Harald V. Bergander · Snakie - Billy

 

 

 

"There is a house in New Orleans

They call the Rising Sun

And it’s been the ruin of many a poor boy

And God I know I’m one

 

My mother was a tailor

she sewed my new blue jeans

My father was a gamblin’ man

Down in New Orleans …"

 

 

 

Die Gruppe The Animals hat mit dieser Version den amerikanischen Folk-Blues Song The House of the Rising Sun besonders populär gemacht. Er gelangte 1964 in den US- und UK-Charts auf Platz 1.

 

 

 

 

  Gewidmet ist dieses Buch meiner geliebten Sabine

 

 

 

 

 

I

 

Was er von oben sah, gefiel ihm nicht. Der Fluß, den er sich breit und lehmfarben wie den Guadalquivir vorstellte, war inmitten eines Gewässergewirrs kaum auszumachen. Auf der Gangway erschlug ihn die Luftfeuchtigkeit wie jener Eimer Wasser, den Diana aus dem ersten Stock der Kurdirektorsvilla über ihn ausgeleert hatte. Für einen Moment war ihm die Luft weggeblieben. Tropfnaß hatte er dagestan­den, alle hatten auf seine Kosten ge­lacht, am schäbigsten Diana. Aller­dings auch Tante Vrassi. An ihr hatte er sich gerächt, indem er eine Patiencekarte entwendete und erst am nächsten Tag unbemerkt wieder in den Kartenstoß steckte. Sieben Partien waren nicht aufgegangen. Sie hatte ausgerufen: „Moses, warum hast du mich verlassen?“ Diana hatte er Waldmei­ster­pud­ding in die Haare geschmiert und sich geweigert, ihr wie sonst beim Haarewaschen die Brause zu halten.

Jeden Tag wünschte er sich in jene Zeiten zwischen Kindheit und Erwachsenwerden zurück. Was nun kam, war kein Kinderspiel. Der Sprachkurs ging knallhart über acht Wochen. Jeweils fünf Tage har­te Schulbank, am Samstag Ausflüge in die Umgebung, wobei verschiedene Ausformungen eines in allen Bundesstaaten verständlichen Amerikanisch studiert wurden. Die Schüler lernten Einflüsse spanischer, französischer und deutscher Sied­ler zu un­ter­schei­den so­wie den schwierigeren Sprachmix von Einwanderern aus der Karibik. Selbst am Sonntag gab es gewisse Vorgaben, in erster Linie den gemeinsamen Kirchgang. Manuel wähnte die Fraternität und deren weit­ausgeworfene Netze schon wieder nahe. Beweis fand sich kei­ner dafür, und keiner seiner Mitschüler, die bunt gemischt aus allen Tei­len Spaniens kamen, wußte mit der Fraternität im Lichte des Herrn Kon­kretes zu verbinden.

Jemand erklärte, die Stadt sei die tonangebende Metropole katholischen Glaubens in den Südstaaten. Fürwahr besaß sie reihenweise ka­tholische Kirchen. Es kam Manuel in der Eintönigkeit des Instituts­alltags gelegen. Er konnte mit­tags in eine halb­wegs kühle Kirche gehen und eine Stunde meditieren. Ein anderer Platz bot sich nirgends. Die lär­migen Straßen und die stickige, feuchte Hitze am Golf von Mexiko machten müde. Das Kauderwelsch, in dem viele Leute auf der Straße unbekümmert miteinander palaverten, verwirrte den an klare Strukturen gewöhnten Jungen.

Des Abends war er gewöhnlich mit seinem Zimmergenossen unterwegs, einem schlitz­ohrigen Gesellen aus der Provinz Lérida, der Nutzen daraus zog, daß Manuel in der Klasse schlecht Anschluß fand und, naturgemäß den Weg des geringsten Widerstandes gehend, seine Gesellschaft suchte. Es gelang dem Burschen, Manuel finanziell zu schröpfen, zahl mir ‘ne Cola, zahl mir ‘n Eis, hast du mal eben Kleingeld fürs Telefon...? Gab der Kastilier nicht nach, ergoß sich ein Schwall katalanischer Rede­flut über ihn, aus der Schimpfworte herauszufiltern waren, darunter Schwul­chen. Klar, Manuels Blicke blieben gern an den run­den, bäuerlichen Schultern des Mit­streiters und am Blondhaar hängen, das in der Sonne golden schimmerte. Ein Mazedonier aus Alexanders Heer. Körperlichen Kontakt hatten sie keinen miteinander. Im kleinen Raum, wo sie sich täglich voreinander auskleiden mußten, kam es in den acht Wochen zu keinem kameradschaftlichen Hieb auf die Achsel oder einem zwischen Jungen ähnlich unverbindlichen Zeichen.

Der Katalane war li­stig, hatte Köpfchen, wenngleich nicht Manu­els literarisches Wissen. Durchmaß das Gespräch Schlachtfelder der Dichtkunst und Manuel stellte Heroen wie Galdós oder Pío Baroja vor, rächte sich Blondy post­wendend mit Gestalten aus dem schreibenden Fußvolk wie Josep Pla. Manuel konnte nur lahm entgegnen: Ach ja? Ein katalanischer Po­li­ti­ker?! Vielleicht dachte er an Totalitarismus und Josip Broz Tito. Am gering­schät­zigen Grinsen seines Kameraden erkannte er den Fehltritt. Und am Schweigen, daß Katalanen das ihre gern für sich behielten.

Später kam er darauf, das Schwulchen war nur so hergesagt gewe­sen. Wohl­er­zogen, wie er war, nahm er die Eigenschaft seiner Landsleute zu wörtlich, mit schweinischen Wörtern wahl­los herumzuballern. Der Hurensohn gehörte dazu oder das Angebot der eigenen Fäkalien. Es wurde je nach Gelegenheit den Eltern, an­de­ren Respektspersonen oder sogar den Überirdischen offeriert. Stan­dard­flü­che nahmen notorisch die Geschlechtsteile aufs Korn, männ­liche wie weibliche, oder exo­tische Gegenstände wie die Hostie, geweiht und ungeweiht. Manuel wußte nicht, ob Blondy noch Jungfrau war. Er war es unverrückbar. Deshalb machte er sich zunehmend Sorgen. Das Initialalter zum ersten Koitus vermutete er bei sechzehn Jahren, angewandt auf Jugendliche seiner Schulbildung. Die der Pflichtschule oder die des Spaniens der Analphabeten schafften es mit vier­zehn, weil über ihnen nicht der Mief der bürgerlichen Mittel­schicht wogte. Dort schoben asexuelle Hüter namens Katechismus oder Dogma Wache. Kein Nährboden, un­­be­fan­gen Nei­gun­gen zu entfalten, welche immer es waren. Bestürzt fragte er sich manchmal, was aus ihm werden sollte, Reds Stimme im Ohr, man tue es mit vierzehn oder mit vierzig noch nicht. Er wußte nicht, ob Red sich auf eine in­dianische Weisheit bezogen oder eine Redensart unter Cowboys auf­gegriffen hatte. Abge­sehen davon, daß Red stracks auf ihn anspielte und eigentlich hat­te sagen wollen: Der Versager steht dir auf den schmalen Körper geschrieben. Nimm dir Billy als Vorbild. Der hat die Weihen zum Weiblichen mit knapp vierzehn erhalten... Sein Halbbruder war dabei, ihn auch schulisch aus dem Rennen zu werfen. Obendrein hatte er auf ihn geschossen: Aus dem Weg! Einer von uns reicht. Ich, William S. Riley, der Fähigere. Die Kugel hatte ihn verschmäht, weite, unverständliche Spiralen beschrieben wie ein im Wurf befindliches Lasso, um Billys erlauchte Teile zu treffen. Das konnte nur einem gelernten Cowboy gelingen, sich dort reinzuschießen und keinen Schaden anzurichten. So glimpflich, wie es abgelaufen war, mochte Bill für das nächste Rodeo eine Nummer damit vorschweben. Als brauche seine Kunstfertigkeit mit Schnüren und Riemen diese Krönung von Pulver und Blei.

Eines Mittags suchte Manuel telefonisch Verbindung mit den Ri­leys. Er wollte den Miß­ton nicht stehen lassen, er habe diesen Sommer gekniffen. Hatte er ja nicht. Die Umstände zwangen ihn. Nach Spanisch war Englisch sein Hauptfach für das Bachillerato. Das Zeugnis des Sprachkurses würde, gleich wie es ausfiele, gewichtend mit herangezogen, während ein weiterer Aufenthalt auf der Ponderosa nicht einmal ein Achtungsgewicht wäre.

Essenszeit. Reena kam an den Apparat. Sie war mit ihrer Mutter, der es gesundheitlich schlecht ging, allein im Haus. Höflich sagte er, das tue ihm leid. Er bestellte Grüße, obwohl er wußte, daß Mrs. Sullivan sich aus seinen Grüßen absolut nichts machte.

„Blacky, mein Junge“, sagte Reena, „wir vermissen dich sehr. Natürlich ist uns klar, daß die Schule und was so dranhängt, Vorrang hat. Wär’ schön, wenn du es einrichten könntest, herzu­kom­men. Gib Bescheid. Pete stiftet dir den Flug.“

„Danke. Ja, wäre schön!“ Sehnsucht durchzuckte ihn nach den wei­ten Ebenen und den Bergen Wyomings. Dort gab es köstliche, trockene Luft. Hier, am stinkenden Fluß mit den vielen S und P im Namen für Schiet und Pisse, wie Diana sagen würde, fühlte er sich wie in einem riesi­gen ungeputzten Klo.

„Wenigstens ein paar Tage“, sagte sie. „Ausspannen. Ferien machen. Durch die Gegend reiten. Nichts sonst.“

„Würd’ ich gern tun, Reena. Lieber heute als morgen.“

„Und für nächstes Jahr, da nehmen wir dich beim Wort! Es wird viel mehr Platz sein. Phoe und Red heiraten, sobald ihr Haus fertig ist. Sicherlich im Herbst.“

„Alle Achtung!“ Für einen Moment schloß er die Augen, stellte sich die beiden genüßlich vor, wie sie es treiben würden, ohne hemmendes schmales Bett, ohne die knarrenden Dielen im oberen Stock­werk des Rileyschen Farmhauses. Neid auf Red. Denn mit Phoe läge er gern im Bett. Mit ihr würde es klappen. Nun würde in Kürze eine kleine Phoe herumlaufen. Nie von ihm. Was aus ihm träufelte, würde nicht ausreichen, eine Katze zu zeugen.

„Tut mir leid, daß Billy so frech zu dir war, neulich. Meint er nicht so. Der Bengel ist in einem schwierigen Alter.“

„Gewiß. Hat er das Internat da gut überstanden?“

„Oh“, sagte Reena, „das weißt du noch gar nicht!? Er ist Schulbester. Pete ist ganz aus dem Häuschen. Du kennst ihn ja. Das hat er ihm einfach nicht zugetraut.“

„Billy ist begabt. Begabter als ich.“

„Ach, Blacky!“ sagte sie, und einen Moment glaubte er hinter Reenas dunkler Stimme Billy zu hören und dessen Hände zu fühlen, spielerisch nach ihm greifend. „Wie gern hätte ich dich jetzt hier. Du bist mir genauso lieb wie mein eigener Sohn. Und ehrlich gesagt, weniger fremd.“

„Danke, Reena“, stammelte er. „Danke für alles. Ich rufe wieder an.“ Er legte auf und verlor völlig die Fassung. Er stand vor dem Te­lefon und weinte hemmungslos. Immer wenn er mit Reena telefonierte, mußte er weinen, wie er seit Magdalenas Tod nicht geweint hat­te.

„Schlechte Nachrichten, mein Junge?“

„Ja, Ma’am.“ Er wandte sich der fülligen Schwarzen zu, die, umflossen von einem bunten Kleid aus haitianischem dünnen Leinen, eine Weile auf ihren turn gewartet hatte. „Was sagen Sie? O nein, Ma’am. Keine schlechten Nachrichten. Im Grunde gute.“

Am Abend durchstreifte er zwei oder drei Lokale, wo Jazz live gespielt wurde, meist in Richtung Blues, und das erinnerte wieder an die Rileysche Farmküche, wo er diese Musik lieben ge­lernt hatte. Granny Sullivan hatte mit den Lockenwicklern gut dazu gepaßt, mit ihren tausend Verrichtungen an Körper und Kleidung, als stände auf dem Hof ei­ner ihrer früheren Verehrer, dem sie sich möglichst perfekt dar­bieten wollte. Ein Verehrer, im Cadillac vorgefahren, ein­la­dend den Schlag öffnend. Vielleicht mit einer Jazz­trom­pete auf dem Rücksitz. Nur paßte das nicht zu Wyoming. Dort­ paßten Pick­ups hin, Lassos, endlose Weidezäune.

Je mehr Musik er hörte, desto mehr wur­de ihm bewußt, daß er vom Jazz rein nichts verstand. Falls Musik vielleicht generell nicht seine Sache war, Jazz mochte er stun­denlang hören, und er fand, ein meisterhaft geschlagener Jazzbesen mit seinem metallischen Klang versenke ebenso in Trance wie ein Joint. Dagegen gemahnte ein Klarinettensolo an das Einreiten des Postillions mit miesen Nachrichten. Gleich fiel ihm Rosins­ky ein. Rosinsky, den er interessant fand und eines Freundschaftsantrags wert. Ungeachtet der bitteren Gegebenheit, daß Rosinsky ihm Di­a­na weggeschnappt hatte.

Dieses Jahr schloß sein Hin- und Rückflug nahtlos an den Unter­richt in New Orleans an, doch nicht an den Unterricht in Spanien. Schon das nutzlose Warten auf den Abflug zu Hause hatte ihn zappelig gemacht. Anfang September würde er in Salamanca wieder zehn Tage Freiheit verschenken. Er beschloß, den Flug umzubuchen. Das gelang. Er begann Pläne zu schmieden. Warum nicht zur Ponderosa? Es durchrieselte ihn heiß. Rose Chatton. Er auf Toddy, durch die weiten Prärien preschend... Zu gefährlich! Er würde schwach werden, kleben bleiben, die Schule doch noch hinschmeißen, alles mögliche vorschieben, um in den Staaten zu ver­weilen. Es durfte nicht sein! Er wollte sein Bac, auch wenn er danach keinen Hörsaal be­treten würde. Einigermaßen ratlos stu­dierte er die Landkarte. Welch riesiges Land! Alles war weit weg, ob er nun New York anpeilte, Chicago oder Los Angeles. Miami ginge, aber das interessierte ihn nicht. Er käme vom Regen in die Traufe, in die gleiche schreckliche Schwüle, in der alles feucht und klebrig war und einen selbst am Strand die Mücken plagten. Unter dem Strich blieb Texas. Die Wüste war okay. Die Abscheulichkeit von Schlafsäcken hinneh­men und einen kaufen. Da­mit er unabhängig war. Es wäre interessant nachzuprüfen, ob dort so viele Skorpione herumkrabbelten, wie Pete Riley behauptet hatte. Unter im Sand ausgebreiteten Schlafsäcken, in de­nen Jünglinge lagen.

Der Kurs schritt dem Ende zu. Durch die Prüfungen wurde er so lustlos und erschöpft, daß er alle Entschlußkraft einbüßte und die Reisepläne aufgab. Bleiben, wo er nun mal war! Am Abend durch die Kneipen streifen, tags­über am Meer liegen, drüben in Mississip­pi, wo es schönere, der Karibik würdigere Strände gab als an den Ufern des Lake Pontchartrain. Sich der Aufgabe stellen, ein Mädchen aufzureißen. Er war sich nicht sicher, ob dies seinem tiefsten Willen entsprang oder trotzigem Jetzt-zeig-ich’s-mal-Red.

Meister Zufall begleitete ihn und Goldhaar am Vorabend von dessen Abreise. Sie hatten gute Zeugnisse bekommen, Grund genug, daß der Katalane eine Kneipenrunde vorschlug, um die überstandene An­strengung zu begießen. Dabei gerieten sie, wie schon öfters, in Seitengassen der Bourbon Street. Um eine merkwürdige Bar ohne Tresen hatten sie seit Tagen immer engere Kreise gezogen.

Ein lückenloser Rückblick auf den Gang der Ereignisse war Manuel später dank seiner pedantischen Notizen faßbar.

 

,31. August, weit nach Mitternacht. Dir gewidmet, Diana. Und für dich bestimmt. Wer sonst würde es verstehen?

Beklom­men tranken wir uns Mut an, um uns in das House zu wa­gen, das uns bei den abendlichen Streifzügen aufgefallen war und bislang auf Distanz gehalten hatte, esa casa de chicas, raunte mein Be­glei­ter, ya sabes... Wir wetteten, wer zuerst zum Zuge kommen würde. Ja, wir wagten uns hinein, beide, setzten uns frech auf ein ro­tes lederbezogenes Sofa unter einschläfernder matter Beleuchtung. Damit war unser Schwung dahin. Beklommenheit ergriff uns an­ge­sichts hochhackiger nackter Beine, derer, an uns vorbeistöckelnd, klick-klack, kein Mangel war. Eine dunkle Stimme fragte nach unserem Alter. Nicht nur die Stimme schüchterte ein. Vor unseren Augen hingen freizügig dargeboten Brüste in einer seidigen Bluse. Noch einschüchternder wirkten die strammsitzenden Lederhosen. Deren energischer Glanz von asturischer Steinkohle deutete die unterirdische Teufe an, der wir entgegenschlitterten. Der Bur­sche aus Lérida – übrigens mit so widersinnigen Tauf- und Fam­ilienna­men behaftet, daß ich sie im gegenseitigen Verkehr sparsamst verwende und für mich intern bei Goldhaar bleibe – stotterte, siebzehn, weil ihn die für uns Spanier exotischen ledernen Beinkleider einschüchterten, vermute ich mal. Meinen Gedanken gaben sie einen Schubs, halfen dort über hemmende Stufen hinweg. Wir beide in den germanischen Kalbshaut-Shorts deines Bruders, Diana, ich weiß noch, welch spezifische No­te sie unseren Spielen gaben. Folglich spuckte ich geistesgegenwärtig aus: ,Neun­zehn.’ Dein Prinz Rosinsky wäre viel­leicht auf zweiundzwanzig gegangen. Oder gar nicht erst gefragt worden, Slawen sehen mit bittenden Händen ur­alt aus. Mein argloses Gesicht hasse ich in solchen Momenten. ,Also raus mit dir’, sag­te sie zu meinem Zimmergenossen und, mich schärfer ins Auge fassend: ,Zeig deinen Ausweis, Bübchen!’ Goldhaar schlenderte feixend Richtung Tür und wartete, weil er überzeugt war, wir würden so hinausgehen, wie wir uns reingetraut hatten, gemeinsam. Ich wies meinen Paß vor, der außer meinen Personalien den absurden, mir unverständlichen Vermerk trägt: Gültig für alle Länder außer der Inneren Mongolei. Ihre Augen überflogen flüchtig das Dokument und meine Gestalt. Vielleicht hielt sie mich für einen schmal­wüchsigen Mongolen mit Asylrecht in einem europäischen Land. ,Na gut’, entschied sie. ,Wenn du zahlen kannst...’ Und zu Goldhaar gewandt: ,Ich sagte, du sollst Leine ziehen!’ Langsam ging der Junge. Sein Grinsen zerfloß in Fassungslosigkeit. Eine verlorene Wette. Er schläft jetzt, die Nase in die Ellbogenbeuge gedrückt. Es sieht katzenhaft aus. Ich lasse ihn schlafen. Auch eine Kat­ze würde ich nicht unnütz wecken. Kann ihn vor seinem Abflug am frühen Nach­mittag noch frotzeln und raten lassen, warum die Lady mich nicht an die Luft setzte. Ich sehe jünger aus als Goldhaar.

Mein Problem in dem Moment: Geld hatte ich nicht reichlich. Intuitiv verstand ich, die Empfangsdame würde mir vermutlich auch das bis zu gewissen Grenzen durchgehen lassen, da sie schon meine Minderjährigkeit ignorierte – hätte ich nicht einundzwanzig sein müssen? Vielleicht hatte Zebaoth in einem R-Ge­spräch befohlen, man solle mir in Einzelunterricht beibringen, wozu der Kram zwischen den Bei­nen da ist.

,Ich bin Jas­mine’, sagte sie, während sie mich, unter die Achseln fassend, hochzog und meinen Körper bis zur Tail­le abtastete, Hüften, Hintern, Schenkel. Das, weswegen ich hergekommen war, ließ sie gnädig aus, dort konnte keine Pi­stole verborgen sein. Oder das Messer eines ver­kappten Prostierten- (oder Prostituten-?) Schänders. Mann, Billy hat mich verdorben mit seinem Fremdwortgestottere! Wir waren gleich groß, die Lady und ich. Ihre grauen Augen durchbohrten mich spitzer als deine Pfeile, Di. Alle Forschheit zusammennehmend, legte ich die Hände um ihre Taille und versuchte den Aufstieg zu den Brüsten. Sie wehrte es nicht ab. ,Sprach­schüler, wie? Und jetzt wis­sen wir nicht weiter!?’ Stumm nickte ich, ließ die Hände wieder sinken. ,Corinne!’ rief sie über die Schulter.

Ein anderes Mädchen kam, eins von den nacktbeinigen, vor denen ich, offen gestanden, Bammel hatte, weil diese Aufmachung meinen Schwanz – zumindest nach meinen Erfahrungen mit Vorbildern in Il­lustrierten – in sich selbst zurückgezogen verharren läßt. Für einen umfassenden Rückzug war es zu spät. Jasmine versetzte mir einen richtungsweisenden Stoß, und Corinne schleppte mich die Treppe hinauf in den ersten Stock. Ihr Zim­mer war gemütlich, mit tausend Pol­stern und Kuscheltieren, ohne jene klinische Puffatmosphäre, von der Red so schwärmt, kah­le weiße Wände, messingfarbene Gitterbetten. Gleichwohl war ich eingeschüchtert wie ein Patient vor einer Operation mit erklärt ungewissem Ausgang. Corinne betrachtete mich professionell, die vorbereitende Krankenschwester. Die Diagnose faßte sie in halblautem Seuf­zen zusammen: ,Ach, du liebes Lies­chen!’

Genau das dachte ich, als sie sich auszog und ich in der animalischen Schärfe der Jugend darauf hingewiesen wurde, wie anders ein Frauenkörper beschaffen ist, verglichen mit meinem. Bei mir ist nur ein Hebel zu bedienen. Bei einer Frau viele. Deren Lage ich unvollständig kenne, aus der Theorie eben, und über die Reihenfolge der Bedienung bin ich mir nach mei­nen Vorstudien bei dir, Di, keinesfalls im klaren. Vermutlich tat sie das einzig Richtige gegenüber einem Novizen. Sie füllte ein Wasserglas mit Whisky und flößte ihn mir ein, bevor sie mich bedächtig auszog und dabei streichelte. Es erscheint mir jetzt noch als Mirakel, daß ich durchhielt. Ich war sicher, mein Schwanz würde sich nie und nimmer dazu hergeben, das passende Format ein­zuneh­men, um eine Furche ungewisser Weite satt auszustopfen.

Zuerst klappte rein nichts, weil ich es nicht gewohnt bin, ein Präservativ ertragen zu müssen. Auch nicht, als sie, gewissermaßen männlich zugreifend, meine Eier knetete. Bis sie mir die Augen verband. Ihr schwarzes Trikot legte sich beruhigend und irgendwie wär­mend über mein Gesicht. Und das Kondom nahm sie wieder runter. Das brach den Bann. Diana, du verstehst, was ich meine. Danach, wie du mich als Knaben kennenlerntest, meine Eigenheiten, Vor­lieben und Abneigungen, verstehst du es. Statt des Banns lag sie auf mir, weich und warm. Im Grund brauchte ich nichts zu tun. Die Sache strebte von selbst dem Höhepunkt ent­gegen. Es wunderte mich, daß Corinne nicht von mir abhob, bevor mein Innerstes herausschoß und ich aufbrüllte, als hätte sie mir weh getan. Ein dio­ny­sischer Schrei? Wie er in der Weltliteratur beschrieben wird? Ich weiß es nicht. Mindestens war es lust­vol­le Selbstvergessenheit, die ich lang ersehnt hatte.

Nichts gegen unsere Spiele, nichts Abwertendes, meine ich. Aber zwischen uns liefen gleichzeitig tausend Kontrollaufgaben ab. Lauschen Gertrude oder Rudi? Klinkt Euphonia an der Tür? Ist mein Schwanz weit genug weggebogen von deiner göttlichen Höhlung, die jeden Funken begierig aufsaugen würde, um ein gefährliches Feuer zu entfachen? Corinne wandte den Kunstgriff an, den du beherrschst, den jede Frau beherrscht. Abgesehen von Eva und etlichen Generationen nach ihr, denn sonst wären wir nicht. Ich war schnöde zwischen ihren Schenkeln abgespeist worden, habe noch kein Bac in Sachen Liebe bestanden. Nur eine der zahlreichen Vorprüfungen. Ich widme dir diese Seiten, o meine Göttin. Längst wer­den du und Rosinsky in diesem Derby an mir vorbeigezogen sein, so wie du schulisch, ein Jahr überspringend, an mir vorbeizogst. Und fraglos lenkten deine Schenkel nach mir edlere, kraftvollere Rösser.

2. September. Gestern geriet ich, nachdem ich Goldhaar zum Flughafen gebracht hatte, in ein Begräbnis. Man könnte auch sagen, in eine Manifestation des Blues, da die Trauergäste sich so gemessen bewegten, wie es dem Anlaß und der musikalischen Form entsprach. Doch alles löste sich in schnellere Rhythmen auf, eingeleitet von übermütigem Dixie. Alle lachten und klatschten, umfaßten sich und tanzten. Ich hätte nie gedacht, daß man nach Jazz tanzen, daß ein Begräbnis so fröhlich sein kann. Man lebt und teilt seine Freude mit dem Verstorbenen, der es hinter sich hat. Ich hörte Mamá, wie sie mir aus weißen Kumuluswolken zuflüsterte: ,Tanz, Junge, tanz! Um mich ist es herrlich, so soll es um dich sein.’ Ein Wolkenbruch prasselte nieder, der uns alle auf die Haut durchnäßte. Das Wasser lief mir in Strömen am Körper herab, in die Turnschuhe hinein. Ich zog sie aus und lief barfuß. Bis eine Glasscherbe in den großen Zeh schnitt und einige Schmerzenstropfen ins diesseitige Glück mischte. Es scheint mein Los, Glück nur gedämpft zu genießen. Damals im Kurdirektorsgarten hatte ich mir provokant die nassen Kleider und Schuhe vom Leib gerissen und war dabei auf einen toten Igel getreten.

Eine unerklärliche Leichtigkeit setzte sich in mir den ganzen Tag fort. Übermütig beschloß ich, alle Abende meines Aufenthaltes im House zu verbringen. Nun bewege ich mich im Dreieck zwischen diesem Hort nächtlicher Entzückungen, meinem Gästehauszimmer zwei Straßen weiter und einem billigen mexikanischen Restaurant, wo sie einem nicht dauernd französisch-kreolischen Mischmasch vorsetzen, Fischmus oder undefinierbare Eintöpfe, was weiß ich. Ich mag Speisen, bei denen die Zutaten unterscheidbar sind. Habe nie so viel Kartoffeltortilla mit Heißhunger verschlungen wie dort. Den An­teil an Saubohnen mit Chili mußte ich runterfahren, nachdem es im House zu geräuschvollen Pannen kam, von den Mädchen naserümpfend quittiert. Sie sind feinfühliger, als ich dach­te. Merkwürdig gediegen ist ihre Spra­che, da hatte ich mich auf amor­phen Slang eingestellt. Sie haben Bildung. Die ganze Riege. Die Defini­tion, die ich mir bezüglich solcher Frauen ausklügelte, ist offensichtlich falsch. Schleunigst strich ich den Ter­minus Hure, zumal eingedenk der Kategorien der Fraternität jeder Körper Tendenzen zum Hurenhaften hat. Also auch meiner, der erst beginnt, sich einen Begriff von anderen Körpern zu machen. Dabei vermag ich nicht abzuwä­gen, ob er hinlänglich zu einem gesicherten Begriff seiner selbst vorgedrun­gen ist.

Gestern ein anderes Mädchen erobert, Paulette. Vom Wechsel verspre­che ich mir Geläufigkeit. Es ist lauschig mit ihnen, hat man ihr Vertrauen gewonnen. Man sagt, umarme mich, und sie tun es. Will ich ins Herz der Dinge vorstoßen, bestehen sie auf der Gummivorschrift. Sogleich versage ich. Was nützt es, mich selbst dafür zu schelten! Ich habe Präservative gekauft, rede mei­nem Schwanz gut zu, übe zur Zeit der Siesta das Steifwerden in dem stic­kigen, lichtlosen Gästehauszimmer, dessen Fenster mit zerbrochenen Scheiben in einen schachtförmigen Hin­terhof geht, wo ge­heimnisvolle Maschinen rattern und in langen Pausen ein so aufreizendes Pffft-pffft ausstoßen, als solle ich animiert werden, mei­ne Übungen mit Pffft-pffft stilgemäß zu beenden. Das tue ich nicht, bremse rechtzeitig ab. Jede dieser Ge­neral­pro­ben klappt wie am Schnür­chen. Naht die Stunde, wird es Nacht in Bluestown, verweigert sich mein Schwanz. Als sei es Zeit zu schlafen. Allein. Mit mir. In dieser Art Zwei­sam­keit als der einzig möglichen, die mir verordnet ist.

4. September. Am dritten – nein, vierten Abend im House, ich war spät dran, wollte mir ein muskelbepackter Bursche, Typ Rugbyspieler, den Einlaß verwehren. Kühn verlangte ich nach Jasmine, was so prompt Erfolg hatte, als hätte ich eine American-Express-Card gezückt. Ihr rotes Haar erinnert mich an die vor einem Jahrzehnt entschwundene Alai­ne meiner Feriensommer in Biarritz. Jasmines Gang ist ähnlich, als trüge sie maghrebinische Schnabelschuhe. Sie faßte mich gerührt ins Auge wie einen lang vermißten Stammgast und ver­wickelte mich gleich in ein Gespräch. Sie scheint diese Tätigkeit nicht ständig auszuüben. Vielleicht hat sie ihr Studium unter­brochen oder sogar hingeschmissen.

Andere Freier trafen ein. So vom Alter her hätte ich mir unter ihnen einen Vater aussuchen können. Auch Großväter waren drunter. Jasmine neigte sich mir zu, hatte vielleicht zu viel getrunken, nuschelte mir ins Ohr, sie würde mich zum Essen einladen wollen. Konnte ja nicht ihr Ernst sein! Was würden wir für ein Paar abgeben! Highschoollehrerin plus Vorzugsschüler, bei Fischsuppe und Fritten mit der Betrachtung eines einsamen Wolfes wie Joseph Conrad beschäftigt. Als hors d’ oeuvre. Denn zweifellos würde sie sich bemüßigt fühlen, mir an­läßlich des Essens zu erklären, wieso ich ein einsamer Wolf bin. Da würde sie offene Türen einrennen. Und deshalb müßte sie mich nicht zum Essen einladen.

An dieser Stelle reißt der Film. Ich kaue am Bleistift, drehe und wende das Wie-am-Schnürchen-klap­pen-Bild. Überdeutlich geistert es durch mein zages Gedan­ken­gewebe.

Mir kommt der Verdacht, meine Physis sei in bewußtseinsloser Ferne zeitiger Kindheit markierender als die anderer Individuen in zwei Zustandsformen gespalten worden, Pflanze und Tier, Rumpf und Glieder, die in kontinuierlichem Gerangel miteinander beschäftigt sind. Der phytotrophe Rumpf wünscht zu ruhen, in Widmung an Tiefe und Bestimmung des Lebens, während die animalisch angetrie­benen Glieder tollkühn der Sinnlosigkeit des Daseins ein Schnipp­chen schlagen wollen. Jede tierische Motorik benötigt zur bio­lo­gi­schen Regeneration in Intervallen den großen Beschließer Schlaf. Den Widerspenstigen half, bevor sie sich in Unrast verzetteln konnten, in der Urzeit menschlicher Entwicklung ein Schlag mit der Holzkeule. In modernen Zeiten schaltet man den Stromfluß im Gehirn chemisch ab. Diese Aufgabe erledigen neuerdings von Laboratorien produzierte Boten, Librium und Konsorten. Ma­má kam meinem überdrehten Gezappel mit einer anderen Metho­­­de bei. Als sie es aus­plauderte, assoziativ, denke ich, denn ich glaube nicht, irgendeine Mutter wünschte Dinge dieser Art auszuplaudern, hätte ich sofort nachhaken müssen: Wie? Was –? Vielleicht hatte ich sogar nachgehakt, aber Mamás Geist war im letzten Lebensjahr schwebend wie einer dieser tollen neuen Tonarme mit Saphirnadel und null Auflagegewicht. Man pufft den Kasten versehentlich an, schon schrappt die Nadel zu einer anderen Stelle der Platte, eine Arie bricht ab und in einer an­deren geht es zusammenhanglos weiter. Ich kann mir vorstellen, dies im besten Sinne vonCatcher in the Rye, ein kleines Kind neben mir schlafen zu lassen, wäre ich nun sein Vater oder nicht, doch wollte ich, unter welchen Umständen es je sei, kein kleines Kind neben mir im Bett haben, das an mir rumtatscht, bevor Schlaf seine Glieder erstarren läßt. Anzunehmen ist, Mamá wollte sehr wohl meinen beruhigend warmen Körper, nur nicht meine tatschenden Klein­kind­hände. Ich sehe sie vor mir, halb aufgerichtet in den Kissen, wütend darüber, daß ich nicht schläfrig wurde, nicht in ihre Träume paßte. Keine innere Stimme hielt sie davon ab, eins ihrer Seidentücher zusammenzudrehen und mir das Tatschen zu unter­binden. ,Schien dir zu gefallen, schlagartig wurdest du ruhig.’ Waren das nicht ihre Worte gewesen, das einzige Mal, als die Rede darauf kam? Und ich wüßte nicht, was daran falsch war (oder ist), obwohl es auf der Mut­ter-Kind-Tonleiter eine Dissonanz darstellt. Ihr hatte die Aufspaltung gefallen, der kleine Rumpf an sie ge­schmiegt, die der Harmonie abträglichen, widerspenstigen Glieder verläßlich auf den Rücken gepackt. Oder war es das werdende, widerspenstige Männliche, das sie dergestalt in spä­ter Rache an Yáñez in die Schran­ken wies? Es konn­te sogar schlim­meren Männern als Yáñez gegolten haben. Denn solange ich nicht mehr über all das weiß, kann ich nicht glauben, daß Yáñez schlimm war. Oder gar ich, sein Sohn, mit meinen unschuldigen, zum Handkuß gekommenen winzigen Patschen.

Wie dem auch sei, bebend vor unbestimmter Gier zog ich mich aus, in einem anderen Zimmer vor einem anderen Mädchen, Eileen, die ich noch nicht kannte. Meine Zähne klapperten. Mir wäre alles recht gewesen, um von dieser brütenden Lust am Körperlichen, die mich tief beschämte, sofort befreit zu werden. Padre Aru­cas’ ferne Stimme brummte in den tiefen Glockentönen unserer salmantinischen Kathedrale: ,Mein Sohn, du bist krank. Erhebe dich von diesem Bett, nimm deine Kleider und gehe heim. Tue Buße, sprich drei Vaterunser dreimal täglich. Schütze deine Haut, wappne dich gegen die Einflüsterungen Satans.’ Eileens Alter hätte mich nachdenklich machen sollen, unweit des Alters meiner Mutter. Die voran­gehenden Abende, meine Sitzungen, wenn ich so sagen darf, hatten es nicht geschafft, mir zu vermitteln, was ich hätte bemerken sol­len: Die Sei­te des Business im House, die aus jedem Kunden letztlich einen eitlen, mit sich selbst beschäftigten Gockel macht. Es ist ein Gewerbe, in dem Gleichgültigkeit das wahre Gesicht der von mir gepriesenen netten Mädchen ist. Und selbstverständlich geht es um Geld! Wie konnte ich so ein Idiot sein zu glauben, sie lebten von Liebe und Almosen wie die Padres im Kloster Yuste. Nun ja – der Reihe nach.

Planmäßig schnurrte beim Anblick des Gummis alles an mir zusammen, und vom Geräusch, wie sie wartend daran herumzuppte, be­kam ich eine Gänsehaut. Als sie es sah, versuchte sie gar nicht erst, mir das Ding überzustreifen. Unbehaglich streckte ich mich neben ihr aus. Wir plauderten ganz schön lange, während ich sie mehr oder weniger ungeschickt streichelte. Es war kein echtes Gefühl dabei, zugegeben, es war eine Art Pausenfüller. Ich fragte mich, auf welches Ziel ich noch hinarbeiten konnte. Sie gähnte, ihr wurde langweilig. Heil und unversehrt wäre ich auch durch diesen Abend gekommen, hätte sie mir rechtzeitig einen Tritt gegeben und zu verschwinden angeraten. Statt dessen grapschte sie nach meinen Eiern. Derb, ich drehte mich unwillkürlich weg.

,Was ist denn los mit dir?’ fragte sie, ,hast du nichts in der Tüte?’ Sie beugte sich über meinen Schoß, und gleich berührten ihre Lippen mein intimstes Teil.

Es war mir so ungeheuerlich – jemand, der meinen Penis in den Mund nahm! Ich pflege meinen Körper in dieser tropischen Hitze mehr als gewöhnlich, dusche dreimal am Tag. Ins House gehe ich in frischer Unterwäsche und mit Seifenduft auf der Haut. Aber dieses Teil ist unrein, wie kann sie das in den Mund nehmen? Im Sinne von Unreinheit ist es ständig auf Sendung, soviel man je daran her­um­schrubbt. Und noch was: Eileen ist Mulat­tin. Irgendwo tief in den Verästelungen mei­ner Nerven­fasern befürchtete ich, sie könne auf mich abfärben, meine Ge­schlechtsteile, ohnehin dunkler als der Rest des Körpers, könnten jenes Eierschalenbraun annehmen, das in Ger­manien zu Ostern bei Kochprozeduren erzeugt wird.

,Nein’, erwiderte ich schroff und wich mechanisch so weit zurück, daß ich fast aus dem Bett gefallen wäre. ,Ist alles leer. Dafür kann ich nicht. Meine Natur ist auf we­nig angelegt’.

,Siebzehn und leer!’ sagte sie be­lustigt und ratlos über meinen Rückzug. ,Das gibt es nicht.’

,Doch. Ich hab’ fast jeden Abend mit Euphonia gespielt.’

,Eu­phonia?’ Sie überlegte, welche Kollegin in Frage käme und ob sie das eigene Spiele-Repertoire erweitern müßte. ,Wie geht das?’

,Na ja’, besann ich mich, ,jeder kriegt fünf Karten. Man muß Stiche machen, bis man...’

,Sag mal, willst du mit mir Karten spielen? Oder was willst du überhaupt?’ Zu­nehmend mimte sie die große, erfahrene Dame, die es einem Halb­wüchsigen zeigt.

,Wieso?’ maulte ich. ,Du sagst es selbst. Siebzehn und vier.’

,Siebzehn Jahre und leer’, kicherte sie, während sie ab­wech­selnd meine Schenkel und meine Hoden tätschelte. ,Wie kann ein Junge deines Alters leer sein?’

Ich glaube, ich kriegte so einen Wasserflor um die Augen und einen Kloß in die Kehle. Ich setzte mich auf und wollte nur noch raus aus dieser Atmosphäre, die ich gekostet und geschmeckt und geschluckt hatte, von der wie nach x-beliebigen Mahlzeiten nichts bleiben würde. Außer wehmutsvollem Ich-genüge-nicht und einer Mu­lattin zum Nachtisch.

,Rauchen wir einen Joint’, schlug ich vor. ,Hast du Stoff?’

Sie hatte, war einverstanden und drehte uns geschickt eine Ziga­ret­te. Dabei knipste sie das Radio an. Schwei­gend rauchten wir. Eine Jazzklarinette verlor sich in einem melancholischen Auf und Ab. Ich dachte wieder an Rosinsky und ob er es so leicht mit Mädchen hätte wie mit seiner Musik. Eileen dachte an den nächsten Kunden. Oder sie dachte daran, daß es wenig gibt, was in dem Geschäft wirklich Spaß macht, über die Aussicht guter Bezahlung hinaus, ob nicht eine pas­sive Null wie ich entspannendere Arbeit bedeutet als ein Mann, bei dem sie, wie immer er es anstellt, quasi gleich die Augen schließt und darauf wartet, daß es vorüber ist.

Dabei fiel mein Blick in die neben dem Bett stehende Truhe. Es lag lauter Kram drin, wie ich ihn in Goldhaars Zeitschrift mit den aufreizend halbnackten Mädchen gesehen hatte, paillettenbesetzte Büstenhalter und Höschen, schwarze Vinylbänder mit Glöckchen dran und sogar Cowboyzeug wie Stiefel, deren Schäfte meinem Augenmaß nach bis übers Knie gehen konnten. Ich lehnte mich über die Bettkante und wühlte unter den Sachen, weil mich das bun­te Durch­einander an die eine Kiste auf dem Dachboden der Elge-Villa erinnerte, die mit Karneval bezeichnet war, was mir Diana erklären muß­te. Daß es eine Zeit gibt jedes Jahr, eingeklemmt zwischen Winter und semana santa, in der man sein darf, was für gewöhnlich man nicht sein kann, und sich dafür nach Gusto verkleidet. In Germanien. Ich glaube nicht, wir feierten das irgendwo in unserem Land. Würde man sich sozusagen ungestraft als Schurke rausputzen und mit einem Bakelitcolt beim Banco Central vorsprechen dürfen? Dagegen erhöbe die Gu­ardia Civil Einwände. Frohsinn und Albernheit, zu welcher Jahreszeit sie uns je in den Sinn kämen, sind nicht die Eigenschaften eines aufrechten Kastiliers. Wir haben uns durch Jahrhunderte an den traurigen Anblick schwerer Holzkreuze gewöhnt und latschen während der semana santa mit solcher Beschwernis auf dem Buckel freiwillig durch unsere kalten Städte.

,Macht dich das Zeug an?’ erkundigte sich Eileen gähnend. ,O Gott, ich glaube, ich brauch’ einen Kaffee. Willst du auch einen?’

,Lieber was Scharfes.’

,Ich hol’ uns was.’

,Eileen, wofür braucht ihr das alles?’ Ich hatte Mühe, Karneval und ihr Gewerbe zusammenzuführen.

,Für die ganz Phantasielosen. Bei denen sich ohne Zutaten gar nichts mehr rührt.’ Sie strich mir über den Kopf. ,Keine Angst, mein Häschen, soweit bist du noch lange nicht. Einstweilen bist du eine Knospe, aus der noch alles werden kann.’

Einstweilen eine Knospe. Ein Häschen, aus dem durch Salz auf den Schwanz streuen ein rechter Hase wird. Bis sie mit einem Tablett in der Farbe von Git­ter­stäben zurückkam, wühlte ich in der Kleidung für Vollerblühte und dachte darüber nach, welcher Idiot so was anzöge. Zum Spaß zog ich Shorts an, farbig wie Tropenvögel und fünf Nummern zu groß.

,Was wärst du gern?’ fragte sie.

,Meinst du wer oder was?’

,Ist doch egal.’

Das fand ich nicht. ,Ich frage mich oft, wer ich bin. Wer immer ich bin, ich wär’ gern ich selbst. In der Sparte was? gefiele ich mir als Schützling.’

,Ein Schützling –?’

,Ja.’ Schützlingskleidung fand sich in der Kiste nicht. Ich dachte an ein achselfreies T-Shirt, knielange Hosen und Ringelsocken. Aber vielleicht war Nacktheit die beste Tarnung. ,Mir fällt Catcher in the Rye ein. Ein Typ, der Herumtreiber einfängt. Denen er ei­ne Herberge bietet.’ Ich nippte von dem grünen Gebräu, das sie mir hingestellt hatte. Trotz des Aussehens nach Blumendünger schmeckte es gut und pflanzte Trost in meine Kehle, der sich ihr zuliebe mehr Freudentöne hätten entringen sollen.

,Catcher in the Rye?’ Damit konnte sie offensichtlich nichts anfangen. ,Ein Catcher aus Fleisch und Blut? Der dich einfängt?’

,Ja. Und festhält. Ist das nicht klar? Festhalten, damit ich geborgen bin.’

,Männlich oder weiblich?’ Sie wollte die Liste meiner Vorlieben ergründen, eingehender als ihre Kolleginnen meine Person ausleuchten. Sicherlich hatten sie, so wie sie sich anstießen, begegneten sie mir auf dem Gang, im besten Fall witzelnd über mich gesprochen.

,Ist das wichtig?’ War es mir nicht. Wer je da wäre, ich würde mich in die Arme schließen lassen, von Diana oder Billy, Reena, Pe­te, Mamá. Oder Yáñez. Nun hatte mein Vater das Spiel vor Jahren aufgegeben. Hätte er, fern meiner Erziehung, in seinem Leben durch­gehalten und wir wären irgendwann zu einer Vater-Sohn-Um­armung gekommen, wäre die Frage geblieben, ob er darüber hinaus zu dieser Art Catcher je getaugt hätte, Yá­ñez, das große Verführerkind, das selber eine Vollblutcatcherin benötigt hätte, ihn festzuhalten. Vielleicht hatte er sie in Reena gefunden, doch die Um­stän­de hatten ihnen kein Zusammenleben gestattet. Reena als meine Mutter und Pete als Pete, da wäre vieles mit mir anders gelaufen. Die Tanten kommen mir erst jetzt in den Sinn, da ich es niederschreibe. Nein, weder Pili noch Elvira, deren Schützling ich unbestritten so viele Jahre war, würden zum Fänger taugen. Das Ährenge­woge ihres Lebens ist vom Glauben geknickt. In einem so verwüsteten Feld kann man sich nicht verstecken. Folglich verkäme heimeliges Eingefangenwerden zu brutalem Ergreifen und Abführen.

,Und man soll dich einfangen?’ Sie klebte so am Wort wie das grüne Zeug an meinem Gaumen, das daran erinnerte, wie Dr. Fès mir gegen Angina einen Klecks antibakterielle Paste direkt auf die Rachenmandeln appliziert und dazu gesagt hatte: Guten Appetit! Weil er wußte, daß alles, was ich aß und trank, drei Tage lang widerlich danach schmeckte.

,Ja. Mein Gott, so sagt man eben.’

Billy erschien im Vordergrund, der lassowerfende Billy. Er stand, Hände in den Taschen, interessiert abwartend da. Ich dachte, wäre er hier, selbst um den Preis der Tracht Prügel, die er mir angekündigt hat, würde ich meine Aufgabe hinter mich bringen und wir könnten neu beginnen. Ich würde ihn an einen einsamen Strand drüben in Mississippi locken, in sein Lasso wickeln und sagen, du bist Yáñez’ Sohn wie ich, damit müssen wir jetzt fertig werden. Noch Fragen? Halt lieber den Mund! Oder ich schleif’ dich ins Wasser und ersäufe dich. Nur so aus Spaß am Leben.

,Von mir aus mit einem Lasso. Auch in einem Lasso kann man sich geborgen fühlen.’

Ich kicherte irr, weil ich dachte, wie soll sie das verstehen, ein Mädchen, auf das eine aus: Bring’ ich meinen Kunden hoch oder nicht? Falls nicht, liegt es an ihm. Als aktive Null will er es nicht wahr haben. Er schiebt es auf mich, wenn er keinen hochkriegt.

,Jetzt werden wir doch konkreter’, meinte sie und schob das Kaffeetablett außer Reichweite. Das Zuckertütchen hatte sie so ungeschickt aufgeratscht, daß das wenigste davon im Kaffee gelandet war. Sie leerte die halbe Kiste und brachte speckige Leder­riemen wie die aus Billys Cowboykram zum Vorschein. ,Wenn ich dich anders nicht einfangen kann, vielleicht damit?’

,Das mit dem Fänger und so ist als Metapher gemeint. Du verstehst mich nicht.’

,Ich hab’ keine Ahnung, wer dich verstehen kann’, sag­te sie. Ihre Stimme triefte vor gesundem Menschenverstand. ,Probieren geht über Studieren,’ Sie zog mich an den Schultern hoch wie eine schläfrige Katze.

Jetzt fällt mir ein, daß die Rol­le jedes Tieres, das sich Menschen anvertraut, enthält, irgendwann eingefangen zu werden. Es geht nicht anders mit der Schützlingsrolle. Vergessen wir dabei nicht, daß wir selber Tiere sind. Katzen bilden eine Ausnahme. Katzen fängt man nicht, und selbst Halsbänder verbieten sich, weil die Springtiere sich verheddern können. Chirri rettete in Montemayor eine junge Katze, die mit dem Halsband an einem gestutzten Ast hängengeblieben war. Er gab sie der Besitzerin nicht zurück, und das Tier, das tagelang gejault haben mochte, bis er auf es aufmerksam geworden war, wich ihm nicht mehr von der Seite, ohne Halsband. Im nächsten Leben eine Katze sein, das wünsche ich mir. Und von jemandem wie Chirri gerettet werden, sobald es brenzlig wird.

,He!’ sagte ich, ,was soll das?’

,Nägel mit Köpfen machen. Genug des ganzen Gequat­sches.’

Sie ergriff meinen Arm so ungeschickt, daß wir mit den Köpfen zusammenknallten, was mich benommen machte. Die Hände, die ich im Schoß gefaltet hielt, wurden so fix erledigt, als hätte sie es bei Billy gelernt. Sie drehte mich auf den Bauch, griff sich zwei Gurte und schnallte die Fußknöchel einzeln und weit auseinander ans Bettgestell. Durch die Hände schlang sie einen längeren Gurt, führte ihn um eine Holzstrebe am Kopfteil des Bettes und zog so straff an, daß meine Glieder unangenehm gestreckt wurden. Glöck­chen klingelten, sowie ich mich zu rühren versuchte. Was nur sehr eingeschränkt möglich war. Ich lag breitbei­nig da wie ein Stallknecht, der im Pferdedung ausgerutscht ist und einen Pferdehuf im Kreuz spürt.

,Jetzt reden wir mal über Geld. Du hast noch nicht bezahlt, kleiner Schlappschwanz. Und du mußt nicht denken, weil Schlappheit Man­gelhaftigkeit bedeutet, kostet sie nichts. Für mich ist es um­gekehrt. Bei Schlappschwänzen muß ich mich mehr bemühen. Folglich müß­te es doppelt kosten.’

Was mich erst recht ernüchterte. Nachdem Corinne und Paulette wenig verlangt hatten, als machten sie es zum Austauschschüler-Holidaytarif, hatte ich angenommen, es ginge so weiter.

,Al­so, wo ist die Kohle?’

,Ähm – in meiner Hosentasche.’

Meine Lee-Jeans hatte sie in kürzerer Zeit, als Pferdewiehern anhält, durchsucht. Einige Münzen rutschten raus. Vielleicht war ein Fünf-Dollar-Schein dabei. ,Willst du mich auf den Arm nehmen?’

,Äh... Da müßte ein Scheck sein.’ Der Septemberscheck. Ich hat­te ihn einzulösen versucht, aber hol’s der Geier, das Septembergeld war noch nicht auf dem Konto gewesen. Ich hasse es, von der Hand in den Mund leben zu müssen. Die Reservoire werden erst im Winter wieder voll sein, wenn ich mich in fremden Häusern durchschnorren und meine Monatsknete schonen kann.

Sie starrte von jenseits des Bettes jetzt sehr kaufmännisch in mei­ne Augen und durchschaute den Schmu. ,Kein Scheck. Wäre einer da, würde er nichts nützen. Schecks nehmen wir nicht. Ist unten groß angeschrieben.’

Es roch nach Ärger. Im selben Moment klopfte es. Eileen steckte den Kopf durch den Türspalt und knurrte irgendeine grimmige Ablehnung. Sie erhielt hitzige Wider­worte und ging hinaus. Ich versuchte, die Fußgurte zu sprengen. Chancenlos. Das Zeug in der Farbe von Wellpappe agier­te ruppig wie Eisenblech. Ich spähte nach den Händen. Auf die Schnelle waren sie nicht loszukriegen. Bei so scharf gestreckten Armen wahrscheinlich gar nicht. Mir dämmerte, Ei­leen war keine Anfängerin im Männer-außer-Gefecht-setzen. Die Glöckchen schepperten, der Bettrahmen beantwortete quietschend meine Be­mü­hun­gen, die außer einem Schweiß­ausbruch nichts bewirkten. Ich hat­te hoch ge­po­kert, nun flog mein Bluff auf. Unruhig schnüffelte ich im Bettzeug. Es roch ekelhaft nach altem Stockfisch.

Eileen kam mit einer langen, blitzenden Schere in der Hand zurück. In den letzten Tagen hatte ich kahlköpfige Jungs gesehen, in orangefarbenen Gewändern, mit dickperligen Rosenkränzen um den Hals. Von einem hatte ich das Wort Enthaltsamkeit aufgeschnappt, so im Vorübergehen, und daraus geschlossen, als Büßer trete man hier so auf. Falls Eileen mir den Kopf kahl scheren wollte, wäre das gemein! Ihre Miene ver­hieß Gleichgültigkeit, in dieser Hinsicht war sie die professionellste der drei Frauen, mit denen ich mich einzulas­sen das Vergnügen hatte. Bei ihr war nicht abzulesen, wie sie über meine physischen oder verbalen Äußerungen dachte. Sie gleicht Tan­te Pili, die den Unfug, den die Schülerinnen ihr vorsetzen, zu­erst ein­­ordnen muß, bevor sie ihn benoten kann. Mein Kopf kribbelte. Ich würde zu Hause kahl wie Padre Arucas in der Schulbank sitzen.

Eileen schnitt mir die Shorts von den Hüften, griff nach meinem Säckchen und ließ die Schere ein paarmal auf- und zuschnappen. Das klappernde Geräusch er­zeugte ein fatal stechendes Aufmucken in der Leistengegend. Falls sie verrückt genug war, das Schneidewerkzeug dort anzusetzen, hatte ich verdammt schlechte Karten, mei­ne geliebten Murmeln zu verteidigen.

Ich stöhnte auf und sagte, als ob ich sie umstimmen könnte: ,Bit­te nicht das Schamhaar. Oben sind viel mehr Haare.’

,Who bothers about hair?’ Die Scherenspitze pikte in die Eier.

,Keine Panik!’ brummte Hinrich von weitem. ,Laß fahren dahin. Sie haben’s kein Gewinn.’

Man hatte Hinrich Hinrichs die Keimdrüsen entfernen müssen. Da war er über siebzig gewesen. Genutzt hatte es nichts, er war seinem Leiden einige Wochen nach der Operation erlegen. War nett von ihm, aus seinem Spi­o­nengrab zu morsen. Eine seiner unverkenn­baren Nachrichten. Fehl­te noch, er setzte dazu: ,Geschieht dir recht, Nibelungen-Boy.’

Die Älteste aus dem House überlegte es sich anders. Sie kramte wieder in der unerschöpflichen Truhe und zog einen Ge­genstand heraus, den ich das erste Mal in Billys Händen sah, Billy auf einem Pferd, das schlechte Laune hatte und bock­te. Es wollte nicht zugeritten werden, nicht seine grenzenlose Freiheit verlieren. Ich habe ihn nie ein Pferd schlagen sehen. Es genügte, daß er sich vor dem Pferdekopf aufbaute und die geflochtenen Riemen am schlanken Holz­griff ein paarmal durch die Luft pfeifen ließ. Gleich senkte das Tier den Blick und wurde williger.

,Das darfst du nicht machen!’ stammelte ich wörtlich wie in der Kindheit, war Pili mit dem Rohrstock angerückt und hatte mir die Hosen runtergezogen.

,Und ob ich das darf’, belehrte sie mich. ,Weil es wirkt. Ihr jungen Herren aus Europa müßt euch nicht einbilden, wir lebten noch wie vor hundert Jahren. Als ihr euch mit Frauen alles erlauben konntet. Du hast kein Geld? Dann will ich wenigstens meinen Spaß an dem haben, was du wenig mögen wirst.’

Ohne Vorwarnung traf mich der erste Schlag. Es zischte gemein. Ich glaube kaum, daß ich einen Laut von mir gab. Wäre besser gewesen, gleich loszuschreien. Das hätte sie zur Vernunft bringen können. Sie dachte wohl, er spürt noch nichts.

Heilige Jungfrau, wurde mir der Arsch versohlt! Die schweren, geflochtenen Lederschnüre klatschten auf mein vom vielen Laufen und Schwimmen festes Fleisch. Nach jeweils zwei Schlägen ließ Eileen mir Zeit, mich vor dem nächsten Hieb zu ängstigen. Mehrmals zielte sie längs in die Po­furche, wobei die Riemenenden meinen blankliegenden Murmeln einen Extradenkzettel verpaßten. Die Empfindungen steigerten sich zu alles überflutendem Schmerz.

Meine Peinigerin hatte Mamás einstige Rolle übernommen. Statt des Dreiteilers an ihrer Frisierkommode lauerten hier unzählige Spiegel. Aus vielen Richtungen sah ich jeden Schlag kommen und schloß die Augen. Entlud er sich, riß ich sie entsetzt wieder auf. Oh­ne die Spiegel und die Pausen zwischen den Schlägen hätte ich es besser verkraftet. So schmerzte es tausendfach. Ich biß die Zähne zusam­men wie früher, denn hat­te ich geschrien, hatte Ma­má die Sitzung verlängert. Mannhaft unvermeidbaren Schmerz zu er­tragen, das war ihr mir bei­zu­bringen ge­lungen, pädagogisch gesehen eine zweifelhafte Leistung. Das hier überstieg jede Selbstbeherrschung. Niemand hält es aus, ohne Wut und Schmerz rauszu­brüllen.

Wahrscheinlich hatte Eileen darauf gewartet. Meinen Mund verstopfte sie mit den zerfetzten Shorts. Mit dem nächsten Hieb prüfte sie die Wirkung. Ihr Kunde röhrte wie ein Rehbock im Fangeisen. Gelangweilt entzündete sie eine Zigarette und steckte sie in eine lange, glitzernde Spitze. Vielleicht ekelte sie sich vor mir.

Als Junge eine Null, war ich als Kunde ein Zechpreller. Ich hatte mir den Teller zu voll geladen, konnte nicht bezahlen. Man hatte mich seelenruhig aufessen lassen. Die Bezahlung wurde nach Kneipentarif geregelt. In Kneipen wird man zum Abwasch in die Küche genötigt. Häuser wie das House haben Sondertarife.

Mich durchzuckte der Gedanke, ein indianischer Zauber, von Billy über mich verhängt, könne meine Lage bewirkt ha­ben und erfülle sich nun unausweichlich. Ähnlich diesen abgeschmackten Voodoos, die zum karibisch beeinflußten amerikanischen Süden und dem schlammigen Bett des großen Flusses passen. Man er­zählte mir, dort habe es noch vor fünfzig Jahren Menschenopfer gegeben. Eine Abbildung in einem Stadtführer, der im Institut aus­lag, unterstrich es eindringlich: Irgendein armer Hund, kniend auf einer Lichtung im Sumpfwald, der so wenig wie ich wußte, worauf er sich eingelassen hatte, bis es zu spät war – die Axt, die seinen Kopf abschla­gen würde, blitzte bereits über ihm. Eine interessante Seite an meinem Bruder: Die Schubladen des Intellekts, die ich ziemlich unnütz mit Literatur vollstopfe, füllt er mit solch mystischem Kram. Er redet nicht drüber. Tut es not, wirft er eine dieser geistigen Schlingen aus. Ich hatte ja versprochen, den Sommer auf der Ponderosa zu verbringen, mit zu den Crow zu fahren, mich in die tieferen Geheimnisse des Shitrauchens einweihen zu lassen, ich weiß nicht, was alles noch ich versprach, um momentan Ruhe vor ihm zu ha­ben. Ich hätte rechtzeitig bedenken sollen, daß ein Versprechen für mich den Charakter einer Ausrede haben kann. Bill jedoch nimmt es für Bibelwort. Vor meinen Augen verdrosch er einen Freund, weil der in einer für beide wichtigen Angelegenheit ein Versprechen absichtlich gebrochen hat­te. Allein vom Anblick Bil­lys fliegender Fäuste bekam ich Magenweh. Er mag mir Prügel verordnet haben, weil er glaubt, die Frauen, die mich aufzogen, hätten mich zu sehr verhätschelt. Er weiß zu we­nig über mich. Daran bin ich selber schuld. Ich müßte mehr von mei­nem Werdegang erzählen, statt mit Geschichten aus der Weltliteratur zu protzen, die ihm herzlich gleich sind. Ja, im ersten Jahr auf der Ranch drohte er täglich damit, mich zu verhauen. Er tat es nicht, und er würde es heute nicht tun. Ich kenne Jungs, die sich prü­geln, weil es die Freundschaft festigt. Sie brauchen es von Zeit zu Zeit, um zerbrochene Scheiben zu kitten und eine gemeinsame Sicht der Dinge wieder herzustellen. Bei mir wüß­te Bill, unsere Freundschaft wäre abrupt aus. Weil er der Stärkere ist. Er besitzt nicht die Eigenschaft, damit zu kokettieren wie ich manchmal mit einer gewissen Stärke des Intellekts, was ich mir abgewöhnen sollte. Wahrscheinlich hatte sein Wurfseil sich vor Wochen auf meine Schultern gesenkt, als klar wurde, ich würde nicht kommen. Es lag lose um meinen Körper, ließ mich eine Weile zappeln. Jetzt hat er die Schlinge festgezogen. Die Arbeit läßt er andere erledigen.

Di, Bill wird dir gefallen. Ich möchte wetten, er wird dich recht an Alexander erinnern, dich mit seiner Gegenwart über deinen entschwundenen Bruder hinwegtrösten. Zumal ihm eigen ist, sich als Bruder anzubieten, wenn er jemanden mag, und dich wird er mögen. Sei auf ihn vorbereitet, falls dein Plan steht, im nächsten Jahr auf der Ponderosa das Reiten im Westernstil zu lernen. Denn er würde dein Lehrer sein. Geh sparsam um mit deiner Ironie, er fackelt nicht lange, begegnet jemand ihm zwielichtig, Mädchen sind da nicht ausgenom­men. Von dir als meiner Snakie, und daß du seine werden könntest, habe ich ihm nichts erzählt. Ist besser so. Er be­käme es in die falsche Kehle. Schlangen zählen zu Bills Lieblings­tieren nicht.

Ich weiß, was das eigentlich Schlimme an den Prügeln meiner Kna­benjahre war. Der Schmerz machte mich für längere Zeit folgsam. Prügel bleuten mir Gehorsam ein. Prügel prallten an mir nie ab wie Platzregen an einer Öl­haut, allein die Angst vor Schmerzen kann mich halb umbringen. Sich dann tatsächlich an mir zu vergreifen, ist nur noch eine Formalität. Ich gehorchte Pili und Ma­má, um dem Schmerz zu entgehen. Für die Rezeptur verachte ich sie heute noch. Hätten sie mich nicht geschlagen, wäre ich mit meinem schmalen Körper besser zurechtgekommen. Ohne es zu beabsichtigen, bleuten sie mir ein: Jeder Stärkere kann dich verprügeln. Das wur­de für mich zu einer universellen Konstante. Wie gestauchte Zeit, die sich in aberwitziger Geschwin­digkeit gehorsam krümmt. Irgendwann rächt man sich und verletzt andere. Jemand zu schlagen, dazu fehlt mir die passende Bauart. Ich verletze mit dem, was mir zur Verfügung steht, Wörter wie Hammerschläge, Sätze wie Sen­sen. Das verletzt nachhaltiger als Prügel. Schmerz vergeht rasch, die Furcht davor bleibt. Verletzende Worte stecken dauerhaft in einem Gemüt. Wie widerhakenbewehrte Pfeile. In einem langen Leben gelingt es selten, sie herauszuziehen. Und sollten wir wiedergeboren werden, stecken sie vielleicht als Grundelement in der neuen Existenz. Alles taucht in wiederkehrenden Spiegeln auf, war es daheim in Mamás Schlafzimmer oder hier im Hou­se. Ich will sagen, seiner Bestimmung kann keiner entgehen. Man hat keinen Schimmer, wieso einem das und nichts anderes bestimmt ist. Wetten? Der Boß wüßte es auch nicht, würden wir ihn fragen. Er müßte ratlos die brokatbehängten Schultern zucken. Verlegen würde er nach ein paar kleinen Sternen greifen und sie im Universum hüpfen lassen wie Steinchen auf dem Hexenteich derer von Brackelstein. Ich bin sicher, er ist nur Angestellter auf fremde Rechnung und wäre froh, könnte er in den verdienten Ruhestand treten.

Jasmine kam rein. Sie schoß Fotos, soweit ich sah, mit einer Pro­fikamera, deren greller Blitz mehrmals aufflammte. Fotogen schnalz­te ein letzter Hieb saftig über meinen Po, dann gingen die Girls. Verzweifelt vergrub ich das Gesicht im Bettzeug.

Weitere Demütigun­gen warteten. Als es der Zunge gelang, die Stoffetzen aus dem Mund zu drücken, müssen Fäden das Gaumenzäpfchen gestreift haben. Es ist bei mir außergewöhnlich empfindlich, vielleicht wegen der häufigen Anginen. Eine Spinnwebe hätte genügt. Ich erbrach mich in dem Moment, da der Nacht­portier kam, im Hou­se wie in meinem Gästehaus ein breitschultriger Bursche. Wäre er am ersten Abend dagewesen, hätten Goldhaar und ich es nicht geschafft, an ihm vorbeizukommen. Der Typ pflückte mich mit angeekeltem Gesicht vom Bettgestell und schleppte mich die Treppe run­ter. Erst vor der Rezeptions­theke band er mir die Hän­de los, warf mir ein schmutziges Handtuch zu und schubste mich auf die Straße, barfuß. Ich war so perplex – auf der Stelle drehte ich um und schrie, was ihnen eigentlich einfiele, schimpf­te wie ein Rohrspatz, verlangte Kleidung und Schuhe. Der Mann blieb gelassen, verschränkte die muskulösen Arme und verstellte mir den Rückweg. Da ich keine Ruhe gab, sagte er: ,Boy, liegt ganz bei dir. Einen Schritt weiter, und ich sperr’ dich in den Keller. Bis du dich beruhigt hast. Du hattest deinen Spaß, jetzt zieh besser Leine! Würd’ dir nicht raten, wiederzukommen. Schon gar nicht mit den Bullen.’

Das Kapitel House war abgeschlossen. Ich begriff, auf was ich mich eingelassen hatte, in einem riesigen Land, in dem Regeln gelten, die mit unserer europäischen Kultur schwerlich in Einklang zu bringen sind. Unablässig Rachegedanken wälzend, tappte ich von dannen. Es hatte geregnet. Große Pfützen im schadhaften Asphalt zwangen zum Hindernislauf mit größter Vorsicht, um mir nicht wieder einen Scherben einzutreten. Diese Stadt schläft nie mit allen Au­gen. Nachtschwärmer kamen mir entgegen, vornehmlich Schwarze, von meiner Erscheinung herausgefordert. ,He, Mann, Zoff mit deiner Mom gehabt? Hatse dich rausgeschmissen?’ Harmlose Bemerkungen. Jeder, der mir nun zu nahe trat, lief Gefahr, eine geschmiert zu kriegen. Im Gästehaus duschte ich lange, kauerte mich auf den Zementboden und ver­harrte eine gute Weile im pritschelnden Strahl. Das Wasser hier ist lauwarm. Mein Po schmerzte, als schälten Messer daran herum. Er war knallrot verfärbt und mit blauen Striemen verziert. An einigen Stellen war die Haut aufgeplatzt. Es hatte geblutet. Das war nicht der Rede wert. Die Wunden erster Ordnung klaffen im Gemüt. Dort brechen sie leicht wieder auf. Ein aufgeschürfter Hintern ist wie aufgeschlagene Knie. Das regelt sich bald aus.

Zumal mich der Gedanke tröstete, das selbst ein verdroschenes Hinterteil mit Sex zu tun haben kann, allerdings einem für mich negativen Sex. Ich weiß von Leuten, die auf so was stehen, für die es positiv gepolt ist. Diego zum Beispiel, der sich von seiner Freundin vertrim­men läßt. Behauptete Karim, der bei dieser Aussage ab­wesend am Gürtel nestelte. Ich vermute, die Schwester ist erfunden. Ka­rim erledigt das selber. Kann ja sein, es macht beiden Spaß.

Federico wußte seit jeher um das Stilleben der Besenkammer in der Calle Guzmán el Bueno. In den Knabenjahren folgte er mit funkelnden Augen meinen penas, die ich mir von der Seele redete. Spä­ter, es war in seinem vorletzten Jahr in Zamora, in seinem sechzehnten Jünglingsjahr, schleppte er während einem seiner Wochenendbesuche vor dem Schlafengehen den Rohrstock an. Er ließ die Hosen fallen und bat mich unmißverständlich, ihm eine Kostprobe zu verabreichen, sicher nicht nur, weil wir jeder eine Flasche Riberas del Duero bis zur Neige geleert hatten. Seine Worte weiß ich noch: ,No sólo una tapa.¡Quiero una ración!’ Ich lehnte ab. Heute denke ich, das war falsch. Vielleicht war es die Form körperlicher Intimität, die er mit mir gern gehabt hätte. Sein formloser weißer Hintern stieß mich ab und wie er die Backen in Angstlust zusammenkniff. Sein Po hatte mich schon abgestoßen, als ich auf Mamás Geheiß die Sommerferien in Reus verbrachte. Leopoldos Pobacken dagegen, zwei durch ein sanftgeschwungenes, asturisches Tal getrennte Hügel, Jun­ge, Junge!, mit denen hätte ich gern mal was angestellt. War bedauerlicherweise coto vedado. Einmal grapschte ich stockvoll hin, mit bei­den Händen, aus reiner Lebenslust. Die Antwort? ¡Apártate, maricón! Der drittklassige Leopoldo Mozart mit ver­stimm­ter Gitarre trat gegen den erstklassigen Federico Nietzsche mit markigen Wortschleudern an. Ich bewundere und respektiere das Erstklassige. Aber das Drittklassige betört mich, lullt ein, macht mich schwach.

Sind es unbotmäßige Wünsche, die ich mit Sex verbinde? Glaube ich nicht. Was ich von Kind auf suche, ist ei­ne mir auf den Leib geschnittene Form des Seins, in der ich mich zeitweise vom Le­ben ausruhen kann. Rosinsky bläst selbstvergessen Klarinette, ist er dabei, sich wegzulegen. Euphonia Vrassivanopoulos betritt in Spiel­karten­bildern ur­eigene Welten. Niemand will das begreifen. Die Leute sehen nur das äußere Muster, sehen Spinner und abartige Spieler, da­mit ist man abgestempelt. Wer macht sich die Mühe, nachzufragen, was dahinter liegt? Bevor ich weinerlich werde, krieche ich besser ins Bett. Bin froh, allein zu sein. Mit meinem Körper als Tröster.’

 

Die ereignisreichen Gescheh­nisse all der Tage verfolgten Manuel in einen unruhigen Halbschlummer, aus dem ihn die Telefonschnarre am späten Vormittag hochriß. Eine Frau. Jasmine. Die Stimme klang anders als im Hou­se. Vielleicht verstellt. Gewollt verstellt. Ob es beim Essen bleibe?

„Essen –?“

„Die Einladung war ernst gemeint. Ohne Hintergedanken“, fügte sie an.

Jetzt hatte er ihre einschmeichelnde Stimme wieder im Ohr, den schwachen Geruch nach einem herben Parfum in der Nase, und auf dem Körper spürte er erneut die widersprüchlichen Sinneseindrücke, die ihm einen ungestörten Schlaf verwehrt hatten. Hintern und Oberschenkel taten weh, er fühlte sich buchstäblich zer­schlagen. Jasmine stand in der Rezeption. Ein innerer Berater wisperte, sie nicht allzu lange warten zu lassen.

Ein roter Chevrolet war vor dem Gästehaus geparkt, ihr eigener. Der Portier riß trinkgeldheischend den Schlag auf, auf der anderen Seite Manuel, was peinlich war, weil der einem abstrusen Gedanken zufolge annahm, er werde nicht gerade für ihren jüngeren Bruder gehalten. Sie konzentrierte sich auf den dichten Verkehr und warf ihm kaum einen Blick zu, bis sie vor einem Restaurant im Hafenviertel hielten. Manuel wußte im Moment, da der Teller vor ihm stand, daß er das Falsche be­stellt hatte, irgend­einen Cajun-Matsch, der nach zerschmolzener Pappe aussah. Und nicht viel besser schmeckte. Der schwere, fast schwarze Wein riß es heraus, bei dem das schroffe Gedrängel von Tischen und Stühlen und die sonnengegerbten, bartstoppeligen Gesichter der Ladearbeiter erträglichere Konturen annahmen.

„Harte Behandlung für einen so jungen Mann“, brach sie das Schweigen. „Sie sind doch noch ein Junge, für den eine weitaus mil­dere Tour genügen sollte. Man würde nicht glauben, daß Sie schon so genau wissen, was Ihnen Spaß macht.“

„Jetzt machen Sie mal einen Punkt“, sagte er düpiert. „Das House wurde mir als liberal geschildert. Man würde mal einen Studenten reinlassen und so. Unter einundzwanzig. Daß die Mädchen machen, was ihnen selber Spaß macht, dann Sie und obendrein dieser –“ Grimmig suchte er mit hochfahrenden Augen die holzgetäfelte Decke nach einem beleidigenden Wort ab. „Dieser Bodybuilder, der mich im Händehandtuch auf die Straße schickt – ich meine, schließlich bin ich min­derjährig. Ich erwäge eine saftige Anzeige. Wenigstens will ich mein Geld zurück.“

Jasmine hatte die Speisekarte gründlicher studiert als er und sich für ein T-Bone-Steak entschieden, weit über den Tellerrand reichendes brettdickes Fleisch. Der Länge nach schnitt sie es in zwei Bretter und von denen mundgerechte Happen ab. Sie legte das Messer weg, begann einhändig zu essen und nuschelte mit spöttischem Unterton: „Sagen Sie bloß, es war nicht gut.“

„Die ersten Tage. Gestern hat man mich grauenhaft verdroschen und lächerlich gemacht. Und mir meine Kleidung weggenommen. Ich war dort Kunde. Als solcher lief alles gegen meinen Willen.“

„Huh, huh!“ Sie lachte, gab sich nicht im mindesten beeindruckt. „Gegen Ihren Kundenwillen.“

„Absolut.“ Er wurde böse. Sie schien nur an seinen Körper zu denken. Sie wußte ja Bescheid über seinen Bübchenpe­nis, der vor der anzuvisierenden Körperöffnung erschreckt jede Haltung ver­lor. Sei­ner Psyche wich sie aus. „Nehm’ ich nicht einfach so hin.“

„Versuchen Sie mal, in diesem Lokal die Zeche zu prellen. Da würde man Sie nach Strich und Faden zusammenschlagen. Verglichen damit, zog Eileen Ihnen die Hosen stramm. Das hat noch keinem jungen Mann geschadet.“

„Eileen hätte mir sagen müssen, was eine Nummer mit ihr kostet. Ich wäre eben wieder gegangen.“

„Okay,“ sagte sie. „Geht mich ja nichts an. Meine Aufnahmen zeigen Sie jedenfalls in einer Stel­lung, in die eine Frau Sie ohne Ihre Duldung nicht hätte zwingen können. Ihr Gesichtsausdruck, Ihre geschlossenen Augen und der nach hinten gereckte Kopf wirken äußert geneigt, gelinde ausgedrückt. Man könnte sagen, ekstatisch.“ Wie eine seelenvergnügt Mogelnde zog sie den Trumpf aus dem Ärmel der weiten Bluse.

Verblüfft gewahrte er diese perfide Gemeinheit. Sie hatte recht. Seine Miene spiegelte jene pfiffige Fröhlichkeit wider, die er von den vergleichsweise harmlosen Bildern mit Diana kannte. Wahrscheinlich hatte Jasmine ihn unbemerkt vor der Tracht Prügel durch den Türspalt abgelichtet. „Ein weiterer Punkt, den ich nicht hinnehme. Sie hätten kein Foto von mir machen dürfen, ohne mich zu fragen.“ Er reckte sich einen Zoll höher, ganz Sohn aus gutem Haus mit der gewissen Macht jederzeit verfügbaren Rechtsbeistandes. Fix griff er nach den Fotos. „Konfisziert.“

„Jesus!“ sagte sie. Ihre Hand griff zu. Mit dem Dau­men bog sie seine Finger auf, daß die Gelenke leise knackten. „Wenn es Ihnen gelingt, höflich bitte zu sagen, können wir uns über einen Abzug Ge­danken machen.“

„Sie können mich mal“, sagte er verärgert über ihre erstaunlichen Kräfte.

„Sachte, sachte! Ein so appetitlicher Junge wie Sie könnte beim Wort genommen werden.“

Darauf wußte er keine Antwort mehr. Offenbar mochte sie ihn. Sie war in einem Alter zwischen Mädchen und Frau. Nicht unbedingt ein Alter, das er außerhalb des House gesucht hätte.

Jasmine wechselte das Thema, fragte, was er mache, wie er herge­kommen sei, wann er wieder wegfahre. Bald stand sie auf, weil sie telefonieren wollte. Manuel war fest überzeugt, sie würde mit einem Blankoscheck zurückkommen und um die Summe feilschen.

„Manolo“, sagte sie, „ich glaube, Sie verstecken sich gern vor sich selbst. Darum haben Sie sich im House Jig genannt.“

Er kicherte. Ihm wurde wohler. Das Wagnis, egal wie es ausgegangen war, hatte er durchgestanden, hatte ein gutes Stück Freiheit im Umgang mit sich selbst hinzugewonnen. „Meinen Namen kriegen die Leute selten so hin, wie ich es gern hätte. Hab’ hier jede Menge Spitznamen bekommen. Blacky, zum Beispiel. Oder Manny. Im Spracheninstitut schlug ich Jig vor. Plötzlich waren al­le wild danach, mich Jiggy zu nennen. Keine Ahnung, warum.“

„Wirklich nicht?“

„Nein.“

Jiggen kann Tanzen bedeuten. Oder Herumschnellen. Bei Ihnen würde ich es Zappeln nennen. Sie erscheinen als eine Art Zappler. An Körper und Geist. Viele Europäer benehmen sich hier so. Sie nehmen unser Land nicht ernst.“

„Vielen Dank“, sagte er beleidigt.

„Wischen wir Jig weg. Halten wir uns an Manolo, der noch ein paar Tage in den Staaten bleiben kann. Wenn Manolo mag, ist er auf die Ranch meiner Eltern eingeladen. Abreise heute abend.“

Überrascht horchte er auf. Gewiß hatte sie seinen Paß durchgeblättert und sich vielleicht das Visum eingeprägt. Unerklärlich war, wie sie Gästehaus und Telefonnum­mer hatte herausfinden können. Genannt hatte er sie nicht. Was bezweckte sie angesichts des Altersunterschieds damit, ihn einzuladen? Vage ant­wortete er: „Ehrt mich. Danke. Trotzdem nehme ich nicht hin, wie man mich be­handelt hat.“

„Sie sind alt genug, mein Lieber. Ihr Köpfchen schwelgt in Phan­tasien. Der Körper bekam davon zu kosten. Es hängt vom Zufall ab, ob man haargenau das erwischt, wonach einem der Sinn steht.“ Sie deutete auf seinen Teller. „Was stochern Sie so lustlos rum? Ist das Essen nicht gut?“

„Nein“, sagte er patzig, weil er nun ein Steak vorgezogen hätte. Oder die Hälfte von ihrem, was sie offenbar übrigließ „Ach, zum Henker, ja, man kann es runterwürgen! Ich denke dran: Essen kann man zurückgehen lassen. So wie ich im House meine Bestellung widerrief. Ich hatte wie für ein Mittagessen bezahlt.“ Er wischte ein paar Grä­ten vom Ärmel. „Die ersten Abende wenig­stens.“

„Mein lieber Jig, Sie haben nicht mal die Unkosten be­stritten. Sie betrachteten die Mädchen wie Versuchskaninchen. Da darf man nicht so wählerisch sein.“ Sie nestelte an der Bluse und öffnete den obersten Knopf. „Ich habe mit dem House nichts zu tun. So we­nig, wie Sie bezahlt haben, habe ich kassiert. Wir beide haben dort zur gleichen Zeit interessante Stunden verbracht. Um zu lernen.“

Fassungslos ließ er den Löffel sinken. „Ich dachte, Sie seien die Chefin.“

Sie lachte schadenfroh. „Ich bin Journalistin. Ich heiße Virginia. Unge-jiggt. Die Mädchen dort verwalten sich selbst. Sie haben keine Chefin, keine Zuhälter. Da sind zwei oder drei Männer, die nach fester Abmachung stunden­weise bezahlt werden und dafür sorgen, daß die Schönen heil bleiben. In diesem Milieu unübliche Strukturen. Wie die Schönheiten, die Sie übrigens in der Männerzeitschrift abgebildet sehen können, für die ich schreibe. Frauen, die mich faszinieren und die ich bewundere. So wie ihre männlichen Aufpasser. Im bürgerlichen Leben, wenn wir es so nennen wollen, paßt der Ehe­mann oft nicht auf, daß man heil bleibt. Das nebenbei. Wenn Sie, unerfahren und eigensinnig, wie Sie sind, ei­nen guten Rat akzeptieren können: Vergessen Sie den letzten Abend, sollte er in Details tatsächlich unangenehm und gegen Ihren Willen ge­laufen sein. Eileen hätte kein Problem da­mit zu behaupten, daß Sie die Landessprache nicht genügend beherr­schen. Und ein paar Schläge betreffend: Glauben Sie mir – man würde viel ärger mit Ihnen umgehen, müßten Sie in diesem rauhen Land Soldat sein.“

Hatte er schon öfters gehört. Es brachte ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. „Sie meinen, weil ich schwul bin.“

Sie öffnete noch einen Knopf ihrer Bluse und legte die Hand selbstvergessen auf die Brust über dem Herzen. „Mein Junge“, sagte sie in einer wohltuenden Nettigkeit, auf die er augen­blicklich abfuhr, „wenn man so aussieht wie Sie und so jung ist und mit recht diffusen seelischen Zuständen zu ringen hat, fühlt man sich schnell als Objekt verschiedenster sexueller Spielarten. Das streuen Jungs unüberlegt erwägend hin, schwul.“ Sie zuckte die Achseln. Dabei hüpften die kleinen straffen Brüste ein bißchen. „Ich sag’ es Ihnen auf den Kopf zu: Einen Mann haben Sie noch nicht neben sich im Bett gehabt.“

Er erschrak und verschluckte sich. Ein Mann? Neben ihm? So wie Diana? Nein, konnte er sich nicht vorstellen. Niemand käme dafür in Frage. Flammende Röte überzog seine Wangen. Bei Rosinsky hatte er es sich vorgestellt. Als er ihn umarmt hatte, einen noch bart­losen Rosinsky, dessen Wangen sich unter seinen Lippen zart anfühlten wie die Dianas. Aber zusammen in einem Bett? Nie! Falls sie sich betranken, mußte er seine Zunge hüten, so was anzudeuten. Rosinsky würde ihn zwar nicht zusammenschlagen, der Typ war er nicht, doch als Mensch verachten. Was erst würde Diana sagen... „Würd’ mich nicht getrauen. Lieber würde ich sterben.“

„Du liebe Zeit!“ Sie lachte herzlich. „Süß, wie Sie rot werden. Also, New Orleans bietet für alles Gelegenheiten. Soll ich Ihnen für den Rest Ihrer Ferien eine verschaffen? Sie würden sehen, daran stirbt man nicht. Und Sie hätten ein Stück Klarheit mehr.“

Manuel schüttelte den Kopf und hielt sich am Kaffeebecher fest, den die Kellnerin soeben frisch gefüllt hatte.

Vielleicht war Virginia mit ihrem Latein am Ende, wollte den Vorschlag mit der elterlichen Ranch nicht weiter beschreiben, weil er folgerichtig in gewisser Weise für sie ausfiel. Bevor sie sich trennten, sagte sie, es seien über fünfhundert Meilen bis San Antonio, deshalb werde sie in der Nacht fahren, sobald es sich abgekühlt habe. Er sehe übrigens müde aus, solle sich nun besser hin­legen. Um acht werde sie an der Rezeption sein, um sich zu verabschieden. Um die Adresse dazulassen. Falls er sich nachträglich entschlösse.

„Sie heißen also nicht Jasmine“, sagte er verdrossen, weil er zu nichts Entschlußkraft hatte. Die feuchte, schwüle Luft des Golfs von Mexiko setzte ihm täglich mehr zu.

„So wenig, wie Sie Jig heißen. Im House habe ich den Alias benutzt. Wie in der Artikelserie, die ich schreibe und noch schreiben werde. In diesem Milieu wechselt man gern die Namen. Die Mädchen dort und die jungen Männer sind übrigens ausnahmslos Studenten. Selbst Eileen, die äl­teste, hat ein abgeschlossenes Studium. Volkswirtschaft, falls ich nicht irre. Schon deswegen lassen sie die bürgerlichen Namen weg.“

Sie fuhr ihn zum Hotel, und bevor er ausstieg, umklammerte sie für einen Moment seinen dünnen Bizeps. Es kam einem Ausloten gleich. „Ja“, sagte sie, „bes­ser nicht mit Männern. Mit dir wür­den sie allerhand Scheußliches anstellen. Du verführst dazu. So ein lieber kleiner Stallhase.“

Verwirrt warf er sich aufs Bett und schlief sofort ein. Wilde Gestalten galoppierten durch seine Träume, angeführt vom Büffel aus dem House, der in beunruhigender Weise an ihm herumfummelte. Abwehr war unmöglich, weil er seine Arme nicht frei hatte. Bevor Unsagbares passieren konnte, erwachte er. Wieder durch das Te­le­fon. Virginia.

„Manolo... Ich war im House, mich verabschieden. Die sind sauer auf Sie. Weil Sie alles vollgepißt haben.“

„Ich konnte nicht anders“, schnaufte er sarkastisch und gleich hellwach. „Eileen... Sie erinnerte mich an die Kindheit. Ich hab’ mir früher schon in die Hosen gemacht, wenn mich jemand schlug. Verständlicher Protest. Kinder können sich anders nicht wehren.“

„Man ist auch sauer, weil Sie keinen Cent Trinkgeld springen ließen.“

„Ich bin pleite“, sagte er. „Weiß der Geier, warum der Monatsscheck noch nicht ausgezahlt wird.“

„Das ist wenigstens ehrlich. Wann reisen Sie ab?“

„Heute abend.“ Er seufzte tief. Sieben Dollar fünfundfünfzig Cent waren ihm geblieben „Mit Ihnen. Gilt die Einladung noch?“

„Oh, ich freue mich“, sagte sie leichthin. „Allein macht die Fahrt keinen Spaß. Sie können aufpassen, daß ich nicht einschlafe. In zehn Minuten sollten Sie fertig sein. In fünfzehn bin ich weg. Mit oder ohne Beifahrer.“

Fluchend warf er seine Sachen in die Reisetasche. Er haßte es, gehetzt zu werden. Oder ungeduscht auf die Reise zu ge­hen.

Zwanzig Minuten später bogen sie auf die Nationalstraße nach Hou­ston, Texas, ein, während Virginia den ersten Joint drehte. Apa­thisch griff er zu, fürchtete um ihre Sicherheit. Doch der Wagen schnurrte gradlinig dahin. Eisern hielt sie die erlaubte Geschwindigkeit, bis alle bewohnten Gebiete hinter ihnen lagen. Nun drückte sie den Gashebel durch. Der schwere Chevrolet schoß vorwärts, bohr­te sich brum­mend durch die Dunkelheit. Nachtfalter zerplatzten mit häßlichem Geräusch auf der Windschutzscheibe, und einmal gab es einen Knall, vielleicht von einem zerschmetterten Nachtvogel. Sie lenkte schweigend, hockte sichtbar entspannt hinter dem Steuer und paßte auf, daß er beim Kiffen wacker mithielt.

Er hatte mittags wenig und seitdem nichts mehr gegessen, hat­te keinen Appetit. Außer Appetit auf Sex. Durch die Abende im House war er daran gewöhnt, erschöpfende Abreibungen zu bekommen. Er betrachtete begehrlich Jasmine oder Virginia, oder wie sie noch hieß, ihre enge Bluse und die vollen Schenkel in der noch engeren Hose. Gern hätte er das Gesicht dazwischen gelegt. Aber das schwarze Leder wirkte unerhört abweisend, hielt ihn zusätzlich zum Altersun­ter­schied wie durch Stacheldraht in Schach.

Nach zwei Stunden, bei einer Geschwindigkeit zwischen hundertzehn und hundertzwanzig Meilen, jaulte hinter ihnen die cha­rak­teris­tische Sirene. Die Patrouille blieb dicht dran, bis der Verkehrssünder reagierte. Dann hielt der Polizeiwagen in einigem Abstand. Klar, sie war zu schnell gefahren. Manuel nahm an, man würde sie verhaften und ihn auf der Straße sitzen lassen. Es mußte ja so kommen! Gut möglich, bekifft wie er war, würde man ihn mit ein­lochen.

Bis ins Wageninnere flackerten die Rotlichtblitze der Patrouille. Ein Beamter blieb, Revolver im Anschlag, in sicherer Entfernung stehen, der andere pochte auf das Dach und verlangte die Papiere. Virginia war keineswegs nervös. Sie such­te ihren Ausweis hervor und vermutlich die Zulassung für das Auto. Ungefragt hielt er seinen Paß hin. Der Lichtstrahl einer Taschen­lampe strich über die Dokumente.

Der Sheriff sagte in unerwartet höflichem Ton: „Sie haben es eilig, Madam?“

„Ziemlich.“

„Okay, Madam.“ Er salutierte zackig. Zu zackig für eine Routinekon­trolle. „Gute Fahrt.“

 Sie rollten weiter. Mit dem Affenzahn wie gehabt. Auf sein verwundertes Gesicht hin fragte sie: „Ist was?“

„Nein“, antwortete er, „was soll sein?“ Dabei reckte er sich und puffte sie tölpelhaft an.

„Ist Ihnen nicht wohl? Tut was weh?“

„Die Arme.“ Der Hintern tat mehr weh. Lindernd wirkte der Wollpullover, den er druntergeschoben hatte.

„So? Was ist mit den Armen?“ Wieder klatschten Nachtfalter auf die Windschutzscheibe. Angerührt schmatzte sie und betä­tigte Wassersprinkler und Scheibenwischer.

„Sind halb ausgerenkt. Weil mich der Rausschmeißer gemein abführte und dabei hochhob.“ Seine Stimme klang weinerlich. „Meine Gelenke sind überdehnt. wor­den.“

„Unsinn. Sie haben keine Kenntnis, was die Gelenke des Homo sapiens aushalten. Weit mehr als das eigene Körpergewicht.“ Kopfschüttelnd musterte sie ihn. „Sie haben einen Muskelkater.“

„Meine Arme sind blutleer und werden verdorren.“

Sie lachte. „Wissen Sie, was Sie sind? Übermäßig verspielt. Und erschreckend ahnungslos.“

Gegen ein Uhr morgens hielt Virginia an einer Rast­stätte. Sie hieß Manuel bestellen, worauf er Lust hatte. Sie wollte ein Steak, me­di­um durch, und einen doppelten schwarzen Espresso. Ihr zuliebe nahm er auch ein Steak. Dazu eine Riesenportion Pommes. Er fühlte sich gleich besser, weil so nahe an der mexikanischen Grenze Spanisch verstanden wurde. Sein Steak verlangte er bien pasado.

Sie war telefonieren gegangen. Manuel sah sie von der Theke aus. Wen um alles in der Welt konnte sie um diese Zeit ohne Gewissensbisse aus dem Schlaf läu­ten? Mehrmals wies sie gestikulie­rend auf ihn. Wie sie zurückkam, fand er sie trotz ihrer Lederhose, an der er gern die fettigen Hände abgewischt hätte, und dem weißen Gewichtheber-T-Shirt sehr weiblich. Sie grinste spitzbübisch über das deutlich in sein Gesicht gemalte Begehren. Ja, so eine Frau hatte er noch nicht ge­kannt, und für seine Jahre, das wußte er, war er weit herumgekom­men. Verspielt oder nicht – in den unermeßlichen Landschaften der menschlichen Seele kam er sich nicht ahnungslos vor.

Sie aßen ohne Hast. Nach dem Steak und zwei Colas war er erfrischt. Virginia lehnte sich halb seitlich zurück und blies ihm den Rauch ihrer Zigarette, Marke Life, ins Gesicht. Unvermittelt fragte sie: „Wollen wir uns nicht duzen?“

„Gern“, sagte er verschmitzt grinsend, weil sie ihn beim Blick tief zwischen ihre Schenkel ertappt hatte. Er ergänzte: „Scha­de, wir haben nichts, um anzustoßen. Der Laden hier ist alkoholfrei.“

Wortlos kramte sie in der Handtasche und zog hervor, was er von den Deutschen unter der Bezeichnung Flachmann kannte. Sie schraubte die goldfarbene Verschlußkappe ab, schloß beim Trinken die Augen und reichte es Manuel. Das Zeug schmeck­te merkwürdig. Es konnte Kognak sein oder irgendein Likör mit einem schwachen Beigeschmack nach Anis.

„Manolo“, sagte sie und schwang sich vom Barhocker, „jetzt schau’ ich mir deine beschädigten Arme an.“

„Nenn’ mich nicht Manolo“, bat er. „Ich hasse diese Kurzform, die keine ist. Ich mag sie auch in meiner Heimat nicht. Sag Manuel. Oder Mani.“

„Ma-ni“, sagte sie sichtlich überrascht mit weicher Stim­me. Zuerst bewegte sie seine Oberarme wie die eines Hampelmanns in alle Richtungen, begutachtete seine schmalen Ellbogen- und Handgelenke. Dann massierte sie seine Schultern. „Sieh an, sieh an! Om mani padme hum. Hast du dabei vielleicht an die Upanishaden gedacht?“

Gesichtslose Schatten schwangen Schwerter. Gläserne Schneiden brachen seinen Hochmut entzwei. Er hatte Virginia gröblich unterschätzt. Über die anziehende Weiblichkeit hinaus erahnte er den männlichen Part in ihr. So wie sie hinter ihm stand, wünschte er, sie würde seinen Arm verdrehen und ihn herumwirbeln. Dabei könnte er den Kopf, ohne daß es ungebührlich wäre, an ihre Brust legen und wimmern. Weil es ja weh täte.

Sie fragte wieder: „Ist es das, o Mani?“

Der Junge hatte Tränen in den Augen und stammelte Zustimmendes. Die Müdigkeit der vergangenen, überspannten Tage, den für sei­nen Körper exzessiven Sex und viel zuviel Alkohol schlugen nun voll durch. Seltsame bunte Nebel hüllten ihn ein. Vielleicht hatte sie ihm ganz nach seinen Wünschen den Arm verdreht, um ihn wieder in den Wagen zu befördern. Erst in der Morgendämmerung wachte er auf. Er lag auf dem Rück­sitz, in eine Decke gewickelt.

Sie beugte sich über ihn. „Mani, wir sind da. Wärst du ein paar Jahre jünger, würde ich dich ins Haus tragen.“

Er tappte ihr nach und war nicht weiter erstaunt, daß sie ihn so unbekümmert nackt auszog und zu Bett legte, wie Diana das getan hatte. Und noch früher Doña Magdalena.

„Schlaf weiter“, sagte Vir­ginia. „Solange du es brauchst.“

 

Vor dem Mittagessen wurde er wach. Auf einem Stuhl lag die Kleidung, die er im House hatte zurücklassen müssen. Um die Turnschuhe, die er im vergangenen Jahr unter Reds ob des hohen Preises erstaunten Blicken gekauft hatte, hätte es ihm leid getan. Virginia hatte neue Bänder ein­gezogen, die sich auf dem abgewetzten Leder adrett ringelten wie die Richtschnur zu einer Serie neuer Taten. In den Lee Jeans steckten fünf Zwanziger, als habe sich alles umgedreht und er sei nachträglich für die Standfestigkeit be­lohnt worden.

Ihr Elternhaus, er hielt es dafür, war ein architektonisch üppig ausgeführtes An­wesen in einem Stil, den er auf den Kanarischen Inseln beheimatet wußte oder im westlichen Andalusien, spanischer Kolonialstil. Der zweistöckige Bau hatte nach Süden hin im ersten Stock eine teilweise überdachte Terrasse, der im Erdgeschoß ein säulengestützter Vorbau entsprach. Im Haus lebten ihre Mut­ter und deren Schwester. Beide waren entzückt, daß Virginia Besuch mitbrachte. Lustig der Umstand, daß der Altersunterschied zwischen Mutter und Tochter an die vierzig Jahre betrug und die Tante sie noch um eine Dekade übertrumpfte, eine Frau in den Sieb­zigern.

Beschönigend wünschte er sich, Virginia wäre seine Mutter. Dar­über würde sie herzlich lachen. Von Anfang an hatte er sich in ihr getäuscht. Während der Fahrt hatte er abwechselnd die Benennungen Mädchen und Frau und Unnahbare ausprobiert. Über diesen spielerischen Versuchen war sie jünger geworden. Sie besaß Hände zum Verlieben, schmale Frauen­hände, die in kräftige Gelenke übergingen, und Arme, die nicht von schlechten Eltern waren. Sofort wünschte er wieder, ihrem Körper nahe zu sein. Ach, würde sie doch seinen Hals in die Armbeuge klemmen, Kopf nach vorn, zwischen ihre Rippen und an die Brust gedrückt! Leider fiel ihm nichts ein, was sie zu einer so schmusigen Gewalttätigkeit provoziert hätte.

Es war seine dritte amerikanische Familie, in die er hineinplatzte. Der Gegensatz zwischen den Rileys und den Chattons in Wyoming war ähnlich akzentuiert gewesen wie in seinem deutschen Zuhause zwischen den Reders in der Residenz und den Elges im Staatsbad, Halbbauern gegen den Standardtypus preußischer Regierungsräte. Auch bei den Chattons und hier in Texas hatte er es mit gebildeten, kultivierten Leuten zu tun, gegen die Pete Rileys majorsmäßig straffe Führung in Farm und Familie fragwürdig abstach.

Die drei Frauen fragten ihn über Spanien aus und bedauerten unisono, daß er in einer Diktatur aufgewachsen war. Das sah er anders, fühlte sich dank langer Diskussionen mit Federico als Bürger eines kommenden vereinigten Europas. Sein Abschlußreferat im letzten Schul­jahr hat­te der Montanunion und den Römischen Verträ­gen zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und den Benelux-Staaten gegolten und ihm eine Belobigung der Schulleitung eingebracht. Darüber informierte er die Damen. Bei all ihrer Neugierde sollten sie wissen, daß die Alte Welt sich mauserte und dabei war, die Krater des großen Krieges zuzuschütten. Über Virginias Arbeit wurde nicht ge­sprochen. Sie schien tabu, als sei sie anstößig. Maß er es an ihrem Volontariat im Hou­se, mochte anstößig sogar passen.

Am Nachmittag war er sich selbst überlassen und streifte umher. Er stellte fest, ohne Auto war in der weiten flachen Landschaft, die durch weiße Wolkenbänke am Horizont begrenzt wurde, nicht viel zu machen. In den alten Äckern wuchs kniehoch zähes Gesträuch. Unter mehreren immergrünen Arten wie Berglorbeer behauptete sich die eher in nördlichen Regionen beheimatete Gold-Johannisbeere. Er kannte sie vom Exotengarten der Betancourts. Die Ranch wurde nicht mehr bewirtschaftet. Schuppen und Stallungen waren verfallen. Das ver­wit­terte Holz knarrte und ächzte in der Sonnenglut eines ungewöhnlich heißen Spätsommers. Ein Streichholz hätte genügt, alles bis auf den Lehmboden niederzubrennen.

 

,7. September. Gestern mit Virginia in Somerset angelangt. Auf der Ranch ihrer Familie. Kein Mann im Haus. Wer und wo ist ihr Mann? Hat sie keinen? Meine Geschicklichkeit im Amerikanischen reicht nicht aus, das Einkreisende der Fragen zu verwischen. Bevor ich sie halb raus habe, reagiert Virginia mit ,No comment.’

Imposante Ranch. Die Ponderosa ist dagegen eine Hundehütte. Das Hauptgebäude hat Klasse wie die Finca der Betancourts, hier abblätternde Klasse. Die ehemaligen Ställe sind zum Niederreißen elend, zerklüftet und zerfurcht wie die Gesichter Hundertjähriger. Bin so là là rumgelaufen, kraft­los. Habe noch Muskelkater in den Armen. Das von Eileen vermöbelte Hinterteil treibt mich nach kurzem Sitzen hoch. Nach dem Essen massierte Virginia wieder meine Schultern. Mann, hat die einen Griff! Sie sagte, ich sei verspannt. Bin ich immer nach Wochen angestrengten Lernens. Ein Pferd wäre schön! Hätte Lust aufs Rei­ten, aber sie haben keine Pferde. Sie haben gar keine Tiere, nicht einm­al Hund oder Katze. Wie auf der Ponderosa, wo Maureen was gegen Hunde und Pete was gegen Katzen hat. Im Reder-Haus haben sie was gegen Vierbeiner als unnütze Esser, und in der Kurdirektors­villa verbieten sie sich wegen Gertrudes Allergien. Sie niest schon, sieht sie eine Katze in der Zei­tung, und mir kommt vor, Diana hat davon einen Teil abbekommen. Ich träume oft von einer auf meinem Bett schnurrenden Katze, seit ich bei Benigno mit diesen rätselhaften Geschöpfen bekannt wurde. Klappt es mit Mädchen auf Dauer nicht, vermähle ich mich mit einer Katze. Ich werde dafür sorgen, daß ihr eine Witwenrente sicher ist, sollte ich, was mir in letzter Zeit wieder fatal möglich erscheint, als biologisch Nutzloser von der göttlichen Sense recht bald gefällt werden.

Ich stelle fest, ich bin nach der Erschöpfung im House, verspannt oder nicht, alles andere als saftlos. Bewirken tut es der Fleischfraß. Die topflappengroßen Steaks machen einen geil wie – mein Gott, was sagte ich damals zu Fedi? Ich glaube, wie Taubenscheiße. Vorhin untersuchte ich die Murmeln. Am Säckchen sind keine Blut­ergüsse zu sehen. Falls sie was abbekommen hatten, haben sie es weggesteckt. Ja, die halten was aus. Wäre nur an meinem Körper alles so robust wie die Murmeln! Mein Herumgetatsche interpretierten sie als termingemäße Feuerwehrübung. Der Schlauch straffte sich und schleuderte die Ladung in hohem Bogen ins vertrocknete Federgras, das bei uns in manchen Gegenden Marienflachs genannt wird.

Benommen saß ich unter der schattigen Eberesche. Geh aus mein Herz und suche Freud. Die Protestanten sind gute Rhetoriker, vielleicht nicht so geschickt wie unsere Priester, andererseits listiger und frecher im Heucheln. Meine katholischen Murmeln hüten sich zu heucheln, wozu auch! Die Murmelherzen schlagen nach eigenem Takt. Auf Freude sind sie aus. Gewähre ich sie ihnen nicht, holen sie selbst davon, soviel sie haben wollen. In diesen Momenten fühle ich, mein Körper gehört mir nicht. Ich brauche keinen Spiegel, ich weiß, wie töricht ich aussehe, kaue ich an Wahrheiten dieser Art.

Als ich mich erhob, vielleicht war ich einen Mo­ment eingenickt, bargen Termiten die Ladung in ihren schwarzbraunen Tanks. Eine Gruppe Scouts untersuchte meinen Unterkörper nach dem Ursprung. Mir fallen andere Begegnungen mit ihnen ein. Sie lassen sich nicht abschütteln, klam­mern die haarigen Beine an die Haut und schnüffeln an jeder Pore. Ich schnippe sie gern mit dem Fingernagel weg, einzeln, ich denke, das tut ihnen nichts. Sie purzeln zu Boden, peilen die Richtung, ich weiß nicht nach welchen Kriterien, und setzen die Tätigkeit woanders fort. Es sind unglaublich starke Tiere, durchaus imstande, jeden Organismus bis hin zur Elefantengröße in Moleküle zu zerlegen.

Virginia traf ich beim Abendessen wieder. Ihre Abwesenheit entschuldigte sie mit geschäftlichen Angelegenheiten. Das Essen war vorzüglich, bestand hauptsächlich wiede­r aus Fleisch. Irgendwie habe ich zur Zeit sogar Biß drauf, vermisse allerdings die kleinen Portionen und die traditionellen vier oder fünf Gänge unserer heimischen Küche. Hier gibt es praktisch nur zwei: Salat in bescheidener Menge und das obligate riesige Steak mit Pommes fri­tes. Ich schlang es hastig runter, weil ich befürchtete, ich würde sonst den Schwung verlieren. Übriglassen gilt nicht. Das hatten mir die Reders eingebleut. Man bekam die Reste am nächsten Tag als erstes auf­getischt. Der gehässige Kuno erfand für mich die Milchreisfolter, im Schwitzkasten mir den Mund aufzwängend. Ein Löffelchen für Hildgunde, ein Löffelchen für Roswitha, ein Löffelchen für Fräulein Dömnitz. Da Mutter Reder nicht einschritt, kotzte ich auf Kunos Bettvorleger. Von da ab gab man mir kleinere Portionen. Mit dem Gleitmittel der Dömnitzschen Etüden versehen – ich neben dem alten Fräulein auf der Klavierbank, wo Kuno mich nicht anzurühren wagte –, rutschte die verhaßte Speise leidlich im Schlund abwärts. Falls ich je mit Kindern zu tun habe, mit Milchreis werden sie sich nicht zu plagen brauchen, gezimtet oder ungezimtet. Mein Runterschlingen in Virginias Elternhaus hielt man für gesun­den Appetit und servierte mir ein zweites, nur wenig kleineres Steak. Beim Aufstehen schwankte ich wie eine Boa constrictor nach dem Verzehr zweier ausgewachsener Prärie-Lang­ohrhasen.

Nach einer Anstandspause mit den älteren Damen vor dem Fernsehen fuhr Virginia mit mir in eine dieser amerikanischen Landbars kleiner Orte, Typ Sally’s Bar, die elementare gesellschaftliche Funk­tionen ausüben und durch die Lage an wichtigen Straßenkreuzungen Leute bis spät nachts anlocken. Die Steaks lagen wie Pflasterbasalt im Bauch. Ich hatte sie ungenügend zerkaut und tat dies kund. Virgi­nia machte sich strafbar, indem sie mir einen doppelten White-Horse-Whis­ky, twelve years old, verabreichte. Der Keeper be­obach­tete uns mit zusammengekniffenen Augen. Der Drink besänftigte den Magen. Grummelnd machte er sich an die Arbeit.

Sie stellte mir einen gutaussehenden Burschen vor, wahrscheinlich den Dorf-Beau. Zu dritt spielten wir ei­nige Partien Billard. Jake gewann alle mit sei­nen ausgeklügelten Stößen, bei denen er sich halb auf den Tisch legte. Der Alkohol steigerte meinen sexuellen Appetit. Ich glaube, Treiber sind vor al­lem die Steaks, deren Konzentrat sich in den Drüsen wie Sprengstoff ablagert. Meine Blicke galten Virgies Brüsten und ihrem geilen Lederhintern. Flüchtige Blicke genügten, ihn mir nackt vorzustellen – mein Knabenspiel, das ich für Di­ana und ihre spiegelglatt ab­gewetzte germanische Lederhose liebeshungrig erfunden hatte, d-Moll nun in v-Dur transponiert. Jake zeigte auffällig stolz Muskeln. Dios mío, was für klar um­rissene Bizepse im kurz­ärmeligen weißen T-Shirt! Eine Kombination wäre der Himmel auf Erden, Virgies Po, ihre Brü­ste und solch starke Arme, die mich festhalten würden. Vielleicht haftete mein Blick zu lange auf diesen Armen, da mich die Frage streifte, ob man Steaks daraus schneiden könnte und wie sie schme­cken würden. Plötzlich kriegte ich einen Arm um den Hals. Jake mur­melte, er brauche heute eine Schulter zum Anlehnen. Meine schwachen, verspannten Schultern – zum Lachen! Ein Witz auf meine Kosten. Nicht weinen, om mani! Boys are not allowed to cry.

In der Nacht fuhren wir zu dritt zur Ranch. Jake hängte sich an. Ich fand seine Gesellschaft angenehm, doch was hatte er mit Virginia zu schaffen? Ob sie meine Ge­danken erriet? Es verschlug mir die Sprache, wie sie das Thema anschnitt, als ginge es darum, für den Wagen eine Nachttankstelle zu finden. Sie sagte ungekünstelt bei­läufig, sie habe nicht vor, mit mir zu schlafen. Noch mit Jake. Wir seien beide minder­jährig. Hörte sich an wie minderwertig. Es würde Jake und mir doch nichts ausmachen, ein Zimmer zu teilen, weil sonst nichts hergerichtet sei, und sie im übrigen die beiden Damen, die ältere und die alte, durch nichts beunruhigen wolle? Ich schluck­te und atme­te tief durch. Jakes Pantherkörper verwirrte mich. Bisher hatte er nur an mir herumgezupft. Es war eine Frage der Zeit, bis eine Tatze vorschießen, die Krallen mein Fleisch durchbohren und mich zerreißen würden.

Gegenüber Virginia hatte ich zu sehr auf die Pauke gehauen, um mich interessant zu machen. Ich bin mir inzwischen einigermaßen sicher, überaus verführbar zu sein. Nicht in jede Richtung. Die primären Zeichen des Männlichen, Bart, Behaarung, die häßlichen Schwänze und das Harte, Kantige des maskulinen Knochenbaus stoßen mich ab. Gern habe ich an Jungen, was ich nicht habe: Kraft. Abzulesen an den Wölbungen gut durchgebildeter Muskeln. Fred war so ein Muskelgott. Dieser flapsige Pfadfinder von der Nordseeinsel, von Uwe zu meinem Vorgesetzten bestimmt, nahm kurz und bündig auf meinem Körper Platz. weil ich mich der Campordnung nicht einpassen wollte. Vergeß’ ich nie, was er vor sich hin brummelte, als säße er auf einem gefällten Baumstamm, um seine Initialen in die Rinde zu ritzen: Was mach’ ich bloß mit dir? Bei so was werde ich zum Hasen, der unter einer Prise Salz alle Viere streckt. Das heißt, meine Angstmechanismen weichen ontologischer Wurstigkeit. Deshalb soll­te ich mich bei Jun­gen sehr in acht nehmen. So wie vormals bei meinem angebe­te­ten Leo­pol­do, mit dem ich solange die spielerischen Handgreif­lich­keiten zwischen rauflustigen Knaben genoß, bis ich ihn als gleich­gül­tigen Hen­ker entlarvte, dem es einerlei wäre, welche Knochen er mir je brechen würde. In Schach hielt ihn die Überlegenheit meines Kopfes, der hinsichtlich schulischer Lei­stun­gen die Marschrichtung im Institutsleben vorgab.

Merkwürdigerweise läuft es mit Billy anders. Er ist meine Nummer eins geworden. Ich habe mich mit seiner unter runden, mädchen­haften Formen versteckten Po­wer abgefunden. Vor mir nimmt er sich zurück, leugnet seine Kräfte. Leugne, Quee! Kannst mich nicht täuschen. Ich weiß, wenn wir uns wiedersehen, nächstes Jahr (er wird sechzehn sein!), werde ich leise vor mich hinjammern wie ein Habenichts vor dem Dämon Mammon. Und werde das Gejammer gleich wieder einstellen, weil ich mich recht an seiner harmonischen Gestalt freue. Billy ist ein schlau­es, durchtriebenes Kerlchen. Von dieser Sorte kenne ich noch keins. So wie er langsam kauend dasaß, beim Abendessen, mir gegenüber, und mich wie ein Kamel an­starrte, hatte ich das beklemmende Gefühl, er drang bis in die geheimsten Winkel meines Seins. Kein Kind. Ein mit allen Wassern gewaschener Trapper des amerikanischen We­stens, der mich, wie Di­ana es tat, wog und vermaß. Ihr genügten flüchtige Blicke. Ihre Hände waren die wahren Fühler, die, über den Körper wandernd, meine Geheimnisse aufblätterten wie ein Buch für Le­se­schwache im Großdruck. Dios mío, warum schreibe ich das alles? Ach ja – darauf wollte ich hinaus: Kei­nem meiner drei Favoriten hätte ich an den Schwanz langen mögen, hätte es abgewehrt, würden sie es bei mir probiert haben. Denke ich daran, was kräftige Burschen, die in Objekt und Methode nicht wählerisch sind, an mir verbrechen könnten, graust es mir. Besonders vor jenen, die nur sexuelle Kicks im Schädel haben. Der Vollständigkeit halber sei Karim er­wähnt. Kein Favorit. Nützlich für allgemeine Fragen, die den nahrhaften Grund­brei der Existenz betreffen.

Zuerst wollte ich sagen, ich würde lie­ber im Schuppen schlafen, Flausen dieser Art. Allein, dieser Reise meiner letzten Ferien vor der Reifeprüfung habe ich den Leitspruch zugeordnet, offen für alles zu sein. Keine Feigheit vor den eigenen Empfindungen will ich zulassen, kein Wanken von Courage, keine Furcht davor, verborgene erotische Wünsche zutage zu fördern, was immer sie für mich bereit­hal­ten mögen. Ich mein eigener – wie sagte Billy? – Impresario. Zir­kus­di­rektor, Kunstreiter, Galeriebesucher in einer Person, ge­mäß Di­anas Abituraufsatz. Den ich nicht lesen muß. Sie wird ihn auf meine Kosten geschrieben haben, einen Typ schildernd, der den Kopf auf die Brüstung legt, weil niemand sehen soll, daß er weint. Diana wird zehn-plus-plus bekommen haben, dazu eine Auszeichnung. Sie hat nur abzuschreiben brauchen. Von meiner See­le, meiner Gestalt, mit denen die Träume von Diana-Kunstreiterin, das weitere Leben betreffend, niemals wahr werden können.

Es gab Aufschub. Vor einem schmutzigen, mit Ascheschnörkeln verschmierten Kamin, der klarstellte, Winter toben sich hier mit der gleichen Kälte aus wie auf iberischen Hoch­ebenen. Aufschub bei teurem Whisky, teuer der Flasche nach, auf der das Preisetikett keine Mißverständnisse aufkommen ließ, denn mein Pennäler-Ge­schmack ist ungenügend ausge­bildet, um Twelve-years-bottled von ordinärem Fusel zu unterscheiden. Im Betancourtschen Landhaus im katalanischen Reus wäre allein das Preisetikett ordinär, hier in den Staaten zeigt man offen, was Dinge wert sind. Red lief nach einem Hemdenkauf tagelang mit einem Preisanstecker auf der Brusttasche herum. Der Versuch, bei Billy darüber zu witzeln, fiel auf mich zurück. ,Wie­so?’ sagte er, ,in der Lederhose ist dein Name eingestickt. Mit lila Garn. Lila für einen Jungen! Ist zehnmal affiger.’ Ich weiß, er war scharf drauf, wollte sie mir abkungeln. Das kam für mich nicht in Frage. Er stillte das Verlangen auf seine Weise, sprang morgens lange vor mir aus dem Bett, zog an, was von mir her­umlag bis hin zu meinen Turnschuhen, und war weg. Für mich blieben Reds uralte Jeans und seine Knarrstiefel, die bei jedem Gang mit mir plauderten und überflüssigerweise empfahlen, rechtzeitig aufzustehen.

Zurück zum Whisky. Nach zwei weiteren Drinks nahmen die Dinge um mich herum einen Spin an wie um den Atomkern tanzende Elektronen, von geheimen Kräften zu ewigem Tanz gezwungen. Jake lümmelte in einem Sessel, die Beine über die Lehne gehängt, und ließ die Fin­ger knacken. Virginia fragte mich wieder aus. Leu­te ausfragen ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Nach meiner Familie, meinem schulischen Status, meiner Freundin, warum sie mich nicht begleite. ,Ich habe keine.’ ,Du hast keine –?’ ,Keine feste.’ ,Fest oder nicht, warum nicht?’ ,Weil ich allein reisen will, zum Teufel! Weil ich...’ ,Ja’, sagte sie, ,ist okay, gefällt mir, wie du dich gibst.’ Damit pflanzte sie mir einen Kuß mitten auf den Mund und stützte sich noch schwerer zwi­schen meinen Beinen ab. Jesus, schlackerten mir die Knie! ,Du gefällst mir, wie du bist. Deine Latte wird noch fähiger, keine Sorge.’ ,Meine Latte?’ Traurig hörte ich Virginias Trö­stung. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie dieses hellwache Texas-Girl das leiseste Begehren an einem schmalen Körper wie meinem verspüren könnte. Sie lachte über mei­ne Verwirrung. ,Aber ja’, sagte sie. ,Ist mehr dran, als du glaubst. Nicht eifersüchtig werden, Jake’. Überlegend betrachtete sie dessen unanständig weit gespreizte Schenkel. ,Wehe, du belästigst ihn mit dei­nem aufdringlichen Gerät. Denk an die Ölwanne, in die ich dich jederzeit wieder packen könnte. Die abscheuliche Ölwanne, in der du herumrutschst, bis dir klar wird, man darf nicht alles anfassen, was daherkommt. Rückfällige Täter laß’ ich länger in Öl braten. Dürfte dir klar sein.’

Davon begriff ich nicht viel. Wer benutzt Ölwannen? Nur Automechaniker kamen mir dazu in den Sinn. Ich schlief nach der biestigen Menge Alkohol sofort ein. Falls es einen sexuellen Aspekt zwischen Jake und mir gab, schlich er im Morgengrauen einher, als ich erwachte. Jakes Kopf ruhte auf den prallen Rundungen seines Oberarms. Wären wir aus einem Baukasten zu­sam­men­ge­setzt gewesen, hätte ich seine Ar­me genom­men und gegen meine ausgetauscht. Jake besitzt Billys marmorblasse, haarlose Jungenarme, zwar einige Nummern stärker, doch von der Mus­ku­la­tur her weniger durchgebildet. Im Umfang liegen Dianas Ar­me dazwischen, noch glatter und farblich ausgeprägter, würde ich sa­gen. Selbst in der sonnen- und blätterlosen kalten Jahreszeit behielten sie, griechisch-mediterranes Erbteil, ei­nen Rest Sommerbräune, und der Duft ihrer Ellbogenbeuge war der grüner Haselnüsse. Falls meine Ellbogen je einen wahrnehmbaren Geruch verbreiteten, wäre es der halb verkümmerter Nüsse eines mißratenen Schößlings, ich, Dianas dürftiger Gespiele, eine taube Nuß. Elegisch versteckte ich meine Arme hinter dem Rücken und murrte gegen die Weltenseele. Mein übliches Morgengebet, das ich auf der Ponderosa abspulte, reckte der muskelbepackte Billy sich wie ein erwachen­der Jungtiger und maulte: ,Steh endlich auf, Blacky, du alte Schlafmütze. Oder wünscht der Señorito Frühstück im Bett?’ Mir ist unver­ständlich, wie der hart arbeitende Billy den Tag so lebhaft zu beginnen vermochte. Einmal hatte er, tropfnaß von der Dusche unter dem Pumpenschwengel im Hof, das Frühstück raufgeschleppt, auf einem Tablett. Kaum hatten wir die Eier aufgeklopft, machte Red uns Beine. Übrigens sind hier weiche Eier auf germanische Art unüblich. Bei uns auf der iberischen Halbinsel kocht man sie für gewöhnlich hart. In den Bars werden sie als tapa zum Wein serviert. Amerikaner haben eine Vorliebe für Rühr- oder Spiegeleier. Mit Speck und einseitig ge­braten. In Lokalen be­stellt man sie sunny side up.

Insgesamt, glaube ich, so der ernüchterte Eindruck vorhin beim Frühstück, halten wir nicht viel voneinander, Jake und ich. Er ist für mich ein schwatzender Hohlkopf und für ihn bin ich ein prüder Katholik, der zum Schlafen mindestens zwei Hosen übereinanderzieht. Reine Schutzmaßnahme. Falls mir jemand an die Wäsche wollte, hätte ich genügend Zeit, ihn zu töten, bevor ich geschändet wäre. Es empfiehlt sich dazu der Handkantenschlag ins Genick, von dem Bil­ly schwärmt. Dummerweise kann man ihn nicht trainieren.

8. September. Virginia läßt uns unser Unverhalten nicht in Frieden haben, will man es so ausdrücken. Sie hat sich wohl in den Kopf gesetzt, zwischen Jake und mir Reaktionen in Gang zu bringen, hat nochmals freimütig angeregt, ich solle einen Jungen probieren. Probieren? Ich starre sie an und weiß nichts zu entgegnen. Was stellt sie sich vor? Für mich wäre ein bißchen Rangeln mit Jake das Höchste, aber Jake sieht nicht so aus, als ob er mit solch harmlosen Jungenriten Zeit verschwenden würde. Warum es für mich ausgerechnet Jake sein sollte, weiß allein Virginia. Viel­leicht, weil Jake der Typ ist, der von seinem zwölften Lebensjahr weg alles nimmt, schätze ich mal, was sich darbietet, von der Maus aufwärts und ungeachtet des Geschlechts, solan­ge sich ein brauchbares Geschlecht regt. Ich überlege, ob das ein amerikanisches Phänomen ist. Uns Spaniern konnte die Rock-‘n’-Roll-Welle und deren elementar lösende Wirkung aus bürgerlicher Starre nichts beibringen. Wir sind starr und versteinert in all diesen Schraubstöcken von Kirche, Polizei und Militär. Da regt sich zu wenig, um frühzeitig an handgreiflichen Sex zu denken, geschweige denn ihn zu praktizieren. Unsere Gesetzbücher schreiben als Geisteshaltung prüde vor, dem folgt unser Lebensstil. Wahrscheinlich ist es ein generelles Problem romanischer Länder. Das werde ich mit Fedi zu erörtern haben. Ich meine, ob wir je aufholen werden gegenüber einer so schrägen, lebensbejahenden Na­tion wie den Staaten. United Sta­tes of America. In puncto Lebensfunken sprüht hier alles nach außen, ein ständiges Feuerwerk. Siehe Jazz. Ich kenne Fedis Meinung und denke, er hat recht: Kein Aufmucken unserer Nation, solange die fachas am Ruder sind, alte Leute, die bald sterben werden. Sonst riskieren wir einen neuen Bürgerkrieg. Amerika, du hast es besser. Du bist ja so viel wei­ter!

Virginia zeigte mir San Antonio. Das Zentrum ist spanisch wie irgendeine Straßenecke zu Hause. Ich fühlte mich gut, die Luft war trocken, im Schatten war es angenehm wie an einem Septembertag in Zamora. Sie hatte mich gedrängt, Shorts anzuzie­hen, aber ich wollte mich vor Jake mit meinen dünnen Waden nicht blamieren. Ich fragte jemand in Spanisch nach dem Telefonamt und bekam eine sauber akzentuierte Antwort. Jake spricht nicht Spanisch und Virgi­nia behauptet, sie verstehe kein Wort dieser Sprache. Das nehme ich ihr nicht ab. Sie las in meinem in Spanisch gedruckten Reiseführer über New Orleans zu lange, mein Kundschafterblick weiß zu unterscheiden. Jemand, der Sprache nicht mächtig, würde mit den Augen, Text überspringend, von Bild zu Bild gleiten. Virgi­nias Augen fuhren wie ein Schreibmaschinenwagen hin und her, langsam hin, Zeilenschaltung – ratsch! – zurück. Ach ja: Vor dem Telefonamt ver­ließ mich der Mut, die Verbindung nach Wy­oming schalten zu lassen.

Gestern verdächtigte ich Virgie rundherum der Unkenntnis, meine Heimat betreffend, verkniff mir jedoch jeden Tadel. Gut so, denn heute denke ich, ich ordne sie falsch ein. Ich muß das wache Mißtrauen einbeziehen, das selbst ein politisch ungebildeter Durchschnittsamerikaner gegenüber diktatorischen Systemen hat, weil sie ein Stück weiter südlich auf dem Kontinent im Dutzend blühen und gedeihen, ein Regime oppressiver und korrupter als das nächste. Vir­ginia hat mächtig was auf dem Kasten. Sie hielt mir einen Vortrag über Kuba, daß sie da den Kommunismus einpflanzen, direkt vor ihrer Haustür. Mann, kann die reden! Klopft locker Sprüche wie Eier in die Tortilla, von Platon über Machiavelli bis Montesquieu und Leuten, von denen ich noch nie gehört habe, Chegel, Drodskie (?), offenbar die Hauptwegbereiter der Idiotie Alles gehört allen. Habe nicht wi­dersprochen, das wäre Sache von Padre Arucas oder Hinrich, meine Miene war angeekelt genug. Ich bin, wie Di­ana es aus­drücken würde, volle Pulle dagegen. Hinrich sagte: Alles gehört al­len? Von wegen! Wenigen gehört alles, der riesige Rest hat nichts. Natürlich kann Diana nicht mir gehören, aber der Gedanke, sie würde allen gehören, oder ich al­len, ist unerträglich. Keine Lust, weiter darüber nachzudenken. Zwei Menschen sollten zueinander gehören, die Kirche mag sie segnen, der Staat es bezeugen, und damit Schluß. Alles weitere geht niemanden was an. Und was Dinge angeht, objetos: Was meins ist, gehört mir! Streckt sonst noch jemand dauernd seine Pfoten danach aus­, verliere ich die Freude dran. Es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel Dianas Lederhose, die Billy so lange anzog, bis ich sie ihm in einem schwachen Moment schenk­te. Weil es mir Freude machte zu sehen, wie sehr er in das Stück Leder vernarrt war. Zum Dank steck­te er mich in die Reliquien seiner Kindheitsabenteuer, Riemen und Kapuze aus Büffelhaut. Summa summarum ein Häutetausch, eine uns beiden geneh­me Neuverteilung, zu der wir keinen Kommunismus brauchten. Es schien, als hätten wir ein Stück un­serer eigenen Haut getauscht. Die wir von Octavio geschenkt bekamen und die, darüber werde ich noch nachdenken müssen, für uns beide berechnet war.

Vielleicht hat Virginia eingesehen, daß ich nicht Jake gehören will oder umgekehrt er mir. Sie änderte das Programm und schlug drei Tage Mexiko vor, eine Möglichkeit, meine letzten Fe­rientage sinnvoller zu verbringen, als in Bars rumzuhängen. Sie behauptete, sie habe in der Nähe von Monterrey beruflich zu tun, kurz und punktuell, wir seien rechtzeitig zurück. Meinen Rückflug ab New Orleans könne man auf Laredo umbuchen. Ich fand es wahnsinnig nett von ihr, einer Zufallsbekannt­schaft so entge­gen­zu­kom­men, sag­te ohne Zaudern ja und bedankte mich artig mit einer Verbeugung. In Wahrheit neigte ich den Kopf, um ihre Schenkel zu betrachten, die sich in voller Länge aus verwegen kurz abgeschnittenen Levi’s anboten. Jake fragte kaugummimümmelnd, ob er dabei sei. Für ei­nen Moment flog ein Ausdruck über ihr Gesicht, ein Stich ins Hin­terhältige, wie ihr Mienenspiel in den Spiegeln des House beim Ab­tasten mei­nes Körpers. Sie grinste amüsiert wie dort im Moment meines Durchdrehens, warf beziehungsvolle Blicke auf uns beide und sagte: ,Ich kann Hilfe brauchen, Tucker junior.’ Klar! Tuc­ker ju­nior muß mit. Ich bin ein lieber, wie auf Grußpostkarten grünes Gras mümmelnder Stallhase. Keine Hilfe. Für gar nichts. Ein Ferialpraktikant seines eigenen Lebens.

Zu blöd! Mein Notizbuch ist aus. Mir genehmen Ersatz gibt es hier nicht. Habe jeden erreichbaren Paper Shop abgesucht. Sie verkaufen nichts Fadengeheftetes. Nur am Schnitt geleimte Blöcke. Da fällt bei meinem ständigen Blättern auf der Suche nach bereits verarbeiteten Gedanken nach und nach alles auseinander. Hät­te nicht gedacht, in diesem Sommer so viel zu schreiben. Letztes Jahr, auf der Ponderosa, hatte ich an manchen Tagen keine Zeile geschrieben. Weil Billy mir die Stoa der Körpersprache verordnete. X-mal nahm er mir frech den Bleistift weg, sagte, der Mist kann warten, komm jetzt, Blacky. Oder muß ich dich kidnappen? Für deine Glieder reicht mein dünnstes Lasso. Schneidet gemein in die Rippen, Mann, das hättest du davon. Assoziation: Fadenheftung und dünne Lassos! Gefiel es mir nicht gut, wie der lebhafte Junge mich drängelte? Erstaunt verriet Phoe mir, Billy habe nie so recht mit Jungs gekonnt. Was bis auf seine Teddybären durchschlug, die er links liegen ließ. Lieber spielte er mit den Puppen seiner älteren Schwe­stern. ,Habt ihr ihn da nicht ausgelacht?’ ,Gott – ja!’ sagte Phoe, ,sicherlich hatten wir ihn ausgelacht. Das machte Billy nichts. Gegen Auslachen war er immer unempfindlich. Er behandelte die Puppen in hei­li­gem Ernst, als seien es seine Babys. Und so, wie er mit Kleinkindern umgeht, wird er ein fürsorglicher Vater werden. Wie aus Dr. Spocks Erziehungsleitfaden.’

Eigentlich gefällt mir, wie die drei Frauen der Lone-Star-Ranch mich zum Baby degradieren und, werde ich grade mal nicht gefüttert, ins Schwatzen drängen, abgesehen davon, wie über all den entbehrlichen Details das Papier zu schnell verbraucht wurde. Dieses geile Stück Virgie! Sie tut so, als könnte sie nichts als plappern und zieht dabei alles aus mir raus. Alles. Als würde sie sich besser mit mir auskennen als ich selbst. Stop!! – Die letzten freien Zei­len bleiben für Geistesblitze reserviert!!’

 

II

 

„Er ist verschwunden.“ Die Stimme versagte ihr. Die Tränen flossen reichlich und die Nase mischte Sekret dazu. Sie schneuzte sich. Blutstropfen markierten warnend Kreise im blütenweißen Taschentuch. In letzter Zeit führten Sorge und Aufregung schnell mal zu Nasen­bluten. „Cano ist zum Direktor befördert worden. Er kann den Jungen nicht leiden. Er wird ihn rausschmeißen.“

„Das ist Unfug. Man kann einen Schüler nicht rausschmeißen, weil er ein paar Tage Unterricht versäumt. Das müßtest du am besten wissen. Er schwänzt ja nicht. Und ist nicht verschwunden. Irgendwas mit seinem Rückflug wird nicht geklappt haben. Wei­ter nichts.“

Pili horchte auf die Stimme ihrer Schwester. Was wußte die über Yáñez, das sie nicht wußte? Yáñez und Hinrich Hinrichs... Hinrich war dem Jungen von der Pubertät aufwärts eine Stütze gewesen. Seit seinem Tod lief er führerlos dahin. Hatte vielleicht in den USA versucht, mehr über die letzten Jahre seines Vaters herauszufinden. Dinge, bei denen es sich dringend empfahl, sie ruhen zu lassen. An jenem fernen Morgen, da man Hinrich verhaftet hat­te, hatte sie seinen Freund angerufen, im Casino Menestral. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wer er war und mit wem er sich in Verbindung setzte, war aber sicher, es seien ausländische Kontakte gewesen, nach dem, was Hin­rich später erzählte. Dieselben Leute, die Hinrich binnen Stun­den aus der Haft frei bekamen, konnten Manuel binnen Stunden verschwinden lassen. Auf Nimmerwiedersehen. Es war nicht gut, in jenem gottlosen Land die Nase in Affären zu stecken, die einen nichts angingen. Wieder schneuzte sie sich. Das Nasenbluten hörte nicht auf. Ergeben bog sie den Kopf zurück. Bis auf die Sessellehne.

„Bist du noch da?“

„Ja!“ bellte sie. Die Zuversicht kehrte im Sturmschritt zurück, wie immer, wenn sie mit Elvira sprach. Gleich schlug der Verstand eine weitere Kapriole. „Kann man einen Siebzehnjährigen, der was Kapitales ausgefressen hat, dort drüben zum Tod verurteilen?“

„Pili!“ Elvira nahm den Ton der Älteren an, mit der sie sich schon in der Jugend gegen die sture Ziegenstimme ihrer Schwester behauptet hatte. „Hättest du je gesehen, daß Manuel eine Fliege erschlug? Ein lästiges Tier schnipste er allenfalls weg. Er schnipst alles von sich, wenn du verstehst, wovon ich rede. Selbst wenn er in Schwierigkeiten stecken sollte, und ich denke, ich weiß, wovon du redest – man könnte ihn nicht zur Rechenschaft ziehen. Er würde sich milde und liebenswürdig verteidigen, entschuldigen Sie, war nicht so gemeint, es geht um meinen Vater. Den hab’ ich nie gesehen. Hätt’ gern mehr über ihn gewußt.“

„Cano wird ihn rauswerfen“, sagte Pili eigensinnig. „Kein Bac, kein Studium. Was soll aus ihm werden?“

„Morgen kann die Welt auseinanderbrechen“, sagte Elvira. „Viel­leicht heute abend schon. Es gibt neuartige Erdbeben, winzige Bomben aus Suppenpulver, atomare Brühwürfel. Man wird jede Menge Zimmerleute brauchen, alles wieder aufzubauen. Auch wenn du es nicht glaubst: Der Bengel kann zupacken. Zum Zupacken dieser Art braucht man kein Baccalauréat.“

Sie schloß die Augen und atmete tief durch. Sie liebte ihren Neffen. Schade, daß sie nicht jünger und er nicht ein Cousin war. Ein um mehrere Ecken entfernter, dem sie sich hätte nähern können. Ihn umgarnen, unverhohlen. An ihrem letzten Geburtstag in Montemayor war ihr klar geworden, wie unmäßig sie den Neffen liebte. Sie hatten Mensch-ärgere-Dich-nicht gespielt, zu viert, Pili und eine Kollegin waren mit von der Partie gewesen. Drei Frauen und ein Jüngling. Manuel hatte gezögert, seinen kurz vor dem Ziel befindlichen Kegel an ihrem vorbeizuschieben. Mit einer mageren Eins hätte sie ihn hin­auswerfen können, und ihr Würfel produ­zierte Einsen am laufenden Band. ,Komm über mich’, hatte sie gesagt, ,ich tu’ dir nichts.’ Manuels Blick war kurz hochgeschnellt, zu erstaunt, um zu verbergen, was der Junge dachte. Gütiger Schöpfer, es war ihr so rausgefahren, komm über mich. Die Seele pflegte sich um Mißverständlichkeiten, die kei­ne waren, nicht zu scheren. Und dann hatte sie Manuel im Kloster Yuste nachspioniert, erst vor drei Monaten. Als Journalistin war sie öfters mal verkleidet gewesen, mit Make-up und allem, was dem Zweck angemessen war. Als Nonne noch nie. Heilige Madonna! Einfacher als alles sonst. Den kastanienbraunen Habit der Kla­rissen über­zie­hen, Stirn, Wangen und Hals mit dem Brustschleier abdecken, so war sie unkenntlich gewesen. Erstaunlich war, daß die Mönche des Heiligen Hieronymus sie so unangemeldet bereitwilligst eingelassen hatten. Ihr Vorwand: Bestandsaufnahme bewirtschafteter Klostergärten der Provinz Cá­ceres. Yuste besaß einen prachtvollen Garten. Die Glorie Carlos V. verpflichtete, und die Umrahmung durch die Sierra tat ein Übriges. Dort hatte Ma­nuel gearbeitet. Allein. Nackter Torso. Sie war auf eine Bank gesunken, mit der Schreibmappe auf dem Schoß, hatte ihn angestarrt wie nie. Freilich hatte sie ihn in Montemayor mit einem Handtuch um die Hüften zu Gesicht bekommen, aber das waren Augenblicke gewesen. In Yuste saß sie einen halben Nach­mittag im Schatten alter Akazien und betrachtete ihn, den letzten Yáñez, von allen Seiten, wie er die Schaufel schwang, den Rechen, wie er in den Beeten kniete und sich zwischendurch aufrichtete und reckte, die Beine weit gespreizt, die Arme so hoch in der Luft, als sei er zur Kreuzigung bereit. ,Komm über mich auf dieser Garten­bank! Ich verschaff’ dir einen Sinnesrausch, an den du noch als Großvater denkst. Und ich selber werd’ bis ins Grab dran denken.’ Irgendwann hatten sie sich zugewinkt, und sie war lie­ber gegangen, bevor er auf den Gedanken hätte kommen können, eine Pause für einen Plausch mit einer unbekannten Nonne zu nutzen. An der Pforte waren ihr die Tränen nur so über das Gesicht gelaufen. Dem anteilnehmenden Pförtner hatte sie gesagt: ,Euer Garten ist herzbrechend schön, Bruder. Ein Hort der Einkehr und der Stille. Ein Hort des Glaubens. In Jesum ruhen wir.’ ,Amen, Schwester!’ So der einzige, unverbindliche Zuspruch, den sie an jenem Nachmittag erhalten hatte.

„Was sagtest du, Elvira?“

„Ich sagte, was soll er mit einem Studium? Wozu soll er studieren? Was hat mir ein Studium gebracht? Eine eiserne Gesinnung, die mir jeder übelnimmt. Und Herumkrebsen statt eines ordentlichen Einkommens. Ich hätte Schneiderin werden sollen, wie ich es mir vor­genommen hatte. Da müßt’ ich vor niemand auf den Knien rutschen. Heute lacht mich jede Nachbarin aus, weil ich nicht mal einen Knopf annähen kann.“

„Wir kommen vom Thema ab.“ Pili steckte vorsichtig die kleinen Finger in beide Nasenlöcher. Der Blutstrom war versiegt. „Ich kann zu wenig Englisch.“

„Keine Sorge, das mach’ ich schon.“ Elvira legte auf. Sie dachte an das Gespräch mit Mrs. Riley, zwei Jahre war es her. Der Junge hatte sich ursprünglich auf den zweiten Sommer in den USA gefreut. Je näher die Abreise heranrückte, desto bedrückter war er ihr vorgekommen, als jage ihm ein Umstand in der Fremde Angst ein. Sie hatte, eiserner Besen aus der Ferne, das weibliche Oberhaupt der Farmerfamilie er­mahnen wollen, Manuel schützend an sich zu ziehen. Die amerikanische Frau hatte überzeugend dargelegt, er sei der Star, ohne es zu wissen. No problem at all. Ihr Mann habe ernsthaft vorgeschlagen, sich nach der Schule um ihn zu kümmern. Er könne in Denver studieren. Oder sogar in Cheyenne.

Sie wartete den halben Nachmittag auf das Gespräch, verwünschte alle transatlantischen Seekabel. Ebenfalls die Hochnäsigkeit der Te­lefonistin. „Señora, ¿está usted lista? Tiene tres minutos.“

„Maureen spricht. Ich war im Garten. Was –?“ Eine tiefe Stimme polterte unliebenswürdig im Hintergrund. „Tut mir leid. Granny behauptet, sie hätte nichts gehört. Außer den Vögeln, die heute in grel­ler Lautstärke zwitschern. Grell wie die Sonne. Na, ich denke, Sie wollen wissen, wo ihr Neffe bleibt.“

„Allerdings. Meine Schwester sieht ihn von der Schule fliegen. Hat er was ausgefressen?“

„Der? Frißt so schnell nichts aus.“ Die Farmersfrau lachte. „Er hatte Gelegenheit, mit Freunden, die er in New Orleans kennenlernte, einen Abstecher nach Mexiko zu machen. Dort gab es eine Autopanne, oder was weiß ich. Flug versäumt und das alles. Für diesen Weltreisenden kein Problem. Ist dort in guten Händen. Wartet den nächsten Flug ab. Mein Mann hätte interveniert, ist aber alles okay. Glauben Sie mir, übermorgen wird er bei Ihnen sein.“

„Mrs. Riley...“, die Tante zögerte, sich vorzutasten. „Wir wollten Sie bitten, ihn nicht zu ermutigen, Amerikaner zu werden.“ Sie wartete auf Einspruch, auf Formulierungen wie: Das geht Sie nichts an.

Reena schwieg überrascht. Ein Vermächtnis Magdalenas? Hatte die geglaubt, wäre Yáñez nicht ausgewandert, sie hätte ihren Mann irgendwann zurückgewonnen? Bedeutete für die Díaz’ eine andere Staatsbürgerschaft Manuels den Anfang vom Ende? Manuel hatte er­zählt, würde er gehen, blieben seine Tanten allein zurück. Billy wür­de auch fortgehen, war schon dreiviertel fort, für Schule und weitere Ausbildung. Jungen gingen nach der Pubertät aus dem Haus. Heute selbst die Mädchen. So war es eben.

„Sind Sie noch dran?“

„Señora Díaz! Wir haben keine Macht über die Wünsche unserer Kinder.“

„Manuel ist nicht Ihr Kind. Bitte beeinflussen Sie ihn nicht. Der Junge ist leicht zu beeinflussen.“

Reena hob den Kopf und musterte ihre um den Hörer gekrampften, weiß hervortretenden Fingerknöchel. Sie lockerte den Griff. Wäre er jetzt hier, dachte sie, neben ihr, sie würde ihn mit dem freien Arm heranziehen, ihm das Mikrophon vor den Mund halten und sagen: ,Sag es ihr! Was für eine Hexe sie ist.’ „Sie täuschen sich. Er hat einen wohlgegründeten eigenen Willen.“

„Alles, was wir wollen“, beharrte Elvira, „ist, daß Manuel das Stu­dium in seiner Heimat macht und abschließt. Das Danach könnte ein anderes Thema werden.“ Sie spürte aufwallende Eifersucht zusammen mit der spätsommerlichen Hitze, die den Schweiß aus al­len Poren trieb.

„Alles, was Sie wollen?“ Maureen kochte. Sie blieb höflich. „Le­gen Sie ihn in Ketten. Wenn Sie keine haben, mach’ ich welche im Stall los und schick’ sie Ihnen. Vielleicht können Sie ihn damit hal­ten. Wiedersehen!“ Sie warf den Hörer auf die Gabel und legte die Arme um den Körper. Ein warmer Nachmittag. Trotzdem fröstelte es sie von Kopf bis Fuß.

Nur einen Moment lang. Sie sah Manuel, ihren Stiefsohn, deutlich vor sich. Ihn umarmen, das wollte sie jetzt. Ihn nicht mehr loslassen. Das Fluidum der Yáñez. Man wußte nicht, wie sie einem in die Arme gerieten. Loslassen wollte man sie dann nicht mehr.

„War das die Schneiderin?“ erkundigte sich ihre Mutter. „Sind die Röcke für Thanksgiving fertig?“

„Könnte sein.“ Reena lächelte verschmitzt. „Die Schneiderin. Und was für eine! Ist dabei, das Schnittmuster zu versauen. Und du, Mutter, hast dein Hörgerät wieder mal abgelegt.“

„In meinem Alter muß man nicht mehr alles hören. Das meiste ist sowieso Bockmist.“

„Das hast du durch die Jahre immer wieder gesagt. Gepaßt hat es nur im Krieg.“

 

„Au!“ Red lutschte am gequetschten Daumen. „Verdammt, Phoe, muß ich dir Nägel mit Köpfen wie Topfdeckel geben, daß du nicht daneben hämmerst? Wozu halte ich den Nagel grade?“

„Tut mir leid.“ Schuldbewußt ließ sie das Werkzeug sinken. Sie griff nach der Zopfspange und ordnete die Haare. „Mußte grad’ an Blacky denken. Wär’ schön, wenn er wieder hier wäre. Wir hätten den Dachstuhl längst fertig. Und du wärst mit den Pferden auf Vordermann.“

„Stimmt.“ Der junge Mann schob den Hut in den Nacken und sah blinzelnd nach dem Sonnenstand. Zeit zu essen. „Billige Arbeitskräfte sind rar, seit sie eine Fabrik nach der anderen in Cheyenne aufstellen. Was is’ denn nun mit deinem Bruder? Schmollt er wieder mal? Hat sich doch ganz vernünftig angehört, was er neulich so schrieb.“

„Mann, er muß die Schule fertigbringen. Mit Sprach­kursen und so. Bleibt keine Zeit für uns.“

„Sprachkurs... Übertreibt der’s nicht? Spricht prima. Was will er mehr?“

„Mehr als mit dir über Pferde reden können. Oder über Mäd­chen.“

„Über Mädchen hat der mit mir noch nie geredet. Über Jungs auch nicht. Ausgenommen Billy, für den er sich verdächtig stark macht. Ansonsten gibt’s für Black nur sich selbst. Und so ’ne Geisterwelt, mit der er korpuliziert.“

„Kommuniziert.“

„Kommuni-was –?“

„Sich mitteilen, willst du sagen. Wir sind keine Geister für ihn.“

„Wir nicht. No, Sir! Vermute mal, seine Geister sind schwul.“

„Ffff...“ Phoe schwang den Hammer zart, aber zielgerichtet zwischen die massigen Schenkel ihres Verlobten. Er quiekte auf. „Bloß weil er nichts über seine Affären sagt?“

„Geisteraffären, sonst nichts.“

„Red“, sagte sie, und die Augen begannen zu funkeln. „Weiß ich noch, wie Bla­cky euch eroberte, mit seiner ruhigen, feinen Art. Mußte euch erobern – ihr kamt ihm keinen Inch entgegen. Das er­ste Mal, als du mit ihm einen saufen gingst, zu Sally, kamst du zu mir ins Bett und sagtest: ‘n richtig netter Bengel, dein Bruder. Wenn er will, kann er nett sein. Das hast du fünfmal wiederholt.“

„Hab’ ich nich’ gesagt“, sagte Red, peinlich berührt. Weil er abblocken wollte, was sie gleich als Zugabe auftischen würde.

„Ach, hast du das nicht!? Weißt du, was dir außerdem rausrutschte? Heh? Weißt du wohl auch nicht mehr: Wär’ noch net­ter, der Bengel jetzt zwischen uns im Bett.“

„Du verdrehst alles“, sagte Red heiser. „Ich war total besoffen.“

„Ich weiß, daß du nicht schwul bist. Blacky ist es auch nicht. Mein Scha-atz.“ Wie sie die eine Silbe in die Länge zog, reichte es noch für den Jungen, der sich zwischen ihnen im Bett sicherlich nicht unwohl fühlen würde.

Vielleicht war sie nahe dran gewesen, was mit ihm anzufangen, damals, als er mit Angina tagelang das Bett hatte hüten müssen.

„Frag Billy, wo er ist. Die beiden schreiben sich. Also wird er’s wissen. Er soll sein Lasso schwingen. Ein Superwurf, und wir haben Black hier. Der mir die Nägel einschlägt wie Butterkekse.“

„Ich werd’ noch besser.“

„Mußt ja nicht alles können, Baby.“

Reds Stimme klang erregt. Er schob sich unauffällig den Hosenladen zurecht. Nach dem Essen, dachte er. Solange sie das kann... Das kann sie. Scheiß auf Bla-cky! Hab’ es nicht überprüft: Vielleicht war er ohne Schwanz auf die Welt gekommen. Schmiert uns alle an mit seiner kurzen Lederhose, die wahrscheinlich für ein Mäd­chen gemacht und so geschnitten war, daß man nicht sehen konnte, was mit dem Geschlecht los ist... Der Halbindianer beäugte den Daumennagel, unter dem sich ein Bluterguß ausbreitete, dann seinen zukünftigen Schwager, der vor den Ställen herumstrich und nichts und niemand wahrnahm außer sich selbst. War in die Länge geschossen, der Junge, und schlank geworden. Stattlicher Bursche. Leider hatte Bla­cky ihn angesteckt. Nicht mit Schwulsein, dafür war Billy nicht anfällig. No, war er nicht! Sollte diesbezüglich jemand ihm zu nahe kommen, konnte der sich schnell ein gebrochenes Nasenbein einhandeln. Bla­ck hat­te Billy mit Nur-sich-selbst-sehen angesteckt. Die eine Art war, die Hände in den Hosentaschen zu versenken und mit gesenktem Kopf die Fußspitzen zu be­trachten, die andere sonderbarer, zum Kichern. Billy setzte sich, machten sie draußen auf der Weide Mittagspause, an einen Baum oder, war keiner da, an einen Zaunpfahl und schloß die Augen, mit schräggelegtem Kopf. Die Arme legte er rückwärts um den Stamm, als müsse er sich festhalten. Diese Haltung regte ihn auf, dieser Schrägschädel, morsch wie ein Aststumpf an einem alten Hickory, der bei erster Gelegenheit runterfallen konnte, dazu der blasierte Gesichtsausdruck. Am liebsten würde er ihm jedesmal den Kopf graderücken. Doch sein zukünftiger Schwager hatte jetzt Schläge drauf, die los­saus­ten, bevor er recht die Faust ballen konnte. Vorgestern hatte er einen vor die Schul­ter be­kommen. Das Schlüsselbein war heil geblieben, aber es tat noch sau­mäßig weh. Au­ßerdem war Billy Ponderosa-Mitbesitzer. Von der Volljährig­keit ab würde er weit Ärgeres austeilen können als Schulterhaken.

 

„Der hat mir seit vier Monaten nicht mehr geschrieben.“ Billy zuckte die Achseln. „Wenn du mich fragst: Den seh’n wir nie wieder.“ Der Junge trollte sich, schaute sich nicht nach seiner Schwester um, verbarg seine Tränen. Er haßte es zu weinen, wenn von Bla­cky die Rede war. War alles logisch: Das Revolverspiel, da er sich selbst angeschossen hatte, und genausogut Blacky hätte treffen kön­nen. Vielleicht hatte treffen wollen, was der doofe Psychologe ihm einzutrichtern versuchte. Motiv Eifersucht. Blackys Wiederaufbaubriefe, wo der wortreich alle Schuld auf sich genommen hatte, waren noch doofer. Von wegen verführt haben und so! Sein Bruder besaß null Talent zum Verführen. Möglicherweise war es umgekehrt gewesen, das hat­te er dem Psychologen verschwiegen. Der hätte in die Kerbe ge­hau­en, verführt zu was? Das mochte er nicht preisgeben. Jetzt hatte er einen Freund weniger. Den besten, den er je gehabt hatte. Einen zum Reiten und Ringen. Fürs Grobe. Fürs Feine. Mit dem man alles besprechen konnte und die unsinnigsten Wünsche äußern. Zum Beispiel: ,Siehst du den hellen Stern da? Den hätt’ ich gern nä­her.’ ,Wie nahe?’ fragte Blacky. ,Gib mir dein Lasso, ich hol’ ihn dir run­ter. Ich tret’ ihn platt und stell’ dich mitten drauf, Ster­nen­junge.’ Niemand wäre auf die Idee gekom­men, ihn Sternenjunge zu nennen. Blacky kannte massenhaft solche Bezeichnungen, die auf der Haut kitzelten wie Flaumfedern. War zum Heulen, das Ganze.

Von Selbstmitleid erschöpft, stand er vor den Ställen. Ein heißer Mittseptembertag. Der Vorbau bot Schatten und drinnen war es küh­ler. Im Schneidersitz setzte er sich vor die Pferde, die in der Windstille dösten, schloß die Augen, öffnete sie wieder, weil sie vom Trä­nensalz brannten. Noch etwas brannte. Unter seinen Handkanten. Bloß nicht schon wieder! Blac­kys Rezept: Hände auf den Rücken. ,Hörst du die Eiswasser der Gredos plätschern?’ Wie soll­te man an einem Spätsommertag an Eiswasser denken! Gredos... Ein europäisches Gebirge, das Eis gebar, Körper unter Eis begrub und nach einer Million Frühlinge wieder freigab. Wyomings Berge erzeugten viel mehr Eis. Hunderttausendmal genug, um Frieden zu stiften. Frieden zwischen Blacky und ihm. Frieden mit der Munitionskiste zwischen den Schenkeln. Er verschränkte die Hände auf dem Rücken ineinander. Eigenartig, diese Art des Wegsackens. Er begriff, daß Blacky daraus Kraft schöpfte. Wie kam sie zustande? Flossen bei ihm dieselben Kräf­te? Murmeln und Rohr beruhigten sich. Unbestritten. Unschlüssig stand er auf. Ein scharfer Ritt konnte helfen, auf andere Gedanken zu kommen. Heute nicht sein Appaloosa. Zu weich. Toddy, heut’ du! Blackys Pferd, das kantige, aufstampfen­de Quarter Horse. Keinen Sattel. Sich durchrütteln lassen.

„Heh“, sagte Toddy, „laß mich dösen, Sternenjunge!“

Billy begann zu grinsen. Vor Toddy war kein Gemurmel sicher. „Sag mal, willst du was auf den Arsch? Hoch mit dir, beweg dich! Morgen kommt dein Herr, der Mähnenlose. Soll er deine Gelenke quietschen hören?“

Riley junior nahm sein Lasso und saß auf. „Hüü­ahh! Off we go!“ Ein scharfer Galopp über den Hof und den Weg zur Straße nach Bakers­ville und Cheyenne. Sechshundert Yard. Nach Westen abbiegen. Im Bogen vorbei an schattenlosen Weiden, entlang am ausgetrockneten Silver Creek. Auf die Hügel zuhalten. Selbst im Galopp durfte er die Augen schließen. Toddys Scharfblick entging nicht ein einziges Kaninchenloch. Klapperschlangen nahmen vor sei­nen frischbeschlagenen Hufen schleunigst Reißaus.

Als sie die Bergflanke erreicht hatten, fühlte er sich woh­ler. Dort gab es Bäume, Eukalyptus und eine seltene Eichenart, die man gern haben konnte wie seltene Menschen. Billy saß ab und ließ das Pferd grasen, entfernte sich so weit, bis es für einen Wurf schwierig wurde. Das Lasso über dem Arm, schätzte er Entfernung und Windrichtung. Schwacher Nordwest. Mit der Sonne halb im Rücken war ein treffgenauer Wurf keine Kunst. Wäre ein Kinderspiel, Bla­cky zu kidnappen. Der nie mit einem durch die Luft zischenden Lasso rechnete. Dessen Armmuskeln nicht ausreichten, einer gut geknüpften Schlinge, die sich gemein enger zog, Widerstand entgegenzusetzen. Der Pferdehals ruckte herum, beleidigt. Billy robbte heran, als ginge es ums Einfangen eines Wildpferdes. Er umarmte Toddys schnaubenden Kopf, löste das Lasso. Ach, Toddys erleichtertes Wie­hern ging ihm durch und durch.

Blacky kidnappen. Bis hierher wußte er, was zu tun wäre. Und dann? Man konnte ihn ja nicht gefangenhalten. Das heißt, man könnte, wenn sie ein Spiel draus mach­ten und Blacky für eine Weile gern sein Gefangener war. Er geriete gern in Blackys Gewalt, was Blacky auch mit ihm täte. Was immer – er würde sagen: ,Ist es dir gut so? Magst du vielleicht mit mir Schluß machen? Tu es! Ich büß’ es mürbe ab, das mit dem Schuß, der Herz oder Kopf getroffen hätte, dein Herz, deinen Kopf. Wär’ es so ausge­gangen, hätten sie mich in ein schlimmeres Haus gesteckt statt ins Colorado Correctional. Wo je ich wieder rausgekommen wäre, Schule oder Knast, hätte mein Leben ohne dich weitergehen müssen. Wäre meine Hölle geworden. Knüpf mich lieber auf, an unsrer Freundeseiche, unter der wir unseren ersten Joint nahmen. Ist einfach, es so zu drehen, als hätt’ ich’s mir selbst angetan. Geht schnell. Man spürt nichts. Außer daß man sich obenrum ein bißchen eingezwängt fühlt. Niemand sah dich. Du wärst nicht bei mir gewesen. Wir würden uns zuvor ein perfektes Alibi für dich ausdenken.’ Billy schluchzte wieder vor Selbstmitleid. Blacky kidnappen. Der würde ihm an die Stirn tippen, mit der Hand schlenkern und sagen: ,Ein­deutig überhitzt. Was soll das?’ Ja, was sollte das? Womöglich woll­te er damit alles erklären. Aus seiner Sicht. ,Ich hab’ mich durchgesetzt mit der Schule. Weil du mich gepuscht und die Wühlmausarbeit geleistet hast, vor Pete und Reena. Sonst wär’ ich nicht mal in einer zukunftsträchtigen Schreinerlehre wie Lester, sondern für alle Zeiten Reds Laufbursche. Siehst du’, könnte er anmerken, ,ohne dich komme ich schlecht zurecht. Als ich mit dem Revol­ver rumfuchtelte, solltest du am Abhauen gehindert werden, nur das.’ Bla­cky hatte null Mühe damit, abzuhau­en und ohne ihn bestens zurechtzukommen. Blacky in seiner herrlichen Freiheit, der ausdauern­de Läufer. Nicht einzuholen. Zu schnell für ihn.

Der Junge setzte sich an die Eiche und spähte am Stamm empor, der weit oben vom Blitz gespalten worden war, vor langer Zeit, eine Wunde, verheilt, mit neuen Trieben überdeckt. Beide Hälften waren prächtig weitergewachsen, hatten zwei mit massigem Laubwerk ausgestattete Kronen gebildet. Mit den Körpern ver­standen sie sich. Die Köpfe strebten auseinander wie dieser gespaltene Baum. Jeder schmiedete eigene Pläne. Das Traurige daran war, seine Pläne schlossen Blacky ein, Blackys Pläne aber nicht ihn, viel­leicht nicht einmal seine Familie. Konnte sein, er saß soeben im Flugzeug, siegelte in seinem Notizbuch den Beschluß, dieses weite, wilde Cowboyland nie wieder zu betreten.

Billy schob den Hut weit übers Gesicht, griff nach der Leine, rollte sie auseinander und begann, Knoten hineinzuknüpfen, Kno­ten, die seine Fäuste umschließen konnte. Er verstand nichts von Religion, hat­te den Sonntagsschulkram und Father Kimbles Geschwätz ge­haßt. Doch verstand er durch die Bücher, die Sally ihm gegeben hat­te – alle waren zuvor durch Bla­ckys Hände gegangen –, daß Religion Sinn machte. Zum Beispiel die Religion, die sie in Spanien hatten und in Mexiko. Auch in Texas, was ihn ängstigte, weil er nun bald hinkam und es vielleicht die Internatsreligion sein würde. Sie machte ebensoviel Sinn wie alles, was er bei Ipoohmu ge­lernt hatte. Wie Honig runtergegangen waren die Beschwörungsformeln in dem Buch über den französischen Prie­ster. Man ließ eine Knotenkette durch die Finger gleiten und sprach Wün­sche aus. Die wahr werden konnten. Hing von In­brust ab, mit der man es tat. Man at­mete tief ein, die Brust wurde breit und angespannt. Mit angehaltener Luft wünschte man sich, was man wollte. In-Brust. Das Verb dazu hieß inbrüstig. Ein Bla­cky-Wort. Fehlte wie viele Blacky-Wör­ter im Wörterbuch. Niemand kannte es. Ging bla­ckyhaft mit dem Herzen Hand in Hand, das hef­tig klopfte. Um so schneller, je länger man durchhielt. Er grinste, wäh­rend er die Knotenkette des Lassos abtastete. Kaum hatte er den Wunsch durchgegeben, vermeinte er zu spüren, der Prie­stertrick wir­ke. Hallo...! Käme sein Bruder nicht, würde er ihn in Spanien besuchen, seinen Tanten auf den Zahn fühlen, warum sie ihn nicht rausrückten. War er erst einundzwanzig, konnte niemand ihn daran hindern, nach Europa zu reisen. Wie niemand Blacky daran hinderte, die letzten Jahre seines Vaters auszukundschaften, der irgendwo in einem Kaff der Rockies verrottet war.

Toddy wieherte. „Hör mal! Also, was du dir wieder ausdenkst...“ Er wollte seinen Senf dazugeben. Just da durchsummte ein Fliegenschwarm seine Gedanken. Schmeiß­fliegen der übelsten Art. Schillernde Wegelagerer der Lüfte.

Bill erwiderte kichernd: „Ge­duld, Toddy. Wir reiten übers Meer. Du willst ihn haben. Ich zuerst! Entweder kommt der Bursche frei­willig oder wir wenden Gewalt an und schleppen ihn ab! Mit dem Plan läßt sich’s leben.“

 

Selbigen Abends meldete sich Manuel. Fernsehstunde. „Ree­na, meine Tante macht immer so einen Zirkus, wenn ich nicht rechtzeitig zum Schulbeginn da bin. Bitte, ruf sie an. Sag, bei mir sei alles okay und ich wäre in ein paar Tagen dort. Erzähl ihr irgendwas. Ich hab’ keine Lust, mich dauernd zu rechtfertigen. Die Zeit hier war nützlich, keine Stunde wurde verplempert. Und kein Geld, darum geht es Pili. Optimierte Schulbildung, dieser Quatsch. Sie ist Lehrerin. Man muß sie verstehen.“

„Ach, Blacky... Steckst du in Schwierigkeiten? Ist das mit der Familie erlogen, von der du Phoe erzähltest? Wenn du was zu sagen hast, sag es jetzt, Junge. Pete wollte Sheriff Henderson benachrichtigen. Oder die Bundespolizei.“

„Damned, nein!“ Manuel stöhnte. Er verdeckte die Sprechmuschel „Virgie, hilf! Sag denen, daß es mich noch gibt. Daß ich bei euch bin und nicht im Knast sitze.“

„Manuel?“

„Madam, hier spricht Virginia Vargas, Journalistin der Somerset Express News. Manuels Durchsage entspricht der Wahrheit. Er ist Gast meiner Familie, weil er durch meine Schuld seinen Rückflug versäumte. Ich versuchte dies seiner Tante mitzuteilen. Sie hat mich offensichtlich nicht verstanden.“

Pete hatte seiner Frau den Hörer aus der Hand genommen. Majorston zum nächsttieferen Dienstrang. „Pete Riley. Wer Sie auch sind, ich will zurückrufen. Und Sie verifiziert wissen. Jetzt gleich.“

Virginia spielte mit. Was blieb ihr übrig, als verifiziert zu werden? Sie kicherte gallig. Jungs machten nur Pro­bleme. Waren Männer aus ihnen geworden, wurde es nicht besser.

Gleich kam der Rückruf. Den Schnauzton des Herrn, der sich Ri­ley nannte und sich schließlich zufrieden gab, löste eine junge Stim­me ab, tief und bebend. Sie glaubte, einen zweiten Manuel am anderen Ende des Drahtes zu haben. Prüfend blickte sie sich um, ob er durch die Lüfte nach Wyo­ming entflogen war. Nein, er hielt sich mit beiden Händen am eigenen Hintern fest. „Und wer bist du?“ schnarrte sie, des ganzen Hin und Her überdrüssig.

„T-Toddy. Ich wollte...“

„Hör zu, Toddy! Es ist spät. Alles ist gesagt. Wir können morgen weiterreden. Kapiert?“ Sie kannte sich. Eine Überreaktion auf Rileys militärischen Ton. Einen Ton wie von so manchem ihrer Vorgesetzten. Das haßte sie.

„Okay, Ma’am. Ich – möchte...“

„Gute Nacht, Boy.“ Energisch drückte sie auf die Gabel.

Manuel traute seinen Ohren nicht. Er war Virginia keinen Zentimeter von der Seite gewichen. „Du hast mit Toddy gesprochen?“

„Yeah, Toddy. Nach dem General offensichtlich dessen Stallbursche. Seinen Schmus hab’ ich uns erspart.“

„Kannst du ja nicht wissen, Virgie.“ Manuel fühlte sich mächtig an die kleine Ranch in Wyoming erinnert. Und hingezogen. Sicher, Virgie war unerhört neu. Seine Eroberung. Er als Yáñez in Eroberermanier. Sie stand vor ihm. Eine Frau mit schönen pechos. Kein Mädchen. Eine Frau. Die ihn gern hatte. Trotzdem sehnte er sich jetzt nach Wyoming. „Toddy ist mein Reitpferd.“

 

Das Reitpferd, neunhundert Meilen weiter nördlich, hatte Tränen in den Augen. Alles lief schief mit Blacky. Wie er es auch anfing. Keiner half ihm.

Reena ahnte, das man ihm helfen mußte, bei all seiner Selbständigkeit, in der er niemand an sich heranließ. Sie hatte sich die Aufgabe gestellt, in dem, was Familie war, nicht noch mehr in Scherben gehen zu lassen. Sie tat, was sie lange nicht mehr getan hatte. Sie setzte sich auf Billys Bettkante, spät in der Nacht, als sie ihn heimkommen gehört hatte und in seiner Kammer rumoren.

„Bill“, sagte sie, „nimm nicht alles so schwer.“

Es war seine Mutter. Pete auf seiner Bettkante, oder gar Red, die hätte er auf den Schemel gefaucht, oder gleich aus der Kammer. Das Internat hatte seinen Sinn gegen Körper in allzu großer Nähe überempfindlich werden lassen. Mom, das war in Ordnung. Er mochte ihren Geruch und den französischen Duft, der sie manchmal umgab, mit einem Namen, der nicht zu behalten war. Mom war hübsch, auch wenn das Haar nun grau wurde und sie es nicht färbte wie Hettys Mutter in Blond, was in der Sonne nach falschem Gold aussah. Eine Ahnung durchzuckte ihn, daß er eines Tages graue Haare bekommen oder fast keine mehr haben würde. Wie Pete.

„Bill!“ Reena seufzte. „Sag was! Wie gut ist dein Spa­nisch?“

„Ach, Mom. Geht so.“ Er hatte seinen Bruder am Telefon überraschen wollen, nachdem er tagelang ein paar Wendungen geübt hatte, von denen er fand, sie könnten Blacky gefallen. Blac­ky wußte nicht, daß er Klassenbester in Spanisch war. Mit der zünftigen Belobigung so­bre­sa­liente.

„Magst du morgen Manis Tante anrufen?“

„Nein.“ Er setzte sich wieder auf und klemmte ein Kissen hinter den Kopf.

„Und wenn ich dich darum bitte?“ Es ist tiefer Schmerz, dachte sie. Wer hätte gedacht, daß er seinen Halbbruder so gern mögen wür­de. Einen Moment lang schloß sie die Augen, ließ ihre drei Kinder um sich kreisen. Das jüngste war das gefühlvollste. Die beiden Mäd­chen... Gewiß liebten sie ihre Männer. Aber an erste Stelle hatten beide praktische Erwägungen gesetzt, Familienmänner gewählt, mit starken Körpern und Nacken wie von Rindern, die unter dem Joch täglichen Lebens Jahrzehnte durchhalten konnten, Häu­ser bauen und alles, was für Nachkommen nötig war. Ihr Kleinster war auch nicht schwach. Enkel erwartete sie von ihm nicht. Eher von Manuel. Im Verbund mit einer Frau, die ihn ergänzen und das meiste schultern würde. Vor allem den sich wiederholenden Alltagskram, vorausgesetzt, Manuel wüßte, wie sie sich generell vorwärtsbrachten. „Ruf Bla­ckys Tante an, sie kommt mit Englisch nicht zurecht. Du sagst, wer du bist, und erklärst ihr, daß Manuel auf dem Weg ist.“

„Laß Dad anrufen. Der kann Spanisch.“

„Pete?“ Sie kicherte. „Mit seinem Gestammel käm’ es ihm vor, er, der Commander, müsse sich vor einer Zivilistin rechtfertigen.“

„Hab’ keine Lust, mich für Blacky zu rechtfertigen.“ Billy wurde rot. Und ob er dazu Lust hatte!

„Brauchst du nicht. Du sollst sagen, was Sache ist. Anschließend lädst du dich sel­ber ein, nach Salamanca.“

„Mom!“ Billy verschluckte sich vor Aufregung. „Die würden mich nie haben wollen!“

 Verschmitzt schürzte sie die Lippen. „Wollten wir Mani haben, damals? – Hab’ vorhin mit Pete geredet. Über Weihnachten hast du zwei Wochen Ferien. Wenn deine Leistungen so gut bleiben, und das werden sie, spendiert er dir den Flug. Einfädeln und durchziehen mußt du es selbst.“

Billy sprang mit einem Satz aus dem Bett. „Ist das euer Ernst, Mom? Los schieb nach, daß es euer Ernst ist. Versprich’s mir!“

„Klar ist das ernst gemeint.“ Sie nahm den fast Fünfzehnjährigen in die Arme. Sträuben tat er sich nicht. Sie küßte ihn auf die Stirn, schob ihn gleich von sich, weil sie verlegen wurde. Außer Boxer­shorts hatte er nichts an. „Mein Gott“, sagte sie, „was für ein hübscher Junge du doch geworden bist!“ Wie Yáñez, wollte sie dazusetzen. Wie Manuel, was für sie dasselbe war. Sie traute sich nicht, weil sie Angst davor hatte, wie er reagieren würde. Nichts sagen und drauf bauen, Manuel werde sich verplappern. Wenn die Jungs sich weiterhin mochten, und daran zweifelte sie nicht, würde alles ins Lot kommen. „Würdest du nur mehr essen! Bist zu mager.“

Glücklich lächelte Bill. Mager war wichtig. Mager wie Blacky.

 

‘C./Guzmán el Bueno, 13. September. Erster Schultag, Grausam! Die Ferien waren wie ein eigener gewichtiger Jahreslauf, haben mich diesem Lehrer-Schüler-Pipikram restlos entwöhnt. Zähne zusammenbeißen, Mani!

Gestern nacht harte Diskussion mit Pili. Hätten die Rileys nicht angerufen, würde sie die Unversöhnlichkeitsmasche vielleicht bis zum Día de la Raza beibehalten, der ihr im Hinblick auf mich, den Agnostiker, stets Generalamnestie abnötigt. Weil wir Spanier zwischen Moskau und Feuerland zusammenhalten müssen und jeden Zwist vergessen. War ja peinlich, daß ihr unverständliches Englisch die Dinge kompliziert hatte. Ruft doch dies dreiste Kind an und becirct Pili in Spanisch. Ist das zu glauben? Jemand, der außer Cowboyslang nichts kann, ein legasthenisches Pferdezüchterkind, lernt binnen eines Jahres eine Fremdsprache so flüssig sprechen? Um Fred zu zitieren: Ich fasses nich! Nach Pilis Aus­schmückungen blökte ein Lamm meinen Rückflugplan durch die Leitung. So weit, so gut. Das Lamm begann leise zu bellen, als sei es mein Blindenhund, biederte sich hündisch mit der Fra­ge an, ob ein Besuch zu Weihnachten Um­stän­de mache. Natürlich hat Pili sich vom Kuhjungencharme einrollen lassen. Sie weiß nichts davon, daß der Bursche kommt, mich zu verdreschen, wie er vor Wochen versprach, da klar wurde, meine Zusage für einen dritten Wyoming-Sommer werde null und nichtig. Die Amis, anders als wir Spanier, halten Versprechen, und müßten sie dafür bis auf den Mond reisen. Sie schicken keinen Fremden auf der Straße, der nach dem Weg fragt, in die falsche Richtung, damit sie ihn los sind, wie es uns angeraten scheint. Amis gehen mit und wollen wissen, ob er wirk­lich das angegebene Ziel an­läuft und nicht eine Wasserstoffbombe aus der Tasche zieht, um den vie­len Wüsten, die sie haben, eine wei­tere hinzuzufügen, mit Kratern und Mondlandschaften und ausgelöschtem Leben im weiten Um­kreis. Nun ja... We­der er noch Pili können wissen, daß ich mich zum dies­jährigen Fest der Liebe in Eivissa verschanzen werde, dank Virgie. Ich wiege mich Nacht für Nacht mit der Hoffnung in den Schlaf, mit Virgie passiere endlich, was mir fehlt und Billy mir voraus hat, mittlerweile sicherlich vielfach. Er ist, obgleich jünger, ein Mann, ich ein Hampelmann, und I wonder, I wonder, ob sich das je ändern wird. Keinesfalls möchte ich von ihm demütigend die Hosen stramm­gezogen bekommen. Oder gar ausgezogen. Hab’ ihn im Verdacht, er will mir ernstlich an die Eier. Nicht dran rumspielen, er ist ja kein Jota schwul. Zu Vermessungszwecken. Im Vergleich mit seinen großen Murmeln wird er Gewißheit erhalten, wo der Ursprung liegt, warum mit mir nichts los ist. Das weiß ich auch so. Und er weiß nicht, daß Virgie sich zwischen uns schieben wird. Mann, ich freu mich drauf, wie sie den Revolver zieht und auf ihn richtet, ihr stählernes Spielzeug rausholt, klick, flink seine erhobenen Hände einsammelt und, klick-klick, zusammenschließt. Ich freu mich auf sein länger werdendes Gesicht und wie es ihm ungemütlich kalt den Rücken run­terlaufen wird. Von einer Frau erledigt! Das wird seine Bescherung werden, nicht erst zu Re­yes. Ich weiß nicht, ob Virginias Freund in seiner Finca Schweineställe hat. Muß er wohl. Hierzulande hat jede granja einen Schweinestall! Es wird der Platz werden, wo der Bengel dar­über nachdenken mag, wie Schlüsselerlebnisse aus der Kindheit sich in den seltsamsten Variationen wiederholen. Das behaupten alle Psychoheinis, als hätten sie sich abgesprochen. Mann, bin ich fies!

Montemayor, 16. September. Im neuen Notizbuch zurück nach Mexiko! Ähnelt einem Notizbuchanfang vor Jahren, bei meiner ersten Reise allein in die Residenzstadt. Dort begann der Tag mit Milchreis zum Frühstück. Die Reder-Mädels mit den Porzellanpuppengesichtern hatten alles längst verputzt – ich würgte ewig an den ersten Löffeln, Heimweh in der Kehle. Ich denke, ich heulte vor Einsamkeit. Bis Fräulein Dömnitz kam, die Klavierlehrerin. Sie war mindestens hundertzehn und sah aus hundertjähriger Erfahrung, was los war. Den Milchreis aß ich langsam auf, neben ihr mit den Beinen wippend, während sie auf die Tasten eindrosch, die zittrigen Füße in abgewetzten Primadonnenschühchen fest in beide Pedale gerammt. Sie spielte aus Lust am Melodienschwall, den man weit durch den Garten bis auf die Straße hören konnte. Die tausend Fehler, von gichtigen Fingern verursacht, wie Kuno nachsichtig einräumte, hoben sich wie in einer beidseitig fehlerhaften mathematischen Gleichung gegeneinander auf. Für mich eine Premiere: Diese Frau in einem Alter, an dem mir der Begriff biblisch anschaulich wurde, für eine halbe Stun­de selbst­vergessen zu sehen, vertieft in Musik, die ihr im Leben über Schweres hinweggeholfen hatte. Sie war entrückt. So entrückt, wie die Reispampe die Hürde meines verkrampften Ösophagus überwand. Ihr Spiel, jeden Morgen zur selben Stunde, richtete mich mehr auf als die zwitschernden Sänger in den Reder­schen Obstbüschen. Musik kann einen irrsinnig froh machen.

Nun ja. Bei Virgie begann der Tag mit einem Blick in die Steppe und einem Steak zum Frühstück. Ich wußte, es würde mir wieder wie ein Stein im Magen liegen, konnte mich jedoch der Logik meiner Führer nicht entziehen, ein Fundament für den Reisetag zu legen. Weit entschiedener entzog ich mich dem Texanerhut, den Jake mir überstülpen wollte. Dios mío! Spontan dachte ich an den Pfadfinder Fred, wieviel hübscher der Blondschopf ohne Hut ausgese­hen hatte.

Die beiden versperrten mir mit diesen Flatschhüten die Sicht nach vorn. Die Interstate nach Süden war stark befahren. Es machte Virginia nichts aus, daß Jake lenkte. Er fuhr großartig und hielt peinlich alle Vorschriften ein. Alles ohne Fahrerlaubnis! Andererseits waren bei seiner Fahrweise Zwischenfälle kaum zu erwarten. Erst vor der Grenze setzte Virginia sich selbst ans Steuer, stieg beim Kontrollpunkt aus und verschwand, unsere Pässe in der Hand, mit einem mexikanischen Grenzpolizisten in einer Baracke. Wir standen in der glühenden Sonne. Das Auto dampfte wie Chanteclers Konditorofen. Dem Zuckerbäcker war es gelungen, mich, mit Tur­rón-Schokolade eingeschmiert, hineinzuschubsen. Stan­­niolpa­pier hatte er weggelassen. Ich sollte knusprig werden.

,Was liegt an?’ fragte Jake. ,Was rappelst du so rum?’

,Könnten wir uns wohl einen Moment die Beine vertreten?’

,Lieber nicht’, sagte er. ,Die Me­xis werden nervös, wenn im Grenzbereich Gringos rumlatschen.’

Virgie kam zurück. ,Brauche ich kein Visum?’ fragte ich. Ich weiß vom Übereinkommen unseres lieben Francisco Franco y Baha­monde, Gott schütze ihn, mit süd- und mittelamerikanischen Staaten, diese Sache gegenseitigen Nieder­­­­lassungs­rechts. Kann sein, Me­xiko ist davon ausgenommen. Erleichterungen wird es dennnoch geben. Es ist ja nicht die Innere Mongolei.

,Alles okay’, sagte sie. Meinen Paß stopfte sie in ihre Handtasche.

Pause in Nuevo Laredo. Schatten unter grün-weiß-rot gestreiften Sonnenschirmen. Lauwarme Coca-Cola. Vom Río Bravo her trieb ein flauer Wind Gestank wie aus einer Kloake herüber. Jake lüm­mel­te in einem Mimbre-Stuhl und gaffte braunhäutigen Mädchen mit langen Haaren bis auf Hüfthöhe unverhohlen nach. Es wirkte anstößig. Er verrenkte sich dermaßen Hals und Glieder, daß die Lehne seines Stuhls abbrach. Er schob ihn beiseite und angelte nach einem anderen. Yankee-Benehmen. Der Kellner trug die Trümmer schweigend weg. Virginia hob den Blick drohend aus maschinenbeschrie­benen Papieren mit jeder Menge Stempeln drauf. Geredet wurde kein Wort.

Am späten Nach­mittag, auf halbem Weg nach Monterrey, erreichten wir bergiges Terrain. Gleich wurde die Temperatur angenehmer. Virgie verließ die Haupt­straße und bog nach etlichen Meilen in eine Siedlung ab, die die Deutschen als Sommerfrische schätzen würden. Nichts Altes. Ein Dutzend in die künstlich begrünte, sonst karge Landschaft getüpfelte Bungalows. Auf der anderen Seite in­mitten von Zedern und Pinien ausgedehntere Landsitze, die Reichtum bezeugten. Virginia setzte uns vor einer Bar im Schatten verstaubter Platanen ab. Sie stützte sich an einen der Stämme, deren hell-olivfarbene Maserung mich an sol­datische Tarnkleidung erinnert, schüttelte Steinchen aus den Stöckelschuhen und verkündete, zum Abendessen sei sie zurück. Jake murrte Unverständliches, worauf sie ihn derb im Nacken tätschelte und einen verwöhnten Fratz nannte.

Das indianische Gesicht des Kellners, der mit gelang­weilt vorgeschobenen Lippen Gläser putzte, ein Typ, nicht viel älter als wir, machte glauben, wir seien statt nach Süden weit nach Norden gefahren, zu einem Vorposten der Crow irgendwo in Wyoming im Gebiet der Bighorn Mountains. Die Stützen, die das Dach der Bar trugen, ähnelten Totem­pfählen. Dunkles Schnitzwerk überzog die Wände, dazwischen hingen abstrakte Zeichnungen, ineinanderschießende Li­nien wie die unfertige Skizze eines Irrgartens. Jake bestellte, ohn­e mich zu fragen, wieder Cola. Er riß sich das Hemd vom Leib und wischte Brust und Rücken trocken, während er mit gefurchter Stirn überlegte, wie unvermeidlicher, stundenlanger Langeweile zu begegnen sei.

Der Pool bot sich an. Wir entkleideten uns und sprangen hinein. Erfrischung bot das Wasser keine. Es war lauwarm und trübe, vertrocknete Blätter trieben umher. Ich hät­te mich nicht gewundert, zwischen Unrat tote Ratten auszumachen.

Wir schwammen um die Wette. Ich verlor Länge um Länge. Es lag daran, daß er kraulte, was ich nicht kann. Nach Jakes Tadel können müßte. Er dirigierte mich ins Kinderbecken, in dem das Wasser bis zum Bauchnabel ging, und erteilte Schnellunterricht. Um mich nicht vor den Elf- oder Zwölfjährigen zu blamieren, deren Wasserball-Match wir störten, mustergültige kleine Krauler wie Expreßschildkröten, machte ich mit. Das Wasser war für mich nicht tief genug. Am rauhen steinernen Grund schrammte ich mir die Zehenspitzen auf. Egal. Ich erfaßte die richtige Kombination von Atmen und Bewegung, sagen wir, das motorische Prin­zip. Schneller als mit Brustschwimmen kam ich trotzdem nicht vorwärts. Auch in dieser Dis­ziplin, in der ich mich stark wähne, wendig und schnell, schlug er mich mühelos, weil er eine Superkondition besaß wie viele Ame­ri­kaner, die ihren Körper so lange schinden, bis die angestrebte Spitzenleistung nahezu zum Normalfall wird. Ausgepumpt lag ich am Beckenrand auf dem noch sonnenwar­men Beton.

Jakes Tatendurst war erst halb gelöscht. Lässig warf er hin, wie man Bemerkungen hinwirft, selbst mit zusammengebundenen Händen würde er mir davonschwim­men. Das Stichwort riß mir wie eine Alarmklingel die Au­gen auf. Mein Blick fuhr am schlappen Grüngelb der Platanen entlang in den weiten Himmel, tiefblau wie überall in karibik­nahen Gegenden.

,Nimm einen Arm nach hinten’, hörte ich mich sagen, ,dann häng’ ich dich ab.’

,Mit beiden hinten hängst du mich nicht ab. Du bist von vornher­ein der Loser’, versicherte seine tiefe Stimme.

Loserhörte ich zum ersten Mal. Es ist ein gemeines Wort, gemein wie ein Tritt in die Eier. Jedenfalls hat es mit ungenügender Männlichkeit zu tun. Ich setzte mich auf und lugte verstohlen zu sei­nem hübschen Körper in einem schicken modischen Slip, dem ich nur Billys viel zu große Shorts entgegenzusetzen hatte. Sie schlotterten um mich herum und reichten bis über die Knie. Billy hatte sie los sein wollen, jetzt weiß ich, warum. Hosen jeder Art mag er eng. Seit er mich kennt. Weil ich es in Hüften und Schritt gern eng habe. ,Das bringt niemand’, überlegte ich.

,Und ob!’ entgegnete er in sachlichem Ton. ,Hab’ ich geübt. In der Staffel für Ret­tungs­schwimmer in San Antonio. Man schaltet einen Arm oder beide absichtlich aus. Oder die Beine. Wie soll man sonst mit einem Krampf fertig werden, im kalten Wasser? Oder mit einem halb Ertrunkenen, der sich wie ein Irrer an dir festklammert? Erledigt bist du erst, wenn du gar nichts mehr be­wegen kannst.’ Er gockerte ordinär. ,In Mafia­filmen. Wo sie deine Beine in Beton gießen, bevor sie Winke-winke machen.’

,Das möcht’ ich sehen’, sagte ich. ,Ich gewinne mit ich weiß nicht wie vielen Körperlängen auf fünfzig Yard.’

,Du kriegst fünf Yard Vorsprung beim Start’, sagte er. ,Ich über­hol’ dich und komm’ mindestens zwei Längen vor dir an.’

,Okay!’ Es deuchte zu meinen Gunsten geregelt. ,Mach es mir vor. Verlierst du, gibst du einen Drink aus.’

Behende stand er auf, lief zu einer Fahnenstange, an der eine grün-weiß-rote Flagge im auffrischenden Wind knatterte, darunter eine kleinere mit dem US-Sternenbanner, riß eine Weile daran herum und kam mit einem Stück dünner Leine wieder. ,Na los’, ermunterte er mich, ,gehen wir’s an.’

Die Schwimmerei war mir herzlich gleich. Seine Arme zu inspizieren, das war die Sache wert, von ihnen konnte Kraft in meine flie­ßen. Den Einfäl­tigen mimend, fragte ich: ,Wozu die Schnur?’

,Herrgott noch mal’, brüllte er, ,begreifst du es denn nicht? Meine Pfoten gehören angeleint!’

Ich warf einen Blick in die Runde. Sein Gefluche lockte die Kids an. Sie kamen wie neugierige Katzen näher und hockten sich auf den Beckenrand. Der Barmann grub suchend un­ter der Theke herum. Wahrscheinlich nach seinem Ballermann.

Während ich Jake fahrig die Schnur um ein Handgelenk band, bekräftigte er: ,Klarerweise verlierst du. Was bietest du mir?’

,Denselben Drink.’

Er riß die Arme wieder hoch. ,Zu wenig. Du bist der Herausforderer. Du mußt mehr bieten.’

,Was denn?’ fragte ich mißtrauisch. Ich verstand mich nicht als Herausforderer.

Er kicherte. ,Wirst schon sehen. Vielleicht machen wir später Gymnastik auf meine Art.’ Er umfaßte mein Gesicht mit bei­den Hän­den, als hätte er ein Mädchen vor sich, für das es das Maß an Sanftheit zu regulieren galt. ,Da vergeht uns die Lust zu wetten, was?’

,Gar nicht!’ Ich straffte den Jungen in mir, der sicher war, jederzeit weglaufen zu können. ,Deine Gymnastik kannst du allein ma­chen. Du kriegst ‘n Drink. Basta!’

Er drehte sich und gockerte wieder so ordinär. ,Klar spen­dierst du mir einen Drink, mein Kleiner.’

Solches Ganovenlachen hasse ich. Und dieses gönnerhafte mein Klei­ner. Seine hübschen Arme bügelten es aus, er hätte mich sogar Snoopy nennen dürfen. Vernünftig binden ließen sie sich nicht. Pau­senlos zerrte er sie auseinander.

,Him­mel’, sagte er, ,was bist du ungeschickt! Kannst du nicht mit Schnur umgehen? Du wirst doch an der anderen Hand einen Knoten zustande bringen!? Oder muß ich die Kids herholen, damit sie’s dir vormachen?’

Das Ergebnis hatte ich mir anders vorgestellt. Seine Ar­me hatten einen Spielraum von dreißig Zentimetern. Er setzte sich auf den Beckenrand, glitt geschmeidig ins Wasser, wartete nicht auf mich und schoß mit gewaltigen Beinstößen los. Belei­digt sprang ich nach. Ich hätte ihm schon gezeigt, was eine Harke ist, hät­te er einen Mo­ment stillgehalten. Der Spruch mit der Harke stammt von Billy, der ihn benutzte, um mich auf Niederträchtiges einzustim­men. Billy, der sich, glaube ich, wenig aus Schwimmen macht, würde Jake zeigen, was eine Harke ist. Billy, der jedes Stück Schnur im Handumdrehen in kom­plizierte­ste Knoten legt wie ein gewiefter Kartenschummler. Jake könn­te gar nicht fix genug registrieren, was so ein Pferdebengel mit ihm anstellen würde. Schätze mal, Bill würde ihn ins Wasser schmeißen, zum andern Beckenrand traben und sagen: ,Bin schon da, Jakie-Arsch. Noch ‘ne Runde gefällig?’ Und so weiter, wie in Dianas Ge­schichte vom Hasen und dem Igel, hinter der triefende germanische Moral verborgen ist, die sich mir nicht erschließt, weil ich das Stacheltier vom Wesen her in die Fabel nicht einordnen kann. Di ist kein Stacheltier, dennoch schwimmt sie dreimal schneller als ich. Sie würde Jake germanische Frauenschenkel zeigen und was eine germanische Harke ist.

Kuno ist mein Halbbruder. Billy nun auch. In ihm erkenne ich anders als in Kuno zuerst einen Freund. Gegen ihn als Bruder würde ich mich nicht sperren, wären alle Formalitäten ge­klärt und müßte nicht ich derjenige sein, unser verwandtschaftliches Band zu offenbaren. Reena zeigt auf mich, weil ich alles ins Rollen brachte. Deshalb soll ich nun die Courage auf­bringen, Billy reinen Wein einzuschenken. Von ihrer Warte aus hät­ten Pete und sie mit unkalkulierbaren Kom­plikationen zu rechnen, würden sie es ihm sagen. Weil Bill einer ist, der aus Grundsatz in Leute rein­drischt, die ihn hintergehen. Aber wen sollte er verdreschen? Pe­te, der genauso hintergangen wurde? Reena, an der er innig hängt, wie ich an Mamá hing? Phoe, die ahnungslos ist wie er? Sie machen es sich leicht, der Major und seine hübsche Kriegsbraut, schieben es dem zu, der ihnen zugeschoben wurde, mir. Ma­má ist schuld. Hätte sie dem Drängen der Fraternität nachgegeben, wären meine Sommerferien in Pam­plona abgespult worden, zwischen weniger Pferden und mehr Stieren. Nur hätte es dafür aus Yáñez’ Pfründen kein Geld gegeben. Letztlich ist Yáñez der Schuldige. Er hat sowieso alles zu verantworten. Wegen seines Schwanzes. ,Den der Señorito’, sagte Magda, ,überall reinstecken mußte. Nur nicht da, wo er hingehörte.’ In mich, seine einzige Ehefrau, hät­te sie ergänzen müssen. Diesen Schluß zu ziehen, überließ sie mir, einem Knaben. In einem Alter, da kein Knäb­lein weiß, was falsch plazierte Schwän­ze an­richten. Nun ja, um mit Char­les zu argumentieren, es ist Natur und müßig ist, über das Wal­ten der Natur zu rechten. Welcher ist der richtige Zeitpunkt des Wann-sag-ich’s? Soll ich warten, bis er es selber herausfindet? Dies könnte bedeuten, Bills Eruptivität des Grolls zu steigern. Wie er mit mir umspränge, überträfe das Modell vom Hasen und Igel dergestalt, daß aus mir Hasen ein Häs­chen würde und aus Bill-Igel Fürchtenswertes, ein Drache mit feuerspeienden Lanzenhörnern. Würde er mich skalpieren? No, Sir! Da geht meine Phantasie mit mir durch. Indi­anermethoden braucht er nicht. Seine grundeinfachen Cowboy­quälereien genügen. Mich lässig durchmangeln und aufspannen wie ein reingewaschenes, nasses Handtuch. ,O Yáñez, der du da hangest, das Herz soll dir im Leib zerspringen’ – teutonischer Mumpitz aus Dianas Märchensammlung, von dem ich ihm erzählte. Hätte nie gedacht, daß ich diesen rauh­beinigen Jungen so lieb gewinnen würde. Nicht zuletzt, weil Bill typisches Jungengeha­be verabscheut. Mit so was wie Fußballspielen gibt er sich nicht ab. Weder sammelt er Briefmarken noch Münzen, treibt keinen schweiß­treibenden Sport und streicht niemals raus, was an Fähigkeiten in ihm steckt. Und bin ich mal schlecht drauf, ist er der erste, der mich in Ruhe läßt. So einen Freund hatte ich mir immer schon gewünscht.

Zurück zu Jake. Trotz seiner Behinderung zog er neben mir in einem Gischt­streifen dahin. Jetzt mußte ich lachen, weil es komisch aussah, wie er seinen Seehundsschädel gelegentlich aus dem Was­ser hob. Und ich lachte, weil mich unerklärliche Fröhlichkeit er­griff, ge­paart mit lodernder Wehmut. Ich wußte, mit dem Texaner entspann sich ein verschwiegenes, stolzes Duell, das mehr Zeit erforderte als die Viertelstunde vor High Noon, mehr Zeit als jene zwei oder drei Tage, die mir bis zum Rückflug blieben. Jake tauchte weg. Verschwommen sah ich durch die Lichtbrechung der Wasseroberfläche, wie er eine Art Purzelbaum schlug. Was er wirklich tat, war, die weit auseinandergehaltenen Arme über den Hintern zu ziehen und mit den Beinen durchzuschlüpfen. Dreimal so schnell paddelte er weiter und hängte mich endgültig ab. Ich hatte es vermurkst. Jeder, der mit der Grundpalette von Tauchübungen klarkommt, hät­te das geschafft. Damit wurde es zu einer mehr als fragwürdigen Wette, bei der ich der letzte Verlierer in einer Reihe ebenso ver­blüff­ter Vorgän­ger sein mochte. Ich meuterte, ich pro­testierte mit all meiner Bered­sam­keit gegen den Regelverstoß. ,Ist ja logisch, daß du die Hände hinten lassen mußt!’ Allein, Jake-Sieger schwang sich aus dem Wasser und genoß den Tri­umph. Dabei galten seine Blicke we­niger mir als einer aufmerk­sa­men Zeugin, die den nicht alltäglichen Wettstreit verfolgt hat­te, am Becken entlang schlen­dernd und dabei genießerisch an einer Limo nuckelnd, eine verdammt hübsche Maid unseres Al­ters in einem flaschengrünen Biki­ni, gegen deren bestätigenden Schiedsspruch es keine Berufung gab. Jake war der Champ. Bewundernd pfiff er durch die Zähne. So ein Mädchen stellte ihm den Schwanz auf. ,Come on’, sagte er gurrend, legte die Hände auf den Kopf und for­derte mich auf, die nasse Schnur von seinen Armen zu lösen. Ich sah, was anschwoll, unter der Wasserlinie. ,Glotz nicht so, Kleiner’, schnarrte er, ,wird’s bald?’ Ich gehorch­te. Kaum waren die Knoten auf, schmiß er mich ins Wasser zurück und nahm mich in eine Bein­klam­mer, die meinen Kopf unter Wasser drückte. Wäh­rend mir die Luft schnell knapp wurde, riß er meine Shorts run­ter und griff mir ungeniert in den Schritt. Unwillkürlich schnappte ich nach Luft und kriegte die Kehle voller Wasser. Jun­gen­spiele dieser Art kannte ich von Kuno, der mich im Schwimmbad der Residenzstadt gepiesackt hatte, indem er mir literweise Chlorwasser zu trinken gab. Geschwächt durch einen endlosen Husten­anfall, schwamm ich im Pool herum und suchte die Shorts. Vergeb­lich. Jake hatte die nasse Trophäe in die Büsche ge­schleu­dert. Nun, vor Fremden bin ich noch immer ein entsetzlich schamhafter Junge. Nackt traute ich mich nicht aus dem Was­ser. Ich mußte Jake zähne­knir­schend zusehen, wie er den flaschen­grünen Bikini an­himmelte, wie das Pärchen, ,Cheers!’ ausrufend, die Gläser zusammen­klingen ließ. Irgendwann erkannte der Barkeeper auf mein Rufen und Gestikulieren, was los war, und brachte mir ein Handtuch. In ge­wisser Weise zu spät. ­Die beiden waren ver­schwun­den. ,Die Kleine heißt Betty’, erklärte der Bar­keeper. ,Hat strenge Eltern. An eurer Stel­le würde ich mich in acht nehmen.’

Zum Abendessen schleppte Jake das Mädchen wieder an, wohl weni­ger, um mir zu imponieren als Virginia, die im übrigen an Jakes Eroberungen gewöhnt zu sein schien. Obzwar sie Betty herzlich begrüßte und zum Dinner einlud, examinierte einer ihrer schnellen Blicke Jake und mich, wahrscheinlich um auszuloten, wie weit wir gekommen waren. Sagen wir, sie verglich Soll-Ziel und Ist-Ziel, wie ich das im nachhinein beurteile.

Zunächst lenkte Bettys munteres Geplapper die Unterhaltung. Auch sie benutzte die Ferien vor dem letzten Jahr in der Highschool zu einer Bildungsreise. Das mit den strengen Eltern war Quatsch, da hatte der Barmann uns selbstsüchtig angekohlt. Er hatte mit dem Mädchen flirten wollen, und Jake und ich waren ihm in die Quere gekommen. Ich merkte gleich, daß Betty furchtloser als ich auf andere Menschen zuging. Sie versuchte, literarisches Umpflügen der Re­alität mit ureigenem Erleben in Einklang zu bringen. Ich glaube, so bezeichnete sie es. Das kann ich unterschreiben, nenne es eine Stufe schlichter pragmatisch vorgehen.

Im Laufe des Essens, das im wesent­li­chen aus großzügig geöltem Gurkensalat und einem scharf mit Pfeffer und Chili gewürzten Bohneneintopf bestand, wandte sie sich mehr und mehr mir zu. Ich gewann die Überzeugung, es sei Jake nicht gelungen, viel mit ihr anzustellen. Wir sprachen länger über Arthur. Zu meiner Überra­schung zitierte sie den Schluß des Bateau ivre in Englisch. Es dürfte recht wortgetreu geraten sein. Sie kommentierte: ,Da steht ein Knabe in der Abenddäm­me­rung der Alten Welt verzagt am Ufer des Ozeans. Wo soll er hin?’ Sie schloß daraus, Arthur hatte schon als Ju­gend­licher ans Emigrieren gedacht. Ich hätte nie für möglich gehalten, man kön­ne Arthurs schwierige Lyrik einer der ger­manischen Sprachen überantworten, in welch einfühlsamer Übersetzung es je wäre. Mit Bettys Worten klang es vortrefflich.

Ich verliebte mich in die erdbeerfarbenen Lippen und großen grauen Augen eines Landmädchens aus Bozeman, Montana. O dieser Abend in den Bergen vor Monterrey! Er setzte Maßstäbe. Er setzte Liebschaften. Er setzte Freundschaft, nicht zuletzt zu Virginia, die schweigend an Bettys Mund hing oder an meinem, weil wir uns über der Frage des Emigrierens in einen plänkelnden, netten Disput verbissen, bei dem es mir gelang, mehrmals Bettys Hand zu drücken und sogar einen Wangenkuß anzubringen. Betty wird ans College nach Laramie emigrieren, also gab ich ihr die Adresse der Ponderosa. An Virginias Augen, nicht grau, wie ich mir ursprünglich einbildete, sondern hellbraun wie ein Rehkitz, las ich ab, daß sie sich die Ponderosa ebenfalls notierte. Ich habe keine Ahnung, was sie studiert hat. Literatur ist ihre Sache nicht.

Wie ich, um Substantielles beizutragen, selbstvergessen Arthurs Beziehung zu Paul beschrieb, in der ich vor allem das Aneinanderlehnen zweier exaltierter Charaktere in gemeinsamer Drogenerfahrung sehe, setzte Virgie zu einem Einwurf an.

Jake kam ihr zuvor und sagte plump: ,Die waren schwul’.

,Nein, waren sie nicht’, sagte ich, während meine Augen Betty folgten, die sich von der Bar Zahn­stocher holte. Sie hatte einen süßen Po, in blaue Levi’s verpackt. Levi’s stehen Mädchen pri­ma, weil sie die Hosen praller füllen als Jungs. Mein kleiner Hintern paßt so­wieso besser in Lee oder Wrangler. Das sind die wahren Cowboy-Jeans. Cowboys bezeichnen Levi’s geringschätzig als typische Städter-Jeans.

,Wie nennst du’s dann?’ frag­te Jake.

Virgie antwortete für mich: ,Sei nicht so dämlich, Jakie. Leben Künstler in gegenseitigem Befruchten eine Weile zusammen, kommt es auf so was nicht an. Man tei­lt alles. Eben auch das Bett.’

Heute über­le­ge ich, ob sie ihre Alles-gehört-allen-These erneut auskramen beziehungsweise Jake und mich in diese Drehe pressen wollte. Doch gegenseitiges Befruchten war nicht nur doppeldeutig, es paßte nicht zu uns. Virginia mußte erkannt haben, wie alles gegen eine Freundschaft sprach. Jake würde mir in gewisser Hinsicht nie ebenbürtig sein. Und ich ihm nicht.

Kurz, ich wurde so geil auf Bettys Erdbeermund, auf ihre kleinen festen tetas, wie selbst ein mickriger Junge meines Zuschnitts geil werden kann. Unter einem Vorwand lotste ich sie vom Tisch weg in den Garten des Hotelkomplexes, wo wir eine breite Liege ins Halbdunkel schleppten, uns lang legten und streichelten. Ich kam mir vor wie der eigenwillige Strubbelkopf aus Charlesville, der es den Seinen gezeigt hatte. Vervollkommnet wurde das Glück nicht. Betty ließ sich zwar den Reißverschluß aufziehen, aber nicht unter den Slip greifen. Sie tat recht daran, mir nicht mehr zu erlauben, bot die Situation doch Genuß genug. Außerdem mußte sie an die Leute denken, Dios mío, sie sagte wörtlich Leute! Das ernüchterte mich schlagartig – Arthur hätte sich nie um Leute gekümmert! Leute, die aus dem Hintergrund bald polternd auftauchten. Der Barmann mit seiner Eifersucht speienden Mongolenfratze hatte sich auf der Suche nach uns mit Jake verbündet. Betty und ich lagen unterdessen in einer mühsam gewordenen Umarmung, die sowieso beendet gehörte, da Betty mir nicht zu zeigen gestattete, wie ich ihr einen runterfummeln würde, und sie immer interesseloser an mir rumwischte. Ich er­tappte mich in Gedankenspielen. Bin nicht ich so ein Knabe in der Abenddämmerung? Ist nicht die Entscheidung längst gefallen, das Floß zu besteigen, um mit kräftigen Stößen den Ozean zu überqueren?O Arthur, der du da hangest – toi, le garçon le plus célèbre de Charlesville! Du wolltest nicht mehr rum­hängen, wolltest nicht mehr Stanzen schreiben, denen kaum jemand Beachtung schenkte. Was du wolltest, war ein tätiges Leben... Es soll mein Wahlspruch werden: Tätiges Leben pfeife mir um die Ohren. Hängt Bill mich nicht auf, schneidet mir ein Bein oder sonst was ab, schießt Diana keine weiteren Pfeile in meinen Bauch oder vergiftet mich mit Waldmeisterpud­ding, werde ich mit Vergnügen älter als siebenunddreißig werden.

Der Abend endete wie im Stockbett einer Jugendherberge. Virgi­nia saß an der Bar mit einem gutgekleideten alten Sack, Typ Geldhai mit Dollarzeichenkrawatte. Mich fauchte sie weg. Es gab sonst keine Bar und nirgends klingelte ein Gottlieb’s. Notgedrungen ging ich aufs Zimmer. Jake lümmelte im Unterzeug herum. Er schoß fiese Blicke auf mich ab.

,Bist du endlich da’, sagte er. Der Kraftausdruck, mit dem er die schlechte Laune garnierte, ließ nichts Gutes erahnen. ,Du klaust mir das Mädchen’, zischte er. ,Also wirst du jetzt ma­chen, was sie gemacht hätte: Mir einen runterlutschen. Aber edel, sa­ge ich dir.’

Ich wandte mich wortlos zur Tür. Jake empfand ich als Mann angenehmer, als Arthur vermutlich Paul empfunden hatte, bei denen der Altersunterschied zusätzlich eine Rolle gespielt haben mochte. Jakes Geschlecht wollte ich nicht ansehen müssen, geschweige denn in die Hand nehmen. Madre mía, nein! Wie abstoßend! Lieber auf einer Liege im Garten über­nachten.

Er sprang auf, riß mich zurück und wollte die Tür ver­riegeln. Es steckte kein Schlüssel. Den hatte ich in meiner Ta­sche verstaut. Vor­sorglich. Goldhaar und ich hatten uns im Studentenheim geei­nigt, nie abzuschließen. Jeder hätte jederzeit hereinplatzen und sehen können, daß es außer dem Kruzifix über den Betten nichts anzubeten gab. Bills Kammer hat kein Schloß, fällt mir ein. Keine Tür auf der Ponderosa ist verschließbar, runde drehbare Knaufe betätigen einen Riegel. Die Haustür hinter dem Fliegengitter wird per Vorhängeschloß versperrt, falls alle ausschwärmen. Eine rein kosmetische Maßnahme. Einbrecher würden über die lächerliche Barriere einzu­schlagender Fensterscheiben hineingelangen. Im ersten Sommer riß der Bengel dau­ernd die Tür zur Kammer auf, da hätte ich mich geschämt, in der Nase zu bohren. Wortlos führte ich vor, was Höflichkeit gebietet, hat man im eigenen Zimmer ei­nen Gast: Anzuklopfen und einen Moment abzuwarten. Er übernahm es auf Anhieb. Wie manches andere. Als hätte es eines Frem­den bedurft, Manieren zu beglaubigen, die seine Eltern ihm sicherlich beigebracht haben. Mit Grobianen wie Jake im selben Raum kommt man mit guten Manieren nicht weit. Statt derer empfehlen sich tadellos funktionierende Rückzugsstrategien.

,Un­sere Wet­te!’ sagte er. ,Sie gilt noch. Wenn du mir keinen bläst, kannst du dir ausrechnen, was dir blüht.’

Ich verstand nicht, was er meinte. Einen blasen? Den Ausdruck habe ich mal ge­hört, ich glaube von Karim, ohne was da­mit ver­binden zu können. ,Ja­ke’, sagte ich, ,ich hab’ nichts gegen das Doppelbett. Mit dir so dicht neben mir komm’ ich zurecht. Aber ich nehm’ keinen fremden Schwanz in die Hand. Deinen nicht und sonst keinen. Davor ekelt es mich.’

Er begann sich wortlos auszuziehen. Das tat ich auch. Ich dachte, nach meiner Klarstellung ginge es in Ordnung, vor allem, weil er mir beruhigend auf die Schulter klopfte und murmelte, ,Du riechst nach Katze, weißt du das?!’ Er war wohl sturzbetrunken. Ich löschte das Licht. Die Schwimmbadbeleuchtung schickte genügend Helligkeit in unser Zimmer. Angenehm ermüdet legte ich mich hin. Musik ertönte aus der Bar, und in Intervallen drangen Wortfetzen vom Nebenzimmer durch die dünne Wand.

Plötzlich schob Jake sich heran, legte seine Pranke um mein Genick. ,Raus aus dem Bett!’ befahl er. ,Knie dich hin.’

,Waas?’

,Du wirst jetzt knien und nett zu mir sein.’

,Fahr zur Hölle’, sagte ich. ,Laß mich in Frieden! Hol dir selber einen runter. Oder was du willst’.

Was dann kam, war brutal. Er warf mich zu Boden, sein Gewicht bügelte mich flach. Die Knie nahmen meinen Körper in die Zange, Knie, die sich in die Nieren bohrten. So was tut höllisch weh. Ich weiß nicht mehr, was er zuerst tat. Wahrscheinlich untersuchte er meinen Schwanz, weil er wissen wollte, ob ich beschnitten und jüdischen Glaubens sei, wie er vielleicht vermutete. Ich wurde auf den Bauch gewälzt. Er frag­te, während er in der Pofurche rumstrich, mit Spucke, nehme ich an: ,Bist du noch Jungfrau?’

Was hatte er vor? Mein sechster Sinn mobilisierte alle verfügbaren Reserven. Keuchend vor Angst und Wut kniff ich den Po zusam­men. Es brachte nicht viel, er riß mir die Schenkel auseinander.

,Das Gezappel ist sinnlos! Bist nicht meine erste Jungfrau.’

,Die will ich bleiben’, schrie ich. ,Du Ferkel!’ Ich be­sann mich auf Jiu-Finten. Eine Drehung brachte Bewegungsfreiheit.

,Holla, Fisch­chen’, sagte er, ,nett sein zu Jakie! Du entgehst mir nicht.’ Mühelos hob er mich auf, schmiß mich aufs Bett und steckte meine Beine durch die Holzstreben am Fußende.

Einen Moment lang wurde mir schwarz vor den Augen. Ich dach­te, das war es, das Schwein schafft dich. O Blacky, deine Schrift wird beim Abspulen dieses Films jetzt noch zittrig. Nicht aufgeben!, schoß es mir durch den Kopf, nie! Hab’ ich das nicht auf der Ponderosa gelernt, in meinen Raufereien mit Billy? Dabei war mit Billy alles Spaß, reine Freude für uns beide. Ich kann kaum glauben, daß es mir gelang, die Hände zuerst in die Ma­tratze zu krallen, dann sicherer in die Fugen des Kopfteils. Ein Klimmzug brachte Spielraum. Das Fischchen entglitschte seinem Peiniger. Ich konn­te mich wieder herumdrehen und knallte dem zu sieges­gewiß und vor Gier eingelullten Jake einen Fuß mit ein­ge­zogenen Zehen in die Leisten­beuge. Es war vage gezielt, kam aber stockvoll an. Ist ein absolut verbotener Tritt im Jiu, ich weiß. Es kann Unfruchtbarkeit zur Folge haben.

Ja, ich hatte seine Murmeln gestaucht. Er rutschte vom Bett und krümmte sich vor Schmerzen auf den schmutzigen Fliesen. Jesus, ich war außer mir vor Wut. Ich glaube, das sind die Momente, wo jemand kei­ne Besonnenheit erwarten kann, und daran wird mir der Begriff Notwehr klar. Wie mir zwischen einigen schlappen Faustschlägen ein hart geführter Kinnhaken glückte – keine Ahnung! Jake wurde ohnmächtig, zum Glück für ihn. Sonst hätte ich weiter sinn­los in ihn reingedroschen. Wie seinerzeit in Billy bei dessen Attacke mit der Heuforke, als wir uns noch nicht riechen konnten, weil ich nomadisierend in seine festgefügte Welt einbrach. Zusammenfassend sei konstatiert, diese Geschichte mit Kain und Abel geht in modernen Zeiten weiter. Niemand ist vor Urinstinkten gefeit, vor Trieben, die das Tier Mensch nicht steuern kann. Es wird gedemütigt, und es wehrt sich.

Ich denke, ich begaffte höchst erstaunt meine schmerzende Faust. Die ersten Faustschläge meines Lebens! Ach, sie traten auf einmal unerhört energisch und wirksam in Aktion, diese kleinen Fäuste. Ein rundherum neues feeling. David drischt mit der Faust ei­nes Gehenna-Eisenhans –’

 

Manuel horchte zur Tür. Hatte es geklopft? „Tante Elvira –?“

Sie streckte den Kopf herein. „Manuel, möchtest du nicht eine Wei­le runterkommen?“

Er ließ den Bleistift sinken. „Jetzt? Muß das sein?“

„Juanjo ist gekommen, mit seiner Freundin. Er würde dich gern einiges fragen. Über die Staaten.“

„Der ist doch noch nie mit seiner Freundin gekommen.“

„Na ja, heute eben.“ So, wie sie es sagte, war zu vermuten, es gehe weniger um Juanjo, der ihn ausfragen wollte, als um sie, die seinen Beistand wünschte.

„Gut. Laß mir noch fünf Minuten... Elvira, wie hieß der Typ, der sich mit David anlegte? Ich rede vom Jonathan-David. Falls da im Buch der Bücher mehrere Davids auftauchen.“

„Ach, Manuel! Es ist nicht recht, daß du aus den Gestalten des Alten Testaments Typen machst. Als wären es Gangster aus einem Mafiafilm.“

„Ja? Ah, entschuldige!“ Da war ein Klingen in seinem Ohr. Je­ro­me hatte von Typen gesprochen, und er fand den Ausdruck passend. Für Amerika und die Mafia, für das gesamte Personal aus der Bi­bel. „El­vira, ich komme gleich.“ Den zuletzt geschriebenen Satz radierte er aus.

 

,Davie verdrischt Golie. Mußte Elvira erst nach diesem Typ fragen, Sie würgte mir gleich eins rein, wegen Typ und so weiter, hihi! Also ich denke, ich begaffte Golies Körper, bis mir die innere Stim­me bedeutete, sobald er wieder hoch kam, waren keine Nettigkeiten mehr zu erwarten. Ich packte seine Füße und schleifte ihn auf den Hotelflur. Jetzt schloß ich ab und dach­te im Einschlafen, ob nun Virgie ihn fände und an meiner Tür rüttelte oder er an ihrer, er würde sich eine verflucht gute Erklärung ausdenken müssen.’

 

Juanjo erkundigte sich nach der McCarthy-Hexenjagd. „Ihr müßt ja darüber gesprochen haben, in deiner Gastfamilie.“

Manuel wollte Petes konservative Gesinnung nicht bloßstellen, Major Rileys Gesinnung, von der er annahm, es sei die durchschnitt­liche von Armeeangehörigen. „Kaum. Vielleicht, wenn im Fernsehen brisante Themen auftauchten. Elvis Presley, zum Beispiel. Nicht, weil er jüdischer Abstammung war. Man verdächtigte ihn, mit den Kommunisten zu sympathi­sie­ren. Dabei ist das blanker Unsinn.“

„Was denkt deine Stiefmutter?“

„Politisch? Nichts. Sie denkt an Haushalt und Familie. Vor allem an die Liebe, glaube ich.“ Er lächelte. „Im zweiten Sommer, als wir vertrauter wurden, so wie sie mich anschaute – da hatte ich den Eindruck, sie sah in mir den zweiten Sohn, den sie gern gehabt hätte. An so was denkt sie. An das Schöne im Leben. An ihre Kinder, ihren Mann. Daß sie ihn liebt. So wie sie meinen Vater geliebt hatte.“

„Jetzt schweifst du ab.“ Juanjo betrachtete argwöhnisch seine Freundin und Elvira. Sie lehnten an der Kommode, blät­terten in einem Fotoalbum, dabei unablässig kudernd und ihn mit Sei­ten­blicken bombardierend. „Was sollte das mit McCarthy zu tun haben?“

„Daß die weibliche Hälfte Nordamerikas unpolitisch ist und sich keinen Deut darum schert, was die Männer denken. Vielleicht ist es charakteristisch für ein Land, das in vielen Bundesstaaten noch Rassentrennung kennt. Ein Schwarzer kann nicht einfach eine Weiße heiraten, oder umgekehrt. Ein Schwarzer kann sich in rein weißen Wohngebieten nicht wie Gott in Frankreich bewegen, und lauter solche Beschränkungen. Frauen mit ihren Benachteiligungen, sie würden an all diesen Anachronismen verzweifeln, fingen sie an, sich näher da­mit zu befassen.“

„Denken spanische Frauen etwa nicht apolitisch?“

„Immerhin kennen wir keine Rassentrennung. Auf was willst du hinaus, Juanjo? Ich habe noch zu arbeiten.“

„Ich dachte, du wüßtest mehr über die Kommunisten in den Staa­ten. Uns ist es weiterhin verboten, als Partei aufzutreten. Es scheint, unsere progressiveren Verbün­deten drehen mit an den Daumenschrauben. Ich bin am kommenden Sonntag in Alsasua vor dem Komitee dran. Als Referent mit einem diesbezüglichen Bericht.“

„Tut mir leid. Ich weiß rein nichts darüber.“ Bekümmert musterte er den Basken, den er für gescheit hielt. Nur verstand er nicht, wie Kommu­nis­mus und Gescheitheit sich im selben Kopf vertragen konnten. In den Tiefen der Hosentasche ertastete er einen Papierfetzen. Eine vergessene Notiz. „Frag Federico. Der kommt näch­stes Wochene­nde mit raus. Tja – ich sollte dann wohl.“

Bedauernd horchte Juanjo ihm nach. Nächstes Wochenende war zu spät. Im Grunde scherte er sich einen feuchten Kehricht um seine Parteifreunde und die einstmals gute Sache, die er als verloren ansah. Es schmerzte ihn, daß er auf der schwarzen Liste stand und in die Staaten nicht einreisen durfte, und er hatte keine Beziehungen, dank derer dieses Verbot auf­zuheben wäre. Er seufzte und reckte die Arme weit über den Kopf. Mit Manuel redete er gern. Der Junge hatte etwas an sich, das die Zeit beschleunigte, zerfiel sie an so einem Nachmittag in endlose Sequenzen. Er hatte seine Freundin Pahita zur Prüfung mit­ge­bracht. Durchgefallen. Vor Elvira hatte sie bestanden. Aber zu dritt zerlief das Treffen zum Albtraum. Weil sie war wie jene von Manuel zitierten ame­rikanischen Hausfrauen. Eine Frau ohne Meinung. Oder mit Gummi­meinungen. Hätte er irgendeine Präzisierung ihrer gallertartigen Gedanken eingefordert, würde sie sagen: ,Na, wenn du meinst... Wenn du es meinst, meine ich es auch.’ Zum Kuckuck mit Hausfrauen. Man konnte mit ihnen ins Bett gehen, es lief mal besser, mal schlechter. Elvira hatte nicht das Zeug zur Hausfrau. Ins Bett war sie nicht zu kriegen. Er hatte begonnen, sich für die Argumente jenes Wiener Arztes zu interessieren, der die Sexualität als er­ster ent­tabui­siert und ihre tausend verschiedenen Spielarten aufgeblättert hatte. Sei­ne Theorien waren so simpel dargelegt, daß man sich fragte, wieso man gewisse Zusammenhänge nicht von allein herstellte. Darüber hinaus waren die Abhandlungen in einem Stil verfaßt, der guter Literatur gleichkam. Bei Elvira deutete manches darauf hin, sie sei irgend­wann zutiefst verletzt worden. Vielleicht hatten Leute seiner Partei sie im Bürgerkrieg vergewaltigt. Aus dem erzkonservativen katholischen Lager hatten etliche Mädchen dran glauben müssen. Das nahm einer Frau alle Lust, bevor sie richtig ent­wickelt war. Man mußte darüber sprechen, so das Rezept des Doktors. Im wiederholten Gespräch bestand eine Chance auf Überwindung des Traumas. Elvira sprach jedoch nicht darüber, und er argwöhnte, sie würde auch nicht darüber sprechen wollen, falls er sie direkt danach abklopfen würde. Mit dem Neffen könnte er darüber sprechen. Reif genug, der Junge, jedoch kurz angebunden. Beantwortete höflich alle Fragen, wartete, ob noch eine nachtröpfelte, drehte sich um und verschwand. Arbeiten! An einem Samstagabend arbeiten! Ein gesunder Junge seines Alters ging am Samstagabend in eine Bar. Sich vergnügen. Die ganze Familie schien ein Fall für den Doktor aus Wien. Pa­hita, seine Hausfrau, war stinknormal. Dazu stinklangweilig. Aktive Langeweile in der ansteckenden Form. Doktor F. müßte konstatieren: Ich kann nichts für Sie tun, Verehrteste. Könnte man nicht insistieren? Gegen passive Langeweile gab es Mittel, in Richtung Antidepressiva. Ju­an­jo schüttelte melancholisch den Kopf, schenkte Cien­totres nach und prostete den Frauen stumm zu. Kein Arzt der Welt ver­mochte die infektiöse Form von Langeweile zu heilen. Von Erkrankten konnte man nur Abstand halten. Wie bei einer akuten Influenza.

 

,Frühstück zu viert. Betty und Virginia tauschten tiefe Blicke. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, die beiden hätten einen Teil dieser aufregenden Nacht im selben Bett ver­bracht. Jake war schlechtgelaunt, wirkte übernächtigt, hatte wohl we­niger aus kör­per­licher wie seelischer Pein zu wenig Schlaf ge­habt. Vermutlich hatte er in Virginias Zimmer die Rolle des Zuschauers, wiederum auf har­tem Fußboden, zuge­wiesen be­kommen. Für mich klang es wie Lob, als sie sagte: ,Laß ihm bei so was wenig­stens den Slip an, Spanier. Wir Amerikaner und noch mehr die Mexis sind scheußlich prüde, wenn es drauf ankommt. Bei Nacktheit, so in die Öffentlichkeit getragen, hört der Spaß auf.’ Undramatisch nahm sie es als Spiel zwischen Jun­gen, und letztlich war es das. Jake hatte verloren. Seine Re­geln stießen mich ab. Weil er mich insgesamt phy­sisch abstieß. Er ist zu massig. Andererseits nötigte mir Jakes diamantene Härte im Einstecken Respekt ab, tat er doch so, als wäre zwischen uns rein nichts vorgefallen. Billy ist von gleicher Härte. Habe ich es da mit einem uramerikanischen Attribut zu tun? Ein Landsmann, gleich ob Kastilier, Andalusier oder Katalane, würde mich nie wieder ansehen. Er würde das Geschehnis dreifach gefaltet im Gedächtnis ablegen, Abteilung tödliche Beleidigungen, im nächsten Bürgerkrieg seine Flin­te schultern und mich abknallen. ¡Toma, coño!

Nach dem zweiten Kaffee heftete Jake seine grünen Augen auf Virgie und sagte, während er einen Donut bedächtig auseinanderbrach: ,Er ist noch Jungfrau’.

,Na, wenn schon’, erwiderte Virgie barsch. ,Wird Zeit, dich an den alten Südstaatenwitz zu erinnern, Jakie. Woran erkennt man eine Jungfrau? Na? Wissen wir es noch? Sie kann schneller rennen als ihr Vater! Es freut mich, daß Mani sich vor deinen übertrieben väter­lichen Aufwallungen in Sicherheit bringen konnte.’

,Mann, bist du fies!’ maulte Jake.

,Ich bin gern fies zu Männern. Das weißt du doch.’

Diese Bemerkung fand ich hochinteressant. Aus welchem Grund bekennt sie sich fies? Auf männliche Wesen in Bausch und Bogen wird sie nicht zielen. Zu mir war sie alles andere als fies.

Der Abschied von Betty bescherte mir meines Lebens zweiten Zungenkuß nach dem ersten mit Nancy in Tanger, Mohrenland. Es kitzelte unvermutet am Gaumen. Beinahe hätte ich Betty gebissen.

Ame­rikanerin­nen haben ein besonderes Faible für diese Art Zungenakrobatik. Sie macht mich nicht an. Ich sorge mich, es streife wo­möglich mein Gaumenzäpfchen, und mein Ösophagus trete gehorsam in Aktion, aus meiner Speisekammer Überschüssiges hochzupumpen. Vielleicht mümmeln Amerikanerinnen unentwegt che­wing gum, damit Zungenküsse nicht nach dem letzten Steak schmecken.

Virginia fuhr zurück in Richtung Laredo. Im nächsten Kaff hielten wir. Der Wagen wurde aufgetankt. Sie ver­schwand in einem verfallenen Schuppen mit der Aufschrift Policía und der mexikanischen Flagge, die wie die ungarische aussieht, nur breitgestreift in Richtung Gefan­genenkleidung. Nach einiger Zeit winkte sie Jake zu. Er ging auch in den Schuppen. Bald kamen sie mit einem schmalen Kerlchen meines Zuschnitts zurück, dessen Fußknöchel hellblitzende Ketten zierten. Ich rieb mir die Augen. So was sah man in Fernsehkrimis. Das Trio kam auf unseren Wagen zu. Virginia riß die hin­tere Tür auf und schubste den Typ neben mich. Dabei wären wir fast mit den Köpfen zusammengeknallt. Stöhnend setzte sie sich ans Steuer und entzündete eine Zigarette.

,Jakie, ich hoffe, wir haben Cuffs mit. Die Mexis wollen uns keine Eisen ausleihen. Ich kriege Ärger mit den Kollegen, wenn ich den Burschen ohne alles über die Grenze bringe. Und er soll uns keinen Ärger machen können.’

Ich checkte den Typ näher. Bestimmt war er weggetreten. Bei halbgeschlossenen Augen deutete sein Mienenspiel ein gro­tes­kes Lächeln an. Im Zustand der Entrückung juckte ihn nicht, was mit ihm passierte. Am Abend erzählte mir Virginia, was Sache war. Er hatte notorisch halluzinogene Pilze konsumiert. Deswegen hät­te man ihn nicht gleich gekrallt. Aber er hatte in der Nähe eine Hütte angezündet. Dabei war eine alte Frau verbrannt. Er behauptete, sie hätte bereits Tage tot und stinkend in der Hüt­te gelegen. Und das Sparbuch in seiner Hosentasche hätte sie ihm geschenkt. Dem mexikani­schen Gerichtsmediziner war es nicht gelungen, der stark verkohlten Leiche einen verbindlichen Todeszeitpunkt zuzuordnen.

Ich ertappte mich dabei, daß mir der Bursche gefiel. Abgesehen von breiteren Schultern, die aus einem ärmellosen T-Shirt hervorsprangen, besaß er praktisch meine Figur. Auch meine Kopfform mit dem spitzig vorgeschobenen Haaransatz in der Stirnmitte. Solche Ei­genheiten stellen Vorschußvertrauen zu Unbekannten her, wie wenig es angebracht sein mag. Allerdings roch er nicht besonders gut.

Jake durchsuchte die Ablage unter der Windschutzscheibe. Me­tall klirrte. Er stieg aus, kam zu uns und ne­stelte mit einem kleinen Schlüssel, ohne hinzusehen, an den Fußketten des Jungen herum. Was auf Geläufigkeit schließen ließ. Die Ketten reichte er Virginia. Wortlos schwang sie sich aus dem Wagen und stiefelte nochmals ins Gebäude des Sheriffs. Jake drehte dem Gefangenen einen Arm auf den Rücken und fuchtelte mit Schellen rum. Sie sahen harmloser aus als in Fil­men, wo sie in Sheriffsgürtel gehakt sind, zwischen Revolverpatronen, und bei jedem Schritt drohend scheppern. ,Dreh ihm den anderen Arm nach hinten’, kommandierte er.

Ich, fasziniert von der Szene, ich, der ich mein junges Le­ben lang bei Jungenquälereien nie als Henkersgehilfe zu gewinnen war, weil ich über die ambivalente Amoralität jedes lebenden Seins keine Zweifel hege, tat, was er verlangte, packte den sich nun heftiger Sträu­benden, der nicht wissen konnte, daß ein Judoka des fünften kyu seinen Ellbogen profihaft durchdrückte. Er begann zu schreien wie am Spieß. Überraschend – oder sollte ich sagen, überrumpelnd? – klick­ten die Stahlbügel um mein eigenes Handgelenk. Zuerst dach­te ich, Jake hätte sich vertan, aus Versehen daneben gegriffen, weil er gleich wieder mit dem Schlüssel rumstocherte, aber er drückte sie enger zu und verriegelte sie offenbar. Ich war zum Gefangenen Nummer zwei geworden, an einen Dro­gensüchtigen gekettet, von dem ich nicht einmal den Namen kannte. Ich beharrte lautstark auf dem Irrtum, herrschte Jake an.

Virginia, die eben zurückkam, wur­de aufmerksam. Sie befahl ihrem Gehilfen mit sehr undamenhaften Ausdrücken, mich loszumachen, wo­rauf er sich entschuldigte, er sei mit den – wie sagte er gleich? ich glaube – Kinderhändchen über Kreuz gekommen. Eilfertig beugte er sich über die Lehne des Vordersitzes, steckte den fei­nen Schlüssel an meiner Hand ins Schloß und brach ihn mit einem deutlich hörbaren Knacks ab. In der Fort­setzung unseres Spiels ging diese Runde definitiv an ihn. Mit seiner samtenen Elvis-Stim­me brummte er: ,Bricht einfach ab, Virgie! Habt ihr da nicht ziemlichen Mist­ angeschafft?’

Sie schimpfte: ,Was bist du bloß für ein Idiot!’

Ich regte sarkastisch an: ,Kriegt er dafür Ölwanne?’

Sie schüttelte den Kopf, und ihr Blick im Rückspiegel war wieder amü­siert, der überlegene Blick einer Frau, die Details als sol­che beiseite fegt. Ganz und gar durchgehen ließ sie es Jake nicht, sie redete scharf tadelnd auf ihn ein. Mir wurde klar, ich hatte keine ordinäre Polizistin in Zivil vor mir, sondern eine Agentin, die einen Subalternen tadelte. Wahrscheinlich war Jake Gelegenheitsmitarbeiter, der vermöge seiner Körperkraft Schutz und Hilfe bot. Körperkraft hat in den Staaten einen vielfach höheren Stellenwert als bei uns. Ich fürchte, es ist dort Grundvorausset­zung für eine gut fundierte und nach allen Seiten hin funktionierende Existenz.

Virgie ist meine erste Kollegin, wenn ich so sagen darf. Denn an meinem Kundschafterstatus, meiner Mission, Geheim­nisse aufzuklären, so sporadisch es auch in letzter Zeit nötig wurde, halte ich fest. Sie ist vom FBI, tippte ich. Was Jake später weder bestätigte noch durch sein Schweigen abstritt.

Wir näherten uns der Grenze, durchquerten Nuevo Laredo und hielten an einer rotweißgestreiften Schranke vor der Brücke über den Río Bravo. Virginia stieg mit einem dünnen Aktenhefter aus, sprach mit einem schnauzbärtigen Beamten, der einen flüchtigen Blick ins Wageninnere warf und grüßend an seine Schirmmütze tippte. Im Schrittempo überquerten wir den Fluß, der am anderen Ufer Río Grande heißt. Vor einem US-beflaggten Gebäude schwenk­te Virginia auf einen für die Polizei reservierten Parkplatz ein.

,Alles aus­stei­gen!’ Sie seufzte bei dem Zusatz: ,Geht nicht anders, Ma­nuel, du mußt mit.’

Welcome to Laredo, Texas, lautete die Botschaft auf einer breitbeinig in die Erde gerammten Tafel. Dazu gehörte ein Sheriff mit blitzendem Stern auf der Brust und diesem breitkrempigen Hut, mit dem man überall in Europa Heiterkeit erregen würde. Sheriffkleidung ist kennzeichnend wie die eines Clowns, wobei man nicht vergessen sollte, daß beide Träger ernstzunehmen sind. Der Mann verabreichte mir ei­ne Ohrfeige, die sich gewaschen hatte, und holte zu einer zwei­ten aus. Mein Gefährte duckte sich nun recht ausgeschlafen, so daß ich auch diese abbekam und ein ganzes Sternenbanner aufblitzen sah. ,Damit ihr kleinen Scheißer gleich begreift, wie es hier läuft’, erläuterte die Hutkrempe. Eine Botschaft, die ich ohne Begleitton verstanden hätte.

Virginia schüttelte wie­derum resigniert den Kopf und gab die fäl­lige Erklärung ab, zu meinen Gunsten, versteht sich.

,Wird dem Burschen nichts schaden’, knurrte der Sheriff, und versöhnlicher: ,Hab’ ich dir weh getan?’

,Nicht der Rede wert’, brachte ich hervor. Mir standen Tränen in den Augen. Ich beauftragte die Zunge, die betroffenen Zähne einem Wackeltest zu unterziehen.

Im Büro wurde ich von meinem Gefährten getrennt. Bevor man ihn in eine, so nahm ich an, wenig beneidenswerte Zukunft abführte, versprach er mir: ,Sollten wir uns wiedersehen, brech’ ich dir den Arm, Arschloch.’

Mit lauter untauglichem Werkzeug versuchten sie, meinen Armreif zu knacken, was nicht gelang. Das abgebrochene Stück Schlüssel klemmte im Schloß. In jenen zehn Minuten entdeckte ich die Zuverlässigkeit soliden Stahls. Schnüre und Riemen halten mich kaum, das habe ich seit frühester Kindheit geübt, es sei denn, ein Könner wie Bill legt mich zusammen. Mit Stahlschließen an den Gelenken ist jeder geliefert. Bei diesen Überlegungen und den kitzelnden Berührungen der Texanerhüte muckte mein Körper auf. Was Virginia nicht verborgen blieb.

Gewiß mochte sie mich von Anfang an. Zunächst meine Art, sexuelle Dimensionen zu erforschen. Ich meine, wie ich es anging, im House, als Europäer, speziell als Spanier. Sie zieht ihre Kenntnisse politisch-sozialer Zusammen­hänge heran, die ein durchaus zutreffendes Schema unseres stark von der Dik­ta­tur ge­prägten nationalen Charakters entwerfen. Der stei­fe Schwanz, er hat Size medium, denke ich, wirkt im Verhältnis zu meinem schmalen Körper wie big und ist in knappen Jeans schwerlich zu verstecken. Dieser Schwanz wurde zum Anstoß unserer Freundschaft. Das weiß ich. Darauf bilde ich mir nichts ein, gar nichts, ich konstatiere es nur. Nicht etwa, daß sie neugierig auf Schwänze ist. Das ist sie wie die meisten Mädchen nicht. Mein Schwanz regte sich in einer bi­zar­ren Si­tuation, die wenig mit Erotik oder gar Leidenschaft zu tun hat­te, und gleichzeitig glomm in meinen Augen unschuldige Verwunderung auf, die Virginia als Spiegelbild einer Selbsterkenntnis deutete, um die sich mancher Heranwachsende vergeblich bemüht. Jake zum Beispiel, der Tolpatsch, der in Endlosschleifen zwischen Selbstbeweihräucherung und Hab ­­acht ste­hen vor anderen gefangen ist, womit er der ewige Gehilfe bleibt, nicht nur für Virginia. In mir erkennt sie den Zug zu gleichrangiger Partnerschaft, sehen wir vom Al­ters­unter­schied ab. Einen Partner, den man noch aus- und wei­ter­bilden muß, um die Gleichrangigkeit mit Zeug­nissen zu dokumen­tie­ren. Ist vage, was ich hier zusammenspinne. Im Kern aber true.’

 

Manuel lehnte sich erregt zurück. Innerlich tanzte sein Körper einen schnellen Walzer. Der Kopf war benommen. Fünf Tage nach dem Abschied von Virginia hatte er schlimme Sehnsucht, vergleichbar mit der nach Diana. Nein, schlimmere. All das war frischer. Die letzte Umarmung in New York... Das Ding war hölzern gewesen wie nie. Tropisches Hartholz. Am liebsten hätte er Virgie gepackt und auf den Zolltresen gelegt, egal wie viele Gaffer zugegen waren. So wie man es in Hollywood-Filmen sah. Was an ihr war es, das ihn so einfing? Die offenen Haare, deren Spitzen auf den pechos lagen? Das Rehhafte der Augen? Die schlanken Beine, die auf hohen Stöckeln ein bißchen maskulin wirkten? Die schmale Taille zum Umarmen, ihr schöner Po? Er stöhnte. Wie sollte er die Zeit bis Weihnachten überstehen? Erst fünf Tage zurück in Salamanca, und schon stellte das bohrende Wozu-noch-Schule? sich wieder ein.

 

,Herrschaften’, meckerte sie, ,laßt euch von der Stadtverwaltung mit besseren Tools ausrüsten. Wir probieren es woanders. Die Zeit drängt. Der smarte Bengel muß zu seinem Flug nach Europe, ohne diese auffälligen Souvenirs.’ Der Sheriff rief mir nach: ,Sei mir nicht böse, Junge.’ Womit er eher Virginia besänftigen wollte, die vermutlich, obwohl bei einer anderen Firma beschäftigt, in der Hierarchie höher stand und ihm hätte schaden können.

Suchend fuhr sie durch die Straßen der Grenzstadt, stoppte vor einer Eisenwarenhandlung. ,Jake’, sagte sie, ,du hast es verbockt. Schieb den Leuten ein Scheinchen über den Tresen und leih einen Bolzenschneider aus.’

Er zog das Futter aus den Hosentaschen. ,Sor­ry, nichts mehr da.’

Seufzend suchte sie einen Fünfer. ,Zieh’ ich dir vom Lohn ab.’

Jake verschwand mit Schwingeschritten im Laden. Ich dachte, jetzt ist tatsächlich ein Spielchen zwischen uns im Gang, der Junge hat Punkte gemacht. Gern hätte ich eine Zeitlang mit ihm wei­ter­ge­spielt. Von Haus aus sind wir derselbe Typus Müßiggänger.

Gleichmütig kam er wieder zum Wagen. ,Wir müssen rein. Die lassen ihre Kneifzangen nicht aus den Augen.’

Also gingen wir rein. Virginia hielt nicht mit umständlichen Er­klärungen Maul­affen feil, schob dem Blaukittel hinter dem Tresen ihren Ausweis vor die Nase, mich in sein Blickfeld und deutete auf den Reparaturfall. ,Weg damit!’

Der Mann schien technische Parameter abzuwägen. Das Ergebnis seines Denkprozesses war niederschmetternd hinsichtlich der kurzen Spanne, die noch blieb, um meinen Flug zu erreichen. ,Ich kann Ihnen nicht helfen’, sagte er.

,Was Sie nicht sagen’, meinte Virginia. ,Sie wollen nicht. Dann muß ich das Werkzeug beschlagnahmen.

,Natürlich’, sagte er. ,Bitte! Zu Ihren Diensten! Was vorrätig ist, ist zu schwach. Hier hilft nur eine Schere mit langen Hebeln. Die einzige, die wir ständig auf Lager haben, wurde gestern verkauft. Und nachbestellt. Soll ich Ihnen meine Bücher zeigen, Madam?’

Ihre Blicke, die über das Werkzeuglager glitten und auf dem Be­sitzer hängenblieben, parierte der schief lächelnd. Draußen meinte sie, sie sei selbst schuld, er ha­be genügend Zeit gehabt zu verstecken, was er nicht hergeben wolle. Man müsse ihn verstehen, das Schneiden gehärteten Spezialstahls könne Scharten in fabrikneuer Ware hinterlassen..

Sie leg­te mir den Arm um die Schultern. ,Wir fahren zurück nach Somerset. Du nimmst den nächsten Flug. Was macht das schon! Das ganze Schuljahr liegt noch vor dir, das ganze Leben.’ Sie rubbelte mir das Gesicht, legte es an ihre Brüste, zog mich an den Ohren, tätschelte mir zärtlich den Hals wie einem Fohlen, mein Gott, sie raub­te mir den Verstand. Sie machte es nicht wie Diana, Rose, Nancy oder Betty, sie tat es mit der Sicherheit einer erfahrenen Älteren. Da­bei kann sie so­viel älter als ich nicht sein.

,Ich muß fliegen’, stammelte ich in kindlichem Eigensinn und mißtraute den eigenen Worten. ,Man wartet auf mich.’

Was sie tat, war der Effekt des gordischen Knotens in dessen Umkehrung. Sie faßte die herabbaumelnde Schelle und schloß sie um mein freies Gelenk. Klick-klick. ,So, smarter Bengel, Schluß der Diskussion!’ Sanft schob sie mich auf den Rücksitz, stieg auf der anderen Seite zu und ordnete an: ,Unser Chauffeur fährt uns heim. Schön alle Regeln beachten, hörst du, Jakie?’

Jake grinste säuerlich und hieb den Gang rein, daß es im Getriebe knirschte. ,Ist er festgenom­men?’

,Klar’, sagte Virginia. ,Drogenbesitz. Der Fehltritt vieler Neulinge in den Staaten.’ Sie griff in meine aufgesteppte Hemdtasche und zog ein Papiertütchen im Format eines Teeaufgußbeutels hervor. ,Haschisch vom Feinsten, möchte ich wetten. Mein Lieber, das reitet dich tief rein.’ Sie kicherte, wie ich sie danach oft habe kichern hören, unbeschwert selbstsicher. Dennoch nicht ohne ernsten Unterton.

Kein Aufdruck. Konnte Kandiszucker drin sein. Ich betrachtete das Tütchen und meinen Armschmuck. Für einige Momente glaubte ich, sie habe mich faktisch auf diese Weise gelinkt und erwäge, mich abzuliefern. Ich hatte nichts in der Hemdtasche gehabt. Keinesfalls das Zigarettenpapier, das sie nun daraus hervorzauberte, um seelenruhig einen Joint zu drehen. Sie brachte das so gut wie ein Magier. Von mir aus hätte sie noch ein Kaninchen rauszie­hen können, gewundert hätte es mich nicht mehr.

Sie zündete den Joint an, nahm einen Zug und steckte ihn geradezu zärtlich zwischen meine Lippen. ,Tief inhalieren’, sagte sie. ,Nicht nachdenken!’ Ich gab mir Mühe, schloß vor Müdigkeit die Augen und zitterte im Ungewissen der neuen Situation. Virginia hat­te sich in die Ecke geknautscht, faßte mich bei den Schultern, streckte mich auf dem Sitz des breiten Chevrolets lang aus und kuschelte den Kopf in ihren Schoß. Ich fühlte ihre Hand im Hemd­ausschnitt, die zu den Brustwarzen wanderte und hinunter zum Nabel als gebotener Grenze zu einer tierra intocable, hin­ter der meine Männlichkeit im engen Jeansgefängnis gegen alle Verhaftungen des Körpers wieder aufmuckte.

,Warum machst du mich nicht los?’ Ich flüsterte, weil ich Jakes Ohren aus unserer entzückenden Intimität heraushalten wollte.

Sie zauste die meinen, bohrte die Finger hinein und flüsterte im Agreement unserer Verschwörung: ,Begreifst du es nicht? Der Dum­merjan hat unseren einzigen Schlüssel abgebrochen. Ist es denn so schlimm?’

,Nein. Eigentlich nicht. Ich muß nichts tun. Täte ich es, würdest du mir eine runterhauen, fürchte ich.’

,Was würdest du denn tun wollen?’

,Oh... Dich in meinen Schoß legen. Deine Brüste streicheln.’ Ich ris­kierte hinzuzusetzen: ,Und deinen geilen Arsch.’

Die Finger hielten inne. ,So? Ist er das? Geil?’

,Und wie! Zum Reinbeißen.’

,Was ist mit meiner Muschi?’

,Ich weiß nicht’, sagte ich. ,Ich hab’ Probleme mit Muschis. Sag’ ich lieber gleich. Nicht daß du irgendwann enttäuscht wärst.’

,Was an dir hat Probleme mit Mösen, der Penis oder die Zunge?’

Hitze stieg mir ins Gesicht. Sicher lief es knallrot an. ,Beides. Die Zunge wohl weniger.’

,Mhm’, machte sie gedehnt. ,Bist du doch andersrum?’

Wieder schloß ich die Augen. Sie mußte nicht sehen, daß ich heulte. ,Wenn ich das wüßte. Auch mit Männern geht al­les schief.’

,Jetzt versink nicht in Selbstmitleid! Kann ich nicht leiden.’

,Wirklich, Virgie! Ist so was von unhöflich, Euer Geflüster. Ich schlaf’ gleich ein davon. Erzählt was Frisches.’ Jake stütz­te unmutig den Arm auf die Beifahrerlehne und kraulte sein blauschwarzes Pan­ther­haar.

,Du konzentrierst dich aufs Fahren. Sonst kriegst du kein Abend­bier. Geh gefälligst mit der Geschwindigkeit runter.’

Virginia griff nach meinen zusammengeschlossenen Händen und zog sie mir hinter den Kopf. ,Zum Beispiel Jake’, sagte sie nun so laut, damit es ein schwerhöriger Jake mitbekommen hätte. ,Ge­fällt er dir nicht?’

,Schon’, druckste ich.

,Und was an ihm?’

,Ich weiß nicht’, behauptete ich unwahrhaft.

,Du weißt es nicht? Bei einem so stattlichen Jungen weißt du nicht zu benennen, ob dich was anmacht?’

,Die starken Arme.’ Ich kam mir wie ein kleines Kind vor.

,So, so’, sagte sie. Und fuhr nach einer Weile fort, als hätte sie in meinen inneren Schubladen gewühlt und das Passende gefunden: ,Sich womöglich nur umschlingen lassen und weiter nichts.’ Sie atmete tief durch, leise seufzend. ,Hör mal, smarter Bengel! Sex ist im­mer mit Anteilen von drängendem Begehren und Gewalt vermischt. Du kannst nicht hoffen, einem Partner, und sei es einer für eine Nacht, zu genügen, indem du als bewegungsloser Teddy neben ihm einschläfst. Das gelingt erst, wenn man einander lange kennt und vertraut ist. Ansonsten will die Natur das ihre. Oder man liegt besser gleich außer Reichweite. Ist das so­weit klar?’

,Ja’, gluckste ich. Ihr Gesicht kam meinem näher. Ihre Augen durchdrangen mich mit sphinx­haftem Lächeln. ,Ist mir klar, Sna­kie.’

,Snakie –? Was soll dieser Name?’

,Oh... nichts. Ist mir grade so eingefallen. Ich, äh, glaube – al­so, ich dachte grad’ an die Upanishaden.’

,Ach, dachtest du!? Ich muß sie schlecht gelesen haben. An Frauen kann ich mich da kaum erinnern. Snakie...’

Ich denke, ich legte ein kleines Pausenschweigen ein, bevor ich meinen Wunsch äußerte, nun wieder leise. ,Ich möchte mit dir schlafen. Heute noch.’

,Ach, smarter Bengel!’ Sie zwickte mich in die Nase. ,Wenn das so einfach wäre. Für so was brauch’ ich Zeit. Heute abend muß ich Leute treffen. Es gibt Arbeit. Und vergiß nicht, dein Visum läuft um Mitternacht ab. Ab null Uhr bist du illegal hier. Jake wird sich vor dich stellen. Bitte, Mani, du wirst folgsam sein! Wenn du auffällst, öffentlich meine ich, krieg’ ich Riesenscherereien. Mor­gen buche ich deinen Flug um. Wir werden zusammen nach New York fliegen, ich muß sowieso hin. Ich bringe dich persönlich durch die Kontrollen. Die Leute dort im Osten nehmen Papierkram überaus bürokratisch.’

,Du wolltest vielleicht, aber du willst nicht’, sagte ich. ,Ein Minderjähriger. Du hast deine Prin­zitien.’

,Hab’ ich’, antwortete sie. ,Nebenbei, man nennt es Prinzipien.’

,Ja. Ich sag’ es so, weil Billy...’

,Wer ist Billy?’

,Mein Bruder.’

,Dein Bruder?’ Sie zwirbelte ihre Haare, rollte zwei Finger darin ein. Das tat sie, als ob sie in alten Verhörprotokollen kramte. ,Hat­test du dich nicht als Einzelkind dargestellt? Und als Waise?’

,Ich hab’ Stiefgeschwister.’

,Ach so? Gestern zugewachsene? Und Stiefeltern wohl auch?’

,Ja’, sagte ich matt, weil mir die Vielzahl meiner Stiefverwandten erdrückend vorkam.

Phoebe, Kuno und ich sind echte Halbgeschwister. Seit kurzem gehört Billy dazu. Wir haben denselben biologischen Vater. Hildgun­de und Roswitha wären meine Stiefschwestern und Muttel Reder meine Stiefmutter, falls sie mit Yáñez verheiratet gewesen wäre, wie mir Maître Betancourt den bei uns gültigen Rechtsrahmen erläuterte. Bei Phoebe und Billy wird es erbrechtlich kompliziert, da Pete sie adoptierte, womit die ursprüngliche Bindung an den leiblichen Vater wie zu biologischen Geschwistern gekappt wurde. Juristisch gesehen gibt es zwischen uns keine Verpflichtungen außer der, daß Phoebe mit uns drei Jungs keinen Sex haben darf. Wenn wir davon ausgehen, daß Pete mit der Adoption alles recht verwirrte und dies gegenüber Fremden weitschwei­fige Erklärungen erfordert, halte ich es für angemessen, vereinfachend von Stiefgeschwistern zu sprechen. Angenommen, Pete hätte den Spleen, mich zu adoptieren. Dabei würde es ganz verrückt. Mit Phoe und Billy wäre ich außer blutsverwandt stiefverwandt. Dasselbe hät­te passieren können, wäre Oc­tavio irgend­wann mit Reena verheiratet gewesen. ,Bigamie!, mein Freund’, wiegelte Fe­de­ricos Vater meine Spekulationen ab. ,Trotz Lüneburg-Vari­ante und ähnlichen Täuschungsmanövern war dein Vater mit deiner Mutter auf dem Papier ver­heiratet.’

,Raus mit der Sprache! Ich will alles wissen.’

Rückblickend wurden die weichen Polster des Chevys zur Psychocouch. Ich war froh, mir diesen schrägen Yá­ñez-Clan mal vor einem Dritten von der Seele zu reden. Vor einer Dritten – daß es eine Frau war, löste mir die Zunge. Über Billy schenkte ich ihr keinen reinen Wein ein. Keine Ahnung, warum.

,Wieso bezeichnest du ihn als Bruder, obwohl er nicht mal dein Stief­bruder ist?’

„Äh, weil –’ Ich war außerstande, die verwickelte Geschichte mit Billys Mutproben zu erklären, seine draufgängerischen Jungenwünsche. Oder was ich erst seit drei Monaten weiß, den vermutlich letzten Ausrutscher meines Vaters, wozu Maureen Riley, die Majore Hinrich Hinrichs und Pete Riley, meine Mutter, und ich weiß nicht wer sonst noch, gehören. Das Feld meiner Herkunft erstreckt sich aus der Gegenwart bis zu einem so entfernten Horizont vergangener Jahrhunderte, daß jede Erklärung einer schwingenden Machete im Busch gleicht: Man sieht nur den Streifen vor sich, der freigehackt wird, oder den hinter sich, der noch nicht wieder zugewachsen ist. So steht es um uns Europäer. Den Modus vivendi, es einem vergleichsweise vergangenheitslosen Amerikaner klarzumachen, habe ich noch nicht gefunden. ,Weil wir uns mögen.’

,Weil ihr euch mögt! Ihr mögt euch so, daß ihr gern Brüder wärt?’

,Ja’, ächzte ich. ,Nein – äh...’

,Hör auf zu stammeln. Red gefälligst Klartext wie vorher. Habt ihr es miteinander getrieben?’

,Heavens, nein! Haben wir nicht.’ Schlimmeres war zwischen uns abgelaufen als das, was sie meinte. ,Täte ich Billy dort anfassen, wo man es nicht tut, würde er mich windelweich hauen. Oder mir gleich die Eier abschneiden. Könnte gut sein, auch meine flinken Füße. Was ich mehr fürchte.’

,Wo man es nicht tut’, murmelte sie. Gerade diese Einzelheiten gefielen ihr so, daß ich doch noch eine Antwort bekam. ,Nur weil in den Staaten vieles leichter geht als bei euch und besonders das, kannst du nicht so verschlagen taktieren, herzukom­men und alles zu ficken, was dir grade paßt. So wie offenbar dein Vater rumfickte.’

Beleidigt schloß ich die Augen. Sie hatte den Punkt ge­troffen. Vor ihr hielt ich mich für unwiderstehlich. Weil ich mich Hals über Kopf in sie verliebt hatte. Für unwiderstehlich hält sich jeder Heran­wachsende, verliebt er sich Hals über Kopf, das weiß ich von meinen Klassenkameraden. Kriegt man es nicht so hin, das Prädikat unwiderstehlich mit dem Kunstgriff der Ein­bildung zuzulassen, ist es um das Selbstbewußtsein armselig bestellt. Insofern habe ich in bezug auf Virgie die ewigen Selbstzweifel wenigstens einmal besiegt. Das haben die Tage im House bewirkt. Weil ich dachte, dürfte ich sie haben, klappte es be­stimmt.

Den Rest der Fahrt verschlief ich, den Kopf in Virginias Schoß gebettet. Auch sie schlief, denke ich. Diese kuschelige Nähe brodelte im Unbewußten, das es als Anzahlung auf das Wahrwerden meiner Wünsche registrierte. Beim Erwachen lag die Quittung im Slip.

In Somerset hieß Jake mich die Hände auf eine Stuhllehne legen. Seine Wurstfinger bewiesen Geschicklichkeit. Mit feinem Draht stocherte er im Schlüsselloch und entfernte das abgebrochene Teil mit einer spitzen Pinzette. Ein anderer Schlüssel befreite mich.

,Wieviel willst du für die Dinger haben?’ fragte ich. ,Die kaufe ich dir ab.’

Er warf mir einen Blick zu, als sei ich nicht bei Trost, und verstaute die Handschellen in der Gesäßtasche seiner Jeans. ,Spinnst du? Das ist Staats­ei­gentum. Numeriert.’

Virginia hatte sich umgezogen. Kurzer Rock und weiße Bluse, die ihre Brüste ungeachtet des großzügigen Zuschnitts betonte. Darüber lag der Hauch eines schwarzen Som­merjacketts. Elegant, die Frau, wie sie mit einer nach Lawyer aussehenden Aktenmappe unter dem Arm in den Chevrolet stieg. Jake und mich setzte sie am Bürgerplatz von Somerset ab. Während ich lustlos auf dem Trot­toir wartete, sprach sie, von Handbewegungen untermalt, in te­xanischem Geklößele mit Jake, der mehrmals okay, okay brummte. Sie schob ihm ein paar grüne Lappen in die Finger und verduftete.

Zuerst aßen wir in einem Schnellrestaurant zu Abend. Auf seinen Vorschlag hin gingen wir saufen und spielten eine Partie Billard nach der anderen. Jake drückte auf meinen Wunsch mehrmals hinter­einander im Wurlitzer Dardanella. Mir gefiel, daß es ihm gefiel, jede Aggression zwi­schen uns schien passé. Später drückte ich Billy the Weeper und etliche Elvis-Hits. Jake wählte Sad Movies von Sue Thompson und Tragedy von den Fleetwoods, bedrückende Songs. In unseren Automaten hier in Salamanca habe ich sie nicht gefunden. Je weiter der Abend voranschritt, desto mehr geriet ich zum Fremden in der Nacht. Da waren zwei Mädchen an den Billardtischen. Wir spiel­ten und flirteten vierhändig mit ihnen. Heute gestehe ich, daß Jake und ich eher Augen füreinander hatten als für die Mädchen. Das wußte ich an dem Abend schon, wollte es nur nicht zulassen. Jake hatte in der schwülen Golfwärme Shorts angezogen. Vermutlich verglich ich seine sehnigen Schenkel nicht verstohlen genug mit meinen eigenen, und Jakes Arm ruhte wiederholt aufreizend lange auf meinen Schultern. Irgendwann räumten die Mädchen das Feld. Was hätten sie sonst tun sollen, da zwei Jungs aneinander mehr Interesse zeigten als an ihnen.

Angenehm high traten wir den Rückweg zum Ranchhaus an, ein Fußmarsch, der sich in die Länge zog. Jake war über mein vom Alkohol ins Holpern gekipptes Englisch erheitert. Also nahm ich mich zu­sammen und drückte mich mit schwerer Zunge überkorrekt aus. Jake johlte über mein Gebrabbel. Zuerst gingen wir mit umeinandergelegten Armen, aber der Schrittrhythmus paßte nicht. Immerhin war er einen halben Kopf größer als ich und machte längere Schritte. Er sprach davon, wie er vor einem Jahr die Schule geschmissen hatte, weil sie ihn an­ödete. Sein Vater ist Sheriff von Somerset. Von klein auf hat­te er mit Polizeiaufgaben zu tun und wird ebenfalls Sheriff wer­den.

,Die Leiter muß man langsam hochrobben. Vorher muß ich sowieso zur Army. Hab’ mich freiwillig gemeldet. Das verkürzt den harten Drill in der Elementarausbildung und was danach kommt. Sie werden mich nach Germany schicken. Hübsche Girls dort. Girls mögen Soldaten und Uniformen. Die Krauts haben keine Army. Dort sind wir die Kaiser.’

,Krauts...?’ zog ich das Wort in die Länge, offenbar ein diffamierendes Schlagwort für die Deutschen, das ich nicht kannte. ,Da täuschst du dich. Die haben jetzt wieder Soldaten.’

,Keine wie unsere, Kleiner. Unsere Army hat Power. Ist die beste der Welt. Wo wir aufräumen, herrscht Ruhe.’

,Und es wächst nichts mehr’, sagte ich, weil ich an die furchtbaren Bilder von Hiroshima in Federicos englischem Lexikon denken mußte. ,Weder Mädchen für geile GIs noch Blumen, die man ihnen schenken könnte.’

Er zuckte die Schultern. Schweigend legten wir den restlichen Weg zurück. ,Ist Frauenmangel in der Army’, sagte er unvermittelt auf den Stufen zur Veranda. ,Deshalb braucht man Ventile. Spielchen für Hungrige.’ Er wartete eine Weile und setzte hinzu: ,Viel­leicht möch­test du eins kennenlernen?’

Das wollte ich nicht. Mir ist klar, was auch Rekruten in der Ar­my spie­len, sie würden jemanden wie mich aufs Korn nehmen. Gerade in solchen Momenten, da es gilt, Farbe zu bekennen, was mit mir als Junge los ist, bemäntele ich meine Angst mit einem forschen ,Wa­r­um nicht?’ Gleich dachte ich beklommen, es könnte auf Ähnliches wie in der vergangenen Nacht hinauslaufen.

Es lief anders. Jake konnte die Sanftheit in Person sein. ,Du hast mich gestern ganz schön ausgetrickst’, sagte er. ,Hätte ich dir nicht zugetraut.’

,Jetzt willst du dich rächen’, vermutete ich und dachte, ein zweites Mal würde es mir kaum gelingen, seinen Kräften standzuhalten. Er lächelte vielsagend und strich die tiefschwarzen Haare nach hinten. Bei meiner Mutter, Jake ist eine Schönheit! Grüne Augen und dies runde Pantherge­sicht, das macht reihenweise Mädchen an.

,Mani’, raunte er. Ich kann mich nicht erinnern, jemand wäre so schnell ohne mein Zutun auf den Kurznamen gekommen. Oder hatte Virgie es verraten? ,Mani, wir müssen gegen Vir­gie zusammen­hal­ten. Sie spielt uns gegeneinander aus. Das ist ihre Masche. Weil wir beide mit ihr schlafen möchten. Möchtest du doch, oder?’

,Ja’, seufzte ich.

,Siehst du! Dummerweise nimmt sie es mit Minderjährigkeit und so verteufelt buchstabengetreu. Trotzdem denke ich, mit Geduld könnten wir einen flotten Dreier aushandeln. Die Geschichte da in New Orleans, mit der müßte man sie unter Druck setzen. Nun fliegst du, der Kronzeuge, nach Europe. Da bleibe ich zwar näher dran, aber al­lein werde ich wohl nichts ausrichten. Ist Pech.’

Dies überlegte er in der Küche, wo wir einen nächtlichen Imbiß nahmen, kaltes Huhn, Weißbrot mit Knoblauchbutter und eine Liter­flasche Bier, aus der wir gemeinsam tranken, während er mir keß die Füße in den Schoß legte und sachte an mir herumtrat. Heiliger Vater, war ich angedudelt! Anders ist nicht zu erklären, daß ich nicht schleunigst aufstand.

,Wollen wir es nochmals in einem Bett probieren?’ fragte er rhetorisch. Vielleicht verschränkte ich die Arme vor der Brust, ich weiß es nicht, ich brachte kein Wort heraus, als der starke Bursche mich vom Stuhl hob und mit vergnügt glitzernden Augen nach oben trug.

Er zog sich aus, dann mich. Das hätte ich nicht zulassen dürfen. Solch sakrale Handlungen trete ich nur an Frauenhände ab. Das begann als Säugling meiner Mutter, Hantieren mit Tüchern und Lappen. An- und ausgezogen haben mich Frauen, die der Familie. Die nächste war Diana. Oder Phoebe, die während der schlimmen Angina mitten im heißesten August auf der Ponderosa meine T-Shirts wechselte und die Bettshorts. Da­bei war ich so zittrig, ich mußte mich an ihr festklammern. Am Tag der Ankunft in So­merset entkleidete mich Virgie und packte mich ins Bett, was wunderschön war. Ich komme mir dabei vor wie ein kleiner Junge, der, lethargisch ausharrend, vor allen Schöpferinnen des Le­bens die Arme hebt. Wenn ich sterbe, wird es hoffentlich auch eine Frau sein, die mich auszieht, zum letztenmal wäscht und wieder ankleidet für die Unendlichkeit. Männer haben bei diesem Geschäft nichts zu suchen.

Jake schubste mich aufs Bett und sagte: ,Entspann dich, mach dich auf was Nettes gefaßt, Kleiner. Das Spiel geht so: Wir fassen uns gegenseitig an. Wer zuerst explodiert, hat verloren. Komm her, leg dich lang!’

Er hob meine Beine an, so daß ich mit angewinkelten Knien dalag, und nahm dieselbe Stel­lung ein, dicht neben mir und verkehrt her­um. Es war we­ni­ger Vorbereitung zu einem Spiel als zu gymnastischer Übung, bei der Körper sich kaum berühren und Arme einen beschränkten Radius haben. Das alles vermochte ich in mei­ner Trun­kenheit zu unterscheiden. Er strich mir über Bauch und Innenseiten der Schenkel, während ich stock­steif verharrte. In dem Moment, da er flüchtig die Hoden berührte, warf ich mich herum. ,Jake, ich... ich kann nicht. Ich mag das nicht.’

Er atmete tief durch. ,Du magst nicht? Das mag doch jeder! Was ist los mit dir?’

Ich setzte mich auf. ,Hat nichts mit dir zu tun, Jake. Vielleicht er­weck’ ich einen falschen Eindruck, so im Allgemeinen, was weiß ich. Für so was brauch’ ich ein Mädchen.’

Ich hatte befürchtet, er würde wütend werden wie am Vortag und so handgreiflich. Zum andern war mir klar, daß er unter Virgies Fuchtel stand und ich unter ihrem Schutz. Zwischen den beiden hat­te es harte Worte gegeben. Wütend war er nicht, nur enttäuscht. Das ist ein unrühmlicher Zug an mir. Ich mache Leute an, die ich mag, um zu sehen, ob es gelingt, wie weit sie gewissermaßen mein Blut lecken. Habe ich sie hochgebracht, verliere ich das Interesse und zie­he mich zurück. Ich meine, auf der Ebene von Worten und Gefühlen. Meinen Körper dafür einzusetzen wie bei Jake, soweit hatte ich mich noch nie vorgewagt. Und mögen bezog sich auf den matrosenhaft in blauen Jeansstoff gekleideten Jake. Nackt und schwit­zend wie ein Eber, ich machte mir nichts vor, stieß er mich ab. Nein, wütend wurde er nicht. Er schüttelte den Kopf, legte sich hin und zog die Decke über. Bevor er ziemlich schnell einschlief, murmelte er noch: ,So was Verrücktes.’

Ich konnte nicht einschlafen. Er schnarchte noch lauter als Billy. So wie hier hatte ich auf der Ponderosa schlaflos gelegen und schließlich den Jungen gerüttelt, damit er ruhiger wurde. Manchmal hatte es geholfen. Falls er aufwachte, fragte er: ,Ist was?’ ,Du kannst noch so und so lange schlafen’, er­klärte ich. Damals mußte ich aufpassen, mir seinen Nickname zu ver­kneifen, Quee-Queg. Es ist kein Schimpfwort, wie er glaubt. Es ist mein Kosewort für ihn, denn denen, die mein Herz erobert haben, gebührt ein Kose-Nick­name. Gleich war er wieder weg, hatte ich etwas Glück, ohne zu schnarchen. Im letzten Jahr, kurz vor meiner Abreise, suchte seine Hand nach meiner, und unsere Finger verhakten sich wie zu ei­nem nächtlichen Gebet. Ich konnte sie nicht wegziehen, er hielt mich beharrlich fest. Es war eine mondlose Nacht, aber irgendein Schimmer kommt unter dem Sternengefunkel in der Prärie stets zum Fenster rein. Sicherlich starrte er mich an. Was mich traf, war die Wucht sei­ner auf mich gerichteten Gedanken. Vielleicht hätten wir uns zusam­men­ku­scheln sollen, es waren kühle Sep­tem­ber­nächte gewesen. Aneinandergeschmiegt einzuschlafen ginge mit Billy so harmlos wie mit Di. Weil wir uns lieb haben. Ich weiß noch, wie verschämt er mich am nächsten Morgen ansah. Als hätten wir tatsächlich in seinem schma­len Bett gelegen.

In subtilen Geschichten dieser Art balanciert man auf Messers Schneide. Beides, Tun oder Nichttun, kann gravierende Folgen haben. Das Nicht­tun, glaube ich, hatte den Jungen zwei Tage später zu seiner Attacke auf mich provoziert, mit dem Ergebnis gezählter sechs Revolverschüsse. Der Unterschied zwischen Diana und Billy ist das Verhältnis zu Worten, auf die Diana nichts gibt und Billy alles. Wörter nimmt er wörtlich. Man darf ihm nichts versprechen, wenn man es nicht halten kann. Wir wer­den neu miteinander anfangen müssen, sobald wir uns wiedersehen, weil er wie Diana auf dem Überholgleis an mir vorbeizieht, jetzt viel männlicher sein wird, als ich es bin. Ist denn sein Wunsch nicht anrührend, zu den Crow zu fahren, die ihm viel bedeuten, oder sonst wohin? Neulich am Te­lefon hat er es zwei­mal vorgebracht, erst stotternd, um auszudrücken, daß zwischen uns noch alles stimmt, und wiederholend mit fester Stimme wie eine alte Beschwörungsformel. Jetzt soll es mir recht sein. Wie es mir recht sein wird, kommt er die Tanten und mich besuchen. Er will mein Umfeld kennenlernen, will sehen, wo meine Kindheit abgelaufen ist.

Ich denke, Billy und mich umschlang von Anfang an ein emotionales Band. Vielleicht tut es das seit Ewigkeiten, vielleicht gingen wir schon einmal gemeinsam durchs Leben, lange vor unseren Urgroßeltern, und später wurde er unter keltischen Vorfahren wiedergeboren, ich unter keltisch-sephar­dischen. Was wissen wir denn über Ursprünge dieser Art? Rein gar nichts. Solches Präexistieren scheint mir die einzige Erklärung, warum ich mich bei ihm so unbefangen und gleichzeitig so gut aufgehoben fühle. Es gab vor ihm Jungen, die mich in intime Situationen zu ver­stricken trachteten, denke ich nur an Fred, doch war ich zu wenig entwickelt gewesen, mich zu ir­gendwas herzugeben, nicht für das harmloseste Spiel. Dia­na erweckte mich wie im Märchen, da Prinzen wachgeküßt werden. Sie löste den Bann meiner lieben Hexen oder bösen Feen, die den Körper nur verhüllt zuließen, vielleicht ist das eine arabisch-islami­sche Erblast, mit der wir uns im zwanzigsten Jahrhundert schwertun. Aber das führt jetzt zu weit. Den unbekleideten Körper gern haben, ihn fragen, was er wünscht, sich weder allein noch zu zweit zu schämen, all das brachte Diana mir bei. Und Bill? Ich will Bill und den Einfluß dieses Jüngeren nicht über den grünen Klee der Ponderosa-Wei­den loben, doch glaube ich, ich war nie mehr Junge als in seiner Gegenwart. Er hat mich mit meinem schwächeren Körperbau nie ausgelacht und mir damit ein Beispiel gegeben, was Verantwortung im Kleinen heißt. Ja, ich werde für ihn da sein, wenn er mich braucht, was immer das wäre, sofern es vernünftig ist und keinem von uns schadet. Das ist versprochen. Aus jenem Schlaf­zim­mer in Virgies Ranch, den schnar­chenden Jake neben mir, sandte ich Bill ein Gedankentelegramm. Unter­zeichnet mit Blacky, alles in Sternenschrift. Als es durch sein Fenster funkelte, wird er sich im Bett aufgesetzt und gemurmelt haben: Bei Manitu! Dies­mal meint Blacky es wohl ernst.

Ich nahm meine Decke und legte mich in die Hawaiischaukel auf der Terrasse. Erst am hellen Vormittag wurde ich wach. Mir gegenüber saß die alte Dame im Korbstuhl, stippte Donuts in den Kaffee, schmatzte und schlürfte. Vögel, klein und bunt wie Kolibris, warteten auf der Brüstung, ungeduldig mit den fidibusförmigen Schwänzen wippend, ihren Anteil an Krümeln ab.

Ein letzter Feriensonntag, der Gemischtes brachte. Virginia hatte in der Küche neben dem bereitgestellten Frühstück, gebratene Eier mit Bacon, eine Nachricht hinterlassen: Sie habe den ganzen Tag auswärts zu tun. Was meinen Flug beträfe, hätte ich schlechte Karten. Alles sei überbucht. Sie bliebe selbstverständlich dran.

Ich spürte ein sonderbares Gelüst, die Messe zu besuchen, um lange Litaneien zu beichten. In Salamanca beunruhige ich die Padres da­mit, ausgerechnet am Sonntag beichten zu wollen, estilo Blitz. Das haben sie nicht gern, weil die Messe anstrengender ist als unter der Woche. Vom unberechenbaren Schabernack seitens der Ministranten, die so gern wie ich gutgeölte Abläufe stören, ver­schlägt es den Padres nicht selten den Appetit aufs Feiertagsmahl. Auf einer fiesta parroqui­al erzählte Arucas mir hinter vorgehaltener Hand – Mann, er war blau wie ein Roßknecht –, sein Albtraum sei, die minis würden den Meßwein lausig fest zustöpseln. Er müßte vor der Gemein­de mit dem Korkenzieher rumfuchteln, der Kork wür­de im Flaschenhals abbrechen, die Tür zur Sakristei und zu einer Ersatzflasche wäre verrammelt, kurz – das Blut des Herrn könnte nicht fließen. Fand ich ungemein mensch­lich, das spontane Eingeständnis seiner Ängste. Ich frag­te Jake, was er von einer Messe halte. Er redete sich nicht lan­ge auf seinen pro­te­stan­tischen Glauben raus, erinnerte daran, er habe den Befehl über mich, und Virgie den Oberbefehl. Sie hatte angeordnet, wir sollten schwimmen gehen. Dies, da­mit wir Dampf abließen.

,Ah’, witzelte ich sarkastisch, ,ich bin festgenommen!’

,Hängt von dir ab’, dribbelte er zurück. ,Wie du dich be­nimmst.’

Sie hatten da einen See, den ich nach dem längeren Fußmarsch durch den zur Steppe ausgetrockneten Landstrich so idyllisch nicht erwartet hätte, mit einem Bambuswald, Wasserlilien in voller Blüte und fetten Exemplaren grasgrüner Frösche, die uns gutgläubig an­glubschten und keine Anstalten machten zu tauchen. Zunächst waren wir allein, badeten und wirbelten das brackige Wasser auf.

Ich hasse Gewässer, in denen ich den Grund nicht sehen kann. Mir fiel Leo ein, unsere Badesonntage am unteren Tormes oder an toten Seitenar­men des Duero, wo er mich in Angst versetzte, indem er weg­tauchte und mich glauben machte, er sei ertrunken, während er wie eine Amphibie am Grund entlangkrabbelte, irgendwo ans Ufer stieg und sich von fern unbemerkt an meinem Entsetzen weidete. Leo konnte unglaublich lange den Atem anhalten. Im Ersinnen mor­bider Späße, mit denen er meine Empfindsamkeit quälte, war er mei­sterhaft.

Auch Jake ging das Brackwasser gegen den Strich. Weil es faulig roch. Also sonnten wir uns. Das Äffchen in mir konsultierte Leo, ob Handgreifliches mit Jake gefährlich werden könne. Leo meinte, nein. Wäre ich eine Krötenwespe, könnte ich Jake besinnungslos stechen, aber verglichen mit einem Insekt hätte ich zu wenig Gift in mir. Ich probierte es mit Son­nenöl, das ich in seine Nasenlöcher spritzte. Es brachte den stämmigen Texaner sofort hoch. Herrgott, wieso tue ich so was, wieso benehme ich mich aus reiner Freude an einem sorgenfreien Morgen wie ein Schuljunge am ersten Ferientag?

Folgerichtig rauf­ten wir fünf Minuten, was mir guttat und Virgies Verordnung des Dampfablassens Odem einblies. Jake staun­te, wie zäh ich mit meinem Fliegengewicht widerstand. Ich lüftete eines meiner In­kognitos: Inhaber des fünften kyu. Imponierte ihm nicht. Mit Ju­do hatte er nichts am Hut.

,Zu aka­demisch. Taugt nicht für die Praxis. Da geht jemand mit ei­nem Messer auf dich los. Oder gleich mit einer Knarre.’

,Leute sind selbst mit einem Messer in der Hand zu pac­ken. Weil sie sich unangreifbar wähnen’.

,Glaubst du’, sag­te er und brachte ein Schnappmesser zum Vorschein, das häßlich rasselnd aufsprang.

Herrliche Morgen wie je­ner, da keine Gefahren lauern, bringen mich in Hochstimmung. Funkelnde, auf mich gerichtete Messer gehörten einst zu meiner Jiu-Ausbildung. Ich landete einen seitlich geführten Tritt in Jakes Kniekehle. Dabei knickt jeder ein, und die Sekunde der Überraschung langt für den Standardhebel, der jeden zu Boden bringt. ,Laß ihn durch den Uferschlamm robben’, schlug Leo vor. Endlose Demütigungen, die irgendwann mit einem Tritt in den Hintern gekrönt wurden, waren typisch für Leo. Ich hingegen muß mich bremsen, einem Stärkeren nicht eines Tages zu demonstrieren, sein Arm bräche so leicht wie meiner. Ich bin kein Pitbull, dem Schaum aus der Schnauze läuft, während er sich immer fester in seinen Gegner verbeißt, denn mit im­mer fester überschreitet man die feine Grenze, an der sich scheidet, wer von Vernunft, wer von Torheit regiert wird. Zwischen Armbrechhebeln und Messerstichen in den Körper fehlen dann die Stoppschilder. Jake lachte unterdrückt. Es klang gekünstelt. Vermutlich konnte er nicht zweifelsfrei entschei­den, ob er mich in seine Gegnerliste aufnehmen soll­te oder nicht. Wahrscheinlich bat ich ihn, das Messer fallenzulassen, und er wird es getan haben. ,Unter­schätz ge­übte Judoka nicht’, warnte ich. ,Die verstehen ihre Kunst. Weil sie es mehr im Kopf ausführen als mit dem Körper.’

Wir hatten Zuschauer bekommen. Zwei Mädchen. Eines kam mir bekannt vor. Ich glaube, es hatte uns am Vorabend beim Billard Gesellschaft geleistet, ich sag' wohl besser, sich angeboten.

Jake erhob sich und sagte mit süßsaurer Stimme, weil er auf den Knien vor einem Schwächeren nicht ins Bild des zukünftigen Sheriffs paßte: ,Habt ihr ja mitgekriegt, was der spanische Racker drauf hat. Zwingt die Leute spielend runter. Seht euch vor, wenn ihr mit ihm ins Bett wollt. Der fragt nicht lange. Rein mit der Latte!’

Ich wurde rot.

,Nein wirklich, Mani’, fuhr er lautstark fort, ,deine Latte brauchst du nicht zu verstecken. Lang und prall. Erstaunlich für eine halbe Portion wie dich.’

Es tat mir weh. Das war der grobe Jake. Das war Polter-Jake, der Klotz, gegen den ich mit oder ohne Judo nie ankommen werde, nicht zuletzt, weil meine kultivierte Erziehung mich hindert, einem groben Klotz den sprachlich entsprechenden Keil aufzusetzen. Vielleicht werde ich das erreichen, wenn ich älter bin. Oder sehr alt wie ein Brot, das zu schimmeln beginnt.

Die beiden Mädchen waren herzig, sie kicherten in einem fort. Für sie war der Aufzug am See die Fortsetzung des Abends in Somersets einziger Bar, dem Crazy Horse. Klar, daß sie Jake kannten und wußten, wie seine Bemerkungen zu bewerten waren, Bemerkungen eines Draufgängers. Ihn würden sie nicht für schwul halten, ganz gleich wie er sich gab. Was war mit mir, mit meinem zwar männlichen Aussehen, doch so schmalen Körper? Ich tatschte nicht an ihrem Bikini-Aus­schnitt herum oder strich an­züglich die Bein­um­schläge ihrer Mini-Shorts grade. Oder Micro-Shorts, aus denen die Po­backen rausschauten, sagen wir, rausquollen. Meine Pfoten, um im Jakie-Jargon zu bleiben, hielten Ab­stand.

,Was ist? Wollt ihr mal einen Latino-Zap­fen sehen?’ Das Gekicher spornte Jake weiter an. Er riß mir die Boxershorts runter und fetzte sie mit dem Messer mitten durch.

Vor den Mäd­chen war mir das peinlich. Dios mío, ich hätte in den Boden versinken mögen! Wo­mit Jake nicht gerechnet hatte: Jäh wandten sich die Girls ab. Da­mit bestätigten sie meine Wahrnehmung. Ein vollkommen entblößtes Geschlecht im harten Son­nenlicht ist ba­nal und unerotisch. Eindringlicher läßt sich das Animalische an uns nicht herauskehren.

Jake streute großzügig Moral ins Rächerprogramm: ,Jetzt glotzt du mich so blöd an wie gestern abend! Mann, wenn du wüßtest, wie bescheuert du aussiehst. Ich will’s nicht sehen.’ Er versetzte mir einen Schlag in die Eier und trabte davon.

,Jake’, brüllte ich, ,das wird dir leid tun.’ Es klang schwachsinnig, meine Stimme über­schlug sich gicksend.

,Ach ja?’ rief er vom Seeufer. ,Verpetzt du mich bei Virginia? Kannst du ruhig.’ Er lachte. ,Ich hab’ dich Jungfrau ja ungeschoren gelassen, die liebe lange Nacht lang. Mit so einer Kleinigkeit machst du dich bloß lächerlich.’

Die drei gingen ins Wasser. Die Mädchen quietschten und kicherten vor Vergnügen. An dem Punkt hatte ich es wieder verbockt. Zum Kichern war mir auch zumute. Nach außen hin spielte ich den Beleidigten, schlüpfte in meine Jeans und trat den Rückweg an. Wieso blieb ich nicht bei ihnen? Vor Di würde ich mich nackt nie schämen. So wenig wie vor Billy, um den einen Jungen zu zi­tieren, vor dem ich nichts Körperliches zu verbergen brauche. Weil Di und er mit Pferden vertraut sind und deren wunderbarer Nacktheit. Jake in seiner Hilfspolizistenrolle ist mir suspekt. Er hat sich mein Vertrauen nicht erworben. Ihm ist es schnuppe, was ich fühle, was in mir abläuft, da ich mich schwer tue, ein Mädchen von mir zu überzeugen und zu gewin­nen. Der Bur­sche benimmt sich wie ein Nimmersatt. Egal, wie viele Mädchen da sind, sie sind alle für ihn. Er brauchte mindestens sechs Hände, alles auszuführen, was sein Panther­schädel an Faxen ausbrütet.

Lange ist es noch nicht her. Ich sehe Jake deutlich vor mir, diesen durch und durch amerikanischen Jungen, der in Kürze, gekleidet in knallblaue Levi’s und blen­dend weißes T-Shirt, zur Ar­my einrücken wird. Meine Empfindungen ihm gegenüber sind zwiespältig ge­blie­ben. In Levi’s und T-Shirt zog sein Körper mich an. Sein Gewand des alles Schwächliche verachtenden Grobians stieß mich ab. Ich wahrte Abstand zu seiner rauhen texanischen Seele, die ihrerseits auf Distanz blieb. Hatte Jake befürchtet, ich käme ihm ins Gehege seiner Männ­lich­keit? Die war, das wurde mir klar, keineswegs so gefestigt, wie er es vorspielte.

Ein Wagen raste in einer Staubwolke heran. Das kenne ich vom unbefestigten Straßenstück zwischen der Ponderosa und Bakersville, Wagen wie Raketen, bei Nordwestwind nicht zu hören. Man sieht die Staubwolke, eine heranwirbelnde Windhose. Da hilft nichts als ein rechtzeitiger Sprung ins Feld. Dieser Wagen bremste scharf, kam auf den Kieseln ins Schleudern und stellte sich quer.

,Jesus!’ Virginia beugte sich aus dem Fenster. ,Leg dich gleich mitten auf die Straße, wenn du partout überfahren werden willst.’ Auf mein Schweigen, nach einem Blick in meine vermutlich feuchten Augen erkundigte sie sich versöhnlich, ob mit mir alles in Ordnung sei. ,Probleme mit Jake?’

,Nein’, druckste ich. ,Probleme mit mir selbst.’

Sie legte ein feines, nachdenkliches Lächeln auf. ,Geht mich nichts an, was zwischen euch läuft’, sagte sie. ,Falls was passiert ist wie in Mexiko, sollten wir drüber reden.’

,Es ist nichts passiert.’ Mit dem Stichwort Mexiko ging mir auf, ich hatte ihm mit Betty auch ein Mädchen ausgespannt, für mich eine ordentliche Leistung, und über all unseren unnützen Rivalitäten hatte ich Jake vom Scheitel bis zur Sohle nun gründlich satt. Er benötigt eine andere Kragenweite als meine intellektuelle. Das sehe ich nicht überheblich. Der größte Teil der Army-Rekruten hat Jakes Kra­genwei­te. Der dürrhal­sige Spinner bin ich. ,Reden bewirkt bei Jake nichts. Ölwanne könn­te nützen. Wiederholungstäterölwanne’.

Bei dem Wortungetüm zog Virginia die Brauen zusammen. ,War­um?’ fragte sie streng.

,Damit ihm Muße verordnet wird, nachzudenken. Ein Schub an Erkenntnis, was er ist und wie er ist.’

Wir waren wieder am See angelangt. Sie heftete die Kleopatraaugen auf Jake und seine Gespielinnen. ,Ob das was nützt...’, überlegte sie, das that wie einen Schwebebalken in den Satz einbauend. ,Es ist nicht jedem gegeben, ein Verzeichnis seiner selbst anzufertigen, wie lange er je über sich nachdenken würde. Weißt du denn, was Ölwanne bedeutet?’

,Ich denke, ich will es nicht wissen.’

Sie nickte. Virgie ist keine Frau, die einem Erklärungen aufdrängt. Bestimmt nicht Menschen wie mir. Weil sie weiß, meine Phantasie vermag sich alles auszumalen.In Kodak Color.

Die Laszivität des Spätsommertages beendete sie, indem sie Jake zu She­riff Tucker beorderte.

,Was will Pa schon wieder?’ murr­te Jake. Ich hab’ Fe­rien. Fährt eine von euch Schönen zufällig in den Ort?’

Die beiden Schönen hatten genug gebadet und ließen es sich gefallen, daß Jake, je einen Arm um sie legend, zu ihren Fahrrädern schwartelte. Schwankend fuhr er davon, mit einem Mädchen auf der Lenkstange, ein zu Herzen gehendes Teenie-Bild, wie ich es bei uns noch nie sah. Virginia rief ihm nach, er müsse im Büro auf uns warten. Auf uns! Also waren Snakie und ich zur Einheit geworden.

High Noon. Libellen flogen herum. Die Frösche schliefen, Luftblasen stiegen im Takt ihrer Schnarcher auf. Virginia durchbrach die Stille mit gleichmäßigem, vom Kraulen erzeugten Pitsch-patsch. Wie ein Turboboot schnurrte sie durch den See, wendete und schwamm zurück. Ich dachte, sie hätte einen Bikini angezogen. Sie hatte null an. Verblüfft fiel mein Blick ins Zentrum ihres gedrungenen, festen Körpers. Ich hätte ihr mit­teilen mögen, so ein schwärzliches Dreieck wäre mir anstelle des­sen, wo­mit die Natur mich ausgerüstet hat, lieber gewesen, ein glatter sanfter Hügel statt diesem Jungenkram, der ständig aufmuckt und Ärger macht.

Sie sagte: ,Richte deine hungrigen Augen gefälligst woanders hin’, legte sich lang und brei­tete ein Handtuch über den Unterkörper. ,Los, zieh dich aus! Jetzt haben wir eine halbe Stunde für uns.’

Das Problem meiner zerschnittenen, unbrauchbaren Badeshorts löste sie, indem sie mich ihr Höschen anziehen hieß. Ich nehme stark an, sie hat­te die Reaktion vorausberechnet, und daß sie zutraf, verschaffte mir ein weiteres Kreuzchen in meiner Personalakte. Die Aufschrift Frau für Virginia putzte ich in dieser Stunde weg. Für mich wurde sie zum Mädchen, das ebenso Spaß haben will wie ich. Aller­dings ist sie hundertmal geschickter und erfahrener, welchen zu kriegen. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Nicht daß ich zu jung wäre. In dieser Disziplin übertreffen mich Jüngere wie Billy locker.

Beim Essen im holzgetäfelten Salon des Ranchhauses – wir wurden wieder von der alten me­xikanischen Haushälterin bedient, einer lispelnden Mammy mit dem zerfurchten Gesicht einer aztekischen Mumie von Yu­catán – setzte Virgie mir auseinander, mein Flug gehe am nächsten Morgen von Laredo und sie würde mich, wie vorgesehen, nach New York begleiten. ,Ich muß dienstlich fliegen’, sagte sie, ,muß deswegen am Abend in Laredo sein. Wohl könn­te ich dir ein Hotelzimmer mie­ten. Aber es wäre mir lieber, du würdest hier übernachten. Jake wird dich zeitig abholen und fahren.’

,Er hat keinen Führerschein’, wandte ich ein, ,und dann geht wie­der was schief.’ Ein Hotelzimmer würde eine letzte Chance mit ihr bedeuten.

Sie be­dachte diesen Punkt vermutlich in derselben Richtung wie ich, blieb mit dem Agentenräderwerk bei Jake hängen und ent­schied, Sheriff Tucker müsse seinem Sohn eine Ausnahmegeneh­mi­gung aus­stellen. Fahren könne der Jun­ge wie ein alter Hase, seine lange Praxis legitimiere ihn. ,Und’, schloß sie, ,denk daran, er hat das Sagen. Ich will keine Scherereien wegen deines abgelaufenen Vi­sums.’

,Ist klar’, brummte ich. ,Da kann ich die Nacht gleich im Jail verbringen.’

,Na, na!’ Virginia zerteilte den Pfirsich mit heftigen Schnitten, Sahne spritzte auf die Bluse. ,Jake ist okay. Mit ihm kannst du Pferde stehlen, oh­ne daß man euch erwischen würde. Ja, er ist ein verwöhntes Einzelkind! Grade darum würde er dich in kri­ti­schen Situationen wie ein rohes Ei behandeln. Weil du auch ein ver­wöhntes Einzelkind bist.’ Heilige Jungfrau, wie recht sie hatte!

Nach dem Mokka setzten wir uns eine Weile unter dem schattigen Vordach in die breite Hollywood-Schaukel.

,Kennst du Eivissa?’ fragte sie.

,Eivissa?’ Ich staunte über die katalanische Benennung aus Texanerinnenmund. ,Dem Namen nach. War in früheren Jahrhunderten eine Sträflingsinsel. So wie Australien.’

,Sonst weißt du nichts darüber?’

Ich zuckte die Achseln. ,Mildes Klima, glaube ich. Zum Badeurlaub fährt man nach Mallorca. Da ist was los. Und Pal­ma hat eine dieser vom einheimischen Klüngel beherrschten Universitäten Kataloniens. Es heißt, sie sprächen dort stur katalanisch. Obwohl es verboten ist.’

,Verboten? Wer will eine Sprache verbieten? Wir sind hier froh, wenn jemand irgendeine so spricht, daß man ihn verstehen kann.’

,Franco läßt nur castellano zu. Er verordnet uns ein einziges Spa­nien mit einer einzigen Sprache. Ein Land, das zusammenhält. Das den Bürgerkrieg vergißt und alle Scherbenhaufen davor.’

,Ich kenne Leute in Eivissa’, sagte sie. ,Die sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Der Bürgerkrieg ist ihnen einerlei. Ich werde über Weihnachten hinfliegen. Magst du rüberkommen?’

Ich holte tief Luft. ,Virginia, ich muß das wenige, was mir zur Verfügung steht, für meine sprachlichen Exkurse zurückbehalten. Geld, meine ich. Katalanisch hätte da, verboten oder nicht, keine Wichtigkeit.’

,Du sollst in Eivissa was anderes kennenlernen als Katalanisch’, sagte sie, während sie die Schaukel in Schwung brachte. ,Mein Freund lebt auf einer Ranch wie unserer. Kleiner, aber schöner.’

,Eine Finca’, sagte ich vor mich hin.

,Eine – wie?’

,Finca. Fincas heißen unsere alten Bauernhäuser. Nicht nur auf den Balearen.’

,Fin-ca’, wiederholte sie, als zerginge nochmals Pfirsichsahne auf der Zunge. ,Ja, so hat es MacCloskie bezeichnet. MacCloskie ist Ma­ler, ein recht guter übrigens. Smarter Bengel, du bist du eingeladen. Bring dein gutes Benehmen mit, deine hungrigen Augen und möglichst...’

Sie unterdrückte die wesentliche Ergänzung ihres Satzes, also soufflierte ich geduldig: ,Möglichst was?’

,Na, was Schrilles zum Anziehen.’

,Ich weiß nicht, ob ich was Schrilles hab’. Was wäre schrill?’

,Unschrill wären Knickerbocker, Holzfällerblousons, diese Dinger, die wie Nachthemden aussehen, Nick-Knatter­ton-Mützen.’

,Wie wäre es mit einer Djellabah?’ Mir fiel ein, die könnte ich mir von Karim ausleihen.

,Jesus, was ist das?’ Vielleicht dachte sie an einen erweiterten Büstenhalter für Männer oder ein ballettmäßiges Trikot mit Suspensorium.

,Ein Kapuzenmantel. Ideal im Winter. Die Nächte am Mittelmeer können unwirtlich kalt werden. Und zugig.’

Sie fuhr mir durch die Haare. ,The hooded boy. Klingt gut, wie du dir Zugluft ersparen willst. Ich kümmere mich um alles. Schreib deine Adresse auf, damit ich dir ein Ticket schicken kann. Aus Sala­manca darfst du mir schreiben, wie es mit deinen hexen­haften Tanten weitergeht, von denen du anschaulich erzählt hast. Vergiß nicht, daß sie dich lieben. Schreib mir vom Alltag, was die Schule macht, welche Pläne du wälzt, welche Freundinnen du aufreißt oder welche Freunde. Was dir sonst so Spaß bereitet. Antwort ist garantiert.’

So dicht neben ihr in der Schaukel wurde ich rot vor Freude. Ich den­ke, das Angebot ließ mich vergessen, was ich mir für diesen Abend noch mit ihr erhofft hatte. Sie fuhr bald los und lud mich im Sheriffbüro ab, wo Jake hinter dem Schreibtisch thronte. Virgie gab Instruktionen für den nächsten Tag, schrieb einige Zeilen an sei­nen Vater und ermahnte uns Halbwüchsige eindringlich, unsere Spiele in Grenzen zu halten. Fort war sie.

Eine Herabwürdigung, nachträglich besehen. Halbwüchsige. Ich bin so gut wie ausgewachsen, finde mich in meiner Zartheit, mit aller Vorsicht gesprochen, vollwertig. Virginia paßt körperlich zu mir. Wie Di ist sie einige Zentimeter kleiner als ich und liegt gut in meinen Armen, kommt es mal dazu. Was Spiele betrifft, hoffe ich, sie werden mich mit all den tausendfältigen Verlockungen begleiten, bis ich ins Grab sinke. Eine Prise Gefahr soll dabei willkommen sein.

Ira von Brackelstein besaß unter ihren Büchern zwei Serien, aus denen ich mir etliche Bände ausgeliehen hatte. Ohne diese leichte Kost hätte ich die harten Brocken, die mir Diana zu schlucken auftrug, nicht verdauen können. Halbwegs gnädig beurteilte Di einen englischen Meisterdetektiv – der Name ist mir entfallen – und dessen Ge­hilfen Watson. Die andere Serie, für Jugendliche geschrieben, verriß sie als Mist, den man aufschlägt und nach zwei Seiten wie­der zu. Auch darin kam ein Watson vor, ein Hilfssheriff. Di ist da ein bißchen hart, kommt mir vor. Sie orientiert sich zu sehr an deutschen Klassikern und der für mich unlesbaren deutschen Nachkriegsliteratur, in der Trümmer rumliegen, lauter zer­lumpte Gestalten rumlaufen und von Krankheit, Kummer und Tod künden. Ihre Geistesblitze sind bleiern wie schlechtes Wetter, korrekt in mattem Schwarz mit den in Germanien erfundenen Bleilettern gedruckt. Der Wildwest-Watson und sein Sohn Jimmy entzückten mich damals mit jedem Kapitel mehr. Mich amüsierte, wie die Schurken ihnen wieder und wieder entschlüpften. Bis der Vorgesetzte auftauchte, Sheriff Tucker, der mit Hilfe ei­niger Halbwüchsiger, den edelmütigen Protagonisten der Serie, die Bösen dingfest machte. Dieselbe Idee, Halbwüchsige Dinge klären zu lassen, die der Kontrolle der Großen entgleiten, hatte Walt. Donalds Neffen Huey, Dewey und Louie sind ihrem Onkel verstandesmäßig weit überlegen. An Disneys Geschichten, die mir als Comics gefallen, stören mich die Spezies Ente und deren übergroße gelbe Schnäbel, die wie umgedrehte Base­ballkappen aussehen. Der englische wie der amerikanische Watson seien Dämlacks, sagte Diana. Die Schreibweise kriege ich hin, weil Di einem meiner Notizbücher das Motto auf die erste Seite pflanzte: Hüte dich vor Dämlacks. Hab’ nie Erläuterungen dazu gehört. Offenbar will sie mich vor Menschen warnen, deren mangelnde Eignung nahelegt, sie vom intellektuellen Leben auszusperren. Auf Re­gierungsrats-, also Kurdirektorsniveau, mag das gültige Maxime sein. Da kann ich mithalten, ich wurde auf dem Niveau gebildeter, gläubiger Damen und dem der Fraternität im Lichte des Herrn erzogen, von Leuten, deren intellektuelle Kompetenz außer Frage steht. Im speziellen Segment kognitiver Fähigkeiten, die sich der Durchdringung des Ewigen verschreiben, gleicht meine Kompetenz der eines Däm­lacks, und je wei­ter ich mich von meiner durch kritiklosen Glauben geprägten Kindheit entferne, desto mehr irritiert mich Dianas Wahlspruch, müßte ich mich doch vor allen Watsons dieser Welt und zugleich vor mir selber hüten. Dabei bin ich ein Spieler, der im menschlichen Umfeld gern hoch pokert.

Zurück ins Sheriffbüro. Das Namensschild auf dem Schreibtisch hatte die vorstehenden Erinnerungen ausgeklinkt. Sheriff Cyril B. Tucker.

,Dein Vater’, vermutete ich. ,Bist du Hilfssheriff?’ Im harten Licht der Schirmlam­pe wirkte der unrasierte Jake erwachsener als in den vergangenen Tagen, ein Junge, der wußte, wo sein Platz sein wird oder schon ist.

,Tja’, sagte er, ,nicht richtig. Geht erst ab achtzehn. Hier in der Pampa läuft vieles locker ab. Manchmal vertrete ich Pa. Die Leu­te akzeptieren es. Ist ‘ne müde Gegend. Wir sind Meilen von der Grenze weg. Keine Probleme mit Immis.’

Der Raum enthielt zwei Tische, Regale mit Akten, ein Stehpult, eine lange Sitzbank. Zwei Arrestzellen, eine kleine und eine geräumigere, waren vom Büro durch vom Boden bis zur Decke laufende Git­ter abgeteilt. Auf den hölzernen Pritschen lagen ausgefranste Decken. Ich möchte lieber nicht wissen, wie es bei unserer Guardia Civil aussieht. Federico behauptet, die Zel­len hätten sie aus guten Gründen im Keller. Hier gab es keine Keller. Noch gab es das, von dem ich gehofft hatte, es würde auf dem Tisch liegen. Oder an die Wand gehakt sein.

Jake folgte meinen Blicken. ,Hast du mal im Jail gesessen? Ich meine, weißt du, wie das abläuft?’

,Nein. Kein Bedarf.’

,Stell dich ans Gitter, Rücken zu mir, Beine auseinander. Hände nach oben!’

Achselzuckend folgte ich, hielt mich an den Eisenstangen fest. Jake filzte mich von Kopf bis Fuß, fuhr in meine Hosentaschen, klopfte meine Hüften ab und fuhr zwischen die Beine, so daß ich unwillkürlich aufquiekte.

,Ich muß Sie wegen Waffen durchsuchen, Sir’, sagte er amtlich. ,Messer und so.’ Er zog meinen Gürtel aus der Hose. ,Damit Sie sich nicht vor Kummer über die Schande aufhängen, Sir.’ Auch Zigaretten und Streichhölzer wurden mir abgenommen. Er schubste mich in die kleine Arrestzelle und warf die Gittertür ins Schloß. ,So läuft das’, sagte er. ,Verdächtige können wir einen Tag lang einbuchten. Dafür müssen wir uns nicht weiter rechtfertigen. Begründeter Verdacht genügt. Für länger muß der Richter zustimmen. Ha­ben Sie die Sachen für Ihre Flucht gepackt, Sir?’

,Ja’, maulte ich. ,Laß den Quatsch mit dem Sir.’ Flucht. Das eine Wort fuhr mir ins Herz. Allzu gern wäre ich geblieben, hätte am liebsten meinen Aufenthalt in Flucht umbenannt, um in den Staaten weiterzuleben. ,Schließ gefälligst die Tür wieder auf.’

,Pech für Sie, Sir. Wie ich sagte, Sie sind festgenommen. Morgen früh führe ich Sie dem Richter vor. Falls der Sheriff nichts anderes anordnet. Der kommt irgendwann am Abend und erläutert Ihnen Ihre Rechte. Seien Sie höf­lich und schreien Sie ihn nicht gleich an. Häft­lingen haut er ungeheuer gern in die Fresse. Mr. Yáñez, Sie dürfen sich schlafen legen.’ Die Außentür zum Büro wurde zugeknallt. Jake schloß hörbar ab.

Ich faßte es nicht. Ich stand im Gefängnis von Somerset! Ich Dämlack falle auf solche Mätzchen rein. Ich hebe die Hände, trete an markierte Stellen, lasse mich vertrauensselig hin und her schieben, spiele meinen eigenen Henker. Was ist los mit mir? Muß ich mehr Kaffee trinken, um wacher zu werden? Würde Di so was je passieren? Unausdenkbar. Oder Billy? Nein, der ist jeder Gefahr drei Schritte voraus. Ungläubig rüttelte ich an der Gittertür, bis mir klar wurde, daß es nichts brachte. Ich war tatsächlich eingeschlossen. Benommen sank ich auf die harte Holzpritsche. Dabei stieß mein Schädel an die massiven Eisenstangen. Das Verrückteste: Nach all den überspannten Tagen muß ich so müde gewesen sein – Schlaf übermannte mich auf der Stelle. Mindestens für die Zeit, die Jake brauchte, um meine Sachen zu holen, lag ich eingerollt im Tee­nie-Tiefschlaf. Vielleicht hatte Jake sogar vorgehabt, mich bis zum Morgen im Jail schlafen zu lassen, überdrüssig meiner Gesellschaft und Virginias Befehlston, ich weiß es nicht. Jake ist kein gradliniger Charakter. Er zieht aus dem Strudel unerwarteter Ereignisse, wie er es gerade braucht, seine Hand­lungslinien.

Nicht er, Sheriff Tucker weckte mich. ,Weswegen bist du hier?’

Ich betrachtete ihn verständnislos. Noch halb im Traum sagte ich: ,Es sind Jungenspiele.’

Was mir eine Ohrfeige eintrug. ,Wer­d’ ich dir zeigen, welche Spie­le hier angebracht sind.’

,Aber ich habe nichts getan’, stieß ich hervor. Noch eine Ohrfeige. Die brachte mich zurück in die Realität, kappte meinen farbigen Traum. Chirri und ich hatten Eier aus einem Hühnerstall gestohlen. Virgie fing uns hinter einem verfallenen Schuppen ab und fuch­telte mit dem Revolver herum. ,Steck bloß das Ding weg, Mäd­chen’, sagte Chirri. ,Über einen Eiertanz können wir reden.’ An Chirri bewunderte ich, daß er unbekannte ältere Mädchen, die an der Bruch­stelle zur Frau waren, duzte. Virgie hätte uns Hühnerdiebe nach Texanerrezept vermutlich erschossen. Was Sheriff Tucker mit seinem Auftritt ver­eitelte.

Ich straffte mich und schloß den Reißverschluß meiner Jeans. ,Lesen Sie gefälligst, was auf dem Schreibtisch liegt’, schnauzte ich den Sheriff in jener Festigkeit an, die mich von Kind auf in kitzeligen Momenten als rocher de bronze ausweist und Sohn mit gutem Leumund. Ich weiß, wie ich Leute damit einschüchtern kann. Sheriff Tu­cker war der­maßen verblüfft – er ließ die Tür zur Zel­le offen.

,Ach, die gute Virginia! Wenn die ihre Finger drin hat... Tut mir leid, Junge!’

,Ja’, sagte ich, ,in den letzten Tagen habe ich einiges ein­stecken müssen. Im Grunde seid ihr freundliche Leute hier in Texas. Alles tut euch immer gleich leid. Jake hat mich hier rumgeführt. Er wollte mein Gepäck holen. Vermutlich sitzt er jetzt im Crazy Horse.’

Tuc­ker kicherte. Klar, er kannte seinen Sohn besser als ich. ,Jun­genspiele’, sagte er. ,Dem werden wir’s zeigen!’

Ich entriegelte eins der schmutzigen Bürofenster. Tucker tanzte über die Straße, schmiß die Arme schräg hin und her, zog sie an die Brust, als sänge er eine ans Herz gehende Arie. Die Di­stanz zum Crazy Horse war angemessen der eines staubigen Platzes in einem Edelwestern, wie es Romantik und Regie solcher Filme vorsehen, und Tucker konnte in seiner mehrere Nummern zu kleinen Lederwe­ste für den Part eines John Wayne hundertprozentig einspringen.

Instinktiv verglich ich uns, Jake und mich, wie ich es häufig in diesen Jahren der Adoleszenz tue, wenn ich vermute, jemand habe bunteres Leben erwischt als ich oder, wie ich es manch­mal zähneknirschend zugebe, eine beneidenswertere Biographie. An Jake sah ich mich fest, weil er einen kräftigen Körper hat und dabei so kompakt gebaut ist wie eine Maschine, die man ohne tote Hohlräume und mit jeder Unze Baustoff knausernd konstruiert hatte, bei optimaler Funktionstüchtigkeit. Mit einem solchen Körper ist man dem vitalen Ensemble mit dem Überbegriff United States ge­wach­sen, ins­besondere einem Land wie Texas, wo die Leute alle Au­gen­blic­ke ihre Meinungen durch Handgreiflichkeiten kundtun. Wie sein Vater hatte Jake die erforderliche Sheriffstatur und eine Statur für Stuntmen, Rausschmeißer oder als mein künftiger Ausbilder bei der Army, was weiß ich. Dios mío, was für harmlose Vorstellungen ha­be ich dar­über, was Menschen aneinander sehen, kreuzen sich ihre Wege bedeutsam. Es hätte mich gefreut, hätte Jake sich in gleicher Weise an mir festgesehen. Statt dessen tat er mich als Spinner ab.

Ich zog die Schreibtischschublade auf. Krimskrams von Leu­ten, die Sekretärinnenarbeit selbst erledigen müssen. In den Seitenfächern lagen Papierstapel, Protokollblöcke und Akten. Im Wandschrank Ordner, davor eine Remington, die Wache schob, mit der Schmalseite nach oben aufgestellt, den Zeilenhebel wie ein Gewehr geschultert. Das mannshohe Waffenregal war mit engmaschigen Drahtgittern und einem Vorhängeschloß gesichert. Ich drückte mir die Nase platt, um das unterste Bord zu inspizieren. Das was ich suchte und bedenkenlos stibitzt hätte, war darin nicht zu entdecken.

Eigenartig disharmonisch latschten die beiden Tucker auf das Sheriffbüro zu, der Alte mit gemütlich vorgeschobenem Bauch, den das knappsitzende Hemd flüchtig zurückdrängte, Jake forsch wie in sporenbewehrten Cowboystiefeln, obschon er sandfarbene Mokassins mit einer Sohle trug, dünn wie eine Scheibe Trevélez-Schin­ken. ,Hast du den da eingeschlossen?’ bellte der Alte, kaum hatte er die Tür halb auf­gestoßen.

,Pa’, sagte Jake gleichmütig, ,es ging um eine Wette. War’s nicht so, Mani? Da ist nichts, was wir beide nicht voll und ganz auf der Reihe hätten, oder, Mani? Waren zwei starke Tage, Pa. Mani und ich, wir sind Freunde geworden.’

Unvergeßlich, wie der Alte mit einer, es klang vorbereitet, grollenden Stimme fragte: ,Hast du mal dort gelegen, wo er grade lag?’

Jake: ,Äh – nein, Pa. Bitte ver­steh nicht falsch, was hier läuft.’

Der Alte grinste breit. Gol­de­ne Eckzähne wurden sichtbar. ,Dich falsch verstehen? Ach wo! Machst du famos richtig, Festnehmen üben, wenn ein Freund dafür zur Verfügung steht.’

Jake: ,Pa!’

Tucker: ,Alles okay, Sohn! Du kennst meine Großzügigkeit. Die Schlüssel laß’ ich dir.’

Ein Edelwestern. Unbewußt fuhr ich herum, ob ich dem Kamerateam im Weg stand. Der Alte schob seinen Sohn ins Jail, und der ließ sich es sich gefallen. Wieder fiel die Gittertür scheppernd ins Schloß. Tucker senior schmiß seine Arme theatralisch herum wie zuvor auf der Straße und deklamierte: ,So höre denn, o teurer Sohn – die Stangen stehen eng für deine Patschen, Geschicklichkeit ist deine Stärke nicht, doch woll’n wir später gerne klatschen und Lob dir fächeln ins Gesicht, Lob, sage ich, nicht etwa Hohn.’

,Pa! Laß die Faxen.’

,Pä –’, äffte der Alte ihn nach, schwang herum und zeigte die ganze funkelnde Pracht seines gut eingepaßten Zahngolds. ,Nett, daß mein Sohn nach endlos wechselnden Freundinnen mal einen Freund hat, den er als solchen bezeichnet und nicht als Mistkerl, der ihm in die Quere kommt. Ich lade Sie auf ein Bier ein, junger Mann. Ein Abend, den man im Kalender rot ankreuzen muß! Fällt dir ein Reim auf Faxen ein? Wenn nicht, so laß das Reimen sein.’

,Muß ich sein lassen, Sir. Unter den Lebenden sind Sie Spitze.’

,O Tod, wo ist dein Stachel, o Hölle, wo... dein, äh – genau!, deine Spitze. Aah! Mein Sohn bringt mich schnell aus dem Takt. Hat nicht die mindeste poetische Veranlagung, der Bursche.’

Na ja, ich denke, ich warf Jake einen verschmitzten Blick zu und hielt den Gewinnerdaumen hoch. Das erste, was ich im Crazy Horse nach einer Verlegenheitspause und sobald zwei Riesenhumpen Bier vor uns standen, zu Sheriff Tucker sagte, war: ,Sie haben ihm den Gürtel gelassen.’

,Was? Ach so!’ Tucker kicherte und schüttelte den Kopf. ,Wir machen ja Spaß. Und Jake würde sich nichts antun. Er lebt viel zu gern. Außerdem trägt er keine Gürtel. Oder selten. Jake hat ‘ne Mädchentaille und einen Mädchen­arsch. Wie soll’n da Hosen rutschen? No, nicht mal auf dem Marsch!’

Das war es, was meinen Beobachtungen die bestätigende Krone aufsetzte. Jake war nicht sein Sohn! Dieses dauernde Son anstelle von Jake, verschiedene Staturen, andere Augen- und Haarfarbe. Lieber Himmel, nicht an solchen Geheimnissen rühren! Es trö­stete mich, daß wir, die vaterlosen Yáñez-Brüder, unser Problem mit Tau­senden anderer Söhne teilen. Für Mädchen ist das nicht so gravierend. Sie halten sich eher an die Mütter, und die verschwinden nicht so schnell. In Kriegen bleiben sie im allgemeinen heil.

Mir war es nicht recht, daß Jake im Jail saß. Nach einer halben Stunde Geplauder und beim zweiten Bier fragte ich, ob ich Jake nicht herholen dürfe. Anscheinend bewältige er seinen Teil des Spiel­chens nicht.

,Wie könnte er denn?’ griente Tucker. ,Ich werd’ ihm doch nicht den passenden Schlüssel hinlegen. Wir lassen dich ein Weilchen brummen, o Sohn, bis dir die Ohren summen.’

So lief das. Später spielte ich Jakes Wärter und enthob ihn der Haft. ,Teufel’, sagte er, ,mein Vater! So sind Vä­­ter. Immer was Lehrreiches im Hinterkopf.’

,Ja, Jake’, stimmte ich zu. ,Ich wär’ froh, wenn ich so einen hätte. Mit was auch für mich im Hinterkopf.’

,Bist ’n netter Kerl, Mani. Schade, daß du morgen abhaust.’

,Muß ich, Jake.’

,Was dagegen, Mani, wenn ich mit ‘ner Freundin bei dir aufkreuze, so in Spanien? Soll ‘n tolles Land sein.’

,Klar. Abgemacht.’ Die Arme um die Schultern gelegt, liefen wir zum Crazy Horse. Unsere Bewegungen harmonierten nicht, das sagte ich schon. Damals mit Fred, dem Pfadfinder – unsere aneinandergeschmiegten Körper waren im strömenden Regen wie einer dahingelaufen. Schade, Fred werde ich kaum je wiedersehen.

Sheriff Tuc­ker wurde auf Streife gerufen. Jake trank Juice. Ich blieb bei Bier, was mich bis zu jenem Zustand antörnte, in dem man nur noch Albernheiten ausspuckt.

Ich schlief im Hause Tucker. Allein in Jakes Bett. Keine Anfechtungen mehr auf was Sexuelles, ich bin wohl ehrlich, wenn ich feststelle, nicht einmal der Gedanke daran. Bevor Jake in einem anderen Zimmer schlafen ging, hockte er im matten Schein einer Fünfzehn-Watt-Birne auf dem Nachttischchen und rauchte schweigend eine Zigarette. ,Tut mir leid, daß Pa dich schlug’, sagte er abwesend, nicht Gro­bian-Jakie, sondern samtarmiger Junge mit rauchiger Elvis-Stim­me. Ich kriege es nicht mehr ganz zusammen, doch glaube ich, das mit dem Freund hatte Jake nicht bloß so hergesagt. Jakie verwünschte weniger Tuckers Ohrfeige als das eigene schofle Be­neh­men mir gegenüber.

Im Morgengrauen wachte ich im Sog intensiver Träu­me auf. Unter mir herrschte wieder peinliche Unordnung. Deshalb fand ich keinen Schlaf mehr, jedenfalls bildete ich mir das ein. Früh­stück mit trockenem Hals wie eine Henkersmahlzeit. Ich befürchtete die Strep­tokokkenbande im Anmarsch. Gottlob war es nur eine Vorhut, die nach Schreckschußgurgeln mit dem Saft zweier ausgepreßter Zitronen wieder umdrehte. Ich hatte zu viel geraucht.

Ein­einhalb Stunden fuhren wir schweigend. Beim Kaffee in einem Motel wachte Jake halbwegs auf. Kurz vor Laredo richtete er den ersten zusammenhängenden Satz an mich: ,Ich hab’ noch ‘ne Woche Ferien. Warum fahren wir nicht weiter nach Mexiko? Etwas Koh­le hätt’ ich, du wirst auch was ha­ben. Wir probieren ein paar Pilze. Wir saufen uns an. Selbst ‘ne Prise Meskalin wä­re drin. Bei den Mexis lebt man billig. Mal von dem Typ gehört, der Willy Tell mit seiner Frau spielte?’

,Nein’, log ich.

Er klatschte auf den Schenkel und gluckste vergnügt. ,Beide sauber angedröhnt. Der Typ stellt ihr ein Whiskyglas auf den Kopf, bal­lert los... und wumm! Voll in die Rübe getroffen! Weil Meskalin im Spiel war, stellten die Mexis die Untersuchung ein. Viel­leicht, weil sie ihn als Schriftsteller für einen Zauberer hielten. Und als Gringo sowieso nicht ganz klar im Kopf.’

,Wie hieß er?’ fragte ich.

Karim hatte Andeutungen gemacht, daß Tanger-Bill ihn ausgenutzt und er den Schreib- und Übersetzkrempel hingeschmissen hatte, weil persönliche Ansinnen des Schriftstellers für ihn zu kompromittierend geworden waren. Dies Wochenende werden Karim und ich nach Montemayor fahren. Zu gegenseitigen Bekenntnissen. Um Pilze zu sammeln. In der Gredos ist in den letzten Tagen erklecklich Regen runtergegangen, warmer Regen.

,Keine Ahnung. Soll heute bei euch in Spanien leben. Mit ‘ner Bande Spießgesellen.’

,Jake’, sagte ich, ,lockt mich alles wahnsinnig, das mit den Pilzen und so, gebraten mit ‘nem Ei drüber, aber ich muß die Schule fertigbringen. Nächstes Jahr um die Zeit bin ich weiter. Und frei.’

,Pilze mit ‘nem Ei drüber –?’ Ich erhielt einen sonderbaren Blick zugeworfen. ,Nächstes Jahr um diese Zeit bin ich bei der Army, alles andere als frei. Was soll’s, dich würden die Mexis ohne Visum so­wieso nicht einreisen lassen. Du willst die Pilze wirklich mit Ei?’

,Warum nicht? Tante Elvira bereitet sie auf asturische Art zu. Ro­te rovellones.’

Er kicherte. ,Mann, bist du unbedarft! Pilze mit Ei...’ Wieder schlug er sich auf die Schenkel. Und kniff mich in meine.

Ich weiß, ich hätte fragen können, wieso sie mich das erste Mal ohne Visum reingelassen hatten, die Mexis. Die Antwort lag klar auf der Hand. Mich interessierte, wie er es definiert hätte. Dabei fiel mir siedend heiß ein: ,Jake, mein Paß liegt bei euch im Sheriffbüro! Du hattest mir gestern alles abgenommen!’

,Unsinn! Virgie hat deinen Paß.’

,Wieso sie?’

Er zuckte die Schultern. ,Vielleicht wegen dem Flug und so.’

Im Flughafen von Laredo zügiges Einchecken mit Virgi­nias Hilfe. Kurzer Abschied mit Schulterschlägen von Jake. Und ein Wieder­sehen mit dem in Mexiko aufgelesenen Häftling, den Virginia nach New York zu überführen hatte. Nun ver­stand ich, wieso wir nicht von San Antonio abflogen.

,So sieht man sich wieder, Arschloch’, sagte er. ,Komm mir nicht zu nahe.’

Er steck­te von oben bis unten in Ketten, einen Schrank von Polizeibeamten neben sich, konnte mir, den er für einen Helfer hielt, kei­nesfalls zu nahe treten. Sie verfrachteten ihn in die erste Klasse, bevor der Beamte wie­der ausstieg und Virginia sich neben mir in der Economy Class nie­der­ließ. Zwischen Einchecken und Abheben verstrich wenig Zeit gegenüber europäischen Kontinentalflügen. Für die Passagiere war es nichts anderes als eine Art Luftautobus.

,Was hat er ausgefressen?’ fragte ich.

,Drogen. Ein Dea­ler. Kleiner Fisch. Man kriegt eben nur die. Den haben wir gekriegt.’

,Und jetzt?’

Sie zuckte die Achseln. ,Zehn Jahre Knast. Verteidiger und Staatsanwalt werden fünf Jahre aushandeln, sofern er sich schuldig bekennt. Hat er Glück, ist er nach drei Jahren auf Bewährung frei. Das gleiche fängt wieder von vorn an.’

,Für einen solchen Kreislauf der Sinn­losig­keit arbeitest du?’

Sie starrte aus dem Fenster. Ich beugte mich hin­über, um zu sehen, was sie sah. Ein breiter Fluß mäanderte durch ei­ne sandgelbe Ebene. ,Irgend jemand muß diese Arbeit tun. Sie ist nicht sinnlos, Manuel.’

,Na ja’, sagte ich. ,Es ist nicht unbedingt eine klassische Frauenarbeit. Bist du eine verdeckte Agentin?’

,Kein Kommentar.’ Sie beugte sich ostentativ zum Fenster.

Das Mittagessen wurde serviert. Virginia aß buchstäblich für zwei. Von jedem Gang verlangte sie einen Nachschlag.

,Kriegt er nichts?’ fragte ich.

,Nein. Zu riskant, die Hände zu lösen.’

,Und wenn er zur Toilette will?’

,Muß er bis zur Zwischenlandung warten. Nashville, Tennessee.’

,Oder er macht sich naß.’

,Ist schon vorgekommen’, gab sie zu.

Ich erhob mich, tigerte nach vorn in die erste Klasse, wo ein paar Geschäftsleute in Papiere vertieft waren. Der Typ saß auf dem Einzelsitz neben dem Eingang zur Pilotenkanzel. Er schlief, den Mund halboffen, mit halb belustigtem Gesichtsausdruck, als ginge ihn sein Abtransport wenig an. Ich gönnte mir einen langen Blick auf seine muskulösen, hinter dem Sitz des weichen Polstersessels zusammengeschlos­senen Arme. Mein Herz schlug schneller. ,Mein Gott, Virgie –’, diese Kurzform, spanisch akzentuiert, geht ihr rein wie Öl, ,ist das geil! Ich säße gern an seiner Stelle, zu einem Schläfchen. Na­türlich ohne Gefangenenstatus.’

,Du bist ein befremdlicher Bursche, Manuel, weißt du das.’ Sie kramte im Matchsack und zog Handschellen hervor. Es waren wohl jene, die ich umgehabt hatte. Nun bekam ich sie in null Komma nichts angelegt.

,So meinte ich das nicht’, begehrte ich schwach auf und schaute mich peinlich berührt um, ob jemand zusah. Nein, die DC-9 war dürftig besetzt, wir hatten eine Viererreihe für uns allein.

,Wie immer du das meinst’, sagte sie, die Worte dehnend, ,du bist dabei, außergewöhnliche Dinge über dich herauszufinden. Da möchte ich dir gern behilflich sein.’ Sie zündete eine Zigarette an und mir eine. ,Tu mir einen Gefallen! Was du im House ausprobiert hast und hier bei uns, laß es für die nächsten Monate ruhen. Konzentriere dich auf die Schule. Folge bitte nicht dem Beispiel Jakes, der sie blöde hingeschmissen hat. Denke an deine Erlebnisse, halte sie wach, aber sehe sie als einen verbotenen Pfad an, bis wir uns wieder­sehen. Willst du mir das versprechen?’

,Ja’, sagte ich. ,Versprech’ ich. Es wird mir schwerfallen. Alles hat mich so...’ Mühsam suchte ich nach einem entsprechenden Wort im Englischen, fand keines und fiel – zugegebenermaßen recht hölzern – in meine Muttersprache: ,Todo me ha emocionado tanto.’

Sie nickte lächelnd. Ob sie mich ver­standen hatte? Ich bin si­cher, sie versteht und spricht Spanisch. ,Die Gefühle eines Siebzehnjährigen’, sagte sie, ,kann man leicht durcheinanderbringen. Wenn er dafür empfäng­lich ist. Das bist du weit mehr als irgendeiner. Faß es als Geschenk auf.’

,Und Jake?’

,Jake ist ein anderes Kaliber. Man kann euch nicht vergleichen.’

Ich schloß die Augen und dachte über Virginia nach. Eine solch bizarre Frau war mir noch nie begegnet. Nach unserem Essen in New Orleans hatte ich mir über ihren Beruf den Kopf zerbrochen. Journalistin hielt ich für vorgeschoben. Hochschullehrerin mit einem Forschungsauftrag malte ich mir aus, doch dafür schien sie ein bißchen jung. Es ist für mich schwer zu beurteilen. Wir haben und hatten niemand solch geistigen Gewichts in der Familie. Außer vielleicht Hinrich, stelle ich ihn mir in jungen Jahren vor. Und es gibt keine Frau unter den Müttern meiner Freunde, die wie Virginia über so effiziente Waffen verfügt – Intelligenz, einen hüb­schen Körper, die gehobene be­rufliche Position. Heute bin ich mir gewiß: Ich saß neben einer Agentin. Inzwischen ver­bindet uns mehr als die professionelle Rastlosigkeit, die einen solchen Berufsstand prägt. Sie hat ein verwunderliches Interesse an mir gefaßt. Sonst würde sie mich kaum auf jene Mittelmeer­in­sel einladen, die für mich so entfernt liegt wie die Staaten, durch die ich flog. In der Mittagsstunde hoch über den Wolken zogen meine Gedanken zwischen ihr und Jake und dem House, wo alles angefangen hatte, größere und blassere Kreise. Und was den verbotenen Pfad betrifft: Der führ­te geradewegs zurück in den Urwald, zu Diana. Zu ihr und allem, was danach kam.

Ein behaarter Arm, Typ Holzkeule eines Primitiven aus der Stein­zeit, riß mich hoch. ,Raus mit dir, Freundchen!’

Das Flugzeug war leer. Keine Virginia, keine Stewardeß, nur ein grim­mig drein­blickender Schnauzbart im uniformierten Khakihemd mit Schweißflecken unter den Achseln. Wort­los ging ich voran, gebeugt von der Erkenntnis, daß meine Faszination an diesem blitzenden, zupackenden Gerät eine weitere Verwechslung gebar. Unabhän­gig von Polizeiaufgaben, von Gitterzellen und Häftlingen erzeugt das Faktum, Handschellen zu tragen, egal auf was es je beruht, ein semantisches Emblem, vergleichbar mit der Fahrkarte, die man in einem Expreßzug vorzeigt. Welcher Schaffner wird sich Gedanken darüber machen, ob die Karte gefälscht ist, ob sie de jure mir gehört und ich rechtmäßig nach Olé reise? Welcher Sheriff wird glauben, ein Un­be­kann­ter säße mit blütenweißer Weste und aus Spielerei in seinem Jail? Schnell ist man auf der anderen Seite, abgestempelt mit dem Vermerk Delinquent, fix wird man Outlaw. Schlaftrunken, wie ich war, stolperte ich auf der Gang­way und kollerte die letzten Stufen hinunter. Als gut trainierter Judoka rollte ich trotz der Behinderung halbwegs elegant und schmerzlos ab.

Ohne Eile kam Vir­ginia uns entgegen. ,Ich kümmere mich um ihn’, sagte sie zu meinem Bewacher.

Der sofort wetterte: ,Er trägt keine Fußketten.’

,Wozu?’ warf sie lässig hin. ,Schauen Sie seine Ärmchen an, die eines Zwölfjährigen. Der ist froh, wenn wir ihm nichts tun.’

,Aber –’, versuchte er es nochmals.

Worauf sie sehr scharf schnappte: ,Ich sagte, Officer, ich kümmere mich um ihn! Wollen Sie die Güte meiner Ausbildung in Zweifel ziehen?’

,Nein, Ma’am’, stotterte er und entfernte sich, drei Schritte rückwärts gehend, wobei er ihr starr das Gesicht zuwandte, als sei sie eine orientalische Potentatin.

,Wie ärgerlich!’ sagte sie, sobald wir außer Hörweite waren. ,Jetzt kann ich dich nicht freilassen, ohne lange Geschichten erzählen zu müssen. Ist meine Schuld. Ich hätte dich nicht allein sitzen lassen dürfen. Hab’ nicht gewußt, sie würden die Maschine auftanken und vorher alle rausschmeißen.’

,Ist schon okay, Virgie’, sagte ich, neben ihr hertrottend. Der ist froh, wenn wir ihm nichts tun. Mir saß ein Schalk im Nacken, der befahl, ihnen mittels meiner flinken Läuferbeine zu tun zu geben. Ein Hundert-Meter-Spurt um drei Ecken hätte genügt. Doch damit wäre Virginia in die Bredouille gekommen.

,Mani, wie lieb dies spanische Virgie von dir klingt! Magst du einen Kaffee?’

,Klar. Vorher sollte ich pissen.’

Das war stark, sie an meiner Seite im Männerklo, wo alle Blicke auf uns ruhten.

,Soll ich dir den Schwanz rausholen?’ fragte sie laut und völlig unbefangen.

Ich wurde nicht mehr rot, machte eingedenk meiner Häftlingsrolle mit. ,Würde Ihnen so passen, Ma’am. Nehmen Sie gefälligst Ihre Griffel weg.’

Sie: ,Frauengriffel werden jetzt rar wer­den für dich, Bürschchen.’

,Bei mir darfst du zulangen, Puppe’, sagte der Mann neben mir.

Sie wartete, bis ich fertig war, schob mich in Richtung Ausgang und knallte dem selbstgefällig grinsenden Anbieter im Vorübergehen ihr Knie in den Hintern. Er gab ein Gurgeln von sich. Sein männlich­stes Teil hatte mit der Urinalkante Bekanntschaft gemacht. Diese Frau handelte im Bewußtsein ihrer Funktion. Einen Ausweis zückte sie nur, falls es Zeit zu sparen galt. Und falls sie eine Waffe trug – die hatte ich nicht zu sehen bekommen.

Der mißtrauische Officer war uns in weitem Bogen gefolgt. Er ließ mich nicht aus den Augen. Versuchte ich abzuhauen, war er zur Stelle. Wäre ihm ein Vergnügen gewesen, Virginias Vorgesetzten eins reinzuwürgen. Ich streckte ihm, ohne daß Virginia es sah, die Zunge heraus.

Am Bartresen bediente uns ein Schwarzer, der mich mitleidig ansah. Sein Mitleid manifestierte sich bis in den großzügig bemessenen Espresso, den er mir mit einem gurrenden Laut hinstellte.

,Blamabel, Manuel?’ fragte sie und musterte die Runde der an den Tischchen sitzenden Starrer.

,Nein. Ist mir egal, was die Leute denken. Hör mal, die Bemerkung über meine Ärmchen. Die war nicht fair.’

,Na, na’, sagte sie, berührt von den Tränen, die mir übers Gesicht liefen. ,Man muß zu seinem Körper stehen. Du bist bildhübsch. Es paßt alles zu dir.’

,Ich bin kein Zwölfjähriger’, schniefte ich eigensinnig. ,Das würde ich dir gern beweisen. Dich umarmen und so’

,Kein Wort weiter!’ sagte sie streng. ,Ein Siebzehnjähriger kann schlimmer sein als jeder Zwölfjährige.’ Sie durchschaute mich. Ich wollte nicht heimfliegen, wollte dableiben und erzwingen, alles ginge so weiter.

Auf dem Weg zurück ins Flugzeug brachte der Zufall uns nochmals nebeneinander, den Dealer und mich. ,Hallo, Arschloch’, sagte er, widerwärtig grinsend meine Hände betrachtend. ,Wie schnell das Blatt sich wenden kann! Ich hoffe, wir sitzen gemeinsam ein. Du wirst mich als ersten drüberlassen.’

In der Luft schloß Virginia meine Handfesseln auf. Anfangs ig­no­rierte sie das Getuschel der Passagiere neben uns, das Flugzeug war jetzt bis auf den letzten Platz besetzt. Schließlich sagte sie zu einer beleibten Dame, die mit ei­nem Taschentuch die Stirn abtupfte, weil sie meine Hän­de um den Hals spürte: ,Er tut Ihnen nichts, er ist zahm und würde Ihnen aus der Hand fressen.’ Fünf Minuten später fühlte sie sich doch bemüßigt, unsere Plätze zu tauschen. Vielleicht hatte sie den Eindruck gewonnen, ich könnte rein aus Jux in Frauenarme beißen. Die Gemüter beruhigten sich, der Unhold saß nun im Abseits am Fenster. Virginia schlug die riesigen Seiten der New York Times auf, hinter denen ich zu existieren aufhörte.

Auch in Nichtexistenz macht der Kopf sich nützlich. Das kennzeichnet meine Meditationsstunden. Der Leib wird abgemeldet, das Denken kreist weiter. Um meine Lieben. Ich weiß, ich habe ein reiches Leben, allein dadurch, daß ich zum Denken befähigt bin. In ge­lungenen Sitzungen erschlaffen Kopf und Glieder, was nicht mit Schlaf zu verwechseln ist und selten gelingt. Meist stört der Tatendrang meiner aufmüpfigen Hände. Unauffällig versuchte ich, in ihren Matchsack zu greifen.

Ein Schlag traf mich derb in die Rippen. ,Nimm bloß deine Pfoten weg’, fauchte sie. ,Du wirst dir auch nichts Derartiges kaufen, hörst du?’

Enttäuscht lehnte ich mich zurück, wieder den Tränen nahe. Kaufen... Als könnte man außerhalb der Cowboyländer so was kaufen!

Nun konnte sie schlecht mit mir schmusen, ohne noch mehr Arg­wohn zu erregen. Sie flüsterte mir ins Ohr: ,Bis Weihnachten sind es nur drei Monate.’ Ihre Lippen deuteten ei­nen Kuß an.

Das richtete mich auf. Wir sprachen vernünftig weiter. Meine Augen nahm ich an die Leine. Ich verbot ihnen, den Matchsack anzupeilen und zu durchleuchten, ordnete an, sich auf die Zukunft zu richten.

,Ich stelle dir eine Aufgabe’, sagte sie. ,Schreib deine Abenteuer im House nie­der, rein subjektiv. Nimm es als persönliche Examensarbeit. Denk dran: Sublimation hat im Leben einen großen Stellenwert. Wenn du nichts zu Papier bringst, was zu lesen lohnt, wirst du mich gewaltig enttäuschen.’

Die Aufgabe war bereits gelöst. Ich meine, sie wußte nicht, welche Menge Schriftliches ich während meines Aufenthaltes angefertigt hatte, und hätte ich ein Ersatznotizbuch mitgehabt, wäre alles ausführlicher geraten. Das, was hinterher kam. Nach dem House.

In N. Y. Idlewild schleuste sie mich, mehrmals ihren Ausweis hochhaltend, an allen Kontrollen, an den Stoppschildern vorschießender Arm vorbei. Meinen Paß steckte sie mir erst auf dem Rollfeld zu. Letzte Küsse. Bei mir Tränen. Ihre Augen glänzten unnatürlich. Die Lippen zitterten wie ein trauriges Katzenmäulchen.’

 

III

 

Auch das folgende Wochenende verbrachte Manuel in Montemayor. Karim hatte andere Pläne, die er sorglos ausplauderte. Ein Nachbarsmädchen von zu Hause loseisen und in den Wiesen am Tormes flachlegen. Manuel verwahrte den Ausdruck im Heftchen Erotische Trampelpfade und vermerkte: Ach, würde doch diese Maid, wer immer sie ist, mich flachlegen!

Er korrigierte die auf den neuesten Stand gebrachte Schilderung seiner amerikanischen Liebeleien. Das machte Lust, Virginia an­zu­rufen, seine zweite Snakie. Die Nummer fand sich nicht im Notiz­buch. Wo er sie vermutete, war eine Seite herausgerissen worden. Er erblich angesichts dieses Sakrilegs.

      Sonntag morgen in der Messe konnte er sich kaum auf die Worte des Priesters kon­zentrieren. ,Durch Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe, allein von ihm kommt mir Hilfe.’ Allein störte ihn, es wäre denn, Gott sandte Menschen wie Snakie.

 

 

 

                                          Enthält die Seiten 5 bis 86 (von 592)