs kniehoch zähes Gesträuch. Unter mehreren immergrünen Arten wie Berglorbeer behauptete sich die eher in nördlichen Regionen beheimatete Gold-Johannisbeere. Er kannte sie vom Exotengarten der Betancourts. Die Ranch wurde nicht mehr bewirtschaftet. Ne­benge­bäude, Schuppen und Stallungen, waren verfallen. Das ver­wit­terte Holz knarrte und ächzte in der Sonnenglut eines ungewöhnlich heißen Spätsommers. Ein Streichholz hätte genügt, alles bis auf den Lehmboden niederzubrennen.

      ,7. September. Gestern mit Virginia in Somerset angelangt. Auf der Ranch ihrer Familie. Kein Mann im Haus. Wer und wo ist ihr Mann? Hat sie keinen? Meine Geschicklichkeit im Amerikanischen reicht nicht aus, das Einkreisende der Fragen zu verwischen. Bevor ich sie halb raus habe, reagiert Virginia mit ,No comment.’
      Imposante Ranch. Die Ponderosa ist dagegen eine Hundehütte. Das Hauptgebäude hat Klasse wie die Finca der Betancourts, hier abblätternde Klasse. Die ehemaligen Ställe sind zum Niederreißen elend, zerklüftet und zerfurcht wie die Gesichter Hundertjähriger. Bin so là là rumgelaufen, kraft­los. Habe noch Muskelkater in den Armen. Das von Eileen vermöbelte Hinterteil treibt mich nach kurzem Sitzen hoch. Nach dem Essen massierte Virginia wieder meine Schultern. Mann, hat die einen Griff! Sie sagte, ich sei verspannt. Bin ich immer nach Wochen angestrengten Lernens. Ein Pferd wäre schön! Hätte Lust aufs Rei­ten, aber sie haben keine Pferde. Sie haben gar keine Tiere, nicht einm­al Hund oder Katze. Wie auf der Ponderosa, wo Maureen was gegen Hunde und Pete was gegen Katzen hat. Im Reder-Haus haben sie was gegen Vierbeiner als unnütze Esser, und in der Kurdirektors­villa verbieten sie sich wegen Gertrudes Allergien. Sie niest schon, sieht sie eine Katze in der Zei­tung, und mir kommt vor, Diana hat davon einen Teil abbekommen. Ich träume oft von einer auf meinem Bett schnurrenden Katze, seit ich bei Benigno mit diesen rätselhaften Geschöpfen bekannt wurde. Klappt es mit Mädchen auf Dauer nicht, vermähle ich mich mit einer Katze. Ich werde dafür sorgen, daß ihr eine Witwenrente sicher ist, sollte ich, was mir in letzter Zeit wieder fatal möglich erscheint, als biologisch Nutzloser von der göttlichen Sense recht bald gefällt werden.
      Ich stelle fest, ich bin nach der Erschöpfung im House, verspannt oder nicht, alles andere als saftlos. Bewirken tut es der Fleischfraß. Die topflappengroßen Steaks machen einen geil wie – mein Gott, was sagte ich damals zu Fedi? Ich glaube, wie Taubenscheiße. Vorhin untersuchte ich die Murmeln. Am Säckchen sind keine Blutergüsse zu sehen. Falls sie was abbekommen hatten, haben sie es weggesteckt. Ja, die halten was aus. Wäre nur an meinem Körper alles so robust wie die Murmeln! Mein Herumgetatsche interpretierten sie als termingemäße Feuerwehrübung. Der Schlauch straffte sich und schleuderte die Ladung in hohem Bogen ins vertrocknete Federgras, das bei uns in manchen Gegenden Marienflachs genannt wird.
      Benommen saß ich unter der schattigen Eberesche. Geh aus mein Herz und suche Freud. Die Protestanten sind gute Rhetoriker, vielleicht nicht so geschickt wie unsere Priester, andererseits listiger und frecher im Heucheln. Meine katholischen Murmeln hüten sich zu heucheln, wozu auch! Die Murmelherzen schlagen nach eigenem Takt. Auf Freude sind sie aus. Gewähre ich sie ihnen nicht, holen sie selbst davon, soviel sie haben wollen. In diesen Momenten fühle ich, mein Körper gehört mir nicht. Ich brauche keinen Spiegel, ich weiß, wie töricht ich aussehe, kaue ich an Wahrheiten dieser Art.
      Als ich mich erhob, vielleicht war ich einen Mo­ment eingenickt, bargen Termiten die Ladung in ihren schwarzbraunen Tanks. Eine Gruppe Scouts untersuchte meinen Unterkörper nach dem Ursprung. Mir fallen andere Begegnungen mit ihnen ein. Sie lassen sich nicht abschütteln, klam­mern die haarigen Beine an die Haut und schnüffeln an jeder Pore. Ich schnippe sie gern mit dem Fingernagel weg, einzeln, ich denke, das tut ihnen nichts. Sie purzeln zu Boden, peilen die Richtung, ich weiß nicht nach welchen Kriterien, und setzen die Tätigkeit woanders fort. Es sind unglaublich starke Tiere, durchaus imstande, jeden Organismus bis hin zur Elefantengröße in Moleküle zu zerlegen.
      Virginia traf ich beim Abendessen wieder. Ihre Abwesenheit entschuldigte sie mit geschäftlichen Angelegenheiten. Das Essen war vorzüglich, bestand hauptsächlich wiede­r aus Fleisch. Irgendwie habe ich zur Zeit sogar Biß drauf, vermisse allerdings die kleinen Portionen und die traditionellen vier oder fünf Gänge unserer heimischen Küche. Hier gibt es praktisch nur zwei: Salat in bescheidener Menge und das obligate riesige Steak mit Pommes fri­tes. Ich schlang es hastig runter, weil ich befürchtete, ich würde sonst den Schwung verlieren. Übriglassen gilt nicht, das bleuten mir die Reders ein, man bekam die Reste zum nächsten Mahl wieder aufgetischt. Der gehässige Kuno erfand für mich die Milchreisfolter, im Schwitzkasten mir den Mund aufzwängend. Ein Löffelchen für Hildgunde, ein Löffelchen für Roswitha, ein Löffelchen für Fräulein Dömnitz. Da Mutter Reder nicht einschritt, kotzte ich auf Kunos Bettvorleger. Von da ab gab es kleinere Portionen. Mit dem Gleitmittel der Dömnitzschen Etüden versehen – ich neben dem alten Fräulein auf der Klavierbank, wo Kuno mich nicht anzurühren wagte –, rutschte die verhaßte Speise leidlich im Schlund abwärts. Falls ich je mit Kindern zu tun habe, mit Milchreis werden sie sich nicht zu plagen brauchen, gezimtet oder ungezimtet. Mein Runterschlingen in Virginias Elternhaus hielt man für gesun­den Appetit und servierte mir ein zweites, nur wenig kleineres Steak. Beim Aufstehen schwankte ich wie eine Boa constrictor nach dem Verzehr zweier ausgewachsener Prärie-Lang­ohrhasen.
      Nach einer Anstandspause mit den älteren Damen vor dem Fernsehen fuhr Virginia mit mir in eine dieser amerikanischen Landbars kleiner Orte, Typ Sally’s Bar, die elementare gesellschaftliche Funk­tionen ausüben und durch die Lage an wichtigen Straßenkreuzungen Leute bis spät nachts anlocken. Die Steaks lagen wie Pflasterbasalt im Bauch. Ich hatte sie ungenügend zerkaut und tat dies kund. Virgi­nia machte sich strafbar, indem sie mir einen doppelten White-Horse-Whis­ky, twelve years old, verabreichte. Der Keeper be­obach­tete uns mit zusammengekniffenen Augen. Der Drink besänftigte den Magen. Grummelnd machte er sich an die Arbeit.
      Sie stellte mir einen gutaussehenden Burschen vor, wahrscheinlich den Dorf-Beau. Zu dritt spielten wir ei­nige Partien Billard. Jake gewann alle mit sei­nen ausgeklügelten Stößen, bei denen er sich halb auf den Tisch legte. Der Alkohol steigerte meinen sexuellen Appetit. Ich glaube, Treiber sind vor al­lem die Steaks, deren Konzentrat sich in den Drüsen wie Sprengstoff ablagert. Meine Blicke galten Virgies Brüsten und ihrem geilen Lederhintern. Flüchtige Blicke genügten, ihn mir nackt vorzustellen – mein Knabenspiel, das ich für Di­ana und ihre spiegelglatt ab­gewetzte germanische Lederhose liebeshungrig erfunden hatte, d-Moll nun in v-Dur transponiert. Jake zeigte auffällig stolz Muskeln. Dios mío, was für klar um­rissene Bizepse im kurz­ärmeligen weißen T-Shirt! Eine Kombination wäre der Himmel auf Erden, Virgies Po, ihre Brü­ste und solch starke Arme, die mich festhalten würden. Vielleicht haftete mein Blick zu lange auf diesen Armen, da mich die Frage streifte, ob man Steaks daraus schneiden könnte und wie sie schme­cken würden. Plötzlich kriegte ich einen Arm um den Hals. Jake mur­melte, er brauche heute eine Schulter zum Anlehnen. Meine schwachen, verspannten Schultern – zum Lachen! Ein Witz auf meine Kosten. Nicht weinen, om mani! Boys are not allowed to cry.
      In der Nacht fuhren wir zu dritt zur Ranch. Jake hängte sich an. Ich fand seine Gesellschaft angenehm, doch was hatte er mit Virginia zu schaffen? Ob sie meine Ge­danken erriet? Es verschlug mir die Sprache, wie sie das Thema anschnitt, als ginge es darum, für den Wagen eine Nachttankstelle zu finden. Sie sagte ungekünstelt bei­läufig, sie habe nicht vor, mit mir zu schlafen. Noch mit Jake. Wir seien beide minder­jährig. Hörte sich an wie minderwertig. Es würde Jake und mir doch nichts ausmachen, ein Zimmer zu teilen, weil sonst nichts hergerichtet sei, und sie im übrigen die beiden Damen, die ältere und die alte, durch nichts beunruhigen wolle? Ich schluck­te und atme­te tief durch. Jakes Pantherkörper verwirrte mich. Bisher hatte er nur an mir herumgezupft. Es war eine Frage der Zeit, bis eine Tatze vorschießen, die Krallen mein Fleisch durchbohren und mich zerreißen würden.
      Gegenüber Virginia hatte ich zu sehr auf die Pauke gehauen, um mich interessant zu machen. Ich bin mir inzwischen einigermaßen sicher, überaus verführbar zu sein. Nicht in jede Richtung. Die primären Zeichen des Männlichen, Bart, Behaarung, die häßlichen Schwänze und das Harte, Kantige des maskulinen Knochenbaus stoßen mich ab. Gern habe ich an Jungen, was ich nicht habe: Kraft. Abzulesen an den Wölbungen gut durchgebildeter Muskeln. Fred war so ein Muskelgott. Dieser flapsige Pfadfinder von der Nordseeinsel, von Uwe zu meinem Vorgesetzten bestimmt, nahm kurz und bündig auf meinem Körper Platz. weil ich mich der Campordnung nicht einpassen wollte. Vergeß’ ich nie, was er vor sich hin brummelte, als säße er auf einem gefällten Baumstamm, um seine Initialen in die Rinde zu ritzen: Was mach’ ich bloß mit dir? Bei so was werde ich zum Hasen, der unter einer Prise Salz alle Viere streckt. Das heißt, meine Angstmechanismen weichen ontologischer Wurstigkeit. Deshalb soll­te ich mich bei Jun­gen sehr in acht nehmen. So wie vormals bei meinem angebe­te­ten Leo­pol­do, mit dem ich solange die spielerischen Handgreif­lich­keiten zwischen rauflustigen Knaben genoß, bis ich ihn als gleich­gül­tigen Hen­ker entlarvte, dem es einerlei wäre, welche Knochen er mir je brechen würde. In Schach hielt ihn die Überlegenheit meines Kopfes, der hinsichtlich schulischer Lei­stun­gen die Marschrichtung im Institutsleben vorgab.
      Merkwürdigerweise läuft es mit Billy anders. Er ist meine Nummer eins geworden. Ich habe mich mit seiner unter runden, mädchen­haften Formen versteckten Po­wer abgefunden. Vor mir nimmt er sich zurück, leugnet seine Kräfte. Leugne, Quee! Kannst mich nicht täuschen. Ich weiß, wenn wir uns wiedersehen, nächstes Jahr (er wird sechzehn sein!), werde ich leise vor mich hinjammern wie ein Habenichts vor dem Dämon Mammon. Und werde das Gejammer gleich wieder einstellen, weil ich mich recht an seiner harmonischen Gestalt freue. Billy ist ein schlau­es, durchtriebenes Kerlchen. Von dieser Sorte kenne ich noch keins. So wie er langsam kauend dasaß, beim Abendessen, mir gegenüber, und mich wie ein Kamel an­starrte, hatte ich das beklemmende Gefühl, er entlarvte mich bis in den letzten Winkel meines Seins. Kein Kind. Ein mit allen Wassern gewaschener Trapper des amerikanischen We­stens, der mich wie Di­ana wog und vermaß. Ihr genügten flüchtige Blicke. Ihre Hände waren die wahren Fühler, die, über den Körper wandernd, meine Geheimnisse aufblätterten wie ein Buch für Le­se­schwache im Großdruck. Dios mío, warum schreibe ich das alles? Ach ja – darauf wollte ich hinaus: Kei­nem meiner drei Favoriten hätte ich an den Schwanz langen mögen, hätte es abgewehrt, würden sie es bei mir probiert haben. Denke ich daran, was kräftige Burschen, die in Objekt und Methode nicht wählerisch sind, an mir verbrechen könnten, graust es mir. Besonders vor jenen, die nur sexuelle Kicks im Schädel haben. Der Vollständigkeit halber sei Karim er­wähnt. Kein Favorit. Nützlich für allgemeine Fragen, die den nahrhaften Grund­brei der Existenz betreffen.
      Zuerst wollte ich sagen, ich würde lie­ber im Schuppen schlafen, Flausen dieser Art. Allein, dieser Reise meiner letzten Ferien vor der Reifeprüfung habe ich den Leitspruch zugeordnet, offen für alles zu sein. Keine Feigheit vor den eigenen Empfindungen will ich zulassen, kein Wanken von Courage, keine Furcht davor, verborgene erotische Wünsche zutage zu fördern, was immer sie für mich bereit­hal­ten mögen. Ich mein eigener – wie sagte Billy? – Impresario. Zir­kus­di­rektor, Kunstreiter, Galeriebesucher in einer Person, ge­mäß Di­anas Abituraufsatz. Den ich nicht lesen muß. Sie wird ihn auf meine Kosten geschrieben haben, einen Typ schildernd, der den Kopf auf die Brüstung legt, weil niemand sehen soll, daß er weint. Diana wird zehn-plus-plus bekommen haben, dazu eine Auszeichnung. Sie hat nur abzuschreiben brauchen. Von meiner See­le, meiner Gestalt, mit denen die Träume von Diana-Kunstreiterin, das weitere Leben betreffend, niemals wahr werden können.
      Es gab Aufschub. Vor einem schmutzigen, mit Ascheschnörkeln verschmierten Kamin, der klarstellte, Winter toben sich hier mit der gleichen Kälte aus wie auf iberischen Hoch­ebenen. Aufschub bei teurem Whisky, teuer der Flasche nach, auf der das Preisetikett keine Mißverständnisse aufkommen ließ, denn mein Pennäler-Ge­schmack ist ungenügend ausge­bildet, um Twelve-years-bottled von ordinärem Fusel zu unterscheiden. Im Betancourtschen Landhaus im katalanischen Reus wäre allein das Preisetikett ordinär, hier in den Staaten zeigt man offen, was Dinge wert sind. Red lief nach einem Hemdenkauf tagelang mit einem Preisanstecker auf der Brusttasche herum. Der Versuch, bei Billy darüber zu witzeln, fiel auf mich zurück. ,Wie­so?’ sagte er, ,in der Lederhose ist dein Name eingestickt. Mit lila Garn. Lila für einen Jungen! Ist zehnmal affiger.’ Ich weiß, er war scharf drauf, wollte sie mir abkungeln. Das kam für mich nicht in Frage. Er stillte das Verlangen auf seine Weise, sprang morgens lange vor mir aus dem Bett, zog an, was von mir her­umlag bis hin zu meinen Turnschuhen, und war weg. Für mich blieben Reds uralte Jeans und seine Knarrstiefel, die bei jedem Gang mit mir plauderten und überflüssigerweise empfahlen, rechtzeitig aufzustehen.
      Zurück zum Whisky. Nach zwei weiteren Drinks nahmen die Dinge um mich herum einen Spin an wie um den Atomkern tanzende Elektronen, von geheimen Kräften zu ewigem Tanz gezwungen. Jake lümmelte in einem Sessel, die Beine über die Lehne gehängt, und ließ die Fin­ger knacken. Virginia fragte mich wieder aus. Leu­te ausfragen ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Nach meiner Familie, meinem schulischen Status, meiner Freundin, warum sie mich nicht begleite. ,Ich habe keine.’ ,Du hast keine –?’ ,Keine feste.’ ,Fest oder nicht, warum nicht?’ ,Weil ich allein reisen will, zum Teufel! Weil ich...’ ,Ja’, sagte sie, ,ist okay, gefällt mir, wie du dich gibst.’ Damit pflanzte sie mir einen Kuß mitten auf den Mund und stützte sich noch schwerer zwi­schen meinen Beinen ab. Jesus, schlackerten mir die Knie! ,Du gefällst mir, wie du bist. Deine Latte wird noch fähiger, keine Sorge.’ ,Meine Latte?’ Traurig hörte ich Virginias Trö­stung. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie dieses hellwache Texas-Girl das leiseste Begehren an einem schmalen Körper wie meinem verspüren könnte. Sie lachte über mei­ne Verwirrung. ,Aber ja’, sagte sie. ,Ist mehr dran, als du glaubst. Nicht eifersüchtig werden, Jake’. Überlegend betrachtete sie dessen unanständig weit gespreizte Schenkel. ,Wehe, du belästigst ihn mit dei­nem aufdringlichen Gerät. Denk an die Ölwanne, in die ich dich jederzeit wieder packen könnte. Die abscheuliche Ölwanne, in der du herumrutschst, bis dir klar wird, man darf nicht alles anfassen, was daherkommt. Rückfällige Täter lasse ich länger in Öl braten. Das dürfte dir klar sein.’
      Davon begriff ich nicht viel. Wer benutzt Ölwannen? Nur Automechaniker kamen mir dazu in den Sinn. Ich schlief nach der biestigen Menge Alkohol sofort ein. Falls es einen sexuellen Aspekt zwischen Jake und mir gab, schlich er im Morgengrauen einher, als ich erwachte. Jakes Kopf ruhte auf den prallen Rundungen seines Oberarms. Wären wir aus einem Baukasten zu­sam­men­ge­setzt gewesen, hätte ich seine Ar­me genom­men und gegen meine ausgetauscht. Jake besitzt Billys marmorblasse, haarlose Jungenarme, zwar einige Nummern stärker, doch von der Mus­ku­la­tur her weniger durchgebildet. Im Umfang liegen Dianas Ar­me dazwischen, noch glatter und farblich ausgeprägter, würde ich sa­gen. Selbst in der sonnen- und blät­terlosen kalten Jahreszeit behielten sie, griechisch-mediterranes Erbteil, ei­nen Rest Sommerbräune, und der Duft ihrer Ellbogenbeuge war der grüner Haselnüsse. Falls meine Ellbogen je einen wahrnehmbaren Geruch verbreiteten, wäre es der halb verkümmerter Nüsse eines mißratenen Schößlings, ich, Dianas dürftiger Gespiele, eine taube Nuß. Elegisch versteckte ich meine Arme hinter dem Rücken und murrte gegen die Weltenseele. Mein übliches Morgengebet, das ich auf der Ponderosa ab­spulte, reckte der muskelbepackte Billy sich wie ein erwachen­der Jungtiger und maulte: ,Steh endlich auf, Blacky, du alte Schlafmütze. Oder wünscht der Señorito Frühstück im Bett?’ Mir ist unver­ständlich, wie der hart arbeitende Billy den Tag so lebhaft zu beginnen vermochte. Einmal hatte er, tropfnaß von der Dusche unter dem Pumpenschwengel im Hof, das Frühstück raufgeschleppt, auf einem Tablett. Kaum hatten wir die Eier aufgeklopft, machte Red uns Beine. Übrigens sind hier weiche Eier auf germanische Art unüblich. Bei uns auf der iberischen Halbinsel kocht man sie für gewöhnlich hart. In den Bars werden sie als tapa zum Wein serviert. Amerikaner haben eine Vorliebe für Rühr- oder Spiegeleier. Mit Speck und einseitig ge­braten. In Lokalen be­stellt man sie sunny side up.
Insgesamt, glaube ich, so der ernüchterte Eindruck vorhin beim Frühstück, halten wir nicht viel voneinander, Jake und ich. Er ist für mich ein schwatzender Hohlkopf und für ihn bin ich ein prüder Katholik, der zum Schlafen mindestens zwei Hosen übereinanderzieht. Reine Schutzmaßnahme. Falls mir jemand an die Wäsche wollte, hätte ich genügend Zeit, ihn zu töten, bevor ich geschändet wäre. Es empfiehlt sich dazu der Handkantenschlag ins Genick, von dem Bil­ly schwärmt. Dummerweise kann man ihn nicht trainieren.


      8. September. Virginia läßt uns unser Unverhalten nicht in Frieden haben, will man es so ausdrücken. Sie hat sich wohl in den Kopf gesetzt, zwischen Jake und mir Reaktionen in Gang zu bringen, hat nochmals freimütig angeregt, ich solle einen Jungen probieren. Probieren? Ich starre sie an und weiß nichts zu entgegnen. Was stellt sie sich vor? Für mich wäre ein bißchen Rangeln mit Jake das Höchste, aber Jake sieht nicht so aus, als ob er mit solch harmlosen Jungenriten Zeit verschwenden würde. Warum es für mich ausgerechnet Jake sein sollte, weiß allein Virginia. Viel­leicht, weil Jake der Typ ist, der von seinem zwölften Lebensjahr weg alles nimmt, schätze ich mal, was sich darbietet, von der Maus aufwärts und ungeachtet des Geschlechts, solan­ge sich ein brauchbares Geschlecht regt. Ich überlege, ob das ein amerikanisches Phänomen ist. Uns Spaniern konnte die Rock-‘n’-Roll-Welle und deren elementar lösende Wirkung aus bürgerlicher Starre nichts beibringen. Wir sind starr und versteinert in all diesen Schraubstöcken von Kirche, Polizei und Militär. Da regt sich zu wenig, um frühzeitig an handgreiflichen Sex zu denken, geschweige denn ihn zu praktizieren. Unsere Gesetzbücher schreiben als Geisteshaltung prüde vor, dem folgt unser Lebensstil. Wahrscheinlich ist es ein generelles Problem romanischer Länder. Das werde ich mit Fedi zu erörtern haben. Ich meine, ob wir je aufholen werden gegenüber einer so schrägen, lebensbejahenden Na­tion wie den Staaten. United Sta­tes of America. In puncto Lebensfunken sprüht hier alles nach außen, ein ständiges Feuerwerk. Siehe Jazz. Ich kenne Fedis Meinung und denke, er hat recht: Kein Aufmucken unserer Nation, solange die fachas am Ruder sind, alte Leute, die bald sterben werden. Amerika, du hast es besser. Du bist ja so viel wei­ter!
Virginia zeigte mir San Antonio. Das Zentrum ist spanisch wie irgendeine Straßenecke zu Hause. Ich fühlte mich gut, die Luft war trocken, im Schatten war es angenehm wie an einem Septembertag in Zamora. Sie hatte mich gedrängt, Shorts anzuzie­hen, aber ich wollte mich vor Jake mit meinen dünnen Waden nicht blamieren. Ich fragte jemand in Spanisch nach dem Telefonamt und bekam eine sauber akzentuierte Antwort. Jake spricht nicht Spanisch und Virgi­nia behauptet, sie verstehe kein Wort dieser Sprache. Das nehme ich ihr nicht ab. Sie las in meinem in Spanisch gedruckten Reiseführer über New Orleans zu lange, mein Kundschafterblick weiß zu unterscheiden. Jemand, der Sprache nicht mächtig, würde mit den Augen, Text überspringend, von Bild zu Bild gleiten. Virgi­nias Augen fuhren wie ein Schreibmaschinenwagen hin und her, langsam hin, Zeilenschaltung – ratsch! – zurück. Ach ja: Vor dem Telefonamt ver­ließ mich der Mut, die Verbindung nach Wy­oming schalten zu lassen.
      Gestern verdächtigte ich Virgie rundherum der Unkenntnis, meine Heimat betreffend, verkniff mir jedoch jeden Tadel. Gut so, denn heute denke ich, ich ordne sie falsch ein. Ich muß das wache Mißtrauen einbeziehen, das selbst ein politisch ungebildeter Durchschnittsamerikaner gegenüber diktatorischen Systemen hat, weil sie ein Stück weiter südlich auf dem Kontinent im Dutzend blühen und gedeihen, ein Regime oppressiver und korrupter als das nächste. Vir­ginia hat mächtig was auf dem Kasten. Sie hielt mir einen Vortrag über Kuba, daß sie da den Kommunismus einpflanzen, direkt vor ihrer Haustür. Mann, kann die reden! Klopft locker Sprüche wie Eier in die Tortilla, von Platon über Machiavelli bis Montesquieu und Leuten, von denen ich noch nie gehört habe, Chegel, Drodskie (?), offenbar die Hauptwegbereiter der Idiotie Alles gehört allen. Habe nicht wi­dersprochen, das wäre Sache von Padre Arucas oder Hinrich, meine Miene war angeekelt genug. Ich bin, wie Di­ana es aus­drücken würde, volle Pulle dagegen. Hinrich sagte: Alles gehört al­len? Von wegen! Wenigen gehört alles, der riesige Rest hat nichts. Natürlich kann Diana nicht mir gehören, aber der Gedanke, sie würde allen gehören, oder ich al­len, ist unerträglich. Keine Lust, weiter darüber nachzudenken. Zwei Menschen sollten zueinander gehören. Die Kirche mag sie segnen, der Staat es bezeugen und damit Schluß. Alles weitere geht niemanden was an. Und was Dinge angeht, objetos: Was meins ist, gehört mir! Streckt sonst noch jemand dauernd seine Pfoten danach aus­, verliere ich die Freude dran. Es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel Dianas Lederhose, die Billy so lange anzog, bis ich sie ihm in einem schwachen Moment schenk­te. Weil es mir Freude machte zu sehen, wie sehr er in das Stück Leder vernarrt war. Zum Dank steck­te er mich in die Reliquien seiner Kindheitsabenteuer, Riemen und Kapuze aus Büffelhaut. Summa summarum ein Häutetausch, eine uns beiden genehme Neuverteilung, zu der wir keinen Kommunismus brauchten. Es schien, als hätten wir ein Stück un­serer eigenen Haut getauscht. Die wir von Octavio geschenkt bekamen und die, darüber werde ich noch nachdenken müssen, für uns beide berechnet war.
      Vielleicht hat Virginia eingesehen, daß ich nicht Jake gehören will oder umgekehrt er mir. Sie änderte das Programm und schlug drei Tage Mexiko vor, eine Möglichkeit, meine letzten Fe­rientage sinnvoller zu verbringen, als in Bars rumzuhängen. Sie behauptete, sie habe in der Nähe von Monterrey beruflich zu tun, kurz und punktuell, wir seien rechtzeitig zurück. Meinen Rückflug ab New Orleans könne man auf Laredo umbuchen. Ich fand es wahnsinnig nett von ihr, einer Zufallsbekannt­schaft so entge­gen­zu­kom­men, sag­te ohne Zaudern ja und bedankte mich artig mit einer Verbeugung. In Wahrheit neigte ich den Kopf, um ihre Schenkel zu betrachten, die sich in voller Länge aus verwegen kurz abgeschnittenen Levi’s anboten. Jake fragte kaugummimümmelnd, ob er dabei sei. Für ei­nen Moment flog ein Ausdruck über ihr Gesicht, ein Stich ins Hin­terhältige, wie ihr Mienenspiel in den Spiegeln des House beim Ab­tasten mei­nes Körpers. Sie grinste amüsiert wie dort im Moment meines Durchdrehens, warf beziehungsvolle Blicke auf uns beide und sagte: ,Ich kann Hilfe brauchen, Tucker junior.’ Klar! Tuc­ker ju­nior muß mit. Ich bin ein lieber, wie auf Grußpostkarten grünes Gras mümmelnder Stallhase. Keine Hilfe. Für gar nichts. Ein Ferialpraktikant seines eigenen Lebens.
      Zu blöd! Mein Notizbuch ist aus. Mir genehmen Ersatz gibt es hier nicht. Habe jeden erreichbaren Paper Shop abgesucht. Sie verkaufen nichts Fadengeheftetes. Nur am Schnitt geleimte Blöcke. Da fällt bei meinem ständigen Blättern auf der Suche nach bereits verarbeiteten Gedanken nach und nach alles auseinander. Hät­te nicht gedacht, in diesem Sommer so viel zu schreiben. Letztes Jahr, auf der Ponderosa, hatte ich an manchen Tagen keine Zeile geschrieben. Weil Billy mir die Stoa der Körpersprache verordnete. X-mal nahm er mir frech den Bleistift weg, sagte, der Mist kann warten, komm jetzt, Blacky. Oder muß ich dich kidnappen? Für deine Glieder reicht mein dünnstes Lasso. Schneidet gemein in die Rippen, Mann, das hättest du davon. Assoziation: Fadenheftung und dünne Lassos! Gefiel es mir nicht gut, wie der lebhafte Junge mich drängelte? Erstaunt verriet Phoe mir, Billy habe nie so recht mit Jungs gekonnt. Was bis auf seine Teddybären durchschlug, die er links liegen ließ. Lieber spielte er mit den Puppen seiner älteren Schwe­stern. ,Habt ihr ihn da nicht ausgelacht?’ ,Gott – ja!’ sagte Phoe, ,sicherlich hatten wir ihn ausgelacht. Das machte Billy nichts. Gegen Auslachen war er immer unempfindlich. Er behandelte die Puppen in hei­li­gem Ernst, als seien es seine Babys. Und so, wie er mit Kleinkindern umgeht, wird er ein fürsorglicher Vater wie aus Dr. Spocks Erziehungsleitfaden werden.’
      Eigentlich gefällt mir, wie die drei Frauen der Lone-Star-Ranch mich zum Baby degradieren und, werde ich grade mal nicht gefüttert, ins Schwatzen drängen, abgesehen davon, wie über all den entbehrlichen Details das Papier zu schnell verbraucht wurde. Dieses geile Stück Virgie! Sie tut so, als könnte sie nichts als plappern und zieht dabei alles aus mir raus. Alles. Als würde sie sich besser mit mir auskennen als ich selbst. Stop!! – Die letzten freien Zei­len bleiben für Geistesblitze reserviert!!’

 

(Seiten 7 bis 40 von 605)