Harald V. Bergander  ·  Snakie - Diana

 


                            

 «… aux intelligents et aux sensibles »  

   Henry de Montherlant  ·  Les garçons  


                                   

 

                          Gewidmet ist dieses Buch meiner geliebten Sabine  

              

   

 

 

I

 

Manuels erste Schulzeit fiel in das Jahr, da Doña Magdalena ihrer Leidenschaft zu einem wesentlich jüngeren Mann nachgab. Sie hatte ihn in der Finanzverwaltung anläßlich ihrer Erbschaftsstreitigkeiten kennengelernt. War er behilflich? Ja – in der Angelegenheit schob er kräftig. Sie ihn auch – in ihr Bett. Dadurch mußte Manuel, der meistens mit ihr zusammenzuschlafen pflegte, an den Wochenenden ausziehen. Nicht nur aus ihrem Schlafzimmer. Er mußte ganz verschwinden. In erzwungener familiärer Harmonie nahmen seine Tanten ihn auf, entweder die das Land liebende Elvira in der Sierra de Gredos oder die urbanere Pilar im alten Stadtkern von Zamora. Zwei Grenz­orte: in der Gredos zwischen Alt- und Neukastilien, in Zamora nahe der Scheidelinie zum atlantischen Portugal. Gren­zen gruben sich so als erste Erinnerungen in das junge Gemüt.

Doña Magdalenas Schwestern waren unverheiratet und zogen den Ruf unglücklicher Jugendlieben hinter sich her wie durch Straßenstaub gezogene Brautschleier. Beide waren in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht nicht weit genug gekommen, um den männ­lichen Schoß erforschen zu können, aber das bißchen handfester An­näherung hatte ihnen eingedenk einer strengen Erziehung Beine gemacht, im Schoß der Kirche Absolution zu suchen und fortan den Umgang mit priesterlicher Autorität zum Ersatz für die eines Ehemannes zu nehmen. Elvira schloß sich, ein dienendes Glied, der Kirche an und liebäugelte daneben mit Sek­ten wie den Zeugen Jehovas. Im Grunde war es ihr gleich, in welcher Weise der Text der Heiligen Schrift wörtlich genommen wurde, um bestimmte Lehrmeinungen auszuformen, solange sie das Gefühl hatte, beteiligt zu sein. Das erreichte sie in erster Linie durch Abgabe des zehn­ten Teils all dessen, was sie durch ihren Beruf als Journalistin verdiente. Weibliche Journalisten waren in jenen Zeiten rar. Elvira hielt sich über Was­ser, indem sie kritiklos schrieb, was gefordert wurde. Und sie war weit vom Schuß, dort draußen in Montemayor de los Baños – wer kannte diesen Na­men, bevor Madrids neues Bürgertum begann, in den Aus­läufern der Sierra Wochenendhäuser zu bauen? Pili, Lehrerin an einem privaten Mädchengymnasium in Zamora, ließ nur die offizielle, vom Papst vorgegebene Linie der Kirche gelten. Sie paktierte mit der Fraternität im Lichte des Herrn, deren Führer, formal gesehen, kom­petent genug erschienen, um Sitten und Moral in einem Rahmen zu hal­ten, der ein gerütteltes Maß notwendiger Strenge einschloß. Sie unterrichtete Spanisch. An Büchern kam auf die rissigen Holzbänke, was unverdächtig war, doch ihre Bil­dung war bei weitem nicht umfassend genug, das eindeutig festzustellen oder nur einen Teil dessen zu kennen, was der Heilige Stuhl in Indizes verbannt hatte – Bück­ware nannten es die Buchhändler, da es während der Diktatur tief unter den Ladentheken liegen mußte. Falls man sich über­haupt traute, es zu verkaufen.

 

Der Manuel der Elementarschule hatte seine Tanten sehr gern. Später ging er davon aus, daß es auf Gegenseitigkeit beruhte, wenn auch das Gedächtnis den Zugang zu Geschehnissen vor dem achten Lebensjahr strikt verwehrte. Fragmente schimmerten durch. Etwa eine Fotografie im Stil der dumpfen Nachkriegs­ära, cha­mois­farben mit Büttenrand, die ihn zu seinem sechsten Geburtstag abbildete, eine große schnörkelige Sechs auf dem Bauch, mit Eichenlaub verziert, als sei sein sechzigster Jahrestag vor­weg­ge­nom­men worden. Oder Erlebnisse der ersten Schulzeit, verschwommen, in vager Chro­no­lo­gie. Zum Beispiel er als Musterschüler, der Leh­rerin Blumen ins Haus bringend, wobei ihn erstaunt hatte, daß sie seinem Emp­finden nach mit einem uralten Mann zusammenlebte. Aber das war schon eine Ausnahme an Tiefenschärfe, sobald die innere Optik auf solch ferne Ebenen schwenkte. Oft murrte er über die schweigsamen Hüter der Erinnerung. Sie lie­ßen weder mit sich reden noch erken­nen, wer sie beauftragt hatte und was sie ihm verbargen.

Er bekam keine Erklärung dafür, weshalb sein Körper so anders angelegt war als der seiner Kameraden und sein Wesen so selbstgenügsam. Lange stocherte er in sich herum. Geduldig pro­bierte er es mit diesem oder jenem Dietrich, unzulänglich zurechtgebogen von der Besessenheit zu erkennen, was sein Wesen ausmachte. Er mußte eine Si­cherheit des Seins finden, in der er vor Stärkeren bestehen konnte, ohne sich von ihnen demütigen oder zu etwas zwingen zu lassen. Bis an einem Frühsommermorgen während eines Aufenthaltes im Kloster Yuste, am neunzigsten Tag nach seinem siebzehnten Geburtstag, ein Schlüsselbund klirrend vor ihn hinfiel, mit dem sich alle Türen jenes Palastes öffnen ließen, den er lange für sich ersehnt hatte und in dem er künftig wohnen wollte.

Er hatte neben der ihm übertragenen Gartenarbeit Arrians Biographie Alexanders gelesen und, da sie ihm geschwätzig erschien, hernach die vom philosophischen Gehalt ernsthaftere Plutarchs. Abgesehen von anderen Aspekten bestach ihn an Alexanders Leben dessen Keuschheit. Ein Mann, nach allen Zeugnissen sehr hübsch, der Athlet aus dem Bilderbuch des griechischen Altertums, dem jedes Mädchen, je­de Frau zur Verfügung stand, lebte enthaltsam? Dürstete sein Kör­per denn nicht nach Schönheit und Liebe? Sättigte er dieses Verlangen an der bloßen Gegenwart der liebsten Freunde, im Spiel, im Wettstreit glutvoller Gespräche, in vertrautem Umgang? Was stellte er sonst mit seinem Sex an? Darüber sann Manuel während der Andacht in der Klosterkapelle morgens und abends nach. Er durchkämmte die Klassiker. In der ihm geläufigen Bedeutung fand er den Begriff Sex nicht. Von zahllosen Umschreibungen war die Rede, vorwiegend von einer: Eros. Er las, was die Klosterbibliothek hergab und gelangte zur Erkenntnis, daß in der Antike verschiedene Formen des Seins akzeptiert worden waren: Männer verwandten ihre Fruchtbarkeit haupt­sächlich darauf, Nachkommen zu zeugen – oder sie hielten die Zeugungskraft enthaltsam zurück und zeichneten sich mit dem Hervorbringen gei­stiger Produkte oder großer Taten aus. Dabei blieben sie auf höherer Stufe im Gleichgewicht mit sich selbst.

Er versetzte sich an den Königshof von Pella, lauschte den Gesprächen zwischen Aristoteles und seinem Schüler, sah beim Ringkampf, Reiten und Fechten zu und nahm verblüfft wahr, wie Alexander ohne intime Freundin zum Mann heranwuchs. Also hatte er im Sex keine Bestätigung seiner selbst gesucht. Er gehörte zu jenen ed­len Wesen, denen die Freude am Leben, das Glück zu sein und Lie­be zu erfahren, genügend Bestätigung bot.

Die Massaker, in denen der Rastlose später widerspenstige Völker unterwarf, standen auf einem anderen Blatt. Im Geschichtsunterricht hatte Manuel sie als Metapher begriffen, gab es doch genügend ähnliche Beispiele im Alten Testament. Er milderte sie für sein Leben dar­auf ab, die Langweiligen und Phantasielosen, so gescheit sie je auftraten, mit schneidenden Worten zu füsilieren und links liegen zu lassen. Dabei kannte er auch gegenüber den Hübschen keinerlei Pardon, die das Pech, ihn an die Gesellschaft weit Unwürdigerer zu ver­lie­ren, sich selbst zuzuschreiben hatten. Davon abgesehen, ein klares Ja zum Ideal von Liebe und Schönheit: Bedenkenlos nahm er die Ungerech­tigkeit auf sich, schöne Körper vorzuziehen – an erster Stelle die zar­ten, weil er selbst so war – und die har­moni­schen Gesichter mit einem wachen, vor Geistesschärfe funkelnden Blick. Die Liebe ließ sich weniger leicht greifen. Sie war kostbar, ein Geschenk, das ihm selten zuteil werden sollte.

Weil die lebhaften Bilder und der Gedanke an seine liebste Freundin, an ihre Spiele, den Jungen unter einer Steineiche im Klostergarten zu zartem Tun mit sich selbst bewegten, verhalf Ekstase diesem Bekenntnis ins Licht des kastilischen Sommertages. Als es formuliert war und unverrückbar in sein Notizbuch eingraviert, söhnte er sich nach und nach mit vielen schmerzhaften Erinnerungen an seine Kindheit aus. Und was verschüttet war, ließ er fortan ruhen.

 

Lange bevor der kleine Spanier öfters wiederkehrende, eigentüm­liche Regungen eindeutig den Ge­schlechts­tei­len zuzuordnen vermochte, bereite­te es ihm ein uner­gründliches Vergnügen, sich auszu­malen, wie sei­ne Freun­de bei mehr oder weniger wilden Spielen, die stets wechselnden Regeln unterlagen, sich seiner bemächtigten, ihm die Arme auf den Rücken drehten und beratschlagten, wie weiter zu verfah­ren sei. Dabei gelang es, fürs erste loszukom­men und zu fliehen. Oh, seine schnellen Beine waren bekannt! Nun ja, man holte ihn nach kurzer Zeit ein. Er machte es seinen Ver­folgern leicht, ohne daß sie die Absicht durchschauten. Er stol­per­te mit spitzbübischer Geschicklichkeit. Oder er schlug im Gehölz – diese Spiele fanden aus­nahmslos in freier Na­tur, abseits jeglicher Störungen statt – einen Weg ein, auf dem es kein Entweichen geben konnte, weil er im Dickicht endete. Bald steckte Manuel in ei­ner Umklammerung, die den Blick auf die nack­ten, von Ranken zerkratzten Beine seines Fängers zwang, der ihn zögernd un­ter Abnahme des Versprechens, er gehe folgsam mit, bis auf den Griff am Hemdkragen freigab. Ach, der waghalsige Moment, wenn er sich erneut losriß und spürte, wie die Brust sich weitete, da etliche Knöpfe absprangen. Schon war er fort, hakenschlagend, in flinkem Hasenlauf. Den keuchenden Verfolger schüttelte er in den immergrünen Tiefen eines mit Fels­brocken durchsetzten Steineichenwäldchens ab. Lang ausge­streckt lag er mit pfeifenden Lungen zwischen Wacholderbüschen und Insektengesumm, in sieges­trun­ke­ner Gewißheit, dem Hä­scher – im Crescendo des Spiels, ritueller Dra­ma­tur­gie folgend, blieb nur einer übrig – sicher entkommen zu sein.

Auch mit Bedauern über den erfochtenen Sieg. Zu gern wäre er im Mittelpunkt des Geschehens verblieben! Der Part des Verlierers erschien reizvoller. Er verglich sich besonders mit jenen Gestalten aus Sagen und Märchen, deren Niederlage sich am Ende als Sieg darstellte. Freilich begriff er noch nicht die hinnehmende Rol­le, die ihm von einer gütigen Natur anstelle der aktiven auf den Leib geschrieben worden war. Das Vergnügen daran, etwas mit sich anstellen zu lassen, solange es harmlos war und man ihm nicht weh tat, und gleichzeitig die Unabhängigkeit des Geistes zu behalten: Dies knüpfte die kräftige Halteleine des Lebens, die ihn während vieler Grat­wanderungen von Seele und Körper umschlang und buchstäblich fest­hielt. Sie wurde immer mehr zur Quelle seiner Inspiration.

Spiele dieser Art hatten ihren Ursprung im Geschehen während der Sommerferien seiner Grundschuljahre. Tante Elvira lebte auf einer Finca in den Ausläufern der Berge. Keine Kinder. Ihr novio Agu­stín, in undurchschaubare Affären des Dritten Reiches verwickelt – er habe Hitler in Hendaye den Wagenschlag des Mercedes aufgehalten, behauptete Magdalena –, war Ende der vierziger Jahre verschollen. Man hielt für denkbar, er habe sich nach Südamerika abgesetzt. Also nur Frauen, das Dienstmädchen, von Elvira mit chacha ti­tu­liert, eingerechnet. In der Nachbarschaft liefen Kinder zuhauf herum. Sie lebten dort und gliederten Manuel als exotische Bereicherung aus der Stadt ­willig ihren wilden Spie­len ein, zumal er sich ebenso willig ihrer Ortskunde und Autorität unterordnete. Er lern­te die verschiedenen Kiefernarten zu unterscheiden und welche ihrer Samen eßbar waren. Sie zeigten ihm rare Plätze, wo Ze­dern standen, Eukalyptusbäume und die Pfingstrosen, die sich wie Großfamilien zwischen Korkeichen an steilen Hängen ausbreiteten. Die herrlichen Tä­ler der Sierra de Gre­dos wurden für den Jungen zu einem großen, unerschöpflichen Garten. Wiesen voll wilder Blumen gab es dort und mur­melnde Bäche selbst im Hochsommer, da die Sonnenglut in der Meseta Gras und Buschwerk versengte und die jungen Pinien im ständigen Bemühen, dem Boden Feuchtigkeit ab­zuringen, vor Anstrengung honigfarbenes Harz ausschwitzten.

 

Der Hochsitz am Ende eines Tales, wo in der Dämmerung Rehwild vorbeiwechselte, verschaffte Manuel die erste Erfahrung dessen, was er als stützenden Pfeiler seines Wesens erkennen würde. Den Anstoß gaben seine Freundinnen, Remedios und Encarna, deren nackte Schenkelchen den Jungen blindlings folgen ließen, weil er in unbestimmten, kaum bewußten Gedankengängen diese Beine gerade dann als Höhenzüge mit einem Tal dazwischen ansah, wenn die kleinen Nymphchen ihm gegenübersaßen. Der obere Teil dieses Tales, wo die Gabelung des Körpers ihre Wiege hatte, interessierte ihn ungemein. Sie fühlte sich anders an als bei ihm, das hatte er herausgefunden. Sie mußte auch deshalb anders beschaffen sein, weil diese oft grundlos kichernden Wesen sich zum Pinkeln setzten. Das gaben sie nicht zu, sie stritten es so­gar ab, obwohl er es gesehen hatte. Mädchen gehorchten nicht. Sinnlos, ihnen etwas einzuschärfen – kaum dreh­te er sich um, folgten sie eigenen Launen. Dafür gehorchten sie den Erwachsenen über­trie­ben. Die hatten ihnen eingeschärft, ihre Röckchen nicht allzuweit zu lüften. Allerdings hätte der weite Abstand der Leitersprossen den Aufstieg ohnehin sehr erschwert. Mani-Kavalier wollte ihnen hinterlistig hinaufhelfen. Lachend lehn­ten sie ab, mochten ihn durchschaut haben, schoben ihrerseits Ma­ni-Po vorwärts, bis der Knabe, auf der ungewohnten Leiter schwankend, Tritt bekam. Mit zittrigen Beinen erklomm er die drei oder vier Meter bis zur Plattform, um festzustellen, daß er nicht ein­mal auf Zehenspitzen die aus fugenlosem Brettwerk zusammengenagelte Brüstung überschauen konnte. Die Nymphchen verwandelten sich in böse Feen, zerrten so lange an der unbefestigten Leiter, bis sie nachgab und knarrend umstürzte. Zuerst erschrocken, dann wieder übermütig, rannten sie weg und verschwendeten keinen Gedanken mehr an den Gefährten.

Zuerst schauderte dem Jungen vor der schwindelnden Höhe. Er hockte sich in eine Ecke des Jagdsitzes und wartete auf Hilfe. Statt derer kamen Myriaden von Mücken, denen er kaum Einhalt ge­bieten konnte. Die Sonne sank. Im Wald wurde es zuerst kühl, dann unangenehm kalt. Und finster, bis die große, gelbe Scheibe des Mondes heraufzog, ein durch die Baumwipfel vertraulich blinzelnder Spießgeselle. Manuel blinzelte zurück. Kein Beistand zu erwarten. Die Strickleiter wurde nicht ausgeworfen. Verzagt darüber, suchte er Wär­me an sich selbst, saß mit an den Leib gezogenen Knien, auf die er den Kopf legte. Es gab kein Entrinnen. Er würde sterben. Das Schicksal ließ drei Möglichkeiten. Er konn­te sich in die Tiefe stürzen und würde zerschmettert liegenbleiben, was ausschied, weil angesichts des Unvermeidlichen nicht einzusehen war, weshalb seine Angehörigen ihn verunstaltet zu Gra­be tragen sollten. Zweitens konnte er schreien, aber alle saßen längst beim Abendessen, so daß ihn außer dem Riesenvogel Roch nie­mand hörte. Das Biest würde sich mit seinen gewaltigen Schwingen nähern und ihn in seinen gräßlichen Krallen davontragen, noch in der Luft mit Schnabelhieben, scharf wie Piratendolche, töten und der flaumgefiederten Brut zum Fraß vorwerfen. Ein unwürdiges Ende. Keine Spur bliebe außer bleichen Knochen in unzugänglichen Felsnischen. Der dritte Weg bot Trost – schweigend dazuhocken und nichts zu tun. Wahrscheinlich würde ihm eine gnädige Ohnmacht die unüber­sichtlichen Strapazen von Hunger und Durst vor dem Erlöschen des Lebensfunkens ersparen. Er spürte keine Kälte mehr, nicht den auf­kommenden Wind noch die harten rauhen Planken unter sich. Nur seinen eigenen, erschlaffenden Körper, das pochende Herz und das Entschwinden aller unnützen Gedanken. Verzückt rieb er die Wange an den Knien. Eine ungekannte Leichtigkeit breitete sich aus, bevor er davonzuschweben glaubte.

Später saß er, weil ihn noch fröstelte, in eine Decke gewickelt auf Elviras Terrasse. Ihr Nachbar, der die angrenzenden Län­dereien bewirtschaftete, hatte beunruhigt eine Laterne entzündet und ihn gesucht, weil das Gestammel seiner Töchter ihn stutzig machte. Er hat­te ihn in seinen starken Armen nach Hause getragen. Manuel durfte die Laterne halten und genoß es, den Kopf auf die Schultern des Bauern gelegt, von seinem schaukelnden Gang gewiegt zu werden. Kein Gedanke daran, Remedios und Encarna zu verpetzen – er behauptete, die Leiter sei dumm umgefallen.

„Tante Elvira“, fragte er, „was ist ein Spion?“

Die Tante, die sich wieder nicht entscheiden konnte, ob sie den Veterano pur oder mit dem Kaffee vermengt genießen sollte, horchte auf, weil sie glaubte, der Kleine spiele auf ihren verschollenen novio an. „Wieso?“ fragte sie, um Zeit zu gewinnen.

Manuel studierte hingerissen den großen Gecko an der rauhen Hausmauer, der soeben einen enormen Nachtfalter schlachtete. „Ich lese jetzt diese Indianergeschichte. Da kommen dauernd Spione vor. Was tun sie?“

„Das Wort ist schlecht übersetzt“, sagte Tante Elvira. „Es sind Kundschafter.“

„Ja. Auch das Wort kommt häufig vor. Sind es böse Menschen?“ Er erschauerte unter seiner Decke.

„Muß nicht sein. Was sie herausfinden, kann einem guten Zweck dienen. Vielleicht trifft das Wort Spion doch besser, weil man damit allgemein jemand bezeichnet, dem es nicht erlaubt ist, das was er wissen will, herauszufinden.“

„Und –? Werden diese Leute bestraft, wenn man sie faßt?“

„O ja!“ rief Tante Elvira, die sich sicher war, daß man den lieben Agustín gefoltert, heimlich erschossen und beiseite geschafft hatte, je nach Wichtigkeit seiner Kenntnisse. „Wenn sie Pech haben, werden sie zum Tod verurteilt.“

„Puh!“ machte Manuel entsetzt. Er war auf den Hochsitz gestiegen, weil er sich einbildete, in Kundschaftermission zu handeln. Die Späherinnen der gegnerischen Partei hatten seine Absicht durchschaut und ihn sofort verurteilt: Tod durch Verhungern und Verdursten. Zu feige, das zu verkünden, hatten sie die Leiter umgekippt. Er erschauerte aufs neue, weil er sich ähnlicher Situationen im Zuge ihrer Spiele entsann, obwohl nicht an so klar abgegrenzte. Wie oft hatten sie ihn in der Klemme gehabt! Stets war es gelungen, am Ende zu entwischen. Dieses Erlebnis heute war von entschiedener Art gewesen. Er hatte keine Chance mehr gehabt, abgesehen vom unsinnigen Sprung in die Tiefe. Als seien die Regeln verändert und harm­lose Kinderspiele zu etwas verschoben worden, für das er die Bezeichnung Gefahr noch nicht einzusetzen wußte.

 

Tante Pilis Umfeld lehrte anderes. Von Anfang an wurde er durch ihre Frömmigkeit in Bann gehalten, ja schier erschreckt. Vor und nach jeder Mahlzeit Tischgebete, ein Morgengebet, kniend vor dem Bett, so wie das Nachtgebet abzuleisten war, das seine Träu­me in manchen Nächten so eintönig kanalisierte, daß er unermeßliche Entfernungen auf den Knien rutschend zurücklegte.

Weit mehr wurde seine Phantasie durch unzählige Zimmerpflanzen angeregt. Seine größte Freude bestand darin, sie auf dem großen Eßzimmertisch zusammenzustellen und sich einzubilden, es sei ein verwunschener Park mit Hexen, Zauberern und Kobolden. Dazu erfand er komplizierte Geschichten, die meist damit endeten, daß er verhext wurde oder, was die spannendere Spielart schien, gebannt. Er stand mitten im Zauberwald, unfähig, sich zu rüh­ren, und es bedurfte enormer gedanklicher Gegenkraft, um die Er­starrung abzuschütteln. Das gelang erst, sobald die Tante den unwiderruflichen Befehl zur Nachtruhe erteilte.

Zamora war schwierig hinsichtlich Freundschaften. Tan­te Pili, der die Erziehung so vieler Kinder oblag, war durch die aufgebürdete Verantwortung sehr ängstlich. Sie ließ ihn ungern allein auf die Straße. Im Nachbarhaus lebte ein Junge seines Alters. Manuel gewann Vertrauen zu ihm, weil er nichts als Dummheiten im Kopf hat­te und ihn anstiftete, reihenweise Klingelknöpfe an fremden Häusern zu drücken. Entkommen gelang, auch das Erkennen der kleinen Schel­me: Die strafenden Hände wurden an Tante Pili delegiert. Sie schlug ihn, als Lehrerin daran gewöhnt, gewissermaßen berufsmäßig ins Gesicht. Danach wurde er in die Abstellkammer gesperrt. Sie war stockdunkel, aber gemütlich warm und ausgepolstert durch Schürzen und Scheuerlappen. Manuel hockte sich auf den Boden und fühlte sich nach kurzer Spanne des Eingewöhnens in sonderbarer Weise geborgen.

An einem Regentag nahm der Nachbarsjunge ihn mit auf eine Wiese am Duero. Er hatte Gummistiefel an und zog Manuel, der in seinen Schnürschuhen dem vor Nässe quatschenden hohen Gras nicht Paroli bieten konnte, von Pfütze zu Pfütze. In voller Absicht patschte er ins brackige Wasser und flutete allmählich Manuels ungeeignetes Schuhwerk. Der wollte dieser keines­wegs so verein­barten Unternehmung ein Ende setzen, doch wurde er ei­sern festgehalten. Erbost trat er gegen die Gummistiefel – ohne Er­folg. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er, gegen männliche Kraft rebellierend, scheiterte, weil die seine nicht ausreichte. Fortan haßte er Gummistiefel und sollte niemals welche anziehen. Wieder schalt und schlug die Tante ihn, diesmal wegen seiner verdorbenen Kleidung. Trost während einer Besenkammersitzung. Erst hernach erfuhr er den adeligen Namen des Nachbarsjungen, was seine spontane Abneigung gegen den Adel auslöste, die lange anhielt und erst durch Ira von Brackelstein neutralisiert wurde: „Gummistiefel?“ fragte sie höhnisch. „Lachhaft! Der Adel trägt Leder.“

Manuels Großeltern ließen sich weit zurückverfolgen. Sie entstammten ausnahmslos der oberen Bürgerschicht. Das zwanzigste Jahrhundert bescherte ihnen kummervolle Lebensläufe, entzog ih­nen den bis dahin vorhandenen Wohlstand und zwang sie, für Lohn oder Gehalt zu arbeiten. Die Eltern seiner Mutter waren gleich zu Anfang des Bürgerkriegs von den Roten erschossen worden, wobei es nicht so sehr um politische Vergehen ging. Eher um offene, zum Teil alte Rechnungen unter zahl­losen, die im Laufe des schlimmen Bruderzwistes zwischen den Nachfolgern des Hauses Habsburg saldiert wurden. Man spekulierte über die Mitwirkung von Manuels Vater als Spitzel und Denunziant, fand allerdings keinen Beweis. Die beiden Generationen trennte so viel, daß oft nur der Haß eine tückische Gemeinsamkeit schaffte. Die Großeltern väterlicherseits hatten die Schießwut der falange realistischer eingeschätzt und waren sofort nach Ausbruch des Bürgerkriegs mit dem anderen Sohn nach Paris emigriert. Heimweh nach den weiten Himmeln der Extremadura setz­te ihnen so nagend zu, daß sie noch recht jung in unbequemen französischen Betten, an die sie sich ebensowenig gewöhnen konnten wie an das schlechte Wetter, starben.

Was auch Tante Pili je dazu bewogen hatte – sie lebte mit einem Deutschen zusammen, der ebenfalls politischer Gründe wegen seine Heimat nach Kriegsende meiden mußte. Sie nannte ihn nuestro contrapeso, in Anspielung auf all die zerrissenen Familienbande, die sie auf ihre Weise mit Hinrichs zu kitten glaubte. Dreck am Stecken, urteilte Manuel in frühen Jünglingsjahren, ein Urteil, das er relativierte, nachdem er seine Kenntnisse der Zeitgeschichte vertieft hatte. Der Umfang der Liaison Pilis mit diesem Mann war schwer zu ergründen. Sie mochten sich lieben wie hassen, jedenfalls überwogen die Schimpfworte. Lange Jahre bekam Manuel keinen Kontakt zu dem schroffen Menschen. Er sah ihn nur im Anzug mit stets weißem Hemd und Krawatte und hochmütiger Miene. Erst in seiner späten Schulzeit wurde er seiner familiärer ansichtig, halb entblößt, wenn die Tante ihn wusch. Wie alles um Hinrichs blieb auch seine Krank­heit ein Geheimnis, über das kein Wort gesprochen wurde.

 

Die Unfähigkeit, sich seiner frühen Kindheit zu erinnern, bedrückte ihn. Was war in seinem Kopf falsch angelegt, Din­ge zu vergessen, die jeder Schulkamerad wußte, wenn man ein­dringlich genug fragte? Später nahm er an, die der Er­in­ne­rung zugeteilten Bereiche seines Hirns hätten nach einer tröstenden Melodie des Verwerfens rigoros immer wieder ausgesiebt, was unangenehm war und seiner nach Harmonie gierenden Seele schaden konnte. Es gab Beweise für die Wachsamkeit dieses Mechanismus, der gewisse Einzelheiten mit der Schärfe fotografischer Schichten festhielt, die wiederum seinen Kameraden als Belanglosigkeit entfallen wären.

Früh fand der Knabe Interesse an Schnüren. Es gefiel ihm, wie man damit ein Bündel Rosmarin umwinden oder gar widerspenstige, stachelige Zweige zähmen und aus dem Wald heimtragen konnte. Er schaute den Erwachsenen einfache Knoten ab und kam von selber auf die Funktion einer Schlinge, die sich, zog er genügend, um seine Füße immer mehr verengte, bis er gelähmt dasaß. Doch Schnur war rar, in der Sierra de Gre­dos sozusagen zweckgebunden. Zum Spielen blieb kein Ende übrig. Irgendwo in der Scheune hingen alte, ausgediente Pferderiemen. Manchmal erprobte er an den rissigen Le­der­schnüren zaghaft Knoten. Bis seine Kameraden ihn eines Tages dabei überraschten. Sie witterten Abseitigkeit, die sie unter lautem Ge­johle zu Normalität zurechtrückten. Sie schlugen die Riemen um seine Bei­ne. Es tat weh, bis ins Herz hinein. Mit knapper Not konn­te er einer längeren Geißelung entkommen. Künftig hütete er sich, in Montemayor das Wort cuerda auch nur auszusprechen. Zumal sich in Zamora bei Tante Pi­li eine bessere Möglichkeit bot, das Schlingenstudium zu vertiefen.

Pilar bestand selbst am Sonntag auf einer Mittagsruhe des vielleicht Siebenjäh­rigen. Sie ließ in seinem Zimmer die grüne hölzerne Jalousie herab, damit er im Halbdunkel Schlaf fand. Ma­nuels Interesse war weniger auf Schlaf gerichtet als auf das widerstandsfähige Band, das die Ja­lousie befehligte. Sie hochzuziehen, forderte all seine Kräfte, weil die Holzleisten durch Wind und Wetter krumm geworden waren wie die Knochen alter Leute und sich störrisch widersetzten. Knarrend verschwand die Jalousie im Kasten, das Band wurde länger. Schließlich zwäng­te er es über den Haltekeil. Nun konnte er nach Herzenslust experimentieren. Ungestört. Der Tante war die Siesta des Neffen heilig.

Wann er damit begann, das starke, aus Manilahanf geflochtene Band um seine Hände zu schlingen, ließ sich nicht rekonstruieren, eines Tages eben, weil die eingewickelten Handgelenke ein eigenartig wohl­tuendes Gefühl vermittelten. Mit der Zeit gelang es, die Verschnürung durch Knoten derart zu vervollständigen, daß sie von selber nicht mehr aufging, so heftig er daran zerrte. Er konnte dasitzen und sich daran freuen, seine zusammengebundenen Hände zu betrachten, ihre geballte, aber gezähmte Kraft. Natürlich war er nun ein gefangengenommener Ritter, einer aus Tirant lo Blanc. Noch aufregender war die Rolle einer der vom Pech verfolgten Prinzen aus Tausendundeiner Nacht. Am Ende wurde er mit der Prinzessin, die es zu erlösen gelang, vereint oder konnte, in einer anderen Episode, die Königstochter von dem sie bewachenden Ungeheuer befreien. Was Anstrengungen erforderte, von denen er nicht wuß­te, wie er sie durchstehen würde. Lieber doch nur dasitzen und davon träumen!

Das Spiel, das er da mit sich selbst trieb, erregte ihn, weil er fühl­te, es sei möglicherweise verboten, obwohl ihm keine Verse aus dem Katechismus einfielen, die gebundene Hände mißbilligten, allerdings auch keine, die sie empfahlen. So wieder­holte er es, und im Maße, wie er selber wuchs, wuchs sein Vergnügen daran. Bis eines Tages die dicke Schraube aus dem morschen Rahmen brach, an der das von Ma­nuel arg strapazierte Band befestigt war. Durch das Gewicht der herabsausenden Jalousie wurden dem verdatterten Kleinen, der sich gerade bequem im Schneidersitz hatte niederlassen wollen, die Arme in die Höhe gerissen, unangenehm straff weit über den Kopf. Herunter bekam er sie nicht mehr. Die Jalousie hatte sich durch den heftigen Aufschlag verklemmt. Er setzte sein ganzes Gewicht ein. es tat weh, aber es nützte nichts. Da stand sie nun zitternd, die schmale ge­streckte Gestalt. Nicht lan­ge. Der Krach alarmierte die Tante, die den Neffen rasch aus seiner mißlichen La­ge befreite. Sie schalt ihn kaum, führte ihn statt dessen zur Besenkammer und sperrte ihn ein Nicht etwa, weil er die Jalousie ruiniert hatte, sondern weil er so we­nig Sinn für die Notwendigkeit der Mittagsruhe bewies. Der Knabe stellte sich vor, er stünde noch in der Stellung, in die Süleyman der Grausa­me ihn gebracht hatte, und schlief im Dunkeln rasch ein, mit einem unbestimmbaren Glücks­empfinden irgendwo tief im Leib.

Süleyman der Grausame war die erste Gestalt, die er aus Märchenbüchern bewußt aufnahm, ein orientalischer Herrscher oder der Befehlshaber eines Piratenschiffs: Roter Turban, wallende Kleider in Weiß, damit man das Blut besser sehen konnte, das herumspritz­te, wenn er mit seinem Krummschwert reihenweise Köpfe abrasierte. Süleyman hatte ihm während der Osterferien des drit­ten Schuljahres befohlen, an den großen alten Geschirrschrank aus Nuß­baum zu gehen, ihn weit zu öffnen und Teller und Tassen wahllos zu entnehmen. Der Folgebefehl erstreckte sich auf das Aufstoßen des Fensters zum Garten. Dann das Kommando: Alles rausschmeißen! Etliches ging so in Trümmer, bis eine aufmerksame Nachbarin, die Süleyman den Grausamen nicht fürchtete, die Tante verständigte. Eine unbegreif­liche Tat eines sonst unauffälligen Jungen. Hatte es Ärger in der Schule gegeben? Nein. Mit Tante Pili? Nein, alles bestens. Es war im eigentlichen Sinn keine Tat, die man lebhafter Phantasie hätte zu­schreiben mögen, obgleich sie genau darauf zurückging. Manuel hatte etwas über fliegende Untertassen aufgeschnappt und geglaubt, die Teller müßten sich in weiten, sirrenden Bogen in der Luft halten, schließlich im Himmelsblau verschwinden und am Abend wie­der auf dem Eßtisch landen. Die Psychologie jener Tage ging profane Wege, unter die Beziehung von Ursache und Wirkung einen ordnenden Strich zu ziehen. Die Tante fand es an der Zeit, diesen Strich mit dem gleichen Requisit zu zeichnen, das in der Schule half, Ordnung zu halten. Sie führte Manuel am Tag des Wochenmarktes zum Stand des Korb­machers.

„Der Junge wünscht einen Rohrstock“, erklärte sie mit süßsau­rem Lächeln. „Such dir einen aus, mein Lieber.“

Manuel verstand, um was es ging, und beteuerte unter Aufbietung all seiner kindlichen Argumente, er wünsche keinen.

„Und ob!“ bekräftigte Pilar.

Manuel fing an zu weinen. Die Tante steckte also mit Süleyman unter einer Decke! Da er sich weigerte, seine Wahl zu treffen, weil er merkte, daß er keine hatte, kaufte Tante Pili herz­los einen recht vital aussehenden goldgelben Stock aus Bambus.

„Damit kannst du mich totschlagen“, sagte Manuel unter Tränen der Vorahnung.

„Würde mir nie in den Sinn kommen, mein kleiner Liebling“, versicherte sie, während sie den Stock zufrieden durch die Luft pfeifen ließ. „Nun, wie sagt unser Herr? Ich bin dein Hirte. Es soll dir an nichts mangeln.“

Wieder zu Hause, verschaffte sie Manuel unverzüglich einen Begriff davon, an was es ihm man­gelte. Der Ringergriff, mit dem sie ihn festhielt, ging ja noch an. Was sie mit seiner Sitzfläche anstellte, war schauerlich. Sitzen konnte er einige Tage nur unter Schmerzen, die Fratze Süleymans des Grausamen vor sich, der grinsend seine tabakgebräunten Zahnstummel ent­blößte. Oder war es das harte Lehre­rinnengebiß Tante Pilars, die bestürzt re­gistrier­t hatte, welches Vergnügen sie daran fand, den nackten, engelhaften Po des Neffen durchzuwalken? Sie hatte erst erschrocken innegehalten, da sie sich einbildete, sie habe das schwere Gesäß Hinrichs vor sich, der ihr den Stock kurzerhand entwunden und in seinen eisenharten Hän­den zerbrochen hätte. In dieser Weise waren die Dinge für Manuel keinesfalls erkennbar. Was ihm Tage danach einfiel und spä­ter noch oft einfallen sollte, war der große Spiegel im Salon, in dem seine entsetzten Blicke herumirrten, als Tante Pili ihn bearbeitete: Er sah sich auf sein nacktes Wesen reduziert, mit kummervollem Blick, in dem ohnmächtiges Erdulden lag, der Blick des Schwächeren, der sich zusehen, aber nicht helfen kann. Quer durch Kindheit und Jugend blieb dies ein beson­ders ausdrucksstarker unter anderen wiederkehrenden Spiegeln.

Der herrliche Duft der Pinien in der Sierra de Gredos, die unkom­­plizierte Aufnahme unter den so anders gearteten Landkin­dern und die weite Landschaft – das alles verband sich mit Montemayor de los Baños und Tante Elvira, die ihn übrigens nie schlug. Zamora und Tante Pili hingegen, die eigenartige Atmosphäre der zu­tiefst katholischen Provinzstadt mit den ernsten Prozessionen in der semana santa, hier lagen Konflikte in der Luft. Vielleicht war Tante Pili zu streng mit Manuel, aber sie erkannte seine Begabungen zeitig, förderte sie unmerklich und übersah Manuels Verrücktheiten mit der Gleichgültigkeit einer korrigierenden Lehrerin. Sie hatte ihre Eltern für verrückt gehalten, weil sie einfach nicht hat­ten glauben wollen, daß man sie erschießen würde. Die Schwestern hatten einen Knall, und der eigene Geist war keineswegs ohne Abgründigkeiten – doch dazu fehlte es an Selbsterkenntnis.

 

Das einzige äußere Ereignis desselben Jahres, das sogar Hinrichs aus seinem Zimmer trieb, ein Siegerlächeln im Gesicht: Der Tod eines Diktators, von dem Manu­el nie gehört hatte.

„Wieder einer erledigt“, sagte Tante Elvira. „Der General aus El Ferrol wird der nächste sein.“

„Nichts gegen Franco! Nicht vor einem Kind!“ sagte Tante Pili.

„Grade vor einem Kind“, schnaubte Elvira. „Hüte dich vor den Militärs, Manuel. Sie sind samt und sonders suspekt.“

Er sann über das Wort sus­pekt nach. Es schien schnurrbärtig zu bedeuten. Nochmals betrachtete er die Abbildung in der Zeitung, die Hinrichs halb zerknüllt auf dem Tisch liegengelassen hatte. Der Mann auf dem Totenbett trug so einen häßlichen Bart. Der Deutsche mit der verrückten Stimme und der Mütze eines Bahnhofsvorstehers hat­te einen. Er spielte mit der Weltkugel Pingpong, sie hatten ihn im Kino gesehen, umwerfend irre. Die Tante hatte den Namen genannt, aber er hatte ihn nicht behalten können und später auf dem Kinoplakat nachgesehen: Chaplin. Klang nicht wie die deutschen Namen, die Hinrichs manchmal vor sich hin murmelte, schritt er mit dampfender Pfeife im Korridor auf und ab.

„War kein Russe“, erklärte Tante Pili, während sie die Zeitung glättete, um hernach verkohltes Bratöl aus der Pfanne zu wischen. „Namen, die auf -lin enden, sind georgischen Ursprungs.“

Manuel notierte: ,Heute georgisch und russisch gelernt. Ist anscheinend dasselbe...’ „Wie Eier und Hoden, Tante Pili?“

„Pfui! Solche Worte nimmt man nicht in den Mund.“

Manuel schwieg erstaunt. Die Jungen in der Gredos spuckten sie oft aus. Um Anerkennung auszudrücken. Zur Verstärkung der Flüche. Die Mädchen nicht. Ihnen entfuhr eher ein erschrockenes ¡por Dios!, wenn sie überdeutlich wahrnahmen, was bei Hunden baumelte, und es sich bei Jungen vorstellten. „Ist Señor Chantecler vom Mi­li­tär?“ frag­te er. „Im Diktatorsrang?“

Zamoras bester Zuckerbäcker ein Diktator! Tante Pili brach in ihr fröhliches Lachen aus. „Weil er einen Schnurrbart hat?“

„Ja“, sagte Manuel, „und was für einen! Mindestens zwei könnte man daraus machen.“

„Ich hasse Schnurrbärte“, sag­te die Tante. „Sie verbergen fast im­mer etwas.“

„Was?“ fragte Manuel.

„Unsicherheit“, meinte Pilar nach einigem Nachdenken.

„Warum sind Leute mit Schnurrbart unsicher?“

„Wenn man das wüßte“, sagte Tante Pili, für die Schnurrbärte nie Gutes bedeutet hatten, „könnte man allerhand Unglück vermeiden.“

„Ist Chantecler unglücklich?“ wunderte sich Manuel. Er mochte den Zuckerbäcker, weil er freundlich war und Bonbons verschenkte oder ein Stück vom Nougat, das er selbst herstellte.

„Vielleicht“, sagte die Tante vorsichtig. „Er hat keine Frau.“

„Ein Mann“, sinnierte Manuel, „der so dicke Bücher schreibt, muß glücklich sein. Oder?“

Pilar behielt dieses Gespräch mit dem Neunjährigen lange im Ge­dächtnis, weil es unkindlich schien, doch darin hät­te sie differen­zieren müssen. Die Ansätze waren sprunghaft und dem Alter eigen, die Durchführung jedoch von unkindlicher Beharrlichkeit. „Chan­tecler schreibt keine Bücher.“

„Doch“, erwiderte Manuel. „Ist sogar ein Bild von ihm drauf, auf diesem Buch mit der Zeit oder so.“

„Ein Buch mit Zeit?“

„Ja, er sucht andauernd Zeit, die er verloren hat.“

Die Tante lachte. „Du hast recht, Chantecler sieht dem Dichter zum Verwechseln ähnlich. Er könnte sein Bruder sein. Allerdings sucht der nicht Zeit. Er gräbt in Erinnerungen.“

„Genau! Ein furchtbar langweiliges Buch.“

„Du Schlingel hast doch nicht etwa drin gelesen? Wäre viel zu früh für dich.“

Manuel schob mit kaum erkennbarer Verachtung die Lippen vor. Jawohl, señora! Er hatte drin gelesen, Seite um Seite. Da kam kein Ritter vor, kein Prinz, nichts, was im Entferntesten Hoffnung auf eine Gefangennah­me und ein bißchen Zappeln in der Gewalt eines anderen mach­te. Sein Urteil stand längst fest: un­lesbar!

Am selben Abend geruhte Hinrichs, ihn anzusprechen. „Der Mann mit dem Schnurrbart war ein guter Mann“, flüsterte er. „Nicht der Georgier, der war fies. Nein, der aus dem Kino. Er liebte sein Volk. Seine Pläne waren auf tausend Jahre angelegt. Aber“, seufzte er, „zu viele Hunde sind des Hasen Tod.“

Manuel versuchte sich zwischen all den Schnurrbärten zurechtzufinden und tippte auf den Burschen, der mit der Weltkugel Pingpong spielte, nach Hinrichs als Hase getarnt – deshalb nuschelte er ein so unverständliches Zeug. „War er dein Freund?“

„Annäherungsweise“, sagte Hinrichs. „Aber davon kannst du noch nichts verstehen.“

Manuel wandte sich gleichmütig ab. Von Freundschaft verstand er unglaublich viel. Er konnte genau bezeichnen, wer von den Jungen in seiner Klasse Einlaß in den unsichtbaren Kreis begehren durfte, den er als Schutzwall um sich gezogen hatte. Er kannte keine Nachsicht mit den Langweiligen, die einer Geschichte nicht folgen konnten oder, schlimmer, nicht fähig waren, eine zu erfinden. Erst recht wurde Gnade jenen verweigert, die ihn unter Androhung von Prügeln zu etwas zwingen wollten, und wären sie als Freunde noch so interessant. Er befahl Süleyman herbei und ließ sie schnellstens köp­fen. Manuels Stärke bestand im Verweigern, er war furchtloser als viele seiner Kameraden. Dennoch mußte er sich ohnmächtig Erpressungen beugen, weil die kreatürliche Angst vor Schmerzen, die ein Stärkerer ihm nach Belieben zufügen konnte, seine Furcht­losig­keit durchbrach. Sah er in den Augen eines anderen, wie der es darauf anlegte, ihm zu schaden, jenes klar erkennbare Aufflackern des Bösen, verspürte er abgründigen Schrecken und eine tiefe Traurigkeit darüber, daß es nicht gelang, mit allen Kameraden gut auszukommen. Die Waffen der Mädchen waren stumpfer. Sie verhielten sich schnippisch, lachten albern, wenn es keinen Anlaß zu lachen gab, oder warfen mit Wörtern wie Blödmann um sich. Das störte ihn wenig: Als Blödmann kam er sich nicht vor.

 

Die Feriensommer seiner Grundschuljahre waren dreigeteilt und glichen einander. Den ersten Monat verbrachte er zu Hause in Salamanca, während Doña Magdalena seine Kleidung ausbesserte und ergänzte sowie die Schuluniform, und die Lehrbücher für das Folge­jahr einkaufte. Den dritten Monat verbrachte er in der Sierra de Gre­dos, die ungebundenste Zeit seiner jungen Jahre. Tante Elvira war um gute Beziehungen mit allen Nachbarn bemüht. Am Wochenende lud sie gelegentlich die Dorfkinder ein, damit Manuel wie von un­ge­fähr engere Freundschaft schließen konnte, und sie sich seiner annahmen und auf ihn acht gaben. Es war eine Gemeinschaft, in der er Neider, doch keine wirklichen Feinde hatte. Seine nach bäuerlichem Verständnis mangelnden Fähigkeiten glich er durch phantasievoll übertriebene Schilderungen kleiner Erlebnisse aus. Sah er, wie seine Kameraden mit ungewöhnlichen Wort­verbindungen zu packen waren und Elviras staubtrockener Napfkuchen nicht rutschen wollte, weil die kleinen Kehlen sich aufgeregt verengten, war er sich seines Einflusses gewiß. So lief zwischen den recht unterschiedlichen Kindern alles friedlich ab, und Manuel widerfuhr, abgesehen von aufgeschlagenen Knien oder anderen Schrammen, nichts Störendes.

Dem schönsten Teil – zwischen Mitte Juli und Mitte August – fieberte er förmlich entgegen, je näher er rückte: Tante Pili fuhr mit ihm volle vier Wochen nach Biar­ritz. Der Atlantik. Ein anderes Land. Eine andere Sprache. Welch grenzenlose Weite für Manuel! Allein die stundenlange Anreise mit der Bahn war ein Abenteuer für sich. Burgos, Miranda de Ebro, Vitoria, San Sebastián und der zeitraubende Grenzübergang mit dem Vorzeigen von Pässen und Papieren, dem Durchwühlen der Koffer, die strengen Polizisten, die ihn sicherlich nicht weiterreisen lassen würden, weil er keinen Paß hatte und ja nicht Tante Pilis Sohn war – oh, welch fürchterlich aufreibender Tag! Und die Freundin von Tante Pili, bei der sie Quar­tier nahmen... So eine Frau hatte er noch nie gesehen: Lange, bis in die Taille reichende rote Haare – hennagefärbt, verglich er später mit so manchem Mädchenhaar –, wallende lange Kleider in lila oder dem Karmesinrot seines Tuschkastens und merkwürdige Schnabelschuhe, die sich wie hüpfende Raubvögel bewegten und dabei leise knirschten. In ihrem stark gebräunten Gesicht glühten schwarzumrandete Augen, die sich hinter einer dunklen Sonnenbrille zurückzogen, manchmal sogar beim Abendessen. Sie sprach ein anderes Französisch als ihre Landsleute. Das fiel nur auf, weil auch Tante Pili das spanische Zungen-R bei allem Bemühen um einen weichen Sprachduktus nicht ablegen konnte. Mon petit coucou, sagte Alaine bei jeder Gelegenheit und drückte seinen Kopf zwischen ihre Brüste, was er gern mochte – wann tat seine Mutter das einmal?

Zwei Etappen in seiner Bildung markierten diese drei Sommer in Biarritz. Zum einen lernte er schwimmen, wenngleich unter großen Mühen, weil er zunächst Arm- und Beinbewegungen nicht zu koordinieren ver­stand. Und das Meer war gemein, gab ihm eimerweise Salzwasser zu schlucken. Alaine ließ ihn eine Weile gewähren. Dann nahm sie ihn an der Hand und führte ihn in ein Schwimmbad, wo sie sich so lange mit ihm beschäftigte, bis es funktionierte. Es funktionierte schon deshalb, weil er Alai­ne anbetete. Ihr Körper war anders als der seiner Mutter und seiner Tanten, so weich und geschmeidig, und sie nahm seine Hand nie fort, wohin er auch griff, sagte höchstens: „Uh, das kitzelt aber!“, und kitzelte ihn zwischen den Rippen oder an den Fußsohlen, worauf er sich in höchster Wonne an sie schmiegte und sie umschlang. Vielleicht war sie seine erste Liebe. Doch diese Frage würde er sich erst stellen, nachdem Alaine unter Umständen, über die Tante Pili niemals Aufschluß gab, aus deren Leben entschwunden war, da­mit aus seinem, und nicht mehr erwähnt wurde.

Zum andern begann sein Einstieg in die Fremdsprachen. Volle vier Stunden erhielt er vormittags Französischunterricht in einem In­stitut. Wahrscheinlich, argwöhnte er, weil die Erwachsenen ihn los sein wollten. Das ließ sich nicht beweisen, und er hätte es nicht aussprechen mögen, lief er doch Gefahr, daß man ihn im nächsten Jahr erst recht los sein wollte und zu Hause lassen würde.

„Man muß nicht alles aussprechen, was einem durch den Kopf schießt“, sagte seine Mutter mahnend, wenn er vorlaut war, und er war oft vorlaut. „Es schickt sich nicht.“

Pili und Alaine empfingen ihn mittags stets in offenkundig guter Laune. Sogar Hand in Hand oder beim Austausch umständlich aussehen­der Küsse auf den Mund, wobei er wie aus Versehen einen abbekam. Nun gut, sollten sie ihn abschieben! – er fühlte sich in der Französischklasse wohl, und unerhört neu war, daß Mädchen dabei saßen und daß man sitzen durfte, wo man wollte, auch neben ihnen. Es gab keine Zensuren, abgesehen vom genauen Anstreichen der Fehler in den schriftlichen Arbeiten. Mit der Zeit, schaute er über die Köpfe seiner Mitschüler, wurde sein Verdacht geschürt, sie alle seien Abgeschobene. Und überdies alle Einzelkämpfer; er vermochte sich schwer vorzustellen, was sie außerhalb der Schulstunden je zusammen treiben konnten, zumal am Strand alles in Nationalitäten zerfiel – man war wieder auf die Muttersprachen angewiesen. Dort durfte er sich nicht außer Sichtweite seiner Tante aufhalten. Er nannte es Bannkreis, ein Ausdruck, den er aus einem Buch, in dem lauter Kobolde vorkamen, entnommen hatte. Vielleicht konn­te eine Meerjungfrau ihn rauben und in die Tiefe ziehen. Der Ge­danke war wenig verlockend, weil ihm nicht gefiel, daß Meerjungfrauen statt Beinen einen Fischschwanz hatten und folglich seine Beine in einen solchen umhexen würden. Möglich wäre auch, von der englischen Familie entführt zu werden, deren Söhne mit ihm den Unterricht besuchten. Pausenlos lutschten sie Pfefferminzbonbons und boten ihm nie eins an. Gewiß besaßen sie ein Schloß und würden ihn im Turm so lange festsetzen, bis er ihnen genügend Spa­nisch beigebracht hätte, damit sie thousands of blue blistering barnacles in seine Muttersprache über­set­zen könnten. Das mit dem Turm malte er sich reizvoll aus, vielleicht wäre er dunkel und eng, und der Fluch war ausdrucksstärker als viele spanischen Flü­che, zog man sei­ne gehörige Länge in Betracht. Es waren die einzigen Kinder, mit de­nen er am Strand spielte. Durch sie lernte er zeitig die Rolle des überflüssigen Dritten kennen. Wann immer es den kleinen Tom­mies – das Wort hatte er von Alaine aufgeschnappt – beliebte, servierten sie ihn ab. Tritte in den Hintern, Sand in die Augen, begleitet von bemer­kens­wert korrektem Französisch: „Va-t-en au diable!“

„Wehr dich“, emp­fahl die Tante herzlos. Ja, wie denn? Statt dessen hexte er. Mit Fischschwänzen klappte es nicht, aber er war sich ei­nigermaßen sicher, die beiden Früchtchen würden mindestens mit zwei steifen Fingern in England ankom­men, oder mit grotesken Klumpfüßen, und binnen Monatsfrist die steile Schloßtreppe hinunterkollern.

Alaine besaß ein Auto. Er haßte den Benzingestank im Innern, trotzdem fuhr er mit. Von Ausflügen in die Umgebung war ihm später nur der nach Roncesvalles erinnerlich. Die Sage vom Ritter Rol­dán, der sich ge­gen die sarazenische Übermacht behauptete, hatte er verschlungen. Ein Mann, der für das Noble kämpfte, ohne den Tod zu scheuen. Warum mußte, um das Noble zu erhalten, so viel Kampf eingesetzt werden? Bedeutete es, daß das Niedrige größeres Beharrungsvermögen aufwies? Schimpfworte waren im Alltag häufiger als Lob, Gemeinheiten an der Tagesordnung, und die Momente der Traurigkeit zogen sich bleiern in die Länge, während das Aufblitzen angenehmer Stimmungen meist nur ein Aufblitzen blieb.

Eines Abends, im Bett, belauschte er ein Gespräch zwischen Alaine und seiner Tante.

„Hast du diesen Faschisten noch im Haus?“

„Worauf liegt die Betonung“, fragte Pilar. „Auf Faschist oder auf Im-Haus-haben?“

„Gehört zusammen“, sagte Alaine. „Ging sowieso immer ein Riß durch eure Familie. Brauchst dich nicht zu schämen dafür.“

„Nett von dir. Du bist ja nie­mand verantwortlich. Es ist ein Akt der Menschlichkeit, jemanden aufzunehmen, der sonst keine Chance mehr hat.“

„So?“ sagte Alaine gedehnt. „Ein Akt der Menschlichkeit?! Soll er doch nach Südamerika abhauen! Dort sammeln sie solche Leute.“

„Du meinst, sie sammeln sich dort“, erwiderte Pilar, ganz Lehrerin, an eine falsche Anwendung des reflexiven Verbs denkend. „Hin­richs und ich, wir haben eine gemeinsame Linie in unser beider Leben. Aber du – du hast es noch nie geschafft, ein längeres Stück We­ges mit einem Menschen zu gehen. Ich kann dir dazu eins zu bedenken geben: Wir sind alle gleich schlecht...“

Ende der Unterhaltung. Den Geräuschen nach folgte eine lange Serie von Küssen.

 

Ja, was war mit Hinrichs, und wer war er? Einmal hatten Leu­te ihn abgeholt, zeitig am Morgen. Sofort hatte Tante Pili telefoniert und den vollen Umfang ihrer Lehrerinnenstimme eingesetzt. Gegen Mittag war Hinrichs wieder zurückgekommen.

„Du gehst aber früh spazieren“, sagte Manuel, der an der Freiwil­ligkeit dieses Spaziergangs Zweifel hegte.

„Ich gehe spazieren, wann’s mir paßt“, kam die schneidende Ant­wort. „Und du kannst eins auf die Nase haben.“

„Ich will keins auf die Nase“, entgegnete Manuel kühn. „Ich...“

„Verschwinde“, brüllte Hinrichs, „raus aus meinem Zimmer!“

Wenn Hinrichs ausging oder, selten genug, verreiste, blieb sein Zimmer verschlossen. Durchs Schlüsselloch zu spähen, wagte Manuel nicht. Der Deutsche hatte ihn gewarnt, sein Ventilator erzeuge Eiswinde bis hin zu minus neunundneunzig Grad, man könne davon erblinden. Die Mahlzeiten pflegte er in Restaurants einzunehmen. Aß er zu Hause, servierte ihm die Tante in seinem Zimmer, zu dem selbst die chacha keinen Zutritt hatte.

Bei seinen Streifzügen durch die Stadt warf Manuel regelmäßig registrierende Blicke durch die blitzblank geputzten hohen Fenster des Casino Me­nestral. Hinrichs nahm dort täglich den Nachmittagskaffee und las Zeitungen, demnach mußte er zahlendes Mitglied sein. ABC durchblätterte er flüchtig, Alcázar erforderte ein genaueres Studium. Stets saß er mit dem Rücken zur Straße. Einmal deutete er mit dem Daumen, ohne sich umzudrehen, scharf auf ihn und zu Boden, so wie Süleyman das Vollstrecken der Hinrichtung anordnete, wenn er jemand zum Tod verurteilt hatte. Manuel wartete nicht auf den Kellner und dessen langes Küchenmesser, das seine Gurgel bis zum Bauchnabel aufschlitzen wür­de. In schnellem Lauf brachte er sich aus der Gefahrenzone. Lange über­legte er, wie Hinrichs ihn hatte entdecken können, obwohl der nie die Straße beob­achtete. Hinrichs Zerstreutheit brachte die Lösung. In Tante Pi­lis Wohnung ließ er ständig Dinge irgendwo liegen, denen er fluchend nachspürte. Einmal fand sich seine Brille im Bad. Jedes Kind hätte sie neugierig aufgesetzt: Die Konsole mit den Toilettesachen erkannte Manuel un­deutlich, doch die Tür hinter sich und die lange Kordel, mit der man das Licht anknipste, bildete der winzige, in ein Brillen­glas eingearbeitete Spiegel scharf ab. Sofort über­nahm er das Verfahren und verfeinerte die Casinoüberwachung von einer Fensterecke aus durch einen Taschenspiegel. Dabei blieb er selbst unsichtbar. Geheimnisvoll wurde es, wenn Hinrichs mit Leu­ten sprach, die offensichtlich fremd in der Stadt waren, weil sie beim Hinausgehen zaudernd im Portal stehen blieben, bevor sie sich für eine Richtung entschieden.

Im Grunde interessierte er sich gar nicht für Hinrichs. Seit er wußte, was ein Spion war und was er tat, gefiel er sich in der Rolle, selbst Spion zu spielen, sich vorzustellen, er wäre von einer fremden Macht beauftragt, Din­ge zu klären, die geklärt gehörten. Das war schwierig. Es erforderte Übung, sich ständig zu verstellen und, wenn es nötig wurde, sich wie ein Baum unter Bäumen zu ver­stecken. Er ging von der festen Annahme aus, Hinrichs sei seit ewigen Zeiten ein Agent, und es war vorstellbar, daß sie sich gegenseitig in gewis­sem Umfang bereits erkannt hatten und nun belauerten. Er wollte sich schon deshalb nicht für Hinrichs interessieren, weil Hinrichs so offenkundiges Desinteresse an ihm bewies. Zu seinem Beruf gehörte es, die wahren Absichten zu verschleiern, wie ja auch Jungen, die sich recht mögen, zunächst einmal mit hocherho­bener Nase aneinander vorbeigehen. Aber es kränkte Manuel, der wenig männ­liche Erwachsene in seinem Umfeld hatte und so gern einmal von kräftigen Männerarmen gedrückt worden wäre, daß Hin­richs von ihm gar nichts wissen wollte. Manuel besaß keinen Vater mehr, damit hatte er sich abgefunden. Doch daß keine seiner Tanten einen männlichen Partner hatte, der ihm die Hand entgegengestreckt und ihn herumgewirbelt hätte, stimmte ihn traurig. In langen Gedan­kenketten pfleg­te er seiner Mutter die Schuld daran zu geben. Sie hatte es nicht geschafft, seinen Vater bei sich zu halten. Ihre flüch­tigen Part­ner waren mit den Vätern seiner Freunde keinesfalls ver­gleichbar. Zum Beispiel der Finanzbeamte, der vor kurzem zum Zoll versetzt worden war und seitdem eine schwarze Aktentasche her­um­schleppte, auf der Administración de Aduanas stand, in goldenen Buchstaben, dazu das Staatssiegel, das aussah wie ein gekreuzigtes Brathuhn. Noch nie hatte er ein Geschenk mitgebracht, und bei den wenigen Anlässen, da er des Jungen ansichtig wurde, verhielt er sich dermaßen affig, als ob er einen Vierjährigen vor sich hätte. Manuel schüttelte sich. Warum kam er mit Männern nicht in Tuch­fühlung? War er zu wenig Junge? Oder wollten sie lieber ein Mäd­chen und er bot zu wenig Mädchen? Vielleicht war er ein Nichts.

Im letzten Sommer, bevor er ins Gymnasium wechselte, geschah Rätselhaftes in Biarritz, der nun vertrauten Stadt. Glücklich durchstreifte er die von quirligem Leben erfüllten Straßen, die Plätze, den Strand. Die Sichtweiteregel war zwar nicht aufgehoben worden, aber gelockert, bestand nur noch als eine jener Wort­hülsen, von denen die Tante reichlich auf Lager hatte. Nun konnte er sich selbst an Markttagen frei bewegen, wenn die Bauern aus der Umgebung mit klobigen, von Eseln gezogenen Karren hereinfuhren und über die Passanten fluchten, die nicht ausweichen wollten.

Das leichte französische Sprachgezwitscher wußte er vom harten Baskisch inzwischen zu unterscheiden, und die Nationalität der eng­lischen und deutschen Urlauber bestimmte er ebenso an ihrer Unterhaltung, dank Hinrichs, der in Zamora täglich Kurzwelle hörte, BBC und einen deutschen Sender. Manuel hatte oft vor seiner Tür gestanden, das Ohr ans Holz gepreßt, und zugehört. Hinrichs gab Kommentare ab, ein­silbig, lautstark – Flüche, vermutete Manuel. Der Deutsche schal­tete blitzschnell auf spanische Flüche um, wenn er die Tür aufriß und fast über den Knaben fiel: ¿Coño, qué buscas delante de mi puerta? Manuel schwenkte Kehrblech und Handfeger, als habe er den Auf­trag zur Säuberung des Korridors. Misión cumplida, meldete er. Sich zu verstellen gehörte zu Kundschafterauf­gaben wie solche Kurzformeln aus der Militärsprache, die ein Ge­ne­ralssohn unter seinen Schul­ka­me­ra­den perfekt beherrschte.

In jenen letzten Ferien in Biarritz also, im Gewühl eines Markttages, war er hinter zwei verlockenden langen blonden Zöpfen her. Das Mädchen war um einiges größer als er und trottete an der Hand einer Gouvernante dahin. Seine Aufgabe lautete, die Spange am Ende eines Zopfes zu lösen, ohne daß es die Besitzerin bemerken würde. In der Spange würde ein Papierkügelchen mit weiteren Anweisungen stecken, in Geheimschrift. Freilich mußte er scheitern, weil er keinerlei Kenntnisse über Haarspangen und deren Verankerungstechniken besaß und folglich der unvermeidliche Zug am Zopf dem Zug an einer Klingelschnur glich. Schnell wurde man auf ihn aufmerksam. Die Gouvernante vermutete weniger einen Spangen- denn einen Taschendieb, hielt ihn fest und durchsuchte seine Hosentaschen. Manuel begann mit seiner hellen Stimme zu ze­tern. Er trat der Wächterin über die Zöpfe gegen das Schienbein, als seien es adelige Gummistiefel, während das blonde Mädchen hit­zig seine Schienbeine traktierte. Geschrei im Chor – und wie bei mancherlei Geschrei ging es um nichts. Allenfalls um die Untermalung bunten, bewegten Tagesgeschehens, in das sich ein dröhnender Baß mischte. Hinrichs baute sich vor der Erzieherin zu seiner schweren Größe auf und schnauzte sie an. Manuel lernte ein neues Prinzip ken­nen: Die Gewichte in den Waag­schalen des Rechts lassen sich beliebig austauschen, wenn ein Vergehen gegen ein anderes steht.

Sofort klassifizierte Tante Pili das Geschehnis. „Laß dir von keinem in die Hose greifen“, sagte sie. „Von niemand! Hast dich gold­richtig verhalten, gleich um Hilfe zu rufen.“

Wieso aber wie aus dem Nichts seine Mutter im Bistro gegenüber saß, samt ihrem Zöllner, wurde ihm nicht erklärt noch der Umstand, wieso alle sich auf einmal so gut verstanden. Doña Magdalena hatte Hinrichs nie erwähnt und schweigend die Achseln gezuckt, wenn Manuel nach ihm gefragt hatte, das bedeutete, eine Unperson zu bezeichnen. Manuel schöpfte Verdacht, alle Ferien in Biarritz könnten nach diesem rätselhaften Muster abgelaufen sein. Den Beweis dafür zu finden, war eine Aufgabe, vor der er sich hilflos vorkam; das Wort überfordert kann­te er noch nicht. Sein Verdacht weitete sich zu einem Gedankengespinst, kühne Phantasien einschließend. Möglicherweise war nicht nur Hinrichs Agent, sondern auch der Steuereinnehmer, ja vielleicht hat­ten sogar seine Mutter und seine Tanten zu gewissen Zeiten ihres Lebens spioniert. Wahrscheinlich oder sogar ziemlich sicher war sein Vater Agent gewesen oder war es noch und folglich gar nicht tot. Agen­ten fälschten Nachrichten, sie schlüpften in andere Leben, sie wechselten die Partner, ihre Lie­ben und die Orte, an denen sie sich aufhalten mußten, wie schmut­zige Hemden. Die Erkenntnis, in eine Familie von Lügnern hin­eingebo­ren zu sein, war niederschmetternd. Es brachte ihn schier um. Konnte nicht alles Vertraute sich von heute auf morgen auf­lösen? Würden die geliebten Menschen verschwinden und ihn allein zurücklassen? Seufzend wälzte er sich an jenem Abend lange im Bett herum, ohne Schlaf zu finden. Falls es gelänge, die unverständlichen Sachverhalte in Fragen aufzulösen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden konnten, würden untereinander unsinnige Ergebnisse bleiben, dessen war er gewiß. Folglich war das klare Ja oder Nein nicht möglich. Frühzeitig übte der Knabe sich so in den untersten Kategorien logischen Denkens.

 

Ein schwacher Punkt Manuels, den er später fälschlich aus seiner fragilen Konstitution ableitete: Er kränkelte schnell mal. Nicht we­gen jener Infektionen, die jedes Kind durchmachen muß, die sich bei ihm heftiger austobten als bei seinen Kameraden – er litt zu häufig unter Anginen. Dr. Fès empfahl das frühzeitige Entfernen der Mandeln, wollte damit jedoch gemäß einer unlängst in Medicina general erschienenen Abhandlung bis zur Geschlechtsreife war­ten.

Magdalena assoziierte es mit einer verkappten Form von Kastration und sagte sinngemäß: „Nur über meine Leiche, Doktor!“ Und präziser ihre Entrüstung in Worte fassend: „Was immer mit meinem Sohn werden wird, seine Eier sollen heil bleiben!“

Dr. Fès lächelte flüchtig, da sie ihn derart mißverstanden hatte. „Die muß ich so­wieso abtasten“, sagte er. „Wir wollen wissen, ob sie sich so ent­wickeln, wie sie es sollen.“

Magdalena argwöhnte ein übermäßiges Interesse, sich ihrem Jungen zu nähern, und setzte die Arztvisiten aus. Ihre me­dizinischen Kenntnisse entstammten veralteten Gesundheitsbüchern, die die geschlechtsspezifische Entwicklung nur vage streiften. Also horchte sie in den eigenen Körper hinein. Wie das mit ihr gelaufen war, konnte sie als Mosaik zusammensetzen, in dem kaum ein Steinchen fehlte, weil sie sich mit den Schwestern darüber beraten hatte, zumindest in gewissem Umfang. Aber es waren nirgends Jungen in der Familie gewesen. Sie seufzte spitz, wie immer, wenn Unwissen die Wege zur Erkenntnis blockierte. In geschickter Form mißbrauchte sie die wöchentliche Beichte in der Kathedrale, um Aufschluß zu gewinnen. Der Zeitpunkt der Inspektion, die der Priester als unumgänglich bezeichnete, war anscheinend bereits überschritten, und als Ort der Handlung wurde wiederum eine Arzt­praxis empfohlen. Nein, nicht Dr. Fès! Doña Mag­dalena traute ihm nicht. Er war unverheiratet. Wie Chantecler. Dubiose Junggesellen. Hatten keine novia!

Sie wählte einen anderen Weg. Bei den Wochenenden in der Gredos durfte Manuel einen Kameraden einladen, eine Auszeichnung, um die die unverwöhnten Landbuben sich rissen. Es bedeutete gutes Essen, Spiele am runden Tisch, für die zu Hause keiner Zeit hatte, und nicht zuletzt die wöchentliche Reinigung des Körpers in einem gekachelten Bad mit einer großen Wanne, warmem Wasser und feinduftender Seife. Man durfte nach Herzenslust planschen und herumspritzen. Keine Aufsicht. Nur irgendwann die übliche Frage Tante Elviras durch den Türspalt, ob sie sich die Ohren gewa­schen hätten. Ja. ...Auch dahinter? Ja, ja!

Die Kontrolle durch Doña Magdalena, die selten mit nach Montemayor de los Baños fuhr, kam unangemeldet. Ihre Frage klirrte wie ei­ne Kneifzange: „Habt ihr euch zwischen den Beinen ge­waschen?“

Verlegenes Schweigen. „Klar“, brachte Manuel nach einer Weile mutig hervor, während Chirri vorsichtig ein Stück weiter eintauchte.

„Lügt nicht!“ Doña Magdalena schob mahnend die Brille zurecht, was für Manuel gleichbedeutend war mit dem Aufdecken seiner Fehltritte. Sie zog den Nachbars­jungen energisch aus dem Wasser, befühlte sein Säck­chen und sagte: „Da war bestimmt noch keine Seife drauf.“

Dasselbe wiederholte sie bei ihrem Sohn. Der Vergleich ließ sie aufatmen: Kein Unterschied festzustellen. Und an Chirris Gesundheit gab es keine Zweifel, er war rotbackig wie ein Apfel und robust wie ein Fohlen. Doña Magdalena beneidete die Bauern um solche Sprößlinge. Nie würden sie einen Arzt brauchen. Ihre Entwicklung verlief in ebenso natürlichen Bahnen wie die der Haus­tiere.

„Ihr Jungen müßt euch dort richtig waschen“, mahnte sie und ver­wischte damit erneut die wahren Absichten. „Mehr als einmal in der Woche.“

„Mädchen müssen das nicht“, maulte Ma­nuel.

„Unsinn“, sagte seine Mutter. „Müssen sie. Täglich. Aber wehe, ihr faßt sie dort an!“

Im Hinausgehen hörte sie Manuel sagen: „Ich habe größere Murmeln als du.“

Chirri erwiderte: „Ist nicht sicher. Zeig noch mal! Mir kommt vor, mein Schwanz ist länger als deiner.“

Durch Chirri wurde Manuel sich seines Körpers bewußt. Der Bauernjunge weckte in ihm Neugier auf sich selbst, wenn der sich un­befangen auszog oder nach dem Wannenbad genüßlich lange abtrocknete, wobei das Frotteehandtuch wie der Schleier einer Flamencotänzerin um ihn herumwedelte. War er fertig, fragte er jedesmal mit leuchtenden Augen: „Darf ich mit dir kämpfen?“ Er durfte. Weil er Manuel nie weh tat. Weil Manuel die Nase gern an Chirris Körper preßte, an seine Haut, die auch nach der Badestunde weniger nach Seife duftete als nach den unzähligen, seltsamen Kräu­tern der Gredos, deren Namen er nach und nach buch­stabieren lernte wie ein zweites elementares Alphabet.

Seine Mandelentzündungen dauerten jeweils einige Tage, an denen er ins Bett gepackt wurde, mit einer Wärmflasche auf dem Leib und dem weißen Emailnachttopf unter dem Bett, damit er nicht über den kalten Flur gehen mußte. An sich herrlich verlaufende Tage, bis auf das schlimme Kratzen im Hals und den vom Kopfschmerz geplagten, mit Säure gefüllten Schädel. Auf einem taburete stand das Radio neben dem Bett, das vom Speisezimmer eigens für ihn umgeräumt wurde. Geduldig erforschte er es auf allen Wel­len­längen, starrte gebannt auf das resedagrüne, magische Auge, das weit aufgerissen blieb, solange außer Rauschen nichts zu vernehmen war, bei manchen Sendern, deren Empfangsstärke stark schwankte, blinzelte und die Lider erst bestätigend zusammenkniff, sobald die Aufgabe des Ab­stimm­knopfes erfüllt war. Dann dröhnte Musik oder Sprache im Lautsprecher und die Stoffbespannung darüber erbebte. Manuel hielt diese Apparatur für ein Wunder. Noch in seiner späten Schulzeit, nachdem er die zugrun­de liegenden physikalischen Eigenschaften eingehender studiert hatte als viele seiner Kameraden und seitens der Theorie nichts Uner­klärliches blieb, schien ihm das Phänomen miteinander kommunizierender Schwingkreise über riesige Distanzen hinweg eines der größ­ten Mirakel des Universums. Anders als miteinander kommunizierende Gefäße, in denen Flüssigkeiten stets gleich hoch standen. Das war einleuchtend, logisch und so einfach wie eine Wippe, Gleich­gewicht bei gleich schweren Körpern. Was er selten erlebt hatte: Meistens ließ der schwerere Po seine Seite nach oben schnellen, tückisch hoch über den Boden. Dabei wurde ihm leicht übel; schwindelfrei war er eigentlich nur bis zur eigenen Körperhöhe.

Ob Priester ein Radio mit besonderen Wel­len besaßen, Wellen, die ungeheuer schnell schwangen oder unendlich weit reichten? Ja, derartiges mußte ihnen zur Verfügung stehen, um mit Gott reden zu können! Man hatte sich das als Einbahnstraße vorzustellen. Gott ließ ja nicht mit sich reden. Er gab die Anweisungen und hielt im übrigen die Hand ans Ohr, weil er leicht schwer­hörig war. Ant­wor­ten tat er nie. Wahrscheinlich war er tatsächlich, wie die Padres behaupteten, bei jeder Beichte zugeschaltet. Demnach bestand eine überall gleichschwingende Welle für Beichtstühle, ausge­löst durch die Schelle, die den Priester herbeirief. Oder es gab einen geheimen Knopf in der Türangel: Öffnete man die Tür, begannen die Wellen zu brausen, beim Schließen passierte nichts. War die Beich­te vorüber und Absolution gespendet, wurde die Tür wieder ge­öffnet, die Welle verebbte. Die Tage der Bettruhe boten genügend Muße, den Gedanken auf Folgerichtigkeit zu überprüfen und den kühnen Schluß zu ziehen, ein zwischenzeitliches, unnötiges Betätigen der Tür müsse die Reihenfolge durcheinanderbringen. Gott wäre bei einem leeren Beicht­stuhl auf Empfang und vernähme nichts außer Grundrauschen, bis er einen Elektriker schic­ken würde, um die Sache wieder einzurenken.

Die nächste Angina war selten hef­tig. Sein Kopf vernahm das Grundrauschen ohne aufgedrehtes Radio, und Manuel gewann die Ein­sicht, er werde für lästerliche Gedanken gestraft. Er sandte ein Entschuldigungsgebet über die Wellenlänge, auf der er den Schöpfer lauschend vermutete, in den Äther. Aber gleich lästerte er wieder, weil er den Gedanken nicht unterdrücken konnte, Gott treibe in der Freizeit Sport, indem er wippte. Ein wippender Gottvater, durch einen außerordentlich feisten Engel auf der Ge­genseite halbwegs im Gleichgewicht gehalten.

Er fragte die Spielkameraden in der Gredos, wie weit weg sie Gott glaubten. Verdrossen dribbelten sie mit dem Fußball im Kreis. Das Thema schmeckte ihnen nicht.

Nur Chir­ri meldete sich zu Wort. „Er ist dort oben“, behauptete er und wies in Richtung der Steinadler, die gemächlich unter dem leeren blauen Himmel weite Kreise zogen.

„Sicher?“ fragte Manuel.

„Er ist in ihnen“, kam nach langer Bedenkzeit die Bekräftigung, während Chirri die Augen fest auf die majestätischen Vögel gerichtet hielt. „Und er muß in uns sein. Sonst wären wir nicht.“

Manuel war beeindruckt. Die Einsicht, sie wären ohne Gott nicht vorhanden, war ihm noch nicht gekommen. In der Folge hielt er Chirri für einen größeren Denker als sich selbst und versuchte, sich diesem Spender unverhoffter Weisheit mehr zu nähern.

Einfach war das nicht. Durch die Erfordernis einer gewissen finanziellen Basis waren wenige Arbeiterkinder im Gymnasium dabei und die nur, weil die Kirche die besonders Begabten heraus­pickte und unter ihre Fittiche nahm. In den frühen Jahren seiner Wo­chen­enden und Ferien in der Sierra de Gredos wurde ihm der Status seiner Herkunft vage bewußt. Es war keine adelige Herkunft, doch die Dorfkinder sahen alle für adelig an, die aus begüterten Familien kamen. Bei seiner Familie konnte man nicht von reich sprechen, vielleicht nicht einmal von begütert. Immerhin waren Not oder gar Hunger unbekannt, und schmaler Luxus zeigte sich in der Ausstattung der Wohnungen, insbesondere im Landhaus Tan­te Elviras, in dem wertvolle, jahrhundertealte Möbel des schweren kastilischen Aristokratenstils Besuchern aus dem Dorf gehörigen Respekt einflößten. Chirri blickte zu Manuel auf, was Manuel irritier­te, weil er sich unterlegen fühlte. Dabei hätte er nicht in Worte fas­sen können, worin diese Unterlegenheit sich niederschlug. Bemer­ken tat er sie an kleinen Dingen, die ihm widerwärtig waren und anderen Kindern offenbar nicht. Mit Bällen spielen, zum Beispiel. Es machte ihm Angst, den Ball an den Kopf gedonnert zu krie­gen oder in den Bauch. Er drehte sich abwehrend weg und taug­te so keinesfalls als Mitspieler. Er haßte Springseile, seitdem er sich darin verheddert hatte und mit aufgeschlagenen Knien liegenge­blie­ben war. Er war unfähig, auf Bäume zu klettern. Schaffte er es dennoch, den Sitz in einer Astgabel einzunehmen, wurde es schwer, die Balance zu halten, und nach unten sehen hieß, die Möglichkeit anzuzweifeln, jemals wieder sicheren Boden zu erreichen. Dabei war all das für ihn selber nicht wichtig, für sein Auftreten in Montema­yor hingegen schon, weil die Kinder dort solche Fähigkeiten für an­geboren hielten. Und jeder dieser Kameraden war nur samt der Clique zu haben. Manchmal versuchte er Chirri herauszureißen, weil er ihn recht gut leiden konnte und für sich haben wollte, diesen Jungen mit dem ungekämmten, rebellisch aufgestellten Haar und dem weit aufgeknöpften Flanellhemd, aber es gelang sel­ten, weil sich meistens jemand dazugesellte. Und dann hatte er, einmal im Hause Tan­te Elviras angekommen, unbeschränkt Zeit, während den Dorf­kin­dern bis zu den kleinsten in ihren Familien diese oder jene feste Aufgabe zugewiesen und damit die Zeit zum Spielen knapp be­messen war, noch gekürzt durch die Beichte samstags und Chorkna­bendienste am Sonntag. In den Sommerferien in Biarritz fiel Ma­nuel auf, daß Mädchen und Jungen dort ungezwungen in den Sprachkursen zu­sam­men lernten und am Strand miteinander spiel­ten. Auch in der Gredos waren Mädchen dabei, aber sie hatten nichts zu bestimmen und blieben lieber unter sich.

Aufregend gestalteten sich die Wochenenden, wenn Tante Elvira Leute einlud, aus Madrid, Salamanca oder Ávila. Manchmal zählte Manuel zehn Personen, deren Unterbringung keine Schwie­rigkeiten bereitete, da das große Haus alle wie eine Ritterburg schluckte. Außer Tante Pili oder, selten, seiner Mutter waren keine Verwandten unter Leuten, die als Freunde des Hauses bezeichnet wurden. Kinder brachten sie nie mit, schmerzlich für Manu­el, der an solchen Abenden früher als sonst ins Bett geschickt wurde. Aus Gründen von Agentenbesprechungen, vermutete er. Der Verdacht ließ sich nicht erhärten, wenn er heimlich wieder aufstand und, das Ohr an die alten Eichentüren gedrückt, die vielstimmigen Gespräche belauschte. Nie fiel der Name Hinrichs oder das Wort Caudillo, das er wiederum von Hinrichs aufgeschnappt hatte. Elviras Freunde tranken viel Wein, wenn Schach gespielt wur­de oder irgendein anderes kom­pli­ziertes Brettspiel. Bei den Kar­ten­spielen durfte er gelegentlich dabeisein. Man brachte ihm bei, wie Karten gemischt wurden, und er durfte sogar die Bank verwalten, wenn um Geld gespielt wurde, oder die Punkte anschreiben, nachdem man erkannt hatte, wie gut er mit Zahlen umgehen konnte.

„Der Beste im Rechnen.“ erklärte Tante Elvira stolz. „Bringt eine Zehn nach der andern nach Hause.“

Seine Dienste wurden damit belohnt, ihn mit Biskuits und Schokolade vollzustopfen, bis der Magen zu rebellieren drohte. Dazu erklärte die Tante: „Wenn das Mäuschen satt ist, schmeckt das Korn bitter.“ Vorsorgend stellte sie ein Gläschen Pepsinwein hin und war­tete, bis er trank. Es schmeckte so gut, daß er öfters Magendrücken vorschützte, um in den Genuß zu gelangen. Den echten Wein bekam er nicht zu probieren, die Flaschen waren unter Aufsicht. Also goß er die Re­ste aus den leeren Gläsern zusammen, die in der Spüle stan­den, meist nur Tropfen, selten ein kleiner vergessener Schluck. Eine Enttäuschung – der frisch gepreßte Orangensaft, den die Tante im Winter auf den Frühstückstisch stellte, war weit besser.

„Junger Herr“, sagte die chacha strafend, „in deinem Alter trinkt man noch keinen Wein. Das macht einen dummen Kopf.“ Von ihr hatte er nichts zu befürchten, sie petz­te nicht, das hatte er durch geschicktes Anwenden des Wie-weit-kann-ich-gehen? herausgefunden. Gern ritt er auf ihren Schenkeln, und er glaubte, auch sie war dafür empfänglich. Sie faßte ihn an den Beinen und schob ihn über den Abgrund hinter ihren Knien, bis er mit den Armen um Hilfe ruderte. Oder er rollte sich, wurde er schläfrig, in ihrem weichen Schoß zusammen. Breite Schultern und starke Hüften machten sie zu einer begehrten Arbeitskraft. Mühelos stemm­te sie einen Sack Kartoffeln von fünf­undzwanzig Ki­lo. Er vergaß dieses starke Mädchen schon deshalb nicht, weil sie Manuela hieß. Und weil er sie mehrmals pa­pá genannt und sie nicht widersprochen hatte.

Seine mamá hatte papá gehabt. Tante Pili lebte mit Hinrichs. Was war mit Elvira, der ältesten der drei Schwestern? Es gab Andeutungen, dunkle Umschreibungen einer unglücklichen Liebe, die in Kriegszeiten zerbrochen war. Manuel wurde älter und verglich mit seiner Mutter. Ein entlaufener Liebhaber? Wäre es ein Soldatentod gewesen, dessen sich eine allein gebliebene Frau in gewisser Weise schmücken konnte, hätte es vermutlich irgendwo ei­ne Nische ehrfürchtigen Gedenkens geben müssen, eine lorbeerumrankte Vignette oder ein schlichtes Holzkreuz mit einer dann und wann brennenden weißen Kerze. Bei Elvira fand sich nichts von all dem, und sie war die einzige aus der Fa­milie, die nie mit nach Biar­ritz fuhr.

Gerade das ermunterte Manuel, eine Fangfrage auf Hinrichs abzuschießen, ein kleines Meisterwerk für einen blutjungen Spitzel. „Hält Tante Elvira ihren Freund irgendwo versteckt?“

Hinrichs grinste schief und freudlos. „Hat nie einen gehabt, der es länger als drei Tage mit ihr ausgehalten hätte.“ Ein Hinrichs, dessen Mißtrauen sich zu spät regte: „Du bist viel zu klein, um so etwas zu verstehen.“

War er nicht, fand Manuel. Hatte man keinen Vater, der einen jederzeit fest umarmte und hielt, bei dem Löcher in den Bauch fragen selbstverständlich war, machte man sich zwangs­läufig Gedanken über die Zuverlässigkeit al­ler anderen Arme, die einen halten konnten. Leider nur weibliche Arme. Und Beine in Röcken. Zähl­te Hinrichs auf der Seite derer, die Hosen anhatten? Er zählte – aber Vorsicht! Es mochten Hosen sein, in denen Blut kleb­te und Mörderbeine steckten. Ihm war klar, daß Spione eine dienstliche Erlaubnis zum Töten besaßen. Sie benutzten Schießgewehre und mit Gift eingeriebene Messer oder, mußte es ohne Gerät bewerkstelligt wer­den, stäh­lern trainierte Hän­de, die sich solange um die Gurgel legten, bis man erstickt war. Oh, auf der Hut sein! Hinrichs und die kaum merk­lichen Re­gun­gen in seinem Pokergesicht stets im Auge behalten!

 

Richtig anlegen tat er sich mit Hinrichs nur ein einziges Mal. Aus Übermut. Vielleicht, um herauszufinden, was Hinrichs tun würde, wenn er ihn aus seiner Elefantenruhe brachte. Der Deutsche hat­te eine elektrische Kochplatte in sein Zimmer gestellt, um für die Zubereitung des Kaffees, den er ständig aus einem dickwandigen weißen Porzellanbecher trank, auf niemand angewiesen zu sein. Wollte er sich Bewegung verschaffen, schritt er, das dampfende Glas in der Hand, den Korridor auf und ab. Das Resultat der von Manuel ausgestreuten Kichererbsen war das vorausberechnete: Der schwere Mann donnerte zu Boden, und der Kaffee, stark wie Säure, richtete eine ziemliche Schweinerei auf seiner Kleidung an. Wie oft in seinem späteren Leben dachte Manuel zu sehr an das mit großem Vergnügen verbundene Gelingen eines sauber ausgeheckten Planes und zu we­nig an mög­liche unangenehme Folgen, in diesem Fall eine fürchter­liche Ohrfeige des Wütenden, die ihn so sauber fällte wie ein mor­sches Stämm­chen. Er befürchtete, Hinrichs klobige schwarze Schu­he würden nun auf ihn losgelassen wie die Dobermänner, von denen der Deutsche manchmal sprach. Doch schritt die Tante ein, vom Höl­len­krach alarmiert.

„Wenn du ihn noch mal schlägst“, rief Pili, „kannst du eine Zeitlang auswärts essen und deine Wäsche waschen lassen, wo du willst, nur nicht hier.“ Seine Anschuldigungen im Keim erstickend, schob sie nach: „Kinder hecken Streiche aus. Such dir ein Haus ohne Kinder, wenn du damit nicht zurechtkommst.“

„Du hast keinen Grund“, schnauzte er sie an, „diesen gräßlichen Fratz dauernd aufzunehmen.“

„Dieser Fratz“, zischte sie mit gefährlich leiser Stimme, „ist mein Neffe. Ich liebe ihn. Er wird hier sein, wann er will.“ Dann schlug sie Hinrichs blitzschnell mit dem Kochlöffel auf die Backe. „Und du wirst dir überlegen müssen, wie lange du hier sein willst. Wenn du verstehst, was ich unter gräßlich verstehe.“

Der deutsche Koloß hielt sich in eisiger Wut die Wange, an der Bratensoße herabtropfte. Er wankte. Ein seelisches Wanken vor so viel Festigkeit. Ein ungeordneter Rückzug, bei dem er über die Türschwelle stolperte und beinahe zum zweitenmal hingeschlagen wäre.

Die Tante untersuchte Manuels Nase. Sie stillte das Blut mit einem Taschentuch. „Hol den Besen und feg die verdammten Erbsen zusammen. Dann bring mir den Rohrstock!“

 Manuel gelang es, mit zusammengebissenen Zähnen jeden Schmerzenslaut zu unterdrücken, der dem Deutschen Schadenfreude verschafft hätte, aber er ahnte nicht, daß gerade heroisches Durchhalten die Züchtigung verlängerte. Verzückt schnaufte Pilar bei der tadellosen erzieherischen Arbeit. Der Neffe hatte den Hinrichs zugedachten Teil mit abgebüßt. „Den Rest des Tages“, sagte sie, „wirst du Besen und Rohrstock an ihrem Standort Gesellschaft leisten. Genügend Muße, darüber nachzudenken, wie wenig es bringt, mit Leu­ten wie Hinrichs Scherze zu treiben.“

Wie recht sie hatte! Bei einem anderen, weit nichtigeren Anlaß, der Hinrichs in gleicher Weise hochbrachte, schlug er ihn nicht mehr, zwang ihn jedoch, mit zur Wand gerichtetem Gesicht in einer Korridorecke zu stehen. „Bis du Reue zeigst, dummer Bengel.“

„Ich bereue“, behauptete Manuel sofort, weil er diese offenbar deutsche Strafart schlimmer fand, als geschlagen zu werden.

„Übereile Er nichts!“ sagte Hinrichs. „Rühre Er sich ja nicht vom Fleck!“

Manuel schien es ratsam zu gehorchen, weil Tante Pili außer Haus war. So stand er stocksteif, während Hinrichs bei offener Tür unablässig an ihm vorbei patrouillierte und ihn in stinkigen Zigarrenrauch hüllte. Manuel berechnete seine Schritte und riskierte einen Blick ins Zim­mer, aber außer Papierstapeln auf dem Schreibtisch und dem stummen Spionenradio bekam er nichts zu sehen.

„Stehe Er grade!“ befahl Hinrichs. „Sonst wird aus Ihm kein gu­ter Soldat.“

„Ich werde kein Soldat“, sagte Manuel, aufgebracht durch die Di­stanz, die der Deutsche mit der Anrede in der dritten Person zwischen ihnen errichtete.

„Wie das? Kann Er mir einen guten Grund dafür nennen, vorlauter Pimpf?“

„Es gibt keine guten Gründe, Soldat zu werden. Weil man totgeschossen wird. Also kann man gleich ins Wasser gehen. Oder sich auf­hängen.“

„Und das Vaterland?“ fragte Hinrichs. „Sollte es Ihm der Verteidigung nicht wert sein?“

„Welches ist mein Vaterland?“ fragte Manuel. „Deutschland? Weil mein Vater im Krieg dort gewesen ist? Oder Spanien, wegen meiner Vorfahren? Oder Frankreich mit unseren in alle Winde zerstreuten Verwandten? Können Sie mir das sagen?“

„Schnickschnack“, schnarrte Hinrichs. „Man muß verteidigen. Zuerst das Vaterland. Dann sich selbst. Oder auch umgekehrt.“

„Ich kann nichts verteidigen“, sagte Manuel. „Bin zu schwach. Und ich will es auch nicht.“

Hinrichs verschwand in seinem Zimmer. Eine Schublade knarrte. Manuel hörte ein merkwürdiges Klicken und bekam eine betäubende Ladung Tabakqualm in die Nase. Dann spürte er einen harten Gegenstand an der Schläfe. Der kühle Stahl jagte ihm einen entsetzlichen Schreck ein.

„Weiß Er, was man mit Drückebergern macht? Man erschießt sie. Rechtzeitig. Bevor sie Verrat anstiften können.“

Manuel stockte der Atem. Er fand keine Antwort mehr und keine Formulierung für das, was sich abspielte. Er hielt es für einen Süley­man-Traum. Der Dolch war an seinem Hals angesetzt, um ein Geständnis zu erpressen. Zu schweigen wie zu gestehen war sinnlos. Süleyman hatte seinen Tod bereits beschlossen.

„Ha!“ höhnte Hinrichs, „wieso ist Er jetzt so schweigsam?! Spreche Er mir nach: Ich werde mein Vaterland verteidigen. So wahr mir Gott helfe.“

Manuel sprach es nach, vor Furcht schlotternd.

Am Abend nach diesem Vorfall verschob er es in die Kundschafterebene, auf der man nicht die Wahrheit zu sagen brauchte. Falls es gar nicht anders ging, versprach man sie für diesen Moment, nach dem sie aufhörte, Wahrheit zu sein, so wie andere un­ter Zwang gemachte Vereinbarungen von vorn­herein ungültig waren. Trotzdem schämte er sich später immer wieder, wenn er Gefälligkeitsaussagen über die Lippen schicken mußte.

Seiner Mutter legte er den Sachverhalt abstrakt vor. „O mein Jun­ge!“ rief sie. „Nie würde dir jemand die Pistole auf die Brust setzen. Du bist kein Mensch, der dazu herausfordert, ein klares Ja oder Nein erzwingen zu wollen. Gott sei Dank wirst du nie einer dieser lächerlichen Kämpfer sein, die für haarspaltende Wörter das Leben aufs Spiel setzen würden.“

Es deckte sich mit dem, was er, ver­worren und unfähig, es auszudrücken, über sich selbst empfand. Blieb der Tatbestand, daß Hinrichs, dessen Wut er durch den Tabakqualm gerochen hatte, ihn bei­nahe erschossen hätte. Sollte er sich der Tante anvertrauen, bevor man ihn mit den Füßen voran aus dem Hause trüge?

Das wurde überflüssig. Tags darauf sagte Hinrichs nachgerade leutselig: „Bleibt unter uns, das von gestern, verstanden? Nennt man Mutprobe, so was. Hast dich dabei gut gehalten. Ein anderes Kind hätte sich in die Hosen geschissen.“ Ein wohlwollender Blick schloß die Beurteilung unter nahezu Ebenbürtigen ab, Agenten unter sich. Fortan behandelte Hinrichs ihn respektvoller.

Einmal noch, vielleicht ein Jahr später, gab es ernsthaft Hader zwischen ihnen. Tante Pili mußte eine Zeitlang, weil der Deutsche zu sehr abgemagert war, täglich Fleisch braten. Gern tat sie es nicht. Sie selbst aß wenig Fleisch, und der Bratendunst, der ständig in den Kleidern und der Wohnung klebte, war ihr zuwider.

Manchmal trug Manuel die Speisen vor Hinrichs Zimmertür, und einmal konnte er nicht an sich halten, damit herauszuplatzen, wie er es empfand: „Für den Fleischfresser. ¡Toma!

Einen Moment stand Hinrichs stumm und grinste dünn, weil ihn das Wort carní­voro belustigte. Aber das patzig hingeschleuderte ¡to­ma!, mit dem einem Hund die tägliche Ration vorgeworfen wür­de, war das Zünglein an seiner Zorneswaage. Er schob den Tel­ler auf den Schreibtisch und sagte: „Zum Fleischfresser gibt es Fußnoten.“

Eine blitzartige Ohrfeige stimmte Manuel auf die nachfolgende Moral ein.

„Der Ausdruck schickt sich nicht für ein Kind, daß das, was es sieht, nicht einzuordnen weiß. Vielleicht wäre unsere Gattung ohne Fleischverzehr längst ausgestorben. Wie die großen Saurier zum Zeitpunkt, da sie nicht mehr genügend Pflanzen zur Ernährung fanden. Jedem das Seine.“ Sanft schloß Hinrichs die Belehrung mit der Frage: „Möchtest du noch eine Ohrfeige?“

Manuel heulte. „Ich hasse Sie!“

„Um ehrlich zu sein“, sagte Hinrichs, „ich Ihn auch. Nun denn, Er kann von mir lernen. Zum Beispiel, nicht so vorlaut zu sein. Er weiß noch nichts von früheren Kulturen, als die Nachkommen regelmäßig gewo­gen und gemessen wurden. Wer gewisse Mindestmaße unterschritt, war unnütz, wurde den wilden Tieren vorgeworfen. Es gab Kannibalismus. Kinder wurden zu Koteletts verarbeitet. Was Er für ein Glück hat! In diesen Scheißzeiten, in denen wir leben. In denen er überleben darf.“

„Sie können von mir lernen“, sagte Manuel tapfer angesichts der Scheißzeiten und zugleich empört über die Mindestmaße. „Nämlich, daß schwächere Kinder einen Platz im Plan des Lebens haben. Wir alle sind Gottes Geschöpfe.“

„Gute Antwort“, sagte Hinrichs. Sein verfluchter Jähzorn! Überfiel ihn immer, wenn er den schweren kastilischen Wein von den Ufern des Duero schon vor dem Essen trank! Er hatte den Jungen nicht schlagen wollen und tätschelte ihm nun die Wange. „Hat Er wohl den Schwarzröcken abgelauscht, wie? Mag sein, daß die Welt­seele sich etwas dabei denkt, wenn sie die Schwachen am Leben erhalten will. Aber, wisse Er, sie dürfen nicht so vorlaut sein. Das dürfen diejenigen, die Argumente mit Ellbogen und Fäusten zu beglaubigen imstande sind. Hat Er verstanden?“ Und da Manuel sich nicht beeilte zu antworten, weil er gerade überlegte, daß er Hinrichs möglicherweise gar nicht haßte, sondern in ungewissen Regungen seines Herzens sogar bewunderte, griff ihm der Deutsche ins Haar und zog das Schwarzköpfchen so zurecht, daß ihre Augen sich anblitzten: „Ob Er verstanden hat?“

„Ja“, sagte Manuel. Er riß sich los und setzte aus sicherer Entfernung hinzu: „Aber schlage Er mich nie wieder! Sonst wird Er Bekanntschaft mit Süleyman dem Grausamen machen.“

 

In seiner letzten Grundschulklasse wurde er für ein Theaterstück eingespannt, das die Vierzehnjährigen der Sekundarstufe aufführten. Sie wählten ihn deshalb, weil er Text am schnellsten auswendig lern­te und behielt und einer der leichtesten unter seinen Altersge­nossen war. Ein stabiler größerer Junge konnte ihn wie ein Kind auf den Arm neh­men und herumtragen und die Vater-Sohn-Beziehung veranschaulichen. Gefiel ihm das Stück? Du liebe Zeit, es war eine simple Hand­lung, gestützt durch ein schlichtes Argument, eben eines von unzähligen Stücken des spanischen Barock. „Konnte ja nur Lope gewesen sein. Oder Calderón“, erzählte er später Federico im Gymnasium, als die Frage, was man dort darstellen könnte, wieder auf diese fruchtbaren Produzenten zusteuerte. „Furchtbare Dichter“, sagte Manuel in einem ehrlichen Versprecher.

Er trat als freches Kind eines Tagelöhners auf, der seinen Sohn vor frevelhaftem Tun – das elende vierte Gebot! – warnt, nach der Maxime: Richte an, was du willst, aber stehe dafür gerade. Die Handlung wies Manuel zu, einen Kürbis zu stehlen.

Doña Magdalena fand das unmoralisch, war drauf und dran gewesen, dem Lehrer die Mitwirkung ihres Sohnes zu entziehen, und Manuel gelang es nur halb, ihr klarzumachen, ohne den Dieb­stahl falle das Stück zusammen wie ein Kartenhaus. Hinrichs sprach ein Machtwort. Der Kür­bis als Objekt bedeute schlimmstenfalls Mundraub, was bei Kindern eher als Streich anzusehen sei. Die Frage von Moral komme demnach nicht ins Spiel. Käme sie auch aus anderen Gründen nicht, argumentierte der extra ins Haus zitierte Lehrer. Vie­le Familien des barocken Spaniens hatten so wenig zu essen gehabt, daß ihnen oftmals nichts anderes übriggeblieben war, als die Kinder zum Stehlen einzusetzen.

Manuel wurde vom alguacil abgeführt, vom selben Jungen, der den Vater spielte, nur in anderer Verkleidung – die Stämmigen waren in jenem Jahrgang rar, so wie die Zarten in Manuels Klasse. Ein alter Kleiderschrank mit Holzgittertür diente als Dorfgefäng­nis. Dort saß Manuel, während über ihn verhandelt wurde. Das Urteil verordnete Stockhiebe, vom alguacil verabreicht. Schmerzensschreie und Tränen der Reue, Ende des Stückes. Manuel verabscheute die­sen Auftritt. Er wollte nicht verdroschen werden, auch nicht symbolisch, konnte es doch seine Mutter ermuntern, noch hemmungsloser zu tun, was sie neuerdings beim kleinsten Anlaß tat, wußte sie in seiner Erziehung nicht weiter: Mit dem Rohrstock auf seinem Po herumfie­deln, was Pili ihr als probate Maßnahme eingeredet hatte, gerechtfertigt mit dem biblischen Überbau: Sei seine Hirtin – laß es ihm an nichts fehlen.

Bis zur Generalprobe ertrug er die schmachvolle Passage. Für die richtige Aufführung vor Eltern und Schülern hatte sein findiges Hirn eine putada ersonnen. Die Schrank­tür besaß innen einen Riegel, von außen leicht zu erreichen und angebracht, weil das uralte Schloß nicht mehr funktionierte. Innen deshalb, um das schön furnierte Frontgitter nicht zu ver­un­zieren. Aber wer wußte davon? Außer Ma­nuel, der x-mal in den Schrank gekrochen war, ver­mutlich niemand.

Das Stück lief wundervoll. Andauernd wurde ge­klatscht. Während er den Kürbis stahl, dachte er wieder daran, wie glaubwür­dig er mit seinen dünnen, blassen Armen, die eben noch des Vaters Hals umschlungen hatten, wirken mußte, ein Kind in Lumpen, von der Ar­mut zum Stehlen er­muntert. Der Polizeidiener er­griff ihn und schloß ihn ein, wozu Manuels vergnügt grinsendes Gesicht nicht so recht passen wollte. Unhörbar schob er den Riegel vor. Hinter dem Holz­gitter schnitt er äffische Grimassen, was im sorgfältig ausgearbeiteten Skript des Lehrers nicht vorgesehen war. Kurzer Pro­zeß und har­tes Urteil. Der Vater sank auf die Knie und flehte: Tut meinem Sohn nichts zuleide! Vergebens. Die Staatsmacht blieb unerbittlich. Doch ließ die Kerkertür sich nicht öff­nen, der Missetäter zur Be­strafung sich nicht herausziehen. Kein Rütteln half, kein Kippen der Gefäng­niszelle. Man mußte den Haus­meister rufen, einen mürrischen Blau­kittel, dessen Werkzeug die Falle knackte. Progressive Kräfte in der Eltern­schaft, die bereits mit französischen Stücken des absurden The­aters vertraut waren, glaub­ten an eine modernistische Transkription der Dramatik des spa­ni­schen Barock. Der Lehrer, dem gewisse Äußerungen des Kna­ben während der Proben einfielen, ahnte den Zusammenhang und suspendierte, auf die Bühne tretend, die letzte ungespielte Sze­ne: In der Tat ein absurder Schluß.

Tante Pili in der ersten Reihe, die durch den steten Umgang mit Schulkindern zu einer Feinfühligkeit vorgedrungen war, derer Doña Magdalena sich nicht gerade rühmen konnte, kniff schuldbewußt die Lippen zusammen, weil sie recht genau verstand, was in Manuel vor­ging, und inwieweit sie daran sicherlich nicht schuldlos war.

Um vom heiklen Thema möglichst schnell abzulenken, vielleicht auch, um seiner überschäumenden Phantasie generell einen pä­dago­gisch verbrämten Dämpfer aufzusetzen, schenkte sie dem fast Zehnjährigen einen Baukasten, der ihn, wahrscheinlich etwas früh für sein Al­ter, mit den Geheimnissen der Elektrizität bekannt machen sollte. Ihr war aufgefallen, daß diese natürliche Kraft ihn ungemein faszinierte, da sie unsichtbar war. Begonnen hatte es mit einem lauten Knall. Irgendwann hatte er ein Stück blanken Drahtes zu einem U gebogen, in die Steckdose eingeführt und nur deshalb keinen Schlag bekommen, weil er zufälligerweise zuerst den Null­leiter erwischte. Unter ei­nem Funkenregen wur­de schlagartig alles dunkel. Hinrichs hatte entsetzt die Tür aufgerissen, weil er an eine Bombe glaubte, gelegt, ihn auszulöschen. Die Haussicherung war durchgebrannt. Der Deutsche flick­te sie pro­visorisch, nachdem der Grund feststand: Manuels Ein­stieg in die exakten Wissenschaften.

Nach längerem Studium lieferte auch der Baukasten dem Jungen Funken, wenngleich wesentlich schwächere, da der Strom aus Batterien entnommen werden mußte. In der Anleitung war die Rede von Elektronen, die sich knisternd bemerkbar machen. Ma­nuel stellte sie sich als eine überaus lebhafte Abart der Gattung Kobold vor, mit ro­ten Zipfelmützen, auf denen gelbe, abgeknickte Funkenpfeile aufgemalt waren. Nachdem er das Wesen einer Spule, den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus zwar noch nicht begriffen, jedoch im Versuch dargestellt hatte, erzeugte er kräftige Entladungen und erfuhr die Wirksamkeit in Form mehr oder weniger unangenehmer Schläge am eigenen Leibe. All das ging nicht ohne die Hilfe Hinrichs ab, der ihn während eines heftigen Gewitters auf den Glockenturm der Kathedrale schleppte, um ihm Blitze in prachtvoller Länge vor Augen zu führen und zu erklären, wie Energie sich durch entsprechende Wetterlagen in Wolken ansammelt und als Stromschlag auf die Erdoberfläche entlädt.

„Aber warum?“ fragte Manuel in berechtigter Naivität. „So gut eingepackt kann sie sich in der Wolke wohl fühlen. Wozu muß sie jemanden böse erschlagen? Oder Häuser anzünden?“

Hinrichs, der sich wie die elektrische Kraft in seinem Element fühlte, erklärte es durch das Beispiel zweier durch ein dünnes Rohr miteinander verbundener Gefäße. „Das vollere“, sagte er, „hat das Bestreben, sich mit dem anderen auszugleichen, bis in jedem dieselbe Menge ist. Keinesfalls ist es eine Frage von Gut oder Böse.“

Die kommunizierenden Röhren! Ich hab’s gewußt, frohlockte Manuel. Gott wippt. Was immer passiert, er wippt! „Señor Hinrichs, wenn ein Mensch schlechte Laune hat und ein anderer gute, wie lange dauert der Ausgleich, bis beide sich wieder verstehen?“

Erstaunt erwog Hinrichs den Sachverhalt. „Ich weiß nicht“, bekannte er, „ob man physikalische Gesetzmäßigkeiten auf menschliche Eigenschaften übertragen kann. Sie sind ja nicht materieller Na­tur. Und warum sollten sie sich ausgleichen müssen?“

„Müssen sie schon“, erwiderte Manuel nach einigem Nachdenken. „Mamá spricht davon, daß jemand unausgeglichen ist. Scheint für sie ein schlimmer Nachteil zu sein.“

„Nachteil...? Was glaubst du, wofür?“ fragte Hinrichs, dem die Un­ter­haltung Spaß zu machen begann.

Manuel zuckte die Achseln. „Weiß sie vielleicht selber nicht.“ Unbestimmt dachte er daran, seine Mutter habe am liebsten Leute, die den ganzen Tag gemäßigte Sätze auf einem Rosenkranz hin und her schoben, vielleicht weil es ihr oft nicht gut ging und sie viel Kopfweh hatte. Um beim Ausgleich zu bleiben – „den sucht sie schon“, erläuterte er. „,Ich bin geladen’, sagt sie. ,Komm mir besser nicht zu nahe.’ Manchmal genügt dann ein freches Wort, und sie verdrischt mich. Ist das recht, Señor Hinrichs?“

„Letzten Endes gibt es kein Recht“, sagte Hinrichs. „Jedenfalls nicht für alle. Die es nicht bekommen, müssen leiden. Und du bist ein schwieriges Kind.“

Manuel fand, er habe sich den Schwierigkeitsgrad, wie man mit ihm fertig wurde, nicht selbst ausgesucht. Sie bildeten keine normale Familie. Seine Mutter, die beiden Tanten, ständig waren sie wie die Glucken hinter ihm her. Warum durfte er sich nicht normal bewegen wie andere Kinder? Hinrichs ließ ihn, wenn er mit ihm zusammen war. Wenn – es ergab sich selten. Auch die chacha war nicht besorgt und sprach ihn wie einen normalen Menschen an. In der Ma­the­ma­tikstunde hatten sie die Aufgabe bekommen, den Altersunterschied zwischen ihnen und ihren Eltern auszurechnen, was nicht leicht gewesen war, weil viele seiner Mitschüler zwar den Geburts­tag der Eltern wußten und meist deren Namenstag, aber nicht das Alter. Er fand, dabei schnitt er schlecht ab. Alle hatten jüngere Eltern. Seine Mutter ging ihm um fünfunddreißig Jahre und einige Monate voran, die chacha um sechzehn, woran ihm nach einem aufklärenden Gespräch mit Hinrichs über Lebensalter die Augen ein Stück weiter aufgingen: Manuela hätte seine Schwester sein können. „Sogar die­ne Mutter“, hatte Hinrichs behauptet und verlor sich in schwer verständ­lichen Andeutungen, wann ein Mädchen frühestens ein Kind haben konnte. Leider vergaß er zu erklären, wie das im einzelnen bewerkstelligt wurde. Forderte sie, jetzt will ich eins, und ihr Wille wurde erfüllt? Oder hing es mit engen Umarmungen zusammen, mit speziellen Küssen oder der Leidenschaftlichkeit des Wunsches, im Gebet vor Gott gebracht und erhört?

„Wieso habe ich keine Geschwister?“ fragte er Doña Magdalena.

„Dein Vater starb kurz nach deiner Geburt.“

Verdutzt zog er den Kopf ein. Er hatte Gespräche belauscht. Ent­weder hatte Mamá da gelogen, oder sie log jetzt. Und warum hatte sie nicht wieder geheiratet, wie die Mütter mancher Kameraden?

Bei einem Familienfest in Montemayor platzte der Knoten. Tante Elvira mahnte in seinem Beisein: „Magda, der Junge ist alt genug, daß du ihm über seinen Stiefbruder und seine Stiefschwester und die Seitensprünge seines Vaters klaren Wein einschenken kannst.“

Offenen Mundes hörte er zu, dachte über die Hinzu­ge­won­nen­en nach. Eine Amerikanerin. Ein Deutscher. „Warum besuchen sie uns nicht?“ fragte er na­iv, womit er belustigtes Schweigen erntete. Erstmals formulierte er in Richtung aller drei Frauen: Hexen!

Zurück zur Elektrizität. Manuel studierte mit vor Eifer heißen Ohren die Anleitungen des Baukastens. Spule anders wickeln, ein Drahtende in jede Hand, Strom­kreis schließen. Seine Arme zuck­ten schmerzhaft, als seien sie eingeschlafen und eben wieder erwacht. Mutig riskierte er es nochmals. Unglaubliche Kräfte schienen in der Taschenlampenbatterie zu schlummern. Bei Hinrichs suchte er Aufklärung über die Gefährlichkeit des Phänomens. Der beruhigte ihn. Mit dieser Energiequelle bestehe keine Gefahr, der Strom sei viel zu schwach, beschied der Deutsche. Aber mit einer frisch aufgeladenen Autobatterie könne man tödliche Schläge erzeugen.

„Wie kann das sein?“ überlegte der Knabe mit offenem Mund.

„Das Herz bleibt stehen“, sagte Hinrichs. „Es erträgt es nicht, ge­schlagen zu werden, geriete außer Takt, da es von selber schlagen will. Aber“, verriet er, „auch die kleine Batterie reicht aus, jemandem unangenehm weh zu tun. Man kann Leute damit foltern.“

„Foltern!?“ stöhnte Manuel entsetzt. Kalt rieselte es über seinen Rücken. „Was für Leute?“

„Na, du weißt schon – Spione“, sagte Hinrichs augenzwinkernd. „Man setzt sie so lange unter Strom, bis sie gesprächig werden, was sie ja nicht sein dürfen. Ausplaudern bedeutet Verrat.“ Er beugte sich zu Manuel hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Man elektrisiert ihre Pimmel.“

„Oh!“ hauchte Manuel. Jetzt schauderte ihm fürchterlich vor Spule und Strom. Unwillkürlich legte er beide Hände zwischen die Beine. „Und wenn sie keinen haben?“

„Wie meinst du das?“ fragte Hinrichs vorsichtig. Bei dem Jungen wußte man nie, was gerade durch seinen Kopf schoß. Im übrigen konnte er nicht beurteilen, wie weit Manuels anatomische Kennt­nisse gediehen waren.

„Na, Frauen! Sie haben keinen Pimmel.“

„Parbleu!“ bemerkte Hinrichs. „Interessante Fragestellung!“ Er riskierte keine offenbarenden Worte. Bloß dem Jungen nicht verraten, was alles man einer Frau in die intimsten Teile stopfen konnte. Und daß ihre Brustwarzen viel empfindlicher waren als männ­liche. „Es gibt kaum weibliche Agenten“, überlegte er matt. Warum mußte der Junge ihn mit seiner ewigen Fragerei an das Luder erinnern, das ihn so beflissen ver­pfiffen hatte? Getraut hatte er ihr nie, und die Tarnung in weitem Jackett, Knickerbockern und Schiebermütze hatte er abgeschmackt gefunden. Gut, den Humphrey-Bogart-Typ hatte sie zu übertrie­ben geschauspielert, und ausgerechnet der subalterne V-Mann, mit dem sie Verbindung aufnahm, war schwul gewesen, hatte sich mit seinem Standardgriff nicht zügeln können... Keine harte Frau, im Grunde keine Zierde des Berufsstandes. Es hat­te ausgereicht, ihr häßliche Dinge aufzuzählen. „Agenten wissen, was ihnen blüht“, schloß er das Gespräch, stieß eine dichte Rauchwolke aus seiner Zigarre und verbarg sich wieder hinter der Zeitung.

Er sagt nicht alles, was er weiß! Bei dem Gedanken bekam Manuel eine Gänsehaut. Hinrichs mochte mit der Stromfolter Schauderhaftes er­lebt haben, was ihn in seinen Augen ein Stück mehr in Richtung Heldentum schob. Den eigenen Pimmel zu elektri­sieren, davor hatte er Angst. Manch­mal wünschte er, ein Mädchen zu sein, glatt zwischen den Beinen, mit einem größeren Po aus­ge­stattet. In Biarritz hatte er Mädchenhintern studiert. Sie waren aus­la­dender und runder als die der Jungen und verleiteten zum Draufklatschen. Er flocht die Kupferdrähte zu Kreisen und legte sie unter die vor Aufregung schweißnassen Pobacken. Der Druck auf den Auslöser hob ihn augenblicklich vom Sitz. Trotzig zwang er sich, weitere Stromschläge zu ertragen. Tat ähnlich weh wie von Stockhieben! Spuren hinterließ der Strom keine, wovon er sich vor dem Spiegel über­zeugte. Bei späteren Versuchen nahm der Schmerz ab, bis Manuel nur noch ein sonderbar angenehmes Kitzeln verspürte. Die Bat­terie war leer geworden.

Bei Señor Ruiz kaufte er eine neue. Während der Händler sie aus einer Lade hervorsuchte, bemerkte Manuel drei Taschenlampen­bir­nen auf der Theke. Ohne Zaudern steckte er eine davon in die Hosentasche. Dabei konnte er sich des unangenehmen Gefühls nicht er­wehren, das Lämpchen glühe am Körper. Er zahlte die Batterie und verließ mühsam grüßend das Geschäft. Daß Ruiz ihm überlegend nach­starr­te, konnte er nicht sehen. Hatte er Unrechtes getan? Er be­schwichtigte sich damit, Ruiz habe sicherlich Glühbirnen in Hülle und Fülle, auf eine käme es ihm nie an.

Dasselbe wiederholte er Wochen später. Da stach ihm eine Rolle roten Drahtes in die Augen, und auch diesmal lagen mehrere Rol­len auf dem Tresen. Sein eigener Vorrat war durch die Experimente verbraucht, und der gierige Griff nach dem Draht gelang unbemerkt, weil der Händler, ihm den Rücken zuwen­dend, länger als gewöhnlich in seinen Fächern nach einer neuen Batterie kramte. Manuel ging. Diesmal kribbelte sein Pimmel, als wäre der Draht bereits zur Folterung angeschlossen. Weit kam er nicht. Ruiz rief ihm nach, er habe sich mit dem Wechselgeld geirrt. Eine plum­pe Falle, in die jedes unerfahrene Kind getappt wäre. Manuel drehte um. Damit war sein Schicksal besiegelt.

„Sie haben mir richtig herausgegeben“, wußte er.

„Zu viel“, ent­gegnete Ruiz.

„Nein, ich hatte nur einen Duro.“ Er zog das Wech­sel­geld hervor. „Bitte, zählen Sie selbst.“

„Du hast nicht für alles bezahlt“, brummte Ruiz.

Manuel erschrak und wurde bleich.

„Bezahle die Rol­le oder leg sie wieder hin“, befahl der Händler.

Langsam zog Manuel den Draht hervor.

„Wenigstens streitest du es nicht ab“, sagte Ruiz. „Verrate mir so nebenbei, was du neulich mitgenommen hattest.“

„Ei­ne Glühbirne“, stammelte Manuel.

„So ist es! Eine von den teuren Drei-Komma-fünf-Volt-Birnen.“ Ruiz schrieb Zahlen auf ein Stück Zeitungsrand und multiplizier­te murmelnd. „Da!“ sagte er, „das bist du mir schuldig.“

Manuel traute seinen Augen nicht. „Das ist der fünffache Preis“, stotterte er entgeistert.

„Ja“, antwortete Ruiz, „dachte ich mir schon. Ich habe es mit einem guten Rechner zu tun. Allerdings auch mit einem Dieb, für den ich folgende Möglichkeiten sehe. Du zahlst und Schwamm drüber. Oder ich sage es deiner Mutter, dann wird es nicht billiger und ich darf hoffen, sie nimmt mir die Tracht Prügel ab. Ladendieb in deinem Alter, Dios mío!“ Sein Blick ruhte nachdenklich auf dem Jungen. „Ihr seid doch keine Hungerleider. Du be­kommst sicherlich Taschengeld. Hat es Sinn zu fragen, warum du so etwas machst?“

„Ich weiß nicht“, sagte Manuel mit Tränen in den Augen, „was in mich gefahren ist.“ Es war wörtlich die Zeile aus dem Theaterstück, die er hersagen mußte, nachdem er den Kürbis ge­stohlen hatte.

Ruiz kam hinter der Theke hervor und versetzte ihm blitz­schnell je eine Ohrfeige rechts und links. „Ich zumindest weiß, was in mich gefahren ist“, sagte er grimmig und packte den Jungen am Arm. „Du hast zwei Wochen Zeit zu zahlen. Sonst...“

Das Telefon schlug an, ein tröstliches Gebimmel. Ruiz hob ab, ohne Manuel los­zulassen. „Ah! Doña Magdalena! Was kann ich...?“

Manuel sank das Herz in die Hosen. Warm lief es an seinen Beinen her­ab. Alles war entdeckt! Der Händler spielte Komödie, hatte ihn bereits nach dem ersten Diebstahl verpetzt. Ein abgekartetes Spiel mit seiner Mutter.

„Sicherungen...“, sagte Ruiz. „Ja, gebe ich ihm mit. Wie? Nein – er ist gerade gekommen. Meine Vereh­rung, Doña Magdalena!“

Manuel wußte nicht, welches Lebens­zei­chen er angesichts dieser verfahrenen Sache von sich geben sollte und stand stocksteif, bis Ruiz ihn anbrüllte: „Hau ab! Bist im Mo­ment nicht gerade eine Zier­de deiner Familie. Du stinkst nach Pisse.“ Er knallte ihm ein Päckchen Sicherungen hin. „Das Geld hole ich mir von deiner Mutter“, sagte er mit deutlich spürbarer Verachtung in der Stimme.

Schweren Herzens ging Manuel nach Hause. Er hatte keine Freude mehr am Elektrobaukasten und ließ alle Versuche ruhen, bis er von den Tanten genügend Geld zusammengebettelt hatte, um Ruiz bezahlen zu können. Der Händler nahm das Geld entgegen und verkniff sich jede weitere moralische Belehrung.

Das Jahr der Ohrfeigen. Zwei von Ruiz, zwei oder drei von Hinrichs, zwei von Tante Pilar, eine von einem Jungen in der Gredos – gottlob gerächt von Chirri. Der Herr ist mein Hirte; er führet mich auf Wegen, wo es an Schlägen nicht mangelt. Gott hatte ohne die leiseste Ermahnung über die Welle des Universums zugelassen, daß er stahl, ein gütig lächelnder Zuschauer auf der Himmelswippe. Er suchte Aufklärung bei sei­nen Klassenkameraden. Die Ant­worten, so verschieden sie waren, zielten in eine Richtung: Man darf sich nur nicht erwischen lassen. Was er getan hatte, fiel offenbar in die Spar­te Gelegenheit macht Diebe. Der Bestohlene war selbst schuld, ein Dummkopf, der alles offen auslegte und damit zur Tat einlud. Kitzlig wurde es erst beim geplanten, sozusagen höheren Diebstahl hinter verschlossenen Türen. Dabei war die Gefahr, entdeckt zu werden, kaum abzuschätzen. Sein Banknachbar, der gerissene Pixi, sag­te, es sei unmöglich alles zu bedenken, was einem im Verlauf einer solchen Tat zustoßen könne. Es winkten ho­he Strafen, Prügel allemal, nicht nur von den Eltern. Keiner würde so etwas riskieren.

Mit Gelegenheitsdiebstählen hatten alle ihre Erfahrungen. Die Frage nach dem inneren Mechanismus, der dies verhindern sollte, interessierte niemanden.

„Das vierte Gebot,“ sagte Manuel. „Was ist damit?“

Alle gafften ihn an. Was sollte damit sein?

Eine Frage, für die er die Hexen lieber nicht einspannte.. „Meine Güte“, sagte Hinrichs, „alle Welt stiehlt. Oft ist es eine Frage der Definition. Man kann es genausogut Eigentumsübertragung nennen. Ertappen lassen darf man sich nicht.“

Manuel schluckte. Seine Kameraden hatten recht. Er hatte kein Talent zum Dieb, war leicht zu überführen. Weil er schlecht log. Eine künftige Laufbahn als Lügner wollte er dennoch nicht ausschließen. Lügen war herrlich. Man konnte erfinden, was man wollte, abgestimmt aufs angepeilte Ziel. Die Höchststrafe war Besenkammer, die ihm an sich stets zupaß kam. Manchmal erfand er eine unsinnige Lü­ge, weil er das Verlangen hatte, ein Stündchen in dem dunk­len Raum zu sitzen, auf den Verlaß war, weil Tan­te Pili zuschloß. Die Besenkammer erinnerte an den gleichfalls dunklen Beichtstuhl, und Tante Pili hat­te dasselbe Prinzip im Auge: Er sollte die Gedanken darauf konzentrieren, was er falsch gemacht hatte. Vorsicht mit Schwindeleien bei Mamá! Zwar gab es auch in der Calle Guzmán el Bueno eine Besenkammer, doch Doña Magdalena hatte spitz bekommen, wie wenig erzwungenes Verweilen hinter einer verschlossenen Tür ihn schreckte, an welchem Ort es je war. Von da ab, um seine Ver­fehlungen zu korrigieren, benutzte sie den Rohrstock, den sie mit den einleitenden Worten durch die Luft pfeifen ließ: „Der Stab ist dein Hirte, er führet dich auf liebliche Auen.“ Er haßte sie. Wie unwürdig, sich auf diese Weise ernie­drigen zu lassen! Und es tat furchtbar weh. Ihm schien es, seine Mutter habe Freude daran, ihn zu verhauen. Oder ihn mit ihrem Hexenlächeln aufzufordern, den Stock aus freien Stücken zu ho­len, was das Strafmaß halbierte. Nicht unbegründet verdächtigte er sie, es von vornherein verdoppelt zu haben. Für all das haßte er die Tante. Alles wäre vielleicht besser, könnten sie zu viert leben wie eine richtige Familie, mit Tante Pili und Hinrichs. Aber er wußte nicht, ob Hinrichs sich um ihn kümmern würde, wären sie Tag für Tag beisammen.

Neulich hatte er ihn sagen hören: „Meine liebe Pili, hör bitte auf, mich zu nerven – Ende der Fragestunde!“ Mit einem strengen Blick auf die Gefährtin hatte er die Tür hinter sich zugeknallt und im Radio nach seiner Spionenwelle gesucht. Das hörte man an dem komischen auf- und abschwellenden Pfeifen.

Einmal hatte Manuel schüchtern vorgeschlagen, ob er bei ihm Radio hören dürfe.

„Wozu?“ fragte Hinrichs. „Was ich höre, würdest du sowieso nicht ver­stehen können.“

Nein, so interessant der Mann war, er besaß kein Hirtenformat. Kein Diener des Herrn. Unter Hinrichs würde es an allem mangeln. Oder lag der Schlüssel zum Umgang mit Menschen wie Hinrichs in dem, was der Deutsche als Leitmotiv hingeknallt hatte? Eine Art Gebot aus einem Katechismus für, wie Manuel fand, das robuste obere Fünftel der Menschheit: „Was Er sich selbst nicht holt, wird Er nie bekommen. Hat Er mich verstanden?“

 

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