KURZE LEDERHOSEN   ·   MEINE EIGENEN STÜCKE

 

 Alle Hosen sind in den letzten Jahren gründlich repariert worden 

 

Stofftaschen wurden durch Ledertaschen ersetzt, der Bund innen mit weichem Leder ausgepolstert. Defekte Reißverschlüsse und schadhafte Paspelierungen wurden ausgetauscht. Die Hosen werden ihren Besitzer überleben. Hans Christian Andersen sagt in einem Märchen: „Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder besteht.“ Nun mag für Stühle Schweinsleder angemessen sein. Ein Experte versicherte mir, daß Schweinehäute für Bekleidung, da zu steif, nicht verwendet würden. Anzunehmen ist, daß alle meine kurzen Lederhosen aus Rindshaut gefertigt sind.

 

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Dunkelgrau · Bund 78 cm

Gekauft 1956 bei Horstmann & Sander in Hannover

Hersteller unbekannt · Produkt der 50er Jahre

 

Meine erste Lederhose im Knabenalter. War nach Umzügen lange Zeit verschollen. Fand sich in den 80ern in einem Kleiderschrank meiner Patentante wieder. Zu klein für große Jungs, geschweige denn im Mannesalter, ist sie heute nach aufwendigem Restaurieren Lieblingshose für zu Hause. Verhält sich beim Meditieren wie eine schweigsame Freundin. Weich und eng. Niemandem würde ich erlauben, diesen Gefährten meiner Kindheit anzuprobieren. Lederhosen sind wie Katzen schnell beleidigt. Es könnte dann passieren, daß die Reißverschlüsse in einem delikaten Moment bockig klemmen und der Latz nicht aufzukriegen ist.

 

 

Grau · Bund 80 cm · Gekauft 1962

bei Horstmann & Sander in Hannover

Hersteller unbekannt · Herstellungsjahr ca. 1960 

 

Diese Lederhose ist das klassische Pfadfinder-Modell, um die Taschen herum verziert mit germanischem Eichenlaub. Der typische lederne Einschub für an sich nützliche Scout-Messer (rechts) hat keine Spuren hinterlassen. Wenige Tage nach dem Kauf wurde er in einem Aufwallen von jugendlichem Pazifismus abgetrennt.

 

Gelbbraun  ·  Bund 78 cm  ·  Gekauft in der DDR 1965

Hersteller Franz Werner, Osterwieck am Harz (DDR)

Produziert Anfang der 60er Jahre

 

Stabiles Kleidungsstück für Feld und Wald. Zuverlässiger Begleiter in Wind und Regen. Liebt lange Sitzungen an Bäumen. Die engen Hosenbeine verwehren Ameisen den Zutritt.

Schwarzes Glattleder  ·  Bund 74  ·  Auf 80 cm erweitert ·

Gekauft in der DDR 1966

Hersteller unbekannt

Produziert Anfang 60er Jahre

 

Zum Verwandtenbesuch in der DDR war ich westdeutsch unbekümmert in Blue Jeans angereist, als sie in den sozialistischen Ländern noch als klassenfeindlich verfemt waren. Mein Cousin stolzierte in einer schwarzen Glattlederhose herum, die in der BRD eher als Luxusmodell galt. Wir Jungs hätten unsere Hosen wohl gern getauscht, doch die Eltern waren dagegen. So kaufte ich mit meinen obligatorisch eingetauschten Ostmark ein fabrikneues Stück, das erstaunlich billig war. Allerdings hatte ich zu klein gewählt und schämte mich dann, die auffällige, knallenge Lederhose anzuziehen. Erst als Großmutters alte Singer wieder instandgesetzt worden war, konnte ich meine Luxus-Shorts um die fehlenden Zentimeter erweitern. Was den Flanken einen individuellen Touch verlieh. Wie auch immer, was in den 1960ern bei Jugendlichen normal aussah, war schon 1970 nicht mehr comme il faut und verbietet sich heute erst recht. Hochglänzende Ledershorts passen zwar nicht mehr in die Öffentlichkeit, hingegen aber bestens zu narzißtischer Selbstbetrachtung während meditativer Sitzungen.

Grün – Glattleder  ·  Bund (verstellbar) 76 bis 84 cm

Marke Bergfreund ·

1967 einem ehemaligen Schulkameraden abgekungelt ·

Er mochte keine kurzen Hosen mehr tragen

 

Meine älteste Hose, die aufgrund der Patentangabe des Deutschen Reiches (DRGM) bezüglich des Mechanismus verstellbarer Bundweite frühestens 1945, wahrscheinlich aber bereits in den Dreißigern hergestellt worden war. Die Hose hatte keine Kratzer oder sonstige Gebrauchsspuren, als ich sie bekam, und hat auch heute kaum welche, da ich sie selten trug. Egal, welches Alter in dem Stück Leder steckt – im urbanen Leben sieht es etwas seltsam aus. Das äußerst weiche, bequeme Höschen paßt gut zu Wanderungen in dunklen Wäldern oder hellen warmen Mondnächten.

Grün-gelb-grau  ·  Bund 82 cm  ·  1968

Tauschgeschäft mit einem Buchhändler-Kollegen ·

Er erhielt von mir einige Karl-May-Bände für die Lederhose ·

Hersteller Franz Werner, Osterwieck am Harz (DDR), frühe 60er

 

Meine Lieblingshose für drinnen und draußen. In ihr ist viel Platz. Das weiche Leder reicht über den Bund und schützt die Taille vor Zugluft. Dieses Kleidungsstück hat viele Jahre mit mir in Frankreich und Spanien gelebt, nahezu unerkannt von der örtlichen Bevölkerung. Viele, die niemals Lederhosen in Deutschland oder Österreich sahen, werden sie auf den ersten Blick für eine gewöhnliche Hose halten.

Hellgrau  ·  Bund 80 cm

1968 von den Eltern eines Schulkameraden bekommen ·

Hersteller Trachtenzentrum Naumburg / Saale (DDR) ·

Produziert vermutlich Anfang 60er Jahre

 

Walter und ich schrieben die besten Aufsätze. Mal war er Nummer eins, mal ich. Niemand in der Klasse konnte uns das Wasser reichen. Wegen eines Lungenleidens war er vom Sport befreit, ich wegen meiner verkrümmten Wirbelsäule. Intim befreundet, obwohl es nahegelegen hätte, waren wir wohl nicht. So weiß ich wenig über ihn. Er war ein Adoptivkind aus einem Land des Ostblocks, ein geradezu unerreichbar liebenswürdiger, frühvollendeter Junge. Die Götter müssen ihn recht geliebt haben, um ihn am Tag vor seinem zwanzigsten Geburtstag auf den Parnaß zu berufen. Von ihm geblieben sind mir einige Schulaufsätze und seine Lederhose.

 

Gelbgrau  ·  Bund 74 cm  ·  Erweitert auf 78 cm ·

2007 auf einem Flohmarkt in der Lüneburger Heide gekauft ·

Hersteller Produktionsgenossenschaft

des Bekleidungshandwerks Jüterbog / Brandenburg (DDR) ·

Fabrikationsdatum vermutlich späte 50er Jahre

 

Diese typische Alltags-Lederhose war schon oft getragen worden, als ich sie für einen Pappenstiel erwarb. Sie führte ein ungestörtes, beschauliches Dasein im Stapel meiner anderen Lederhosen, bis ich sie vor einigen Jahren neu entdeckte. Dem künftigen Star wurden lederne Taschen und neue Bänder an Bein und Po verordnet. Schadhafte Nähte wurden repariert und kleine braune Flicken an stark beanspruchten Stellen aufgesetzt. Zwei Knöpfe je vorn und hinten für Hosenträger sind ein individuelles Element. Die enge Lederhose macht auch schlanken Menschen bewußt, wie Leder sich am Körper anfühlt. Das Fotomodell liebt nach stressigen Drehtagen oder sonstiger Beanspruchung lange Phasen des Müßiggangs.

Dunkelgrünes Glattleder  ·  Bund 78 cm  ·  Internet-Kauf 2008

Hersteller unbekannt, Fabrikationsdatum unbekannt

 

Ursächlich handelte es sich hier um spätes Gleichziehen mit jenen zwei oder drei Klassenkameraden, die Ende der fünfziger Jahre frühen Wohlstand in dunkelgrünen Hosen zur Schau trugen. Innenseite und Beinumschlag des Volleders waren rauh, die Außenseite wunderbar glatt. Meist bestanden die Taschen dieser Hosen ebenfalls aus Leder und waren den Stofftaschen ihrer spaltledernen Kollegen hinsichtlich Festigkeit weit überlegen. Angriffsbereit stecken Jungenfäuste geballt in solchen Ledertaschen wie in Boxhandschuhen. Die tadellos saubere, kaum getragene Hose aus weichem Material ersteigerte ich um knapp 30 €, obwohl Schmuckstücke dieser Ausstattung und Qualität seinerzeit locker drei- bis viermal so viel erzielen konnten.

Dunkelgrün knielang  ·  Bund 72 cm  ·  Erweitert auf 78 cm ·

Internet-Kauf 2008

Hersteller Haelson®, Fabrikationsdatum frühe 60er Jahre

 

 

   Eine Hose von Haelson® galt und gilt wohl durch seine überragende Qualität noch immer als Rolls Royce unter den Lederhosen, obwohl die Firma schon seit längerem keine Bekleidung mehr herstellt. Dieses Schnäppchen, genau 20 € brachte die Versteigerung, erforderte für meine Körpermaße einiges an Ausbessern: die Hose erweitern und verlängern, zwei Löcher patchen, den Reißverschluß austauschen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

   Zugrunde liegt auch hier, Jugendfreunden verspätet nachzueifern. In meinem schwierigsten Alter mußte ich zwei Jahre lang in Ulm an der Schwäbischen Alb die Schule besuchen. Sowohl meine norddeutsche Sprache wie mein blondes Haar stießen auf Ablehnung. Doch ein Kamerad hatte mich sehr gern. Oft lud er mich übers Wochenende in seine Familie aufs Land ein. In der Schule wurde der kräftige Junge mein Leibwächter. Mit sanftem Zwang brachte er mich dazu, seiner Jiu-Jitsu-Gruppe beizutreten und regelmäßig mit ihm zu üben.

   Hingegen gab ich ihm Nachhilfe in Deutsch und ersparte ihm das Sitzenbleiben. Fast das ganze Jahr über trug er Kniebundhosen aus dickem schwarzem Spaltleder, rote Kniestrümpfe und schwarze Schuhe mit seitlicher Schnürung. Thomas war stets freundlich und rotwangig wie ein reifer Apfel. Als ich ihn kennenlernte, war ich dreizehn. Es mag seltsam anmuten zwischen Jungs jenes Alters – wir hatten uns kaum je gestritten!